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Nr. 15.

Wiesbaden, Dienstag, 11. Januar 1910.

88. Jahrgang.

Morgen-Ausgabe.

1. ZScatt.

Politische Übersicht.

Herrn n. Schorn «nd seiner Votttik

widmet die konservativeAllg. Ev.-Luth. Kirchenztg." nachstehende^Betrachtung:Die öffentliche Meinung ist pegen den Staatssekretär v. Schoen mit Recht sehr ge­reizt. Einige täppische Versuche in halboffiziösen Korrespondenzen, die Haltung des Auswärtigen Amtes in der Marokkcsrage zu rechtfertigem sind zwar auch jus: am heiligen Abend gemacht worden, weil den Urhebern ihre Bauernschlauheit offenbar sagte, nun könne zwei Tage lang nichts erwidert werden und so niüsse sich denn die offiziöse Darstellung fest eingraben. Tie Presse hat die Darstellung derNeuen Gesellschaftlichen Korre­spondenz" wohl abgedruckt, gibt aber sehr wenig auf ihren Inhalt. Herr v. Schoen bekommt deswegen durch­aus keine bessere Note. Jetzt, wo gerade die Verleihung des Roten Adlerordens erster Klasse amtlich an ihn be­kannt gegeben wird, gehen einige nationale Blätter so­gar soweit, ein entrüstetes Ausrufungszeichen hinter diese Meldung -zu setzen. Das ist natürlich übertrieben. Man sollte doch das Geheimnis der Ordensverleihung allmählich kennen: jeder hohe Staatsbeamte kommt aus sehr natürlichem Wege zu immer höheren Orden und kann sich ihnen höchstens durch Selbstmord entstellen. Ter Rote Adlerorden ist also sicher für Freiherrn ü Schoen gerade fällig gewesen, besonders noch mlt Rücksicht auf den Umstand, daß der Staatssekretär in diesem Jahre das Februarabkommen mit Frankreich ab­geschlossen hat. Gegen dessen Bestimmungen hat ja kein vernünftiger Mensch etwas einzuwenden, wir empfinden es im Gegenteil als angenehme Entlastung in der früher so drückend schwülen Politischen Atmosphäre. Es kommt nur darauf an. daß unsere leitenden Staatsmänner nicht über die Bestimmung des Abkommens hinaus deutsche Positionen preisgeben und den Franzosen weiter entgegenkommen, als sie selbst in ihren kühnsten Träumen erwartet haben. Durch die ganze nachbismärckische Zeit unserer Diplomatie geht ersiäsi- lich ein etwas romantischer Zug, man denkt nicht mehr ar. das alte Wort vorn nationalen Egoismus, sondern treibt eine Politik der Weltbeglückung nach dem Herzen der rührseligsten alten Kosmopoliten. Es gibt weite Kreise, die sich dadurch verblüffen lassen, die Dernburgs istegerpolitik und Schoens Franzosenpolitik für einen Fortschritt gegenüber der Barbarei früherer Jahrzehnte halten. Aber wir sollten nicht vergessen, daß derjenige ärger denn ein Heide" sei, der nicht für seine Hausge-

Femlleton.

Berliner Brief.

, den 9. Januar.

Otto Anthes, dessen DramaDon Juans letztes Abenteuer" im Neuen Theater eine recht gute Auf­nahme fand, ist sicher ein Mensch von feinem Gefühl und besonderen Gedanken. Seine Don-Juan-Variation hat wirk­lich etwas, das alle, die näher oder ferner der Don-Juani- schen Rasie angehörcn, mit Mitleid und Furcht erfüllen kann. Dieser Don Juan verfällt wie seine Ahnen zuletzt der Hölle, aber eine innerliche Hölle ist es: der ewige Genießer, der immer mit der Liebe gespielt, wird, als er den Höhe­punkt des Lebens überschritten, von der Leidenschaft ange­fallen und besessen und geht daran zugrunde.

Das ist ein schicksalsvolles Thema. Casanova ging es als Fünfziger so; er verliebte sich zum erstenmal und unglücklich, das war der Anbeginn seines Sturzes aus glänzender Höhe; von nun an war er ein abgesetzter Günstling der Fortuna, und in dem kleinen böhmischen Dux, wo er auch alsHerr Jakobus Casaneus, ein Venetianer", begraben liegt, führte der Veteran und Pensionär der Liebe ein gro­teskes Schattendasein.

