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„Tagblatt-Ha»S" Nr. 6650-53.
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Nr. 27.
Wiesbaden, Dienstag, 18. Januar IM®.
58. Jahrgang.
Morgen - Kus-gabe.
1. Matt.
N«LMschr Übersicht»
Machtnrrschievnngen «» Ostasten.
g. Petersburg, 15. Januar.
Sachalin, uw dessen nördliche Hälfte Witte in Portsmouth so energisch kämpfte, ist gar rasch für Rußland UV einem Quell großer 'sorgen geworden: das hat verschiedene Gründe. Daß Witte sich so für das Behalten Nord-Sachalins einsetzte, hängt in erster Reihe damit zusammen daß^mit diesem Besitze gleichzeitig die Be- t.errichung'der Amur-Mündung und des umliegenden Gebietes verbunden ist, die Petersburg damals unter keinen Umständen aus der Hand geben wollte. Die Russen sehen jetzt seöoch immer deutlicher, daß das Gebiet wirtschaftlich und — was noch wichtiger ist — militärisch mp- mit sehr großen Kosten zu halten wäre._ Man versucht deshalb, es einer dritten Macht anzubieten: in England ist das — natürlich zunächst unverbindliche — Anerbieten bereits abgelehnt worden und augenblicklich versucht man es. den Vereinigten Staaten von Amerika diesen Bissen schmackhafter zu wachen. Bisher allerdings ohne ieden Erfolg und so wird man sich an der Newa wohl schließlich, wenn auch sehr schweren Herzens, doch noch dazu. entschließen müssen, mit Japan in Verbindung zu treten. Es ist natürlich recht peinlich, daß die Portsmouther Friedens- Verhandlungen die Wichtigkeit dieses Gebietes so sehr betonen, und, um den Rückzug zu bemänteln, wird wohl noch einige ZcE davon die Rede sein, daß dieser oder jener Staat Nord-Sachalin erwerben wolle und ein großes Gebot darauf getan habe: aber all' das geschieht doch nur, um den wahren Stand der Dinge einiger- maßen zu verschleiern. Schließlich wird Japan auch den Rest der Insel erwerben es handelt sich nur noch darum, den Preis, die „Kompensationen", möglichst hoch zu fixieren. Japan wird seine alte Politik, die Empfindlichkeit der anderen Nationen zu schonen, wenn es selbst dabei nur ein gutes Geschäft macht, auch in diesen: Falle nicht verleugnen und Rußland die Kapitulation sicherlich möglichst erleichtern. ES hat um so mehr Grund, seine „Geschäfte" in Ruhe und Frieden abzu- wickeln, als augenblicklich auch die koreanische Frage, die man siir einige Zeit vertagt glaubte, wieder auftaucht. Daß es zur Annexion dieses Landes durch Japan kommt, ist zweifellos, aber es sollte doch noch einige Zeit bis zu diesem letzten schritte vergehen. Wenn auch nicht zu befürchten war, daß etwa Rußland als Schutzpatron der Koreaner austreten würde, so müßte ein solcher Schritt doch jetzt noch größeres Aufsehen Mächen als etwa in fünf oder zehn Jahren. Aber eine Bittschrift
Feuilleton.
MsÄdruck verboten.)
Berliner RckMck.
Von Hermann Kienzl.
Berlin, 15. Januar.
Schein oder Sein: das ist die Frage. Das ist eigentlich Mcht mehr die Frage. Der Titel beherrscht die Weit (die deutsche Welt wenigstens). Nach Titel drängt, am Titel hängt doch alles — ach, wir Armen!
Vor hundert Jahren galt die Titelsucht für kleinstädtisch, gm alten Kleinstädter-Lustspiel weist die Sippe des Bürgermeisters von Krähwinkel den Freier aus der Residenz zurück, weil er nicht ein einziges, kleines, feines Welchen sein :igen !uura. In diesem Spott auf das Kleinstädtertuin stak ]r. stich schon damals ein bißchen Unaufrichtigkeit. In den großen Städten war man nämlich auch nicht fühllos gegen Orden und Würden. Das preußische Ordensfest, diese große Heerschau der Eitelkeit, hat jetzt unter Wilhelm II. pompöse Form angenommen: aber es ist weit älter als der Kaiser, — cs besteht hundert Jahre. Und altertümlich wie der preußische Ordensritter ist der österreichische Hoftat, das eigentliche Bannertier des Donaustaates.
