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Wiesbadener

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Nr. SS.

Wiesbaden, Samstag, *2. Januar 1910.

58. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Ein Zollkrieg mit der Union?

Sine Meldung aus Washington besagt, daß soeben die angekündigten sechs Proklamationen des Präsiden­ten Taft ergangen sind, denen zufolge den Staaten Ruß­land. England, Italien, Spanien. Schweiz und Türkei die Minimalsätze des neuen Paynetarifs der Bereinigten Staaten von Amerika bewilligt werden. In diesen Proklamationen wird zugleich mit einer unverkennbaren Spitze gegen diejenigen Staaten, mit denen eine handelspolitische Einigung noch nicht erzielt worden ist. betont, es sei damit der befriedigende Erweis gebracht, daß keine von jenen sechs Regierungen die Vereinigten Staaten von Amerika irgendwie ungebührlich differen­ziere. Diese diplomatische Stich e l e i richtet sich außer gegen Österreich-Ungarn und Frankreich ^vor allein gegen Deutschland, denn diese drei Staaten sind bisher noch zu keiner Verständigung mit der Union, ge­kommen, und insbesondere bei den zurzeit schweben­den Verhandlungen zwischen Deutschland und den Ver­einigten Staaten, die in Washington geführt werden, haben sich bisher so starke Unstimmigkeiten ergeben, daß die Aussichten einer Einigung nur sehr ge­ring einzuschätzen sind, um so mehr, da die Frist für ein Übereinkommen bereits am 7. Februar abläuft, denn an diesem Tage tritt das bisherige Handelsabkommen mit Amerika außer Kraft. ^

Was die ziemlich verwickelteSachlage selbst betrifft, so hat bekanntlich derüongreß der VereinigtonStaaten von Amerika im Juli v. I. dem neuen, nach den Kongretz- mitgliedern Payne und Äldrich benannten Z o l I - tar i f seine Sanktion erteilt, der den bisher geltenden Tinglevtarif ablöst und neben nicht allzu bedeutenden Zollermätzigungen eine Menge ganz autzerordenl- l i ch e r Zollcrhöhnnge u sogar in den M i n i - mal s ätzen mit sich bringt. Zu diesen Zollerhöhun­gen. die vor allem auch die deutscheAussuhr- i n d u ftrie treffen, kommt noch, daß der neue. Tarif den amerikanischen Zollbeamten völlig freie Hand dann Mt. ob sie den für die Verzollung zugrunde zu legen­den Wert, den eingeführten Waren nach dem Mark t- preis im Ursprungland oder nach dem Verkaufs­wert im Bestimmungsland abschätzcn wollen, Tie Annahme dieses Tarifes hatte die Kündigung des bis­herigen Handelsprovisoriums zwischen Deutschland und der Union, welches, wie schon betont, am 7. Februar crb- läuft, zur Folge, denn der neue amerikanische Zolltarif gestattet den Abschluß von Handelsverträgen oder auch von provisorischen Abkommen überhaupt nicht, so daß die Möglichkeit einer Verlängerung des Provisoriums ober eines neuest Abkommens von vornherein ausschied. Geftrnacn wir also bis zum 7, Februar nicht zu einer Einigung mit der Union auf Grund des Payne-Aldrich? scheu Minimaltarifcs, io entwickelt sich aus dein bis­herigen Zustand des freilich nur.provisorischen Handels- friedcns gleichsam automatisch der Zollkrieg. Am 31. März tritt nämlich der durch das neue ameri­kanische Zolltarifgesetz geschaffene Maximaltarif in Kraft, der'nach den Ausführungsbestimmungen allen

jenen Ländern gegenüber anzuwenden ist. welche die amerikanische Einfuhr oder die Ausfuhr nach der Union zolltechnisch in irgend einer Weiseungebührlich be­handeln" oder durch irgend welche anderen Bestimmun­gen schädigen. Diese Maximalsätze stellen euren Auf­schlag von 26 Prozent gegenüber den Min unall ätzen dar, die in Wahrheit nichts inniger als minimal sind, so daß also das, Inkrafttreten der Marimaisatze die ab­solute Verhinderung i e d e r Einfuhr, das heißt den Zollkrieg, bedeuten würde. ,

