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Nr. 17.
Wiesbaden, Mittwoch, 12. Januar 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Zöt'crtt.
Die Kmjermanöver 1910.
Ern höherer Offizier, der die Interna der Vorbe- reitungen der großen Feldmanöver in der Ostmark kennt, schreibt uns:
Nach dem operativen und strategischen Kaiser- Manöver des letzten Jahres, an dem eine größere Zahl von Armeekorps denn se zuvor beteiligt war, und wo auf jeder Seite eine Armeeabteilung gebildet wurde, der man große Freiheit der Entschlüsse lassen konnte, berührt die Beschränkung des Kaisermanöver 1910 auf zwei Armeekorps und höchstens zwei Kavallerie-Divisionen zunächst fast wie ein Rückschritt. Man hatte in der Armee erwartet, in Zukuilft grundsätzlich aus jeder Seite eine Armeeabteilung und das Kaisermanover auch dazu bestimmt zu sehen, A r m c e - sührer praktisch zu schulen. Darnach hatte man sich schon ein Programm für die Kaisernlanöver 1910 zu- rechtgelegt. Es umfaßte dies Programm das 2. und 17. gegen 6. und 6. Korps mit je einem Kavalleriekorps und verlegte den Manöverschauplatz in die Provinz Posen, in deren Hauptstadt die Einweihung des neuen Kaiserschlosses mit der Manöverzeit zusammenfallen sollte. Dabei war wohl nicht bedacht, daß das 1., exzentrisch dislozierte Armeekorps dann für sein späteres Kaiserrnanöver keine ohne große Bahntransporte erreichbaren Manövergegner gehabt haben würde, wenn man nicht das benachbarte 17. Korps baldigst wiederum hätte zu Kaisermanövern heranziehen wollen, was dem Gebrauch kaum entspricht.
Ist diese Rücksicht aber als einer der Gründe für die Beschränkung der nächsten Kaisermanöver anzusehen, so bildet sie doch nicht den einzigen. Weise Erwägungen in bezug auf die Koste n, an denen das Reichs- sch atz amt nicht unbeteiligt gewesen sein soll, haben gleichfalls eine Rolle gespielt. Ausschlaggebend ist aber nach dem, was in Berlin jetzt verlautet, doch wohl der Zweck gewesen, der mit diesen Manövern angestellt wird. Tie Manöver sollen keine strategischen, bei denen auf Anmärsche lange Zeit verwendet wird, sondern mehr taktische werden, bei denen die Gefechtshandlung besonders in den Vordergrund tritt.
Ein Blick in die Reglements aller Waffen, die sämtlich, dasjenige für die Infanterie jüngst durch Dienstblätter ergänzt, die Erfahrungen der letzten. Kriege ausnutzen, beweist sofort, daß die Schulung für den modernen Kamps gründlichster Vertiefung bedarf. Geländeausnutzung, Wahl der Kampfesformen, dauerndes Zusammenwirken namentlich von Infanterie und Artillerie auf den Kampfzweck hin, Herantragen des Angriffs an den Gegner unter den verschiedensten Verhältnissen in bedecktem und offenem Gelände, bei eingerahmten und auf den Flügeln kämpfenden Abteilungen, Erkundung des Gegners, der uns in der Entwickelung zuvorgekommen. oder in vorbereiteter Stellung steht, sollen in Fleisch und Blut übergehen, müssen also systematisch anerzogen werden. Dazu ist es erforderlich, daß nicht eine „A n g r i f f s h e tz e" stattfindet, sondern
Femlleton.
(Nachdruck verboten.)
WWWe UMelserstze'muWn im Mre 1910.
Das hat die Astronomie vor allen anderen Wissenschaften voraus, daß sich ihre Erscheinungen mit ebenso großer Sicherheit für die Zukunft berechnen wie in der Vergangenheit zurückverfolgen lassen. Wir können beispielsweise mit gleicher Beftimmtheil Tag, Siunde, ja Minute angeben, zu der sich im Jahre 606» nach Ehr. eine Finsternis ereignen wird, oder zu der sich im Jahre 2000 vor Ehr. eine solche ereignet hat. Eine praktische Bedeutung für die große Allgemeinheit besitzen naturgemäß nur die nahe bevorstehenden Ereignisse, es sei daher hier auf die wichtigsten Himmels- erscheinungen im Jahre 1910 kurz hingewiesen.