Immerhin, unsere Riesenstädte, Berlin voran, sind im Zeitalter der Äußerlichkeit gesellschaftlich kleinstädtisch geworden. Das Wesen der Dinge verliert immer mehr an Geltung, der äußere Schein ist alles. Auch auf die Freistatt der häuslichen Gastlichkeit erstreckt sich der Stab des Zeremonienmeisters. In den Tagen, in denen noch edlere Freuden herrschten, als das Massenaufgebot an Schüsseln und Flaschen bieten kann, war jede gesellige Runde eine republikanische Insel. Nicht Titel und Würden öffneten das Tor zu dem Salon der Rahel, und war einer am Hose der klugen Königin akkredidiert, so ließ er das Hoch oder Niedrig draußen im wesenlosen Scheine . . . Der Prinz, drr WMmcft haften ihre MMen Kräfte zu spornen, um
einer japanfreundlichen Gesellschaft in Korea hat die Sache aufs neue in Fluß gebracht und man wird die augenblickliche Lage wohl an: besten wie folgt kennzeichnen können: Wenn die Koreaner es sich gefallen lassen, daß Japan ihr Land „wirtschaftlich entwickelt" und es sich so zu einem wertvollen Verbündeten erzieht, dann dürfen sie sich einige Zeit des S ch e i n e s der Unabhängigkeit erfreuen. Erlauben sie sich aber, die japanische Methode der Volksbeglückung falsch zu finden und sich dagegen zur Wehr zu setzen, dann wird Korea auf den: schnellsten Wege zur japanischen P r o v i n z gemacht. Man muß gestehen, daß ihnen die Wahl nicht leicht fallen dürfte, ob sie gekocht oder gebraten verzehrt sein wollen! Von außen haben sie jedenfalls keine Hilfe zu erwarten und daß sie aus eigener Kraft Japan zureichenden Widerstand sollten entgegensetzen können, scheint ausgeschlossen.
Die Meeeinigterr Staaten von Amerika and Kanada.
a. Ottawa, Ende Dezember.
Ein gelegentlicher Mitarbeiter schreibt uns: Nördlich der Union vollziehen sich seit einigen Jahren Be- volkerungsverschiebungen, die in Europa merkwürdig wenig Beachtung finden, trotzdem sie wirtschaftlich und in der Folge wohl auch politisch — von erheblicher Bedeutung sind. Während nämlich in dem sogenannten „mittleren Westen" der Union, ihrem besten Ackerbaugebiet, der echte, seßhafte Farmer immer mehr dem verpachtende» Bodenspekulanten weicht, dessen Pächter das Land übermäßig ausnutzt und es verarmen läßt, sind im gleichen Gebiete nördlich der Grenze riesige Strecken besten Getreidebodens unter den Pflug genommen worden und zwar von den gleichen Farmern, die aus der Union abwandern. Alleii> im Jahre 1909 kamen aus diesem Wege fast hunderttausend Menschen nach Kanada, eben so viel, wie Lessen Gesamteinwanderung aus Europa betrug! Ta jeder amerikanische Einwanderer rund tausend Dollar bar ins Land bringr, bedeutet das eine Steigerung des Nationalvermögens um zwischen 80 und 100 Millionen Dollar jährlich — die Tatsache ungerechnet, daß eS M e n i ch e n in a l e r i n l von hoher Güte ist, das hier zuwandert. Es sind von Liesen Farmern in einem Jahre fast 2V 2 Millionen Acres unter Kultur genom- nien worden, von denen etwa ein Fünftel schon im ersten Jahre Erträge bringt. — Selbst wenn man damit rechnet, daß für einen kleinen Teil dieser Einwanderer die Union mehr als Durchgangsstation betrachtet werden kann, ist nicht zu verkennen, daß der Einfluß der in amerikanischen Begriffen und Traditionen ausgewachsenen Kanadier in außerordentlich raschem Maße steigt. Das ist für den Augenblick vielleicht nicht sehr von Belang: aber allmählich wird und muß es Folgen zeitigen — in erster Reihe wohl politisch. Daß Kanada wenig nach dem Mutterlande neigt, ist schon heute un
verkennbar: je mehr aber die Anzahl der „Pankees" anwächst, in um so höherem Grade ist aus ein Hand sin Hand gehen mit der Union zu rechnen. Ob das einmal 'zu einem Bündnisse führt, ist natürlich setzt noch nicht mit Sicherheit zu sagen: aber als sehr unwahrscheinlich kann man es nicht ansehcn, wenn auch vielleicht noch mancher Tropfen Wasser den Lorenzstrom hinab- sließen wird, ehe die „stars and stripes" auf den Zinnen der Reoierungsgebäude in Ottawa flattern.
