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Nr. 5.
Wiesbaden, Mittwoch, 5. Januar 1910.
58. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Mcrtt.
Deutschland und Rußland.
Noch ziemlich frisch in aller Erinnerung dürfte der deutsch-russische Zwischenfall in C h arb i n sein und schon wieder hatte man über Differenzen zu berichten, die cm sich zwar rein privatrechtlicher Natur sind, aber doch auf das diplomatische und politische Gebiet hinüberspielen. So ganz klar ist ja die Angelegenheit des Herrn v. Hellfeld nicht, immerhin aber darf angenommen werden, daß nicht ohne guten Grund das deutsche Gericht in Kiautschon zu seinen Gunsten gegen den russischen Fiskus entschieden hatte, und nicht minder auffällig ist es, Latz die russische Regierung mit einem- mal erst sich ins Zeug legt, als ihre Gelder mit Beschlag belegt werden, nachdem man gegen das erste Urteil nichts unternommen hatte. Obwohl es sich lediglich um eine Rechtsfrage handelt, hat man von Petersburg aus die Intervention des deutschen Auswärtigen Amtes angerufen, dieses mutzte sich aber, da ein Eingreifen gesetzlich unzulässig ist, damit begnügen, die Angelegenheit dem Gerichtshof für K o m p e t e n z k o n s l.i k t e zu überweisen. Daß Staatsgelder in einem anderen Lande beschlagnahmt werden, ist zwar eine Seltenheit, an sich aber nichts Neues, und der russische Grundsatz, daß fremdes Staatseigentum unantastbar sei, ist keineswegs stichhaltig. Allerdings ist es sogar bei uns in Deutschland vorgekommen, daß die Beschlagnahme von Staatsgeldern zum Teil aus politischen Gründen wieder aufgehoben wurde, nämlich als auf Antrag von Gläubigern rumänische Staatsgelder in Berlin beschlagnahmt waren; aber hier lag die Sache doch etwas anders, als in dem augenblicklich im Vordergründe des Interesses stehenden russischen Falle. Jedenfalls wird die Angelegenheit den einzig zulässigen Rechtsweg nehmen und man wird sich bei dem Urteil beruhigen können. Es ist nicht uninteressant, daß die russische Regierung für ihren Teil die Sache einem Schiedsgericht überweisen oder sich auf gütlichem Wege mü Herrn _ v. Hellfeld einigen möchte. Bezeichnend für die Situation ist aber bie Haltung der ru ssischen Pres s e. Schon der Zwischenfall von Charbin mußte den Stoff für eine kräftige Deutschen Hetze hergeben, und nun, wo sich der verhaßte „Njemetsch" erd reistet, russische Staatsfonds mit Beschlag zu belegen, speien die meisten russischen Blätter Gift und Galle, obwohl sie wahrlich keine Veranlassung dazu haben, denn es ist vollkommen klar, daß der russische Staat bei Herrn v. Hellfeld eine rechtsgültige Bestellung aufgegeben hatte, über die Bezahlung ab lehnte, weil inzwischen Waffenstillstand eingetreten war. Ohne auf diesen Sach- oerhalt einzugehen, ergreift man zu wüsten Schimpfereien gegen Deutschland das Wort, obwohl es sich um eine vollständig unpolitische Frage handelt, bei welcher die Reichsregierung überhaupt nicht in Frage kommt. „Macht nichts, der Jude wird verbrannt." Diese Tendenz der russischen Presse beweist zur Genüge, wie man bei unseren östlichen Nachbarn über uns denkt. Gewiß stoßen die offiziellen
Feuilleton.
Aus Kunst und Leben.
