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»erlag Langgaff« 25/27.

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Nr. »8.

Wiesbaden, Montag, 24. Januar ISIO.

58. JalirMNg.

Abend-klusgabe.

_ 1. Matt. ______

Die Regierung über den MüngMrbeltMHmis.

# Berlin, 22. Januar.

Ein merkwürdiges Bild! Im Reichstag, wo doch die konservativen eine Minderheit sind, spricht der Staatssekretär Delbrück über den Arbeitsnachweis der Zechenverwaltungen in einem Tone, der bei allem Be­streben nach dem beliebtenEinerseits-Andererseits" den Grubenherren Wohl gefallen konnte. Im Abge­ordnetenhause mit seiner überstarken konservativen Fraktion sodann äußerte sich der Handelsmünster Sydow über dieselbe Frage derart, daß er die Zustim- mung der Freisinnigen finden konnte, die im Reichstag durch den Mund Friedrich Naumanns die Auskünfte des Herrn Delbrück äußerst kritisch beantwortet hatten. Ob inzwischen eine bessere Einsicht dnrchgebrochen ist, oder ob das stärkere Gefühl der Verantwortlichkeit, das dem preußischen Handelsminister in dieser Sache als Ressortchef eignen mag, den Unterschied bedingt, jeden­falls ist einer vorhanden. Die Sydowsche Rede über den neuen Arbeitsnachweis wurde in der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses mit der Aufmerksamkeit ge­hört. die ihr zukommt, nur daß leider die Zahl der Ab­geordneten zu einem Häuflein von allenfalls 30 Mit­gliedern Zusammengeschrumpft war. Immerhin, man wird diese Rede ja lesen, nachdem man sie nicht gehört hat Ter Handelsminster sprach, uni es mit anderen Worten zu wiederholen, sehr verständig. In dem vor­bereitenden Statut des Arbeitsnachweises hatten- zwei Bestimmungen sein Bedenken erregt, einmal die. daß der Nachweis erst in Tätigkeit treten sollte, wenn der Arbeiter einen Kündigungsschein vorgelegt hatte, so­dann die, daß dem Arbeiter eine Beschäftigung an dein von ihm gewünschten Orte nursoweit als möglich" gewährt werden sollte. Jene Bestimmung erschien dem Minister darum bedenklich, weil bei ihrem Jnkraft- «i-eten der Arbeiter außerstande gewesen wäre, sich vor­der Kündigung nach anderer Arbeitsgelegenheit umzu- sehen, so daß also die Stellung des Arbeitsuchenden un- gemein verschlechtert worden wäre. Diese, die zweite der beanstandeten Bestimmungen, mißfiel dem Minister, weil bei ihrer etwaigen Geltung der Arbeitsnachweis die Befugnis erhalten hätte, die Arbeiter an Orte zu schicken, die ihnen selber nicht erwünscht waren. Beide Bestimmungen inußten hiernach auf Verlangen des Handelsministers gestrichen werden. Ter Arbeiter braucht keinen Kündigungsschein, wenn er sich um eine andere Stelle bewirbt, und er darf nur gefragt werden, ob er vielleicht wegen Kontraktüruchs entlassen worden ist Ter Arbeiter kann ferner beanspruchen, daß er nur an deiu Orte, den er will, wiedereingestellt und nicht nach einem, ihnr nicht passenden Orte geschickt wird. Run waren diese Milderungen ja schon bekannt, bevor