In ihrer Jahresbahn gelangt die Erde am 1. Januar um 12 Uhr mittags in Sonnennähe und am 5. Juli um 2 Uhr morgens in Sonnenferne.
Die Jahreszeiten beginnen folgendermaßen: der Frühling am 21. März um 1 Uhr nachmittags, der Sommer am 22. Juni um 9 Uhr vormittags, der Herbst an, 23. September um 11 Uhr nachmittags und der Winter am 22. Dezember um 6 Uhr nachmittags.
Finsternisse ereignen sich im Jahre 1910 vier, und zwar zwei Sonnen- und zwei Mondfinsternisse, von denen jedoch in unserer Gegend nur eine, die letzte Mondfinsternis, sichtbar sein wird. Es sind dies: 1. Totale Sonnenfinsternis am 9. Mai. Anfang der Finsternis um 4 Uhr 39 Minuten vormittags, Ende der Finsternis um 8 Uhr 46 Minuten vormittags. Sichtbar in. Australien, Neu-Guinea, auf den östlichen Sundainseln und im südlichen Teile des Indischen
die einzelnen Phasen des Kampfes die. Dauer der Wirklichkeit erhalten. Diese Rücksichten, und auch deckungsloses Gelände, werden ebenso wie Angriffe aus eine vorbereitete Stellung stellenweise mehrtägige ununterbrochene Kämpfe notwendig machen.
Man wird nicht fehlgreifen, wenn man annimmr. daß die auf den, rechten Weichselufer — man munkelt sogar vom Schlußtage auf einem der ostprenßi- schen Gefechtsfelder — sich abspielenden Manöver des 1. und 17. Armeekorps die Möglichkeit zu einer methodisch langsamen Durchführung der einzelnen Kampsesmomente vollauf bieten werden. Da- bet werden Angriff und Verteidigung alle modernen Hilfsmittel, schwere Artillerie des Feldheeres, lenkbare Luftschiffe, drahtlose Telegraphie in Form von Karren- und festen Funkenstationen, Feldtelegraph, Feldfernsprecher, Drahthindernisse, Scheinwerfer, Kraftwagen zum Nachschub von Verpflegung und Munition, zur Verfügung stehen, so daß die Manöver auf taktischem Gebiet einen besonders wichtigen Abschnitt der deutschen Heeresschulnng bilden dürften.
UolMsche Übersicht.
Deutsch-FvanxSjrsches.
I,. Berlin, 10. Januar.
Ein Pariser Blatt erzählt eine Geschichte aus dem Jahre 1904, wo gelegentlich des internationalen Automobilrenne, ,s im Taunus Prinz Heinrich mit Zustim- mnng des Kaisers den französischen Gästen seinen Gegenbesuch in Frankreich angekündigt haben soll, ohne daß aus der Sache etwas wurde. Und zwar soll dieser Gegenbesuch darum unterblieben sein, weil Herr Det- cassd ihn nicht wollte. „Prinz Heinrich", so schließt das Blatt seine Erzählung, „kam nicht nach Frankreich, aber Kaiser Wilhelm ging nach Tanger." Diese Darstellung findet sich in einer Zeitschrift satirischen Charakters, im „Cri de Paris", und mancher wird schon deshalb geneigt sein, der Erzählung mißtrauisch zu begegnen oder sie überhaupt politisch nicht ernst zu nehmen. Wir unsererseits mechten indessen empfehlen, den Bericht des „Cri de Paris" mit Aufmerksamkeit zu lesen.^ In engeren Kreisen auch bei uns war es seit dem Herbst 1904 bekannt, daß die Teil,, ahme des Prinzen Heinrich an der Automobilwettfahrt in der Auvergne allerdings (wir wollen uns vorsichtig ausdrücken) in eine mögliche Erwägung gezogen worden war. Für die ungewöhnlich exakte Darstellung des genannten Blattes, das die betreffenden Äußerungen in Rede und Gegenrede mitteilen zu können glaubt, wird freilich niemand eine Verantwortung übernehmen können und wollen, aber auf die Einzelheiten kommt es ja gar nicht an, sondern eben auf das wesentliche des Tatbestandes, und der wird wohl richtig wiedergegeben worden sein. Man kann es.glauben, daß der Kaiser unter Umständen vielleicht nichts dagegen einzuwenden gehabt hätte, wenn Prinz Heinrich nach Frankreich gegangen wäre Man kann es namentlich glauben, daß Herrn DeI - c a s s 6 dieser Besuch wenig in seine Politik gepaßt hätte und daß er das Seim ge dazu, tat, um ihn, zu verhindern. Wenn es ferner so dargestellt wird.