6. X. Die Tragödie der dänischen Potarexprdition wird in der Erimrerung von neuem wachgerufen durch die Gemälde des dänischen'Malers Aare Bertelsen, die in den nächsten Tagen in London in der Royal Geographica! Zociety ausgestellt werden. Die Bilder sind von besonderem Interesse, weil sie zunr erstenmal die menschenfremde Schönheit der arktischen Einöde mit ihren gewaltigen Lichtphänomenen in künstlerischer Fassung wiedergcbcn. Bertelsen hat an der unglücklichen Expedition der „Dänemark" teil- gmommen. die ausgesandt war, um sestzustellcn, ob Grönland eine Insel ist, und die zugleich die Dokumente einholen sollte, die Peary bei seiner grönländischen Expedition in der nördlichen Eisregion deponiert hatte. Beide Ziele wurden erreicht, aber sie forderten zahlreiche Menschenleben und die Überwindung furchtbarer Leiden. Vom Winterlager wurden zwei Schlittcnexpeditionen ausgerüstet; die erste hatte das Unglück, auf einem großen Eisfelde vom Festland ab und ins Meer Hinausgetrieben zu werden; die zweite, an der Bertelsen teilnahm, war glücklicher: nach qualvollen Entbehrungen gelang es ihnen schließlich doch, zum Winterlager zurückznfindcn. Erst hier erfuhren sie, daß von der anderen Abteilung jede Nachricht fehlte. Eine Reihe von Rettungsexpeditionen wurde ansgesandt, aber erst mehrere Monate später fand man zwischen Eisblöcken den Leichnam stnes Eskimos, der zwischen der erstarrten Rechten noch ein Tagebuch hielt. Es war in Eskimosprache geschrieben und lab in seiner lakonischen Knappheit ein erschütterndes Bild
Stellen nicht in dieses Horn, aber Tatsache ist, daß in hohen und einflußreichen Kreisen an der Newa Deutschland gegenüber ziemliche Kühle herrscht und es liegt auf der Hand, daß eine derartige Stimmung nicht ganz ohne Einwirkung auf die Gestaltung der Politik bleiben kann. Verschiedene russische Blätter haben Deutschland in der Hellfeld-Affäre dringend Entgegenkommen angeraten, da andernfalls Rußland in der Lage wäre, seine Depots in Höhe von 800 Millionen aus Deutschland zurückzuziehen und damit eine schwere Krisis herbeizuführen. Auch müsse Deutschland sich Mäßigung auserlegen, weil sonst die Verhandlungen wegen einiger Z o l l e r l e i ch t e r u n g e n eingestellt werden könnten. Derartige Drohungen können uns kalt lassen, denn Rußland ist weit mehr auf den deutschen Markt angewiesen, wie umgekehrt, und an den verantwortlichen Stellen würde man es sich doppelt und dreifach überlegen, ehe man zu entscheidenden Maßnahmen griffe, zu welchen absolut keine Veranlassung vorliegt. Die augenblickliche Angelegenheit wird ihren j u r i st i - s ch e n Weg nehmen und man wird sich bei dem Urteil beruhigen können, wie dieses auch ausfallen mag. Jedenfalls aber sind die bei dieser Gelegenheit wieder zutage getretenen Begleiterscheinungen ein S y m p t o m, dem eine gewisse politische Bedeutung nicht abzusprcchen ist.
UMtrschs Aberficht.
Die Wirkung de» Schriüpsbsykotls.
Der Schnapsboykott-Beschluß des Leipziger Parteitages der Sozialdemokratie hat in der bürgerlichen Presse durchweg eine äußerst sympathische Aufnahme gesunden. Wenn auch sein Hauptmotiv (er richtete sich bekanntlich gegen Regierung und Agrarier) se nach der engeren Parteistellung der Blätter verschieden beurteilt wurde, so stimmte man ihm doch inhaltlich, materiell zu. Vielleicht schoß er übers Ziel, aber wie nichts so heiß gegessen wird, wie. es gekocht wirb, so konnte inan Voraussagen, daß nicht aller Schnaps ungetrunken bleiben werde, vor dem die sozialdemokratische Parteipresse warnte. Ob die Parteimitglieder oder Wähler den Beschluß auch in die Tat umsetzen würden, das aber war der große Zweifel. Heute kann man mit Bestimmtheit erkennen, daß der .Beschluß „wirkungslos" geblieben ist, wie skeptische Gemüter in- und außerhalb der Sozialdemokratie vermuteten, daß aber die Wirkung eine ganz andere gewesen ist als die beabsichtigte. Sie besteht in Zank und Stank. Der Parteivorstand sieht sich veranlaßt, die Parteigenossen dringend vor Denunziationen und Schnüffeleien zu warnen. Dazu bemerkt der Leitartikelschreiber der „Neuen Zeit": „Aus interne Vorgänge will ich mich nicht einlassen, wenn der Pariet- vorstand, der sich ja gewiß nicht übereilt, derart warnt, so wird er Wohl seine triftigen Gründe haben." Daß der „Vorwärts" die Begeisterung der Abstinenten über den „großen Schritt nach vorwärts" konstatiert hat, rusi den lebhaften Unvillen der „Neuen Zeit" hervor. Das Dortmunder Sczialistenblatt hat ein mildes Vorgeyen gegen die Übertreter des Beschlusses empfohlen, jedoch- hinzugefügt, daß, wer öen Leipziger Beschluß konsequent unbeachtet lasse, von Vertrauensposten in
von dem Leiden und Sterben seiner Gefährten. Es ist vielleicht das tragischste Dokument aus der Geschichte der arktischen Forschung; die letzten Zeilen hatte der Eskimo mit seinem Blute geschrieben. Bertelsens Bilder sind in einer Breite von 83 Grad entstanden; die Kälte zwang den Maler, den Farben Benzin bcizumengen, um ihr Gefrieren zu verhindern.