Venedig, dieschöne Stadt, die nie versagt", ist auch das Klima für dieses Drama, oder wie der Dichter gaukelnd spricht:vielleicht sonst eine Stadt, wo es Senatoren gibt und schöne Frauen und Kanäle und Gondeln darauf". Aus solchen Schauplatz siedelt Anthes seine Handlung an. Sein Giovanni, der Fünfundvierzigjährige es ist das Aller von Schnitzlers Herrn von Sala, der immer unbefrie­digte Sucher, ist im Stadium des Überdrusses und der Ruhesehnsucht:es ist elendes fluchbeladenes Handwerk, die Männer ärgern und die Weiber betören". Und gerade da, im kritischen Moment, trifft ihn ein neuer Reiz. Cornelia, die Braut seines Freundes, lockt seinen Erobe­rungswillen noch einmal, und er gewinnt sie.

Nun weiß Anthes als Psychologe die alte Weisheit, die Barbey d'Aurövilly einmal ausgeprägt, daß nämlich dem Don Inan fast noch mehr an dem Besitz der Seele als an dem des Leibes gelegen, der Herren- und Herffchaktstrieb ist

nassen sorge. Ein deutscher 'Staatsmann hat zunächst und vor allem die Pflicht, die ihm anvertrauten deut­schen Interessen auch materieller Art zu schützen. In­wieweit Staatssekretär von schoen das tut. wird sich zeigen, wenn erst in der Budgetkommission des Reichs- taps die Marokko-Frage von neuem aufgerollt wird und dann, unbeengt durch die Öffentlichkeit des Plenums, Rechenschaft über das Techtelmechtel mit der französi­schen Bergwerksgruppe abgelegt werden kann."

*

Freiherr v. Levetzow macht in der konser­vativenDeutschen Tageszeitung" folgende wichtige Be­merkungen:Dobl ist es üblich, im diplomatischen Ver­kehr sich französischer Visitenkarten zu be­dienen. Unbedingt zu verurteilen ist aber die Aus­dehnung der Übersetzungskunst außer aus den Amts­titel aus den Namen selbst, wie es Herr von Schoen ge­tan hat, als er sichBaron de Schoen" nannte, und tote , das mag zu seiner Entschuldigung dienen, deutsche Diplomaten leider häufig tun. Es gibt keinen Baron de Schoen, sondern nur einen Freiherrn von Schoen. Keinem englischen Diplomaten würde es einfallen, statt Lord X. sich Baron de X. oder statt Earl of B. sich Eomte de N- zu nennen. Ich meine, die deutschen Diplo­maten sollten endlich so viel Stolz zeigen, wenn sie glauben, ohne französischen Text nicht auskomnien zu können, wenigstens ihre Namen und die damit ver­bundenen Adelstitel unverändert zu lassen. Um so mehr, als sie sich dadurch von den italienischen und römischen Contis und Principis wie von den neumodischen fran­zösischen Comles eher unterscheiden würden, mit denen sie doch nicht immer gleichgestellt sein möchten . Ich möchte wünschen, daß von der Behörde darauf hinge- wiesen würde, daß eine Übersetzung des Namens weder si n n v o l l noch würdig ist."

Zn dem reichsländrschen Konflikt

schreibt die freikonservativePost":

Es war ja vorauszusehett, daß die Zentrumsblätter den reichsländijchen Bischöfen für ihre ziemlich dreisten Entgegnungen auf das Schreiben des Staatssekretärs Zorn von Bulach Beifall zollen würden, daß dieGer­mania" aber sc weit geht, einen Leitartikel mit der Überschrift zu versehenDer Übergriff^ des Staats­sekretärs von Elsaß-Lothringen" und in dem Artikel selbst von einerunerhörten Entmischung des Staats­sekretärs in die kirchliche Rechtssphäre der beiden Bischöfe" zu sprechen, das beweist, wie den Herren vom Zentrum in letzter Zeit der K am m g e s ch w o l l e r ist, und tote sie ganz genau wissen, daß Zentrum Trumpf ist seit Bülows Rücktritt. Zeigt sich in dem jetzt entbrannten Konflikte des Zentrums mit dem Staatssekretär in Elsaß-Lothringen die Regie­rung schwach, so ist die Herrschaft des Zentrums in