Ozeans. Größte Dauer der totalen Versinsterung 4 Mm. 18 Sekunden. —>2. Totale Mondfinsternis am 24. Mai. Anfang der Finsternis um 4 Uhr 47 Minuten vormittags, Ende der Finsternis um 8 Uhr 22 Minuten vormittags. Sichtbar im südwestlichen Europa, in Afrika mit Ausnahme der nordöstlichen Gebiete, im Atlantischen Ozean, in Amerika mit Ausnahme von Alaska, und in der östlichen Hälfte des Stillen Ozeans. Größe der Verfinsterung in Teilen des Monddurchmessers gleich 1.099. Der Mond geht hrer^bercits vor Beginn der Finsternis unter. — 3. Partielle Sonnenfinsternis am 2. November. Anfang der Finsternis um 12 Uhr 51 Minuten vormittags, Ende der Finsternis um 5 Uhr 28 Minuten vormittags. Sichtbar im nordöstlichen Asien, in Japan, auf der Nordwestspitze Amerikas und in der mittleren nördlichen Hälfte des Stillen Ozeans.
4. Totale Mondfinsternis an, 16./17. November. Anfang der Finsternis überhaupt am 16. um 11 Uhr 44.1 Minuten nachmittags, Anfang der totalen Verfinsterung an, 17. um 12 Uhr 55.0 Minuten vormittags (nachts), Mitte der Fuistcr- nis um 1 Uhr 20.9 Minuten, Ende der totalen Verfinsterung um 1 Uhr 46.7 Minuten und Ende der Finsternis überhaupt um 2 Uhr 57.6 Minuten vormittags. Sichtbar ist die Finsternis in fast ganz Asien mit Ausnahme der östlicher gelegenen Gebiete, im Indischen Ozean, in Europa, Afrika, im Atlantischen Ozean und in Amerika. Die Größe der Verfinsterung in Teilen des Monddnrchmessers ist gleich 1.130. Da der Mond kurz nach Beginn der Finsternis seinen höchsten Stand im Süden erreicht (kulminiert) wird der Vorgang bei günstiger Witterung in seinem ganzen Verlaufe zu beobachten sein. Wir fügen hinzu, daß diese Finsternis für länaere Zeit die letzte in unserer Gegend sein wird; denn im Jahre 1911 finden zwar zwei Sonnenfinsternisse
als sei die Reise des Kaisers nach Tanger in eine un- nsittelbare Verbindung mit der vereitetten Prinzenreisc zu bringen, so begibt sich der „Cri de Paris", hiermit allerdings auf ein Gebiet, wo eine Kontrolle nicht mehr stattfinden kann, wo die reine Konjektural- Politik beginnt. Ist deshalb der behauptete Zusammenhang abzulehnen, so könnte andererseits keii. begründeter Widerspruch gegen eine Auffassung erhoben tverden, die sich etwa dahin ausdrücken ließe, daß, falls Herr Telcassd mehr Entgegenkommen gezeigt hätte, die Marokkofrage vielleicht wirklich eine andere Entwicklung angenommen haben würde und von der gefährlichen Zuspitzung frei geblieben wäre, unter der die deutsch-französischen Beziehungen so lange gelitten haben. Die Erzählung des „Cri de Paris", die ja nur einen historisch abgeschlossenen Vorgang betrifft und zu Schlüssen auf Gegenwart und Zukunft nicht weiter einlädt, dünkt dem Leser jedenfalls beachtenswerter als die Betrachtung, die gleichzeitig der „Gil Blas" einen vermeintlichen preußischen Diplomaten über die Aussichten einer Zusammenkunft des Kaisers mit dem Präsidenten Fallidres anstellen läßt. Es ist nicht denkbar, daß dieser ungenannte Diplomat den Kaiser soll haben sagen lassen, ihm scheine Herr Falliöres den Typus des „braven Pommer- schen Bürgers" zu haben, und es ist vollends unmöglich, daß dieser sagenhafte Herr bemerkt haben soll, als Ort einer Zusammenkunft käme Parts in Betracht, wenn inan den Altersunterschied der beiden Staatsoberhäupter berücksichtige, der dem Kaiser schon formell die