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Nr. 7.

Morgen - Ausgabe.

_1. Matt.

Aürüstung?

Das große Weihnachtsthema der Abrüstung unter­richt Friedrich Naumann in der neuenHilfe" einer kritischen Betrachtung. Er erinnert an die zwischen Deutschland und England über das Abrüstungsproblem fett Jahren schwebenden Verhandlungen und bedauerr daß die D i p l o m a t i e in all ihrer Erhabenheit die ganze Sache für sich macht, ohne der Volksvertre­tung auch nur den geringsten Einfluß zu gestatten. Wird der Reichskanzler auch manchmal gefragt, was denn an all den Gerüchten dran fei, dann hüllt er sich bedeutngsvoll in den Schleier des Staatsgeheimnisses. Eine englisch-deutsche Abmachung irgend welcher Arr würde nach Naumann ein völlig neuer Kurs sein.

Das deutsche Reich", führt er aus,steht vor einer Schicksalsfrage, vor der Frage, ob es das Gegenspiel gegen die e r st e Weltmacht sort- setzen oder ausaeben soll. Bisher ist die Regierungszeil Kaiser Wilhelms II. angefüllt gewesen von der Rüstung gegen England. Ohne diesen Gedanken war die Flottenagitation unmöglich. Sicherlich hat niemand in Verantwortlicher Stellung je an einen Angriffskrieg ge­dacht, aber es wurde für unausbleiblich gehalten, daß irgendwann in näherer oder fernerer Zukunft die Spannung zwischen der Führerin des ersten Staaien- syndikais (England) und der Führerin des zweiten Staatensyndikats (Deutschland) so groß werden mußte daß ganz von selber irgendwo die Kanonen losgehen. Unsere Regierung hat in dieser Lage sachlich das Richtige getan, nämlich gerüstet und dabei ängstlich den Frieden gewahrt. Selbst wenn wir nicht sehr daran glaubten, daß wir beim Weltkrieg siegen würden, so hielten wir es einfach für unsere Pflicht, uns nicht ohne Anspannung aller Kräfte dem Sieger zu ergeben. Das ist auch unter keinen Umständen falsch gewesen, denn selbst, wenn heute eine Abrüstungsabmachung erfolgt, so rst unsere Kontingentierung, unser Anteil eüi anderer, nachdem wir so starke Opfer für die deutsche Flotte gebracht haben. Diese deutsche Rüstungspolitik hatte sowohl im Volk wie iu der Volksvertretung eine sichere Mehrheit. Im Grunde haben nur die -Sozialdemokra­ten die Richtigkeit dieser Haltung grundsätzlich ver­neint. Wenn also jetzt von der Flotte Abstriche ge­macht werden sollen, so müssen die Gründe anderswo liegen. als in den inner-deutschen Parteiverhältnissen.

Deutschland selbst ist nicht schwächer geworden als es war. Unser Bundesgenosse Österreich hat im vergangenen Jahr merkbare Proben politischer Tüchtig­keit abgelegt. Die Landheerverhältnisse Europas sind noch immer so, daß wir uns nicht zu fürchten brauchen. Aber darüber hinaus, sind wir außerstande, mit den vorhandenen Machtmitteln etwas zu erreichen. Wir sind nicht imstande, die schwächeren Mitglieder unseres politischen Syndikates an ihren gefährdeten Außenseiten erfolgreich zu schützen. Das ist der schmerzlichste Punkt unserer deutsch-mohammedanischen Politik. Wir haben dem Sultan von Marokko nicht helfen können und wer-

Femürton.

Lin fttuiiöfifijtr Mm m Heere des MM.

Nach zweijähriger Abwesenheit in Japan ist der fran­zösische Hauptmann Duval wieder in seinem Heimatland etngetrossrn; im Auftrag der französischen Regierung und mit Genehmigung des Mikado hat er zwei Jahre lang im japanischen Heere Osfiziersdienst verrichtet, um die innere Organisation und das Wesen jener Armee zu studieren, die ans den Schlachtfeldern m der Mandschurei blutige Lor­beeren und die überraschte Bewunderung Europas errungen hat. Hauptmann Duval, der ein Jahr lang in Kioto und ein Jahr in Ragoya in Garnison stand, hat dem Chef­redakteur desäliaän", Stephane Lauzanne, seine Eindrücke und Erfahrungen in fesselnder Weise geschildert.Bor allem ist es eine Eigenschaft, die im japanischen Offiziere alle anderen Liber tönt: das Pflichtgefühl. Der Offizier ist mehr als militärischer Lehrer; er erfüllt seinen Beruf mit einer Art leidenschaftlicher Hingabe, die für europäische Be­griffe an Fanatismus grenzt: er ist ein kriegerischer Mönch. Ihn erfüllt der Glaube, eine Aufgabe zu erfüllen zu haben . .