0. X. Die Proben im Hühnerstall. Aus Paris wird uns berichtet: Rostands berühmter „Chantecler" wird nun endgültig in den ersten Februarwochen die langerwartete Uraufführung erleben. Die Proben des vierten Aktes haben noch nicht begonnen, aber sür die drei ersten Akte ist die Inszenierung bereits fertig gestellt. Wenn der Vorhang ausgeht, sieht man den. Hof eines Gutes vor sich. In der Mitte des Hintergrundes dominiert ein imposanter Düngerhaufen, auf dem Guitry als Chantecler zuerst erscheinen wird. Hinter dem Düngerhansen steht ein Karren, dessen Deichsel hoch in die Lust ragt, dahinter gewahrt man einen Teil des Heuschobers. Zur Rechten sieht man die Hllhner- stange, auf der die Hennen nach bestem Können balancieren werden. Zur Linken, an den Karren angelehnt, verschönt eine riesige Mistgabel das Bild, die, nach Chanteclcrs Ausspruch, „von frischem Heudnft träumt". Daneben liegen ein Holzpantoffel, der fast einen Meter lang ist, und einige große Kegel; denn alle Gegenstände müssen in ihren Dimensionen auf Chantecler abgestimmt werden, und Guitry ist kein kleiner Mann. Der zweite Akt spielt in einem Winkel des Gartens mit dem Blick auf ein im Hintergrund sich öffnendes Tal. Das Bühnenbild des dritten Aktes bringt dann einen Obstgarten mit riesigen Obstbäumen, Gesträuch und buntleuchtenden Riesenmelonen. Genau in der Mitte der Bühne ifi ein großer Waffcrtümvel eingerichtet, neben dem der
der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung ausgeschlossen werden solle. Das klingt vernünftig, aber Herr Mehring wendet ein: „Das ist Klassenjustiz, die, wenn sie in die Partei eindränge, sie innerlich zerrütten müßte." Und er fügt hinzu: „Die Gleichheit
vor dem Gesetz wäre erst hergestellt, wenn auch über Oie mannigfachen Nervenreizmittel der bessergestellten Parteimitglieder. Bier, Kaffee, Tee, Tabak, die ja auch „Gifte" und zum Teil selbst auch alkoholische Gifte sind und deren Konsum ebenfalls die reaktionäre Wirtschaft stärkt, ebenso der Boykott verhängt wäre w:e über den Schnaps." Mehring hatte früher die strikten Anhänger des Leipziger Beschlusses eines falschen „Radikalismus" beschuldigt; jetzt verschärft er den Vorwurf und nenn! sie „Sektenfanatiker". Die von dem Breslauer Partciblatt auf Grund „statistischer" Forschungen ansgestellte Behauptung, daß bereits im Monat Oktober die Schnapserzeugung (wohlgemerkt: die Schnapserzeugung. nicht der Schnapsverbrauch) um 40 Prozent abgenommen habe, wird allgemein belächelt, und für Westfalen wagt man eine Abnahme des Schnapsgenusses nicht einmal zu behaupten. Mit ver Fähigkeit der Sozialdemokratie zu p oft ttven Lei st ungen sieht es hiernach noch recht übel aus.
Zum paritätische» Arveitsaachmeis.