Pflicht nahelege, sich zu einer etwaigen Zusammenkunft zu begeben, wenn sie erst beschlossen worden sei, Wir erwägen dies zweifellos erfundene Interview des „Gil Blas" nur, weil es nun einmal aus Paris in die deutschen Blätter übergegangen ist, also auf unkundige Leser immerhin einigen Eindruck machen könnte, und sodann erwähnen wir es darum, weil es denn doch ein gewisses Interesse hat, zu sehen, daß sich die Franzosen mit der Frage einer solchen Begegnung überhaupt beschäftigen. Be, uns geschieht das nicht, in Paris aber geschieht es. Hat die Sache praktisch auch nichts auf sich, so braucht es uns gewiß nicht zu mißfallen, daß der im Hintergrund wirksame Gedanke einer Verständigung zwischen beiden Ländern bei unseren Nachbarn immer wieder erwogen wird.
Dev Staat im Dvivatvecht.
Von unserem diplomatischen Mitarbeiter wird uns geschrieben: Ter Fall Hellfcld wird von vielen Seiten so behandelt, als ob er etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes sei, oder als ob zumindest noch niemals ein Großstaat den Versuch gemacht habe, sich seinen privat- rechtlichen Verpflichtungen zu entziehen. Aber dem ist nicht so und es ist vielleicht ganz angebracht, an einzelne dieser Präzedenzfälle zu erinnern. Merkwürdig genug, daß der letzte von ihnen, Union-Krupp, schon vergessen scheint, trotzdem das Verhalten der Washingtoner Regierung in dem Streit um die Panzerplatten- potente ebenso — eigentümlich war. wie jenes der russischen un Falle Hellfeld. Tie Unionsbehörden. genauer gesagt, das Dept. of Commerce and Labour, hoben sich im übrigen z. B. auch nicht gescheut, wertvolle literarische Arbeiten zu bestellen, jahrelang
statt, keine von beiden wird aber in Europa zu sehen sein, und der Mond wird im Jahre 1911 überhaupt nicht von; Erdschatten getroffen.
Von den großen Planeten wird Jupiter in der ganzen ersten Hälfte des Jahres allnächtlich seinen schönen Glanz entfalten und vom Februar an schon den Abcndhimmel schmücken. Venus bleibt bis in den Februar hinein Abendstern und wird bald daraus Morgenstern, als welcher sie am längsten im August sichtbar sein und Ende Oktober wieder verschwinden wird. Mars ist in der ersten Jahreshälfte noch am Abendhimmel kürzere Zeit zu beobachten. Saturn, der sich in den drei ersten Monaten noch am Abendhimmcl zeigt, dann aber in den Sonnenstrahlen verschwindet, taucht Mitte des Jahres wieder am Morgenhimmel auf und bleibt dann stetig länger, im September und Oktober die ganze Nacht hindurch sichtbar. Von Interesse ist eine seltene Planetenkonjunktion in den letzten Oktober- und ersten Novembertagen, die aber leider wegen der Sonnennähe nicht beobachtet werden kann: am 1. November nähert sich der Mond nacheinander den Planeten Mars, Jupiter, Merkur und Venus, am 2. verursacht er eine Sonnenfinsternis, am 23. Oktober haben Venus und Mars, am 27. Merkur und Mars, am 28. Venus und Jupiter, am 30. Merkur und Jupiter, am 3. November Merkur und Venus und am 4. Mars und Jupiter Konjunktionen.
Das Hauptaugenmerk wird ohne Zweifel der Komet Halleh ans sich lenken. Für das bloße Auge wird er voraussichtlich im Februar oder März sichtbar, feine Sonnennähe erreicht er am 19. (oder 23.) April, seine Erdnähe am 19. Mai und die größte Helligkeit entwickelt er ebenfalls im Mai. Am 18. Mai soll sogar die Erde durch den Schweif des Kometen gehen.