das Bestimmende. Und so veranlaßt er seinen Giovanni zu dem kühnen Spiel, den Verlobten der Cornelia als Zeugen eines der Stelldichein zu rufen, um Cornelia in den Kon­flikt der Wahl zu bringen. Dies Spiel verliert er, Cornelia erwacht aus der Hypnose, stürzt sich büßend zu den Füßen des Bräutigams. Giovanni merkt jetzt, daß er sie wirklich liebt, und daß sie ihm entrissen, und ersticht sich mit einem Dolch, der schon allzu aufdringlich vorgespukt hat.

Ich muß nun sagen, daß mir die Idee des Stückes näher ist als die Handlung, durch die sie hier ausgedrückt wird. Und die Klippe dabei ist vor allem Cornelia.

Anthes teilt diese Figur mehr schematisch als menschlich in eine sinnliche und eine seelische Partie ein.

Und es ist nicht zwingend, daß die Seele die dem Bräutigam gehört hier siegt. Psychologisch ist's, daß ebenso wie man nach Oskar Wildes Wort die Seele durch die Sinne heilen, auch die Seele durch die Sinne erobern kann. Hier steckt Theorie und eine gewisse Schiebung, die eine wahrhaft zwingende Wirkung doch beeinträchtigt.

Christians trat bei dieser Gelegenheit einmal wieder in Berlin aus. Er übertraf das Matz dieser durchschnitt- "»Erstellung, aber es war doch in ihm mehr Routine als Natur.

*

Gar beschaulich und kulturvergnüglich spaziert es sich in der Portraitgalerie des alten Meisters Anton Grass, deskursächsischen Hofmalers", die der Salon Schulte mit größtem Regiegeschick zusammengebracht.

Dieser Zinngictzcrssohn aus Winterthur, hervorgegan- gcn aus bescheiden-einfachen Verhältnissen, die ihm den natürlichen unbestochenen Blick für die Realitäten des Lebens weckten, hat, an den Dresdener Hof berufen, von 1766 bis 1813 eine Fülle zeitgenössischer Bildnisse geschaffen, die von aller Pose und emblematischer Schilderet fern, Men­schen der Epoche in wesentlicher charakteristischer Physio­gnomie geben.

Eine Ständerevue vielseitigster Art stellt sich dar. Repräsentativ, groß in Haltung und Allüre, werden die Männer der Armee von fürstlichem Geblüt festgehalten.

Und dabei sind diese Junker und Offiziere oft sehen sie stolz und un "rieben aus, der bffehlshabcrische Chevalier de Saxe, der Fürst Reuß. Heinrich XIII. in össer-

Deutschland wieder befestigt und die an und für sich schon lose gewordene Bande, die das Reichsland an das Reich knüpfen, werden noch mehr gelockert. Die bei manchem unserer Diplomaten leider zu sehr beliebte Beschwichtigungspolitik kann und wird in diesem Falle nur als Schwäche ausgelegt werden.

Tie klerikaleG e r m a n i a" ist sehr unzufrieden damit, daß dieKreuzzeitung" es gewagt hat, be­scheiden zu dem Konflikt Stellung zu nehmen und zu erklären, daß die offenen Briefe der Bischöfe der Richtig­stellung bedürfen. Spitz fragt sie:

Wieso dennRichtigstellung"? Haben nicht um­gekehrt die Bischöfe die irrigen Auffassungen und fal­schen Voraussetzungen des Staatssekretärs Zorn von Bulach ihrerseits richtiggestellt? Für den Staats­sekretär lag danach nicht der geringste Grund zu seiner Einmischung bezw. zu seinem Übergriff in die kirchliche oberhirtliche Tätigkeit der Bischöfe vor."