Wenn der ungeschlachte, unwissende Bauer in die Kaserne kommt, so umgibt er ihn mit einer Fürsorge, wie ein Erzieher sie für ein kleines Kind aufbringt. Ehe er das Handwerk der Waffen lehrt, macht er den Zögling mit der Zivilisation vertraut; er zeigt ihm, wie man eine Türklinke öffnet, w-e man sich in ein Bett legt, wie man sich an einen Lisch setzt. Später, auf dem Exerzierplatz, zeigt der japanische Offizier für alle Versehen und Ungeschicklichkeiten der Re­kruten eine Geduld und eine Liebenswürdigkeit, die kaum noch glaublich sind. Er bestraft nicht den Mann, der sich

Wiesbaden, Donnerstag, 6. Januar 1910.

den wohl der Türkei im Ernstfälle auch nicht helfen können. Was haben wir in der Hand, wenn England sich mit Rußland über die Kontrollierung der astatischen Türkei verständigt? Unsere Position ist als Verteidi- aungsposition sehr gut, aber darüber hinaus sind unsere Arme zu kurz. Das etwa ist der, Ertrag der letzten Periode. Wir haben mit politischer Unter* biIanz gearbeitet. Vielleicht wäre das bei einer hochbegabten Staatsleitung zu vermeiden gewesen, denn eine solche hätte eine andere Gruppierung der Mächte herbeigeführt, aber schließlich hilft es jetzt nichts, vor aller Welt über die Fehler zu klagen, die der Kaiser machte und die Bülow duldete.

Naumann kommt in seiner Betrachtung zu dem Ergebnis:

Wahrscheinlich hättzp Deutschland besser getan, zeitiger auf die englischen Abrüstungsvorschläge einzugehen. ^Unsere Regierung hielt sich für klug, in­dem sie die Sache verschleppte. Gewonnen ist aber, wie heute offen zutage liegt, damit gar^ nichts. Die _ Ab­rüstung wird uns immer teurer, je länger sie verzögert wird. Wir haben nur ein entweder oder: entweder totr wagen den Kamps des kleineren staatenbundes gegen den größeren oder wir verzichten auf ihn. Im ersteren Falle müssen wir alle unsere Rüstungen fortsetzen und womöglich steigern, im zweiten Fall können wir uns eine gewisse Pause gönnen, da wir ja doch nicht Vor­haben, unsere Macht zu verwenden. Die deutsche Reichsregierung will den Kampf vorläufig aufgeben. Das ist ein harter Entschluß, aber wenn wir regierende Personen und Weltlage ins Auge fassen, so mag es wohl richtig sein.

In Deutschland findet sich eine große Mehrheit der Bevölkerung, die den Frieden mit England will, selbst wenn er mit gewissen politischen Zuge- st ä n d n i s s e n erkauft werden muß. Manche gehören zu dieser Mehrheit, weil sie überhaupt unpolitisch sind und keinen Sinn für die Nation haben, andere, weil ihnen die Ungestörtheit unserer wirtschaftlichen Entwickelung wichtiger erscheint als die aktive Teilnahme an der M e nsch h ei t s r e g i eru n g. Diese letzteren werden wohl den Ausschlag geben. Sie sollen sich aber sehr überlegen, daß es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen, wenn nicht aus dem Aufgeben politischer Macht auch wirtschaft­licher Schaden kommen soll. Vorläufig wird nie­mand ein letztes Wort sagen wollen, ehe wir nicht noch Genaueres erfahren haben, es scheint aber Pflicht, der Öffentlichkeit den E r n st der bevorstehenden nationalen Entscheidung nicht zu verschleiern, wie es durch etliche offiziöse Kundgebungen versucht wird."

MxtM iraü AuOmmM Im Jahre 1909.