Wir sind zwar noch nicht so wert, aber, wie leider zu be­fürchten ist, auf dem besten Wege dazu. Die Regierung der Vereinigten Staaten, von der die Kündigung des bestehenden Provisoriums ausgegangen war, hat frei­lich neue Verhandlungen eingelcitet, die zrrrzeit »rrt der deutschen Botschaft in Washington geführt werden, und am Montag der nächsten Woche tritt rm Rerchsanrt des Innern der Wirtschaftliche Ausschuß zu­sammen, um sich ebenfalls mit dieser brennend geworde­nen Frage zu beschäftigen, aber die Aussichten auf eine Einigung sind NM so geringer, als die Verhandlungen bisher nicht recht vom Fleck gekommen sind und nur noch wenig mehr als zwei Wochen zur Verfügung stehen. Wenn, auch über die Verhandlungen selbst nichts Sicheres in die Öffentlichkeit gedrungen ist, so weiß man doch, daß die amerikanische Regierung von der deutschen die Bewilligung des Vertragstarifs verlangt und dafür den amerikanischen Munmaltaris anbietet, ein Geschäft, bei dem wir zweifellos schlechter ob- schneiden würden als die Union, Auf deutscher Teste be­müht man sich um die, Erlangung des Zugeständnisses, daß gewisse Ausnahmen von der zu gewährenden Meist­begünstigung gegenüber der amerikanischen Einfuhr zu­gelassen 'werden sollen, während die Union eine Durch­brechung des Einfuhrverbots gegenüber dem ameri­kanischen Vieh dnrchznsetzen bemüht ist. wozu aber auf seiten der ja ganz, im a gx arischen Fahrwasser schwimmenden deutschen Recherilnfl schwerlich rrgen«.^ lnelche Neigung besteht. Es ist nicht zu verkennen, daß der Zollkrieg, der einer Nichteinigung folgen wurde, für die deutsche Industrie, die im Jahre 1908 füt 568 Millionen Mark Waren nach den gereinigten Staaten ausgeiübrt hat, eine sehr schwere T ch ä - d i g u n g bedeuten würde, aber man wird hoffentlich auch jenseits des großen Teichs nicht ubersehen, daß htese Schädigung für die amerikanische Ausfuhr nach Deutschland die 1283 Millionen Mark betrug, mehr als doppelt'so groß ist. Jedenfalls sollte man sich ber den Verhandlungen auf beiden Seiten vor Augen halten, daß auch der Zollfriede ernährt und der Zollkrieg ver­zehrt! . ... .

Politische Übersicht.

Der KattgesetzstttWUvf ein totgeborenes

Kind.

Mit ihrem famosen Kaligesetzentwurf scheint so scheeibt man uns aus parlamentarischen Kreisen die preußische Regierung selbst bei dem sonst so gefügigen Bundesrat vorläufig wenig Glück zu haben. Die Sache kommt in den Ausschüssen nicht vorwärts; wie man hört, haben die süddeutschen Staaten und Sachsen

FrmUeto».

Gtto Lilienthal.*»

Das Charakterbild eines Erfinders.

Bon Gustav Wienthal.

Otto Lilientbal gehörte zu. denjenigen Menschen, die in jrer äußeren Erscheinung, Temperament und Wesen ganz >as ausdrücken, was das Streben und der Inhalt ihres Ätzens ist. Die Art seiner geistigen Veranlagung gab auch einem äußeren Auftreten das Gepräge. Seine unverwust- iche Gesundheit, seine immer strahlende heitere Miene, seine mmer gleich bleibende Energie liehen dem glücklich ver­klagten Manne, der seinen blonden Krauskops so kühn md hocherhoben auf seiner schlanken elastischen Figur trug, n Wahrheit das Bild der personifizierten Hossrmng und Zuversicht.

In der Tat gab es für ihn, den geschulten Ingenieur, mr technische Schwierigkeiten.Technische Unmöglichkeiten übt es nicht", war sein Wahlspruch, und so erfaßte er seinen geruf Schon in früher Jugend zeigte er eine autzerordent- iche Spannkraft der Nerven. Als wir einst mit anderen

" *) SB« - veröffentlichen in Folgendem ein Erinnerungsblatt, >as Gustav Lilientbal dem Andenken seines Bruders widmet.

ist wie kein anderer berufen, von dem Wesen und Werden ses qro'-en Märtyrers der Alugtcchnik zu erzählen, .der die ieutiaen" Errungenschaften durch seine babnbrechenoen Ber­ücke erst ermöglichte. Gustav Lilienthal hat mit dem Bruder ,n allen Stadien seines Wirkens Schulter an Schulter. ge­tänden: er wird diesem biographischen AufsA noch einige

indere Arbeiten über die Bedeutung der Lilienthalschen Flug- ^i-siieve uird die Fortschritte der Aviatik folgen lasien. Die Red.