sich der Ressortminister über sie äußerte. Aber es kommt in diesen Dingen doch auf den Ton an, und was den betrifft, so ist anzuerkennen, daß Herr Sydow be­müht war, eine vermittelnde Richtung einznschlagcn. Dies zeigt sich besonders in seinen Ausführungen über die Forderung eines paritätischen Arbeitsnachweises. Freilich hätte man gewünscht, daß er diesen paritätischen Arbeitsnachweis als erstrebenswertes Ziel hingestellt hätte, aber wenn er auseinandersetzte, daß die gesam­ten Verhältnisse gegenwärtig nicht gerade geeignet scheinen, bereits jetzt eine solche Einrichtung zu treffen, so läßt sich ihm nicht gut widersprechen. Alles in allem klang es schließlich doch annehmbarer, als was der Staatssekretär Delbrück im Reichstag vorgetragen hatte, wenn Herr Sydow den Bergwerksbesitzern sehr nach­drücklich vorhielt, daß sich ein Sturm der Entrüstung gegen sie entfesseln würde, wenn sie ihren Versprechun­gen, den Arbeitsnachweis nrit Klugheit und Gerechtig­keit zu handhaben, untreu werden sollten. Und nun wird man ia seben, ob die gemachten Zusagen wirklich werden gehalten werden. Trotz der Anerkennung, die Herr Sydow für sich beanspruchen kann, ist die große Frage, die gegenwärtig die Bergarbeiter in Bewegung hälst auch durch alle noch so eifrig versprochenen Bürg­schaften für das Wohlverhalten der Zechenverwaltungen noch lange nicht gelöst. Die Tatsache bleibt ist Kraft, daß sich alle Arbeiterorganisationen, jntt der sozial­demokratischen auch die christliche, die Hirsch-Tunckersche und die polnische, in den Gruoenbezirken einmütig auf den Boden der Forderung des paritätischen Arbeits­nachweises gestellt haben und auf ihm verharren. Eine kaltherzige oder gar feindselige Behandlung dieser^For- dernng durch die Staatsregierung und die bürgerlichen Parteien könnte also nur dahin führen, daß die heutige Gärung mindestens fortdauert, vielleicht noch gefähr­licher wird. Selbst wenn es zutreffen sollte, daß die Verhältnisse noch nicht reif für den paritätischen Ar­beitsnachweis sind, so müßte die Staatsregierung doch dafür zu sorgen versuchen, daß sie es werden. Hat Herr Sydow in dieser Beziehung eine allzu vorsichtige Zurück­haltung gezeigt, so hat er andererseits doch eine wich­tige Erklärung abgegeben, die mindestens beweist, daß sich der Staatsminister der Gefahren bewußt ist, die von dem einseitigen Arbeitsnachweis der Zechenverwal­tungen unter Umständen drohen. Er hat nämlich er­klärt. daß sich die Regierung in der Ordnung der Ar- beitsverhältnisse der staatlichen Betriebe vollkommen freie Hand wahrt, daß sie sich nicht durch Mehrheits­beschlüsse von Privatunternehmers binden läßt und daß sie denk Zwangsarbeitsnachweis nicht beitreten wird. Das läßt sich hören: das ist in seiner Weise auch eine Kritik an dem neuen Arbeitsnachweis, und zwar, eine, die man im Grunde als Zustimmung und Billigung nicht wird auslegen können. Ist mehr für jetzt nicht zu erreichen, so wird wenigstens eine Verschärfung der Gegensätze durch eine bedenkliche Parteinahme der 'Staatsregieruug für die Grubenherren einigermaßen vermieden.

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Zrcmkreich im Master.

Paris, 22. Januar.

Die Überschwemmungen, die aus allen Teilen der Republik gemeldet werden, haben so großen Schaden angerrchtet, daß man beinahe von einer nationalenKata- strovhe reden kann. Die Seine hat an den Pariser B-ucken nahezu die Hohe erreicht, die sie 1882 erlangt baffe (5,84 Meter): die Höhe des anderen Nberjchwem- mungsjahres. 1879 (5,20 Meter), hat sie bereits über­troffen. Da sich nahe dem Flusse die größten Elektrizi­tätswerke befinden, ergaben sich aus dem Steigen der Gewässer sofort die höchsten Unannehmlichkeiten: die elektrische Beleuchtung ans den Brücken und in den benachbarten Straßen versagte. Zunächst -nutzte D:e elektrische Bahn Paris-Ost de;> Betrieb gänzlich em- sicllen, da die Dynamos und Ofen unter Wasser stan­den. Die Kraftzentrale der Untergrundbahn konnte nur unter bedeutenden Schwierigkeiten die Arbeit fori- setzcn; viele Pumpen sind dort Tag und Nacht tätig, um das eindringende Wasser aus den Werkstätten her­auszubefördern: die der Seilte parallel laufende

