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Nr. 19.
Wiesbaden, Donnerstag, 13. Januar 1910.
88. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. SßCttff.
Der Eisenbahnverkehr irn Jahre 1909*
Schritt für Schritt hat die Belebung des Eisenbahnverkehrs im vergangenen Jahre zugenommen. Das erste Quartal stand noch vollkommen im Zeichen der Depression. Der Druck, der auf dem Wirtschaftsleben lastete, beeinflußte den Warenaustausch zu ungünstig, als daß die Lähmung des Wasserversandes durch die lange Dauer des Winters dem Eisenbahnverkehr eine erkenn- bare Belebung hätte bringen können. Der Frühjahrs- anfang veränderte indes das Bild: das Minus, das bis dahin in den Einnahmen der Eisenbahnen gegenüber dem Vorjahre zu verzeichnen war, schlug plötzlich in ein Plus um, und der Mai brachte schon eine kräftige Besserung. Auch der Juni stand im Zeichen eines lebhafteren Verkehrs als 1908. War es im Mai das Pfingstfest gewesen, das durch eine rege Reiselust den Eisenbahnen erhebliche Einnahmen zuführte, so wurde mit dem weiteren Vorrücken der wärmeren Jahreszeit auch der Güteraustausch, vor allem der Versand von Bau- inaterialien, Textilrohstoffen usw. wieder lebhafter. Im dritten Quartal, dem die Herbsaison schon den Stempel aufzudrücken pflegt, war die Besserung gegen das Vorjahr evident. Hatten bis dahin noch Zweifel an der Erholung bestanden, so brach sich jetzt die Erkenntnis durch, daß die Krise vollkommen überwunden sei. Im letzten Quartal setzte sich der Erholungsprozeß' in beschleunigtem Tempo fort: allein in den zwei Monaten Oktober und November war das Einnahmeplus gegenüber dem Vorjahre größer als in allen drei anderen Quartalen. Im Vergleich zum Vorjahre betrugen die Gesamteinnahmen aller deutschen Eisenbahnen mit Ausnahme der bayerischen in den einzelnen Quartalen pro Kilometer in Mark:
Gegen 1908
1. Quartal ..... 10 944 — 332
2. . . . . . 11523 ff- 235
3. „ . 12 582 ff- 247
Oktober/November . 8 052 ff- 261
Von Quartal zu Quartal tritt demnach die Besserung mehr hervor. Ausschlaggebend für diese Tendenz war die Gestaltung des Güterverkehrs. Ohne Unterbrechung vollzog sich die Erholung: nur etwas schwächer war der Grad der Besserung. Es wurden im ersten Quartal aus dem Güterverkehr nur 7334 Mark eingenommen, das sind 337 Mark weniger als im ersten Viertel 1908. Das zweite Quartal brachte zwar schon ein Plus, doch stellte dieses sich immerhin erst auf 104 Mark oder 1,3 Prozent, während z. B. aus dem Personenverkehr inl zweiten Quartal 131 Mark oder 3,4 Prozent mehr als im Vorjahre eingenommen wurden. Auch im dritten Quartal konnte noch nicht von einer durchgreifenden Besserung im Güterverkehr gesprochen
HIHI——
Feuilleton.
Are Trockenlegung des Imüerfres.