Deutsches Deich.
* Ein offiziöser Verteidignngsversuch des schweige samen Kanzlers. Ter Wochenrückblick in der ..Nordd. Allg. Zeitung" über die inneren politischen Vorgänge bringt unter anderem auch eine gewisse Verteidigung des Reichskanzlers v. Bethmann-Hollweg über sein Verhalten in den Parlamenten und sein bisheriges Lchwei- gen. Das Regierungsorgan schreibt: „In beiden Häusern des Landtages auch formell in seiner Eigenschaft als preußischer Ministerpräsident sich vorzustellen, nahm der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg alsbald Gelegenheit. Daß der leitende Staatsmann hierbei fürs erste ausdrücklich von der Erörterung politischer Angelegenheiten absah, diente wiederum einigen Blättern dazu, sich so .befremdlich wie möglich zu gebärden. Indes wird man sich endlich daran gewöhnen müssen, den Reichskanzler und Ministerpräsidenten nach seinen Worten auch handeln zu sehen. Die Sachlichkeit und Ökonomie in der parlamentarischen Debatte, die er im Reichstag zurzeit dringend geboten bezeichnete und nachwies, ermöglicht durchaus keinen Exkurs, über den dann zu berichten und Betrachtungen anzustellen dem Zeitungspolitiker ja eine gewöhnte und als solche angenehme Beschäftigung sein mag. Das Notwendige im gegebenen Augenblick vom Regierungstisch zu erfahren, können sowohl die Häuser des preußischen Landtages wie des Reichstages sicher sein. Es ist aber selbstverständlich, daß sich gerade die Regierungsvertreter in dieser knappen Tagungsfrist nicht beeifern, den Rahmen der Diskussion ausdehnen zu helfen." Wenn Herrn von Bethmann-Hollweg keine besseren Verteidiger erwachsen, so steht es schwach mit seiner Sache.
* Zur Klarstellung schreibt die „Liberale Korresp.": In der „Vossischen Zeitung" wird aus einem längeren Aussatz des Abg. IX Naumann der falsche Schluß gezogen, daß er über denEntwurf desEinigungsprogramms „geringschätzig" und „abfällig" urteile. Nichts ist irreführender als dieses! Gerade Abg. 9. Naumann hat aus der Sitzung des erweiterten Vorstandes der Freisinnigen Vereinigung das Referat über das Programm gehalten und es mit Ausnahme des Satzes über die Frauenfrage alattweg zur Annahme empfohlen. Auch in dem von der „Voss. Zeitung" kritisierten „Hilfe"- Aufsatz enipfichlt er das Programm, indem er es als
sich neben dem Lftcratlein das Mitbürgerrecht zu sichern. Heute — gnade Gott der Hausfrau, die bei der Festlegung der Tischordnung einen faux pas begeht; die der Gattin des geistigen Landeroberers, des Forschers oder Künstlers ohne Geheimratswürde einen „Vorzugsplatz" anwetft vor der Frau Geheimrat! Wehe, dreimal wehe! Eine Dichterin, deren Werke die Ehre des deutschen Namens gemehrt haben, trägt graue Haare, aber keinen Ehering; daher sitzt sie, wie sich's gebührt, unter den unverheirateten, meist natzgrünen Leutchen; denn Madame Klappermühl, die Gattin des Konsuls ans fernem Osten oder Westen, empfände es als Affront, wenn ihr Vorrang nicht in aller Form respektiert wäre ....