Das Jahr 1909 steht in der Geschichte der Streik­bewegung deshalb ziemlich bemerkenswert da. als not!} selten ein Jahr der wirtschaftlichen Erholung eine der­artige Zunahme der Streikbewegung gebracht hat wn eben das Jahr 1609. Diese Erscheinung beruht zu einem großen Teil auf der Gestaltung der Lebens- mittelpreise. Wenn in einem Jahre, in dem die wirt­schaftliche Konjunktur nur gerade erst anfängt, wieder

irrt, er ist stets nachsichtig für das, was man ein körperliches Versehen nennen könnte; aber er ist unerbittlich gegen das, was er einen Fehler der G-stnnung nennt. Er ist unerbitt­lich gegen den geringsten Verstoß wider di: Lebensregeln des imterat Dienstes. Und was er vom Soldaten verlangt, das erfüllt er selbst in noch höherem Maße.

^ Jeder japanische Offizier betritt morgens um 8 Uhr die Kaserne, und er verläßt sie erst nachmittags um 4 Uhr wenn der Dienst ihn nicht früher verlangt und später ent­läßt. Den ganzen Tag über steht er im unmittelbaren Kon- talt mit den Soldaten, teilt ihr Leben, ihre Zimmer und jede Arbeit. Im Manöver wird man keinen Ob.rst finden, der auch nur auf Augenblicke das Biwak verläßt; nachts, wenn alle schlafen, sitzt er noch beim Windlichte und schreibt seinen Bericht." In Nagoya war Hauptmann Duval einer Infanterie-Brigade zugetcikt, die im mandschurischen Kr ege sich besonders ausgezeichnet und furchtbare Verluste erlitten hatte. Das eine Regiment hatte 53 Offiziere verloren, nur ein einziger war in der Schlacht unverwundet geblieben. In einer einzigen Nacht verlor das eine Regiment 700 Mann.

Dem französischen Kameraden gab ein japanischer Offi­zier eine packende Schilderung des modernen Krieges.Auf dem modernen Schlachtfeld gibt es ein furchtbares Gefühl, das Gefühl völlig.r Einsamkeit. Der Tod überfällt einen, ohne daß man ihn sieht. Ein einziges Mal im ganzen Kriege haben wir die Kanonen des Gegners gesehen: das war in der ersten Schlacht. Von da ab töteten wir, ohne zu wissen, ob und wen wir trafen, und wir fielen, ohne zu wissen, von wo die Kugel kam. Wehe dem, der sich in der Schlacht ans einer anschein nd leeren Ebene sehen läßt: auf der Stelle rafft ihn ein Feuerregcn hinweg. Alles, was man heute im Kriege sehen kann, ist dos Todes. Aber man kämpft mit dem Unsichtbaren. man kämpft mit Schatten. So