Orleansbahn wurde völlig unter Wasser gesetzt und der Betrieb auf dem Bahnhof Quai d'Orsay eingestellt. Auch im benachbarten Ministerium des Äußern stehe,t die Keller unter Wasser. Die Metropolitarnstrecke Cstgnancout-Montrouge, die unter der Seine hindnrch- führt und erst seit wenigen Tagen eröffnet ist, hat an einigen, noch nicht fertiggestellten Bahnhöfen gegen den Wafserandrang zu kämpfen. In der Nähe des Flusses gab es zahlreiche Erdrutschungen, die die Häuser ge» föhrden. Eine andere elektrische Untergrundbahn, Nord-Süd, die unter der Seine an der Place de la

Concorde hindurchführen soll, sah ihre Tunnels plötzlich von wild einströmenden Fluten angefüllt und die Ar­beiter konnten sich nur mit Mühe retten. , Hier sind d-e Befürchtungen groß, da die Arbeiten zweier Jahre von den entfesselten Elementen zerstört werden können. Alle Seine-Inseln sind mit ihren Bäumen unterden gelben, lehmigen Wellen verschwunden. Der -Schiffs­verkehr ist natürlich überall eingestellt worden. In vieleit Ortschaften, die sehr nahe am Ufer gelegen sind, konnte der Verkehr in den Straßen nur noch mit Booten ansrecht erhalten werden. In dem Fleckchen Lorroy an der Marne stürzten sämtliche zwanzig Häuser ein: mit Booten ausgesandte Pioniere bargeimahlreiche Ver­wundete und auch bereits fünf Leichen. Doch dm ernste­sten Nachrichten kommet- von der Rhone, Saune und den? Toubs. Tie Städte Bcsanyon, MontbSlrard^und Düls liegen wie in einem Lee. Aus der letzteren Stadt wird gemeldet: Die vier Flüßchen, die hier im Donos zusammenlaufen, der Cland, die Savoureuse, die Luzine und der Allan, waren schon an, Mittwoch und Donners­tag stark angeschwollen, und der unaufhörliche Regest, der auf den Bergen schmelzende Schnee verwandelten sie am Donnerstagabend zu reißenden Strömen. Die Überraschung für die kleine, protestantische Industrie­stadt war schrecklich. Plötzlich drangen von allen Seiten in die Straßen die Wasserfluten ein., Angstgeschrei er­tönte aus allen Häusern, fast augenblicklich erloschen die Gasflammen, und während, die Fluten, brcnpend in die Keller hineinrauschten, läuteten die Glocken Sturm, üntcrpräfekt Tainturier aab gerade einen großen Aoenden-Pfang. Plötzlich wurde mit lautem Krachen das Präfekturportal zertrümmert^und einen Augenblick später erreichte das Wasser die, Salons. Tie Damen und Herren, in Ballkleidern, erklommen, d-e obere Etage, wo man durch das Telephon von einem eine halbe Stunde von Montbäliard entfernt ^siegenden Gute die Htlie des Unterpräfekten anrief. Der Guts-

Deutsches Reich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Samstagnachmittag traf der K a i s e r in Weimar ein und fuhr mit dem, Großherzog ins Schloß, wo Galatafel stattfand zu den Feierlichkeiten des wiedervermählten Grotzherzogs.

Der Kaiser ist Sountagvormittag von Weimar wieder m Berlin eingetroffen. Das Kaiservaar stattete, dann dem Warenhaus Wertheim in der Leipziger Straße einen Besuch ab, um die dort ausgestellten Tonerzeugnlsse aus, Kadinen in Augenschein zu nehmen. Das Kaiserpaar ließ sich auch den maßen Lichthof, die Schöpfung Messels, zeigen und verließ das Warenhaus nach fast einstündigem Aufenthalt.

Dem Unterstaatssekretär im Reichsschatzamt Twele wurde der Kronenorden erster Klasse verliehen.

* Herrn v. Schocns Tätigkeit abgeschlossen? Ein Berliner Telegramm derRhein.-Wests. Ztg." meldet auf Grund» einer Information vongut unterrichteter Seite", daß Herrn v. Schoens Tätigkeit im Auswärtigen Amt als ab­geschlossen betrachtet werde. Als Grund hierfür führt das alldeutsche Blattaußer den überaus zahlreichen Angriffen auf die Tätigkeit des Staatssekretärs bezüglich der Art, deutsche Interessen im Ausland zu vertreten", auch an, das; der neue Kanzler, der in mancher Beziehung einen von Bülows Gepflogenheiten abweichenden Kurs einschlagen wolle, dies besser mit einem Mann seiner Richtung als Leiter des Auswärtigen Amts tun wolle, über den Termin des Wechsels verlaute noch nichts, doch werde Herr v. Schoen sein Ressort im Reichstag noch vertreten. Man int gut, sich bei der Einschätzung dieser Meldung vor Augen zn halten, daß dieRhein-Wests. Ztg." die lauteste Ruferin im Streite gegen Herrn v. Schoen war, so daß wohl auch hier der Wunsch der Vater des Gedankens sein könnte. Jeden­falls wird man auch noch andere Stimmen hören müssen, ehe man Herrn v. Schoen als toten Mann auspricht.