Das ist das Land der Dichter und Denker! Das ist wenigstens Berlin. Und dieses Keineswegs-Paris erzieht auch seine Leute. Gibt da. der amerikanische Botschafter ein Diner. Derselbe Herr, gegen dessen Ernennung der Berliner Hof Einwendungen zu erheben versucht hatte, weil er n'cht reich genug wäre, Amerika so luxuriös zu repräsentieren, wie man's heute liebt in der mnst so schlichten Residenz des Preußerrlandcs. Er gibt sein Prunkessen. Wen- lädt cr zu Gaste? Die Männer und Frauen, die Deutschland das Siegel ihres Geistes aufdrückten? O nein: zweihundert Personen sind geladen und neben den Würdenträgern des Hofes und des Staates ausschließlich die Vertreter des Hochadels . . . Geladen vom Vertreter der amerikanischen Republik . . . Hielte es der Botschafter anders, o» wäre nicht der „richtige Mann". Der Posten will's. Deutschland will's.
Man muß mit der neu-berlinischen Atmosphäre vertraut sein, um die kleine, bedeutsame Tragikomödie recht zu verstehen, die sich in diesen Tagen an der Berliner Humboldt- Akademie abgespielt hat. Ein Hauch aus Köpenik streicht zärtlich kosend über diese Angelegenheit ....
Die Zeitungsleser kennen bereits den Hergang, dessen tiefere Bedeutung ein Wort der Betrachtung verdient: Mr. Liedstead, Bachelor of aris", amerikanischer Staatsbürger, Doktor und Professor, ist seit Jahren wissenschaftlicher Lehrer an der Humboldt-Mad-mie Dt' Anstalt wirkt segensr>ich für die allgrmHn? PpMWvüug, unv inner ihren ansgezeich
neten Professoren war der Amerikaner anerkanntermaßen einer der gediegensten und beliebtesten. Er erfreute sich des größten Zudrangs der Schüler, und seine Erfolge sind unbestreitbar; seine gelehrten Schriften und Bücher finden volle Wertung bei der ernsten Fachkritik. Eines Tages aber ist er von der sozialen Höhe, die sein Wissen und Arbeiten erobert hat, plötzlich herabgestürzt. Die Polizei verhaftet ihn, die Akademie entläßt ihn. Warum? Hat er trügerische Weisheit gelehrt? Ist. er als Ignorant, als Kurpfuscher seiner Wissenschaft entlarvt? (Die Zeitungsartikel trugen ja die Überschrift: „Der entlarvte Dozent".) O nein! Sein Wirken ist unantastbar. Aber sein Titel,... sein Titel, der war falsch! Air. Liedenstead ist „entlarv i" worden: er besitzt nicht das Diplom eines Bactmlor of arts". Zwar ist er tüchtiger, zwar weiß er mehr als gar mancher, dem eine amerikanische Hochschule den akademischen Grad verlieh. Nützt nichts! Er hat nicht das Diplom. Und ferner: Dieser englische Lindenstead hieß, ehe er amerikanischer Siaats- chürger geworden, Wiclinsky, und war in Deutschland geboren. Und schließlich — quel horreur! — derselbe W'-elinsky, derselbe Lindenstead ist einst — vor vielen Jahren — in Berlin -- Hausdiener gewesen.
Hier stock' ich; und unwillkürlich greif' ich nach dem Hut, ilm voll aufrichtiger Hochachtung tief zu ziehen vor dem tapferen Selfmademan, der sich aus sozialer Niederung emporgerungen hat zur Höhe der B'ldung und des Wissens. Wie unendlich viel mehr bedeutet dieser Entwickelungsweg, dieser Sieg der Eigenkraft als der Erfolg manches anderen, der als Hausierer eingewandert ist und als Präsident einer großen Aktiengesellschaft zu den Diners der Botschafter und Gesandten geladen wird! Respekt vor dem Geiste, der sich die Form des Lebens baut!
Fa. so rufen wir. Aber was nützt es? Was nützen Herrn Wiclinsky die unt'r dem Druck der Not, im Zwange des Lakaienkleides unendlich mühsam errungenen geistigen Weihen, die Opfer seiner Nächte, d-e Taten seiner Jahre? Der „entlarvte" Hausdiener ist gesellschaftlich gestürzt. Ein gräflicher Gardelrutnant. der sich immerhin im Notfälle noch herubließe, mit einem gelehrten Fatzke dieselbe Zimmerlutt