über den gewaltigen Plan, die Zuiderfee trocken zu legen und Kulturzwecken dienstbar zu machen, dessen Ausführung nunmehr die Generalstaaten zugeftirnmt haben, werden in der „Internationalen Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik" eine Reihe näherer Mitteilungen gemacht. Der Vorschlag einer Trockenlegung, der schon vor mehr als 50 Jahren zum erstenmal gemacht worden ist, war natürlich nur möglich, weil die Zuiderfee nicht eigentlich eine Ausbuchtung des Meeres ist, sondern nur einen ertrunkenen Kitstenteil darstellt. Die lateinischen Schriftsteller kennen an dieser Stelle nur einen größeren flachen Süß- wasser-Binnenfee, den Lacus Flevo, der durch einen breiten Landstrich vom Meere abgetrennt war. Diese Landbarre wurde gegen das Ende des 1. Jahrtausends unserer Zeitrechnung durch größere Sturmfluten zernagt und stetig verkleinert, bis schließlich in der gewaltigen Weihnachtsflut von 1277, einer der größten, die die katastrophenreiche Geschichte der Nordsee kennt, das tobende Meer durch den Landgürtel brach und in das Becken des Sees eintrat; die letzten Reste der zersprengten Küstenlinie verschwanden in einer weiteren riesenhaften Flut vom 14. Dezember 1287. Die Zuiderfee umfaßt nicht weniger als 57 Quadratmeilen oder 3139 Quadratkilometer, mit Einschluß der Watten sogar 5250 Quadratkilometer. Dabei ist dieses durchaus meer- artige Gebilde nirgends mehr als 6 Meter, im Durchschnitt sogar nur 3Y 2i Meter tief. Gelänge es, hier der Nordsee wieder zu entreißen, was der „Blanke Hans" einst geraubt, so würde das Königreich der Niederlande mit einem Schlage um ein volles Zehntel seiner gegenwärtigen Ausdehnung Vergrößert werden! Nicht weniger als 4600 Quadratkilometer Land könnten dann nämlich der Bewirtschaftung neu erkcklollen werden. Der Plan des Jnsenieurs G. Leltz.
werden. Erst das vierte Quartal brachte sie. Die Kilometereinnahme gestaltete sich in den einzelnen Quartalen im Personen- und im Güterverkehr in Mark pro Kilometer wie folgt:
Personenverkehr Güterverkehr 1909 Gegen 1908 1909 Gegen 1908
1. Quartal . .
2710
— 6
7334
— 337
o
3971
ff-131
7552
ff-104
3. „ . .
4503
ff-124
8089
ff-133
Oktober/Novemb.
2242
ff- 93
5810
ff-168
Im Personenverkehr brachten die Reisemonate Juli und August die stärkste Zunahme.
Wahlkämpfe in England.
Der aufregende Wahlkampf in England, der diesmal durch seine Bedeutung die Aufmerksamkeit der ganzen Welt in ganz besonderem Maße fesselt, vollziehi sich in vielfach anderen Formen als bei uns. Eine enge Beziehung soll zwischen dem Kandidaten und dem Wähler hergestellt werden und dazu dient vor allem das „Canvassing", das persönliche Besuchen jedes einzelnen Wahlberechtigten durch die verschiedenen Nebenbuhler, die sich um seine Stimme bewerben. Seit langer Zeit ist dieser Brauch in Übung. Er wurde bereits im 18. Jahrhundert mit Eifer betrieben. Das beweist die hübsche Schilderung eines solchen Wahlbesuches, die uns der DichterWilliam Cowper bei der wichtigen Wahl von 1784 ausgezeichnet hat. Der Kandidat, der in die trauliche Abgeschlossenheit des Whig-Poeten eindrang, war der Tory-Kandidat William Wyndham Grenville, ein Vetter Vitts, der später Premierminister wurde. „Ich saß nach dem Essen", erzählt Cowper, „gemütlich mit zwei Damen in unserem kleineil Wohnzimmer, als plötzlich zu unserer unbeschreiblichen Überraschung eine männliche Gestalt vor unserem Fenster erschien, ein heftiges Klopfen an der Tür ertönte, die Straßenjungen Hallo schrien und das Dienstmädchen Mr. Grenville allkündigte." Ter Kandidat wurde durch die kleinere Hintertür hereingelassen, weil an der Vordertür Ccwpers zahmer Hase Pussy, sein Lieblingstiercheil. spielte. „Aber Kandidaten sind gegen Beleidigungen nicht empfindlich, und sie würden wohl lieber sogar, zum Fenster hereinkommen, als gar nicht. In