Aus einem Artikel der „Neuen Zeit" geht hervor, daß die freien Gewerkschaften der Arbeiter auf ihre eigenen Arbeitsnachweise zugunsten der paritätischen zu verzichten gewillt sind, wie ihnen denn überhaupt an den eigenen Arbeitsnachweisen nicht mehr so viel zu liegen scheint. Tie Forderung der paritätischen Arbeitsnachweise hat ja anscheinend jetzt einige Aussicht auf gesetzgeberische Verwirklichung. Es wird sich aber doch fragen, ob ihre Benutzung sür die Arbeitgeber obligatorisch gemacht werden kann. Ter Zechenverband würde gewiß fernen Zentralarbeitsnachweis sortbestehen lassen, weirn auch unter anderem Namen, und seine Benutzung den Mitgliedern zur Pflicht machen, falls da nicht gesetzlich ein Riegel vorgeschoben werden kann. Wie aber sollte das gemacht werden?
Die Krankheit des Königs Älphons.
Schon seit längerer Zeit ist in der Öffentlichkeit das Gerücht Verbreiter, daß König Älphons von Spanien in nicht ungefährlicher Weife erkrankt sei. aber mau hat vom spanischen Hose aus dies jedesmal in nachdrücklicher Weise zu dementieren versucht. Nun sind trotzdem, wie man uns aus Madrid mitteilt, einige authentische Laien über die Krankheit des Königs von autoritativer Seite, die dem Hofe sehr nahe steht, mitgeteilt worden. Ans ihnen geht hervor, daß Könrg Älphons derzeitig in Wirklichkeit nicht ungefährlich erkrankt ist und daß sein Zustand bisher geheim- gehalten worden ist. König Älphons leidet bekanntlich seit seinem 10. Lebensjahre an einem Nasenleiden, ivie man sagte, einem Polypen, der jedoch von bösartiger Natur ist und ihm bedeutende Atenibeschwerden verursacht. Bisher bestand das Leiden darin, daß der König nicht imstande war, durch die Nase zu atmen — man sieht ja auch im übrigen auf allen Portraits und Photographien, wie er den Mund leicht geöffnet zu halten pflegt —, jetzt aber hat es sich gezeigt, daß eine
Gärtner einen Kübel stehen gelassen hat. Der Wasserplatz ist so groß, daß der Darsteller des Raben, Gallipaux, gebeten hat, ihn nach dcr Sommersaison für den Garten seines Landsitzes verwenden zu dürfen.
* Im Teatro Lirico in Mailand trug sich ein origineller Vorfall zu. Es wurde Donizcttis „Favoritin" gegeben, wob.i der Bariton Mneto, obschon er vortrefflich sang, konsequent auSgepsiffen wurde. Daraufhin erschien Aineto, als König von Kastilien kostümiert, im Zwischenakt an der Rampe, hielt wutzitternd eine Ansprache an das Publikum und bezeichnetc sich als Opfer der auf der Galerie eingcnisteien Elaque, die sich dafür räche, daß er sich geweigert habe, sie zu bezahlen. Das Publikum brach in betäubenden Jubel aus und die Elaque mußte schleunigst Reißaus nehmen, und der Sänger wurde daraus bis zum Schluß mit fortwährendem allgemeinem Beifall begleitet.
-1. Sonncnvulkanismus. Die erhöhte Eruptionstätigkeit der Sonne hält immer noch an, obwohl das Flccken- maximnm schon mit dem Jahre 1907 zu Ende gegangen ist. Zwar kommt es im allgemeinen nicht mehr zu so ausgedehnten Bildungen wie in den Jahren 1904 bis 1907, auch treten mehr Pausen mit verminderter Fleckentätigkeit aus. Das eigentliche Ruhestadium des Fleckenminimums scheint aber noch in der Ferne zu liegen. Das nächste Maximum ist etwa in den Jahren 1916 bis 1918 zu erwarten. Nachdem es in der ersten Oktoberhälfte vorigen Jahres zur Entstehung von recht ansehnlichen Fleckenmassen gekomnien war und auch der November eine Anzahl Flecke gezeitigt hatte, bemerkte man seit dem 14. Dezember abermals ein stärkeres Wiederaufleben des Sonnenvnlkanismus in dem Auftreten Vermehrter Flecke, die man gewissermaßen mit unseren Vulkanwolken vergleichen kann. Die Sonnenoberiläche. die