88. Jahrgang.

ein wenig besser zu werden, die Lebensmittel- und auch verschiedene andere Warenpreise derart empfindlich in die Höhe gehen wie im Jahre 1909, so ist es nur zu erklärlich, daß einerseits die Arbeiter auf eine Besserung der Lohnverhältnisse drängen, andererseits aber auch die Arbeitgeber im Hinblick auf die. eben überwundene Krise und die Erhöhung der Rohmaterialpreise sich gegen Lohnerhöhungen zu sträuben suchen. Die Ver­teuerung des Nahrungsmittelaufwandes trifft außer­dem zum Teil auch die Arbeitgeber selbst, denn es gibt neben den großen Betrieben immerhin noch eine ganze Masse kleiner Arbeitgeber, für die die Steigerung der Lebensmittelpreise ebenfalls recht empfindlich ins Ge­wicht fällt und sie zur Sparsamkeit in den Betriebs­ausgaben zwingr. Ans einen wie großen Kreis von Arbeitgebern dies zutrisst und ob dieses Motiv zur Ab­lehnung von Lohnforderungen überhaupt berechtigt ist, soll und kann hier nicht entschieden werden; es soll nur darauf hingewiesen werden, welche Vorgänge im Wirt­schaftsleben die Streikbewegung ganz unerwartet wieder haben anschwellen lassen. Kaum ins Gewicht fallen als Erklärung für die stärkere Streikbewegung dürfte der Hinweis auf den zunehmenden Ausbau der Organisa­tionen der Arbeitgeber und Arbeiter, denn sowohl bet den Arbeitgebern als auch bei den Arbeitern'hat dieser Ausbau in der Zeit von Ende 1907 bis Mitte 1909 eher Rückschritte als Fortschritte gemacht. Mmr^kann auch Wohl kaum behaupten, daß eine sogenannte streik - oder Aussperrungslust bestanden habe, denn nach den letzten schlechten Jahren lag weder den Arbeitgebern noch den Arbeitern daran, die Arbeit ohne Not schon wieder zu unterbrechen. Es ist somit die Annahme ziemlich wahrscheinlich, daß die Aufwärtsbewegung der Warenpreise das Anwachsen der Streikbewegung her- vorgerusen hat. Einige wenige Gewerbe ragen im Jahre 1909 bereits mit großen Streiks hervor: es sind dies hauptsächlich der Bergbau, das Holz-, Bau- und Bekleidungsgewerbe. Ten Anfang machte erst zaghaft das Bekleidungsgewerbe: im März erfolgte in Berlin die Arbeitseinstellung von zirka 1000 Kostümschneidern und -schneidermnen. Er folgte gleich daraus das Holz- aewerbe; der Monat Mai brachte eine Aussperrung von 4000 ebenfalls in Berlin beschäftigten Holzarbeitern. Einen Monat später entbrannte ein heftiger Konflikt im Hamburger Baugewerbe, der bald zur Aussperrung führte und in deren Verlaufe 8000 Bauarbeiter teils Maurer, teils Zimmerer, teils andere Bauarbeiter tn Mitleidenschaft zog. Der folgende Monat brachte einen neuen Arbeiiskampf, der ebenfalls das Bau­gewerbe betraf; im oberschlesischeu Jndusiriebezirk wur­den zirka 5900 Bauarbeiter ausgesvcrrt. Im Septem­ber gab es rm Holzgewerbe noch einmal einen größeren Konflikt, und zwar in Süddeutschland; doch waren es schließlich nur 800 Arbeiter, die bei dieser Aussperrung in Betracht kamen. Das Zehnfache dieser Anzahl zog der Bergarbeiterstreik im Mansfelder Revier in Mit­leidenschaft, der im Oktober entstand und 8000 Berg- irbetter feiern ließ. Ein zweiter Streik, allerdings nicht von gleicher Bedeutung, hatte das Nahrungs- mittelgewerbe zum Schauplatz: im Oktober stellten in der Tangermünder Zuckerraffinerie zirka 2000 Arbeiter die Arbeit ein. Unter den angeführten Arbeitskämpsen steht das Baugewerbe an erster Stelle. Aber nicht

furchtbar ist die Nervenspannung in diesem Zweikampf, daß man sich nie daran gewöhnt; in der letzten Schlacht ist man Weniger lriegsgewohnt ats in der ersten."

Auf die Frage, welchen militärischen Eigenschaften in erster Linie der kriegerische Erfolg Japans znzuschrciben sei. antworteten die japanischen Offiziere:Unserer Geduld, der Ausdauer; der Mann, der heule im Kriege 16 Stunden aus- halten kann, steht über dem, der nur 14 erträgt. Und wir können lange ausdauern. Unsere Soldaten wissen ganze Tage in einem Schützengraben znzubringcn, in glühender H tze, bei verzehrendem Durst. Sie können eine Woche lang im feindlichen Feuer liegen und am Tage nur um sechzig Meter sich vorwärts arbeiten. Man hat viel von dem japanischen Zorn gesprochen und von unseren wilden Attacken. Gewiß, wir haben fast alle unsere Schlachten mit dem Bajonett zu Ende gebracht, aber gewonnen haben wir sie durch die Ausdauer in all den;, was diesem kurzen Augen­blick voranging, gewonnen haben wir sie durch die Geduld, mit der wir ansharrten bis zur Stunde des letzten Angriffs. Sich beim Angriff töten zu lassen, ist nichts. Im Schützen­graben ausharr n zu können, das ist alles." Diese Ausdauer, diese Langsamkeit im Angriffe ist unverletzliche Regel der japanischen Kriegskunst geworden. Die letzte Phase der großen japanischen Manöver währt meist 5 bis 6 Tage; aber meist verstreichen drei Tage, bis die Gegner endgültig Fühlung nehmen.Es geht nichts über die Vorsicht", so urteilt Hauptmann Duval,mit der ein, japanischer Oberst sein Regim nt auf dem Marsche führt. So bald er dem Gegner näher kommt, ist seine größte Fürsorge die Anlage von Deckungen und Befestigungen. Die Schützengräben, die bei den Manövern ausgehoben werden, die Befestigungen, die man errichtet, entsprechen genau dem, was der Ernstfall fordern könnte."