einer Minute »varen Hof, Ki che und Salon voll Menschen., Grenville kam auf mich zu, schüttelte mir die Hand mit einer gewissen verführerischen Herzlichkeit und sprach dann von dem Zweck seines Besuches. Ich erklärte ihm, daß ich gar kein Stinimrecht hätte, was er mir auch ohne weiteres glaubte: daun versicherte ich ihm, daß ich auch keinen Einfluß hätte, ^wodon er weniger überzeugt schien, zumal ihm der Schneider Ashburner zu gleicht Zeit versicherte, ich hätte viel Einfluß. Damit endete unsere Unterredung. Grenville drückte mir wieder „die Hand, küßte die Damen und zog sich zurück. Er küßte sogar das Dienstmädchen in der Küche und schien ini ganzen ein sehr netter, kußbereiter, gutherziger Herr
dessen nunmehr beschlossene Durchführung noch 32 Jahre erfordern wird, sieht eine sehr langsame und schrittweife Trockenlegung der Meeresbucht und Umwandlung des Terrains in Polder vor, da sonst ernstliche hygienische Gefahren, besonders das Sumpffieber, hcraufbeschworen werden könnten. Sobald ein Teil des Wasserbeckens durcy Auspumpen trocken gelegt ist, muß das gewonnene Land sich erst mit Pflanzenwuchs bedecken, ehe man mit der Pumparbeit fortfahren kann. Zunächst aber: mutz ein großer Damm errichtet werden, der sich vonEwijk in Nordholland zur Insel Wieringen und weiter nach Tiaam in Friesland, also guer über den ganzen Eingang zur Zuiderfee hinweg, erstrecken soll und allein eine Summe von 41 Millionen Mark beanspruchen wird. Die Kosten der gefaulten Trockenlegung werden mit 321 Millionen Mark berechnet, wobei man jedoch erwartet, daß die Anlage schon einen Gewinn abgeworfen haben wird, wenn die Arbeiten zum Abschluß reif sind. Die jeweilig durch die Trockenlegung gewonnenen Polder könnte man sofort verpachten, und bei etwa 350 000 Hektar verwertbarem Lande und einem Wert des Hektars von etwa 3200 M. würde das ungeheure Unternehmen einen sehr großen Gewinn abwerfen. Gerade die Errichtung des rund 40 Kilometer langen Dammes, der mitten durch die Meereswogen hindurchlausen soll, ist indesim ein so außerordentliches Beginnen, daß nian ein sicheres Gelingen heute noch nicht zu prophezeien wagt, zumal wenn man an die furchtbare Gewalt der so oft von Sturmfluten aufgewühlten Wogen der Nordsee denkt. Der Damm soll eine Höhe von 51-2 Meter, sine Sohlenbreite von 9 und eine Kronenbreite von 2 Meter erhalten; auf der inneren Böschung wird ein 7 Meter breiter Fahrweg mit einer doppelgleisigen Eisenbahn angelegt werden. Um den Damm während des Baues gegen die Brandung zu schützen, wird aus der Sceseite noch ein kleinerer niedrigerer Damm angelegt, der dem Hauptdamm als Fuß oder Widerlager dient und den Hauptansturm der Woaen aujfangew und brocken soll. Natürlick wird nickt die ganze heutige Zuider-
zu sein." In den gleichen Formen wie zu Pitts und Fox' Zeiten vollzieht sich auch noch heute das Canvassing: nur wird etwas weniger geküßt: höchstens macht sich noch der Kandidat bei Müttern beliebt, indem er dem Herzblättchen einen Kuß aufdrückt oder wenigstens die Backen tätschelt. Einige bedeutende Engländer haben sich gegen die Sitte der Wahlbesuchc. gewendet, wie z. B. Macaulay, der darin etwas Entwürdigendes und Verderbliches sah. Aber ohne das gelst eben keine Wahl ab, und heute ist es mehr in Aufnahme denn je. Gladsione hielt das Canvassing für das erfolgreichste Mittel zur Erwerbung der Stimmen. Bei dem Wahlkampf um die große Reformbill von 1832 schrieb er seinen Wahlerfolg in Newark nur seinen unermüdlichen Besuchen zu. Sein Bezirk umfaßt 2009 Häuser, die damals von den Wahlkandidaten sämtlich besucht wurden, ob sie nun von Wählern bewohnt wurden oder nicht. Vom Wahlberechtigten wollte man seine Stimme, der nicht zur Wahl Berechtigte sollte wenigstens seinen Einfluß aufwenden. Ta Gladstone in jedes der Häuter fünfmal ging, so machte