Jungen in unserem im ersten Stock des Elternhauses in Anklam gelegenen Zimmer urrs eigenhändig Schießpulver bereiteten, dessen Wirkung wir durch Schießen mit einer kleinen Messingkanone in die gegenüberliegende Tur des Nachbarzimmers erprobten, erwog unser würdiger Verein die Art und Meise, wie man sich bei Plötzlich ausbrechendcm Feuer retten könnte. Als wir andern noch über den besten Weg über die Bäcker uns stritten, sagte Otto kein Wort, sondern schwang sich auf die Brüstung des offenen Fensters und sprang von dort ans den gepflasterten Hof, gerade vor den Augen unserer zum Tods erschreckten Mutter, die glaubte, es wäre jemand herabgestürzt. Kein Wunder, daß er von allen Verwandten und Freunden ftir leichtsinnig ge­halten wurde. Diesen Zug der Tollkühnheit hat er behalten zu seinem Schaden und der Welt zum Nutzen, denn die Gleitflüge, welche ihm das Leben kosteten, waren sehr ge­fährlich, aber auch sehr lehrreich.

Mit erstaunlicher Ausdauer ertrug er Strapazen. Im Feldzug nahm er oft den ermatteten Kameraden das Ge­wehr ab und gab ihnen so Gelegenheit, sich etwas zu er­holen auf den anstrengenden Märschen. Ich bin selbst gerade kein Schwächling, aber mein Bruder wm mir ein gut Teil überlegen. Als junge Leute versuchten wir, in den Kohlen­gruben des Plauefchen Grundes eine Kohlenschrammaschine einzuführen, die mein Bruder selbst konstruiert hatte. Um 4 Uhr morgens fuhren wir mit der Frühschicht ein und arbeiteten da in einem toten Stollen, der nicht an die Wetterführung angeschlossen war, Hintereinander zwei Schichten, also 16 Stunden. Das Kohlenflöz hatte hier viele Verwürfe, nach einem kurzen Einschnitt in die Kohle schnitten die Stühle bald das Rotliegende, einen harten Sandstein. cur. Die Maschine war für Handbetrieb ern-

lebhaften Widerspruch dagegen erhoben, daß ihnen das Kali durch das Z w a n g s s y nid i ka t und das in dessen Hand gelegte Kalimonopol weiterhin ungebührlich verteuert werde. Aber auch solche Einzelstaaten, in denen fördernde Kaliwerke vorhanden sind, sollen lebhaften Widerspruch gegen die Konstruktion des Gesetzes erhoben haben, das die Ausschließung auch der wertvollsten Lager­stätten für die nächsten 20 Jahre unmöglich machen würde, während den Besitzern dieser Lagerstätten doch eigentlich nur eine kaum zu realisierende Hoffnung gewährt wird. Eine Seifenblase, wie es der bekannte hochgeachtete Anwalt Veit Siuron genannt hat! Danach ist es im höchsten Grade zweifelhaft, ob die Zusatzbeteiligung für Werke mit großem Feldbesitz oder die Entschädigung für bisher nicht ausgeschlossene Lagerstätten jemals praktisch werden würde.

Aber auch vom Rechts st andpunkt aus 'werden Einwendungen gegen diese Art Entschädigung, die eben keine ist, auch im Bundesrat, vielleicht auch vom Staats­sekretär des Reichsjustizamts, erhoben, da die Aushebung wohlerworbener Rechte nur gegen volle Entschädig u n g zulässig ist. Will man aber eine solche gewähren, so würde da» eine derartige Belastung der fördernden Werke sein, daß damit eine geradezu ungeheuerliche Produktionsver­teuerung und als deren Folge wieder eine Konsumein­schränkung stattsinden ttx-rbe.