* Bernhard von Dcrnburg? Wie dieB. Z." erfährt, ist die Verleihung des Adels an den Staatssekretär des Reichskolonialamts in kürzester Zeit zu erwarten.

* Zur Brüsseler Weltausstellung. Der Präsident des deutschen Komitees für die Weltausstellung in Brüssel 191», Geh. Kommerzienrat Ravenö, siedelte mit seinem Bureau nach Brüssel über, um den Aufbau der industriellen Ab­teilung der deutschen Gruppe zu leiten.

NarlameRtnrikches.

Der Haushaltsausschrch beriet den Etat der Gcstütsver- waltung fort. Es kam zur Sprache, daß für die Graditzcr Rennpferde ans einigen Rennbahnen ' erschwerende Be­dingungen festgesetzt worden sind, weil dieses Gestüt durch die Aufzucht in den zugekauftcn Vorwerken vorzügliche Resultate erzielt habe. Es wurde angeregt, das öster­reichische Verfahren cinzuführen, wonach die Pferde nicht im Staatsbetriebe laufen, sondern als Jährlinge an Private verkauft werden.

Herr und Flotte.

X Jnformationskursc. An der Jnfantcrie-Schießschule sind 1910 vorgesehen: 2 Jnformationskurse für 68 Majore und Oberstleutnants der Fußtruppen, 1 Jnförmationskursus für 20 R cgimen t s k o m m and eure und Offizier-' beim Stabe

besitzer Hatto mit feinen Leuten schon das Dach erklom­men und sah den Tod vor Augen. Mitten während dieser beängstigenden Mittenung versagte das Telephon. Die Gäste des Unterpräfekten wurden selbst von den steigenden Wässern immer mehr bedroht. Draußen tanzten die blutroten Wellen des Toubs vor den Fen­stern schon in der ersten Stockwerkshöhe, Tie Herren iabrizierteil aus Schränken ein Floß, aus dem sie mit Mühe und Not nach einigen niedrigen Nachbarhäusern gelaugten, um von dort sehr gefährdete Einwohner zu retten. Auch die Soldaten des 21. Regiments hatten Flöße gebaut, nrit denen sie ungezählte Eintvohner nach den höher gelegenen Stadtteilen brachten. Glücklicher­weise nahm mit der sürchterl'chcn Nacht, auch die Hoch­flut ein Ende. Tie Wasser gingen allmählich zurück: doch sie hatten zahlreiche Gebäude niedergeworfeu. mehrere Menschenleben gefordert und viele Haustiere ertränkt. Es würde zu weit, führen, alle Siachrichten aus den Orten und Städten am DoübS und an den "anderen Flüssen wiederzugeben. Viele Cisenbähnbcücken wurden zerstört und der Verkehr aus manchen Hanpt- liittcjt unterbrochen. Doch gab es glücklicherweise keine Wiederholung des Unfalls, der sich bei Fertck-Bernard zugetragen hatte, wo infolge der Geländerutschungen ein Personenzug in den Abgrund stürzte, und wo cs zwei Tote und zwölf Verwundete gab. In Lyon hatte man Mühe, die sich losreißenden Schisse wieder einzu­fangen.. Eines von ihnen, das schwer mit Steinen be­laden war, .fuhr mit solcher Gewalt gegen die große Brücke, daß es die allegorische Frauengestolt, die die Saune. darstellt, im vollsten. Sinne des Wortes köpfte.

Karl L a h m.

t>ä. Beifort, 23. Januar. Nach den Regengüssen der letzten Tage hat sich nunmehr starkes Schneegestöber eingestellt. Infolgedessen sind zahlreiche Telephon- und Telegraphendräbte zerstört. Ans der. Bahnlinie unweit

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