er für feine Wahl 10 000 Besuche. Vor allem kommt es darauf an. bei dem Wähler zu einer Zeit einzudringen, wo man ihn sicher antrifft. Winston Churchill ist sogar zu von Bergleuten in die Minen von Oldham hinunrerge- stiegen. um sich ihres Interesses zu versichern. Zur richtigen Bearbeitung der einzelnen ist eine feine Psychologie notwendig: bei dem kurz Angebunden darf man nur fünf Minuten bleiben; einem Redseligen muß man vielleicht eine Stunde die Zeit verplaudern. Hat der Wähler ein leicht entzündliches Herz, dann wird er fein Wahlrecht am ehesten holder Weiblichkeit überliefern und vor einem süßen Lächeln, einem feurigen Blick die Waffen strecken. Vor der Macht der Frau haben denn auch die Gegner besondere Angst, und ein vorsichtiger Kandidat läßt nicht selten Warnungen verteilen etwa der Art: „Wähler! Ich weiß, daß ihr jedem männlichen Einfluß, der auf euch ausgeübt wird, werdet widerstehen können. Aber hütet euch vor dem Einfluß, den das schwache Geschlecht auf euer Gewissen, auszuüben versuchen wird!" Fiir die schnelle Erledigung all der zeitraubenden Besuche bietet heute das Automobil ein unschätzbares Mittel. In früheren Zeiten hatte man es nicht so gut; John Burns ging sogar zu Fuß,, bis ihm ein sozialistischer Vermieter von Fuhrwerken eine alte Droschke zur Verfügung stellte. Auf dem Lande mieteten sich sogar die gegnerischen Kandidaten zusammen einen Wagen. Ein solch seltsames Zwillingspaar bildeten bei einer der vorigen Wahlen die beiden irischen Kandidaten O'Brien und Healy, die sich um denselben Sitz in North-Louth bewarben. Die beiden wütenden Gegner fuhren zum Canvassing in demselben Wagen über Land. Sie halten vor demselben Haus: erst geht der eine hinein und bittet um die Stimme, dann der andere. Auch gemeinsame Wahlversammlungen organisierten sie in den Dörfern. Die Pferde werden ausgespannt. O'Brien steigt auf den Vordersitz, um den sich seine An
see trocken gelegt, da die einmündenden Flußläufe wie die Bedürfnisse der Schiffahrt und der Bewässerung für das neue Land dies verbieten. Ein etwa 600 Quadratkilometer großer Süßwasser-Binnenfee bleibt erhalten, in dem die Jjssel und die übrigen Zuflüsse des Meerbusens auch femer- hin einmünden werden; ebenso werden Kanäle gezogen^ und bei der Insel Wieringen selbst eine großartige Schleusenanlage geschaffen, die den Abfluß des Binnensees und der ihm zuströmenden Gewässer vermitteln und den Schiffen der neuen Zuidersee-Provinz den Verkehr mit dem Meere gestalten wird. Die neue Provinz wird nach Vollendung des großen Werkes auch von Eisenbahnlinien, Fahrstraßen usw. durchzogen, die den heutigen Personenverkehr über die Meeresbucht ersetzen können. Das Verschwinden der Zuiderfee ivird freilich auch einige Nachteile zur Folge haben; so wird z. B. der Anchovisfan« fortfallen, der jährlich einen Ertrag von 3 Millionen Gulden liefert. Die Entschädigungen für entgangenen Gewinn wie die gesamten Baukosten des Unternehmens werden mit Leichtigkeit von den Einnahmen bestritten werden können, die sich ans der Gewinnung, Verpachtung und- Urbarmachung neuen Landes notwendig ergeben müssen. C. K
Ans Kunst und Leben.
* Fr!. Frieda Hempel, Mitglied der Berliner Hofoper, wurde, wie Pariser Mütter melden, von. der Großen Oper für ein längeres Gastspiel verpflichtet, das bereits im Februar und März dieses Jahres stattfindet, und in dessen Verlauf die deutsche Künstlerin als Gilda in „R!go- lctto", als Königin in den „Hugenotten" und als Julia'in Gounods „Romeo und Julia" auftreten wird. Der Generalintendant trug zuerst Bedenken, Frl. Hempel zu beurlauben mit Rücksicht auf Kaiser Wilhelm, der gerade in jenen Monaten der Hoffsstl'chkeiten die Stars seiner Oper nicht gern mißt. Ms Graf Hülsen-Häseler dem Monarchen endlich das Gesuch des Frl. Henwrl voraetraaen hatte, berief