Schließlich verlautet, daß auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika gegenüber der ungeheuerlichen Bestim­mung, wonach die laufenden Liefernngsverirägc von 191.2 ab von der zu bildenden Veriricbsgemcinschaft nicht mehr erfüllt zu werden brauchen, Einspruch erhoben haben und daß man derartige gewalttätige Verletzungen der ein­fachsten Grundsätze des Zivilrechts alsDiskrimination" ansehen würde. Da es sich gerade darum handelt, ob der Maximal- oder der Minimaltarif von den Bereinigten Staaten aus deutsche Erzeugnisse angcwendet wird, und Verhandlungen darüber im Gange sind, so kommt unseren Unterhändlern dieser Kaligesetzentwurs im höchsten Grade ungelegen, und cs verlautet, daß auch das Auswärtige A m t zu dessen entschiedeuen Gegner n gehört.

Die Kaliinteressenten sind mit dem Gesetzentwurf auch keineswegs zufrieden, und jeder einzelne sucht ihm eine an dere Gestaltung zu geben, natürlich eine solche, die seinen speziellen Interessen zugute kommt. Es läßt sich daher noch gar nicht absehen, wann und ob überhaupt der Gesetzent­wurf aus den Ausschüssen des Bundesrats herauskommt oder ob er nicht vorher was das beste wäre von der preußischen Regierung zurückgezogen wird.

Auf freisinniger Seite hat man bei dieser unglaublich verworrenen Lage vorläusiMmcht auf der Beratung der Kali-Interpellation bestanden, da man irgendwelche positive Auskunft über das hinaus, was der preußische Entwurf bringt, nicht erwarten kann, übrigens würde die Inter­pellation nicht vom Staatssekretär des Innern beantwortet werden, sondern vom preußischen Handelsminister Sbdow. Augenscheinlich sind Herrn Delbrück die Kalitraubcn zu sauer!

Dev fctmiVvtmlmi?MM nach dem Westen".

Vom Niederrhein wird uns geschrieben: Die Konser­vativen wollen sich bekanntlich im Rheinland und im west­lichen Westfalen eine feste Organisation schaffen, wie sie im östlichen Westfalen schon besteht. Für jede der beiden Pro­vinzen soll ein konservativer Parteisekretär angestellt werden,

gerichtet. Da galt es nun, mit ganzer Kraft die Kurbel drehen, wobei wir uns beide ablösten. Die Lust war sehr schlecht und schwül, und fortwährend hörten wir das un­heimliche Krebsen der aus der Kohle ausiretendrn Gase. Ich mußte meine Leistungen sehr bald auf die Hälfte ver­mindern, während mein Bruder bei voller Leistungsfähigkeit blieb.

Otto zeigte als kleiner Junge schon eine fabelhafte Ha«d- geschicklichkeit und großes Zeichentalent. Die Familie besitzt noch eine Sammlung ausgeschnittener Vignetten, die unsere Mutter mit den entsprechenden Daten versehen hat. Viele tragen die Jahreszahl 1852, wo er also vier Jahre alt war. Als Vierzehnjähriger modellierte er sein Portrait vor dem Spiegel so gut, daß man eine Zeitlang den Plan, ihn Bild­hauer werden zu lassen, ernstlich in Erwägung zog, diesen Plan aber aus pekuniären Rücksichten bald wieder fallen ließ.

Nach Absolvierung seiner Studien aus der Gewerbe- Akademie machte ihm Direktor Rculcaux den Vorschlag, bei ihm als Assistent einzutreten. Diese Karriere war aber nicht nach seinem Sinn. Der fröhliche Wettkampf des praftischen Lebens reizte ihn mehr. Die Lösung schwieriger technischer Probleme übte einen großen Reiz aus ihn aus, kein Wunder, daß das Flugproblcm ihn dauernd fesselte.

War er mehr Künstler oder Techniker? Ein rastloser Trieb zu erfinden, zu erschaffen, zu geben, erfüllte ihn, wie den Künstler seine Idee; die schwierigen äußeren Verhältnisse des Elternhauses wiesen ihn frühzeitig schon daraus hin, seine Fähigkeiten, die sich auch nach der praktischen Seite großzügig entwickelten, zu verwerten und auszubildcn für den Broterwerb. So dämpfte der Kampf ums Dasein wohl das künstlerische Feuer, das aber nie erlosch und noch: öfter später zum Durchbruch kam.