Wie gelegen derGerm." der ganze Kompetenz» konflikt kommt, zeigt ein weiterer Artikel des Zentrums­blattes, in dem der Nachweis gebracht wird, daß wir schon mitten im Kulturkampf stehen. Mit welchen Tat­sachen dieGerm." ihre Behauptung erhärtet, mögen folgende Sätze zeigen:

Man nimmt sofort Massenabsetzungen der geist- sichen Ortsschulinspektoren vor. Um die Tragwette dieses Schrittes zu erkennen, muß man sich daran er­innern, was Windthorst noch vor .22, Jahren als Ziel der Schulpolitik hingestellt hat. In Berlin will man den ch r i st - k a t h o l i s ch e n Gruß in rein katholischen Volksschulen verbieten, die Muttergottes- Statue muß aus katholischen Schulen verschwin­den, und nicht mehr dürfen unsere Kinder Blumen zum Schmuck derselben bringen . . . Wenn. katholische Beamte und Lehrer in Kattowitz nicht einen A n - Hänger des v e r k o mm enett Anarchi st en undRevolntionärs Ferrer wählen, dann werden sie gemaßregelt. . . . Keine Einrichtung der Kirche ist mehr heilig; sie wird heruntergerissen. Klerus, -Orden, Zölibat Bischöfe, Papst, Bußsakrament usw- müssen jeden Tage Spießruten lausen, werden von In d e n s p r ö ß l i n g e n und Apostaten mit Schmutz beworfen."

Und so gehl es mit Grazie weiter.

KnLirsattsgake« im Alilrtärctat.

In derKieler Tagespost" übt ein höherer Offizier Kritik am Militäretat und weist auf folgende Luxus­ausgaben hin. die in diesem Etat immer wieder erscheinen:

Die Offiziers des ersten Garde-Regiments zu Fuß und des Regiments der Gardednkorps beziehen eilt höheres Gehalt, die Unteroffiziere und Mann-

reichischer Uniform, nie leere prunkende Schaustücke, sondern sie geben in Erscheinung und Ausdruck frappant den Typus und das individuelle sprechende Merkmal dazu. Und vor allem: sie sind gemalt, sie sind als farbige Erscheinung aus­gefaßt und ausgebaut. Fast in noch höherem Grade gilt das von den Portraiten vornehmer Frauen. Und da leuch­tet das stattliche Bildnis der Herzogin Philippine Charlotte von Braunschweig-Wolfenbüttel. 'Im roten Kleid mit rauchdunklem Pelzwerk sitzt sie im Lehnstuhl, das distinguierte alte Damengesicht mit den feinen Fältchen lebendig dem Beschauer zugewandt.

Die führenden Geister seiner Zeit hat Grass verewigt, und wie er innerliches Wesen sichtlich zu machen wußte, zeigt da? geistig erhellte Abbild des Prinzen Heinrich, des Schloßherrn von Rheinsberg mit dem Fritzen-Auge.

Dieser Teil des Grafischen Werkes ist wie ein Bilder­atlas zur Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts, vor allem für die Lessing-Periode. Da erscheinen sie alle, leib­haftig, ohne Pose aus der alltäglichen Existenz herausgc- grisfen: Johann Jakob Bodmer als zahnloses Wackelgreis- chen; der milde Gellert; der kraftgenialische Apostel des Sturiil und Drangs Christian Kaufmann; Engel, der klüg- liche Philosoph für die Welt; Moses Mendelssohn patri­archalisch; Rabcner, der Satiriker, mit dem schaffäugenden Blick; Ramler, der Sänger der Römeroden in der Mark.

Und die Frauen aus diesem geistigen Klima fehlen nicht. Und sie werden angeführt durch Gräfin Charlotte Elisa von der Recke, die nach unglücklicher Ehe sich zur schönen Seele und Geistesfreundin gefühlvoller und keuscher junger Poeten ausbildete. Diehohe Elise" nannte man sic, und ihr dichterischer Page war zuletzt Tiedge, der seraphi­sche Dichter der Urania. Er sagte von seiner ersten Begeg­nung mit ihr errötend: sie habe ein Gewand getragen, das er deutsch nicht nennen könne, jenseits des Rheins heiße man es Chemise.

In diesem ä la mocks-Kleid ist die hohe Elise hier dar­gestellt, weiß, spitzenbesetzt, unter der Brust hoch mit blauem Band gegürtet.

Auf einer dritten Bühne gibt es dann allerlei Klein- bürgerlichkeiten. Gevatter Schneider und Handschuhmacher, Kotzebue- und Jfflandtypen,Herr Eule" undFrau Apel", ehr- und lobesame Krämermeister, die im schweifigm