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Nr. ».

Wiesbaden, Dienstag, 4, Januar lölO.

88. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt. _

Politische Iahreslchau.

ii.

Das Ausland.

Wie Deutschland stand auch eine ganze Reihe anderer europäischer Länder im Zeichen innerer Krisen, insbesondere waren davon unsere Bundes­genossen nicht verschont geblieben. In der Donaumonarchie ist die Krisis seit reichlich 9 Monaten akut, ohne daß man einen definitiven Aus­weg gefunden hätte. In der österreichischen Reichshälfte rst man zwar kurz vor dem Weihnachtsfest zu einer Einigung gekommen, die aber kaum_ etwas anderes bedeutet als einen Aufschub der definitiveit Erledigung. In Zisleithanien ist es wieder einmal der leidige Nationalitätenstreik, der zu lodern­der Flamme entfacht worden ist und die Tätigkeit des Parlaments wochenlang lahmgelegt hat. Die tschechi­sche Obstruktion brachte es zuletzt zu einer Dauersitzung von nicht weniger als 86 Stunden, bis man endlich ge­nug hatte, und eine Geschäftsordnung annahm, welche der Obstruktion, soweit sie sich der Bestimmungen der Geschäftsordnung bedienen will, einen gewissen Rregel vorschiebt. Will Herr v. Bienerth sich jedoch noch länger im Amt halten, so sieht er sich genötigt, sein Kabinett zu rekonstruieren und den Slawen weitere Zugeständnisse zu machen. In Transleithanien ist die allmählich nicht bloß länglich sondern auch langweilig gewordene Krisis noch immer nicht zu Ende. Ein Staatsmann nach dem anderen lehnt es ab, das Erbe der letzten Regierung anzutreten, weil jeder überzeugt ist, daß er bei den augenblicklichen Verhältnissen in Ungarn nur gar bald abwirtschaften würde.

Auch Italien hat auf dem Gebiete der inneren Politik eine bedeutsame Phase durchgenlacht. Das Kabinett G i o l i t t i ist gestürzt, und zwar ebenso wie Fürst Bülow bei uns über eine Finanzreform, der man bereits in der Kommission ein schnelles Be­gräbnis bereitete und nicht einmal solches erster Klasse, so daß die Regierung davon Abstand nahm, die weitere Erledigung des Gesetzentwurfes noch dem Plenum zu überlassen. Giolitti trat zurück und nach langem Hin und Her fand sich Sonitino bereit, die Kabinetts­bildung zu übernehmen. Wohlweislich hat er sich gleich­falls. ähnlich wie bei uns der Nachfolger Bülows, Herr v, Bethmann-Hollweg, eine Gnadenfrist geben lassen, ehe er mit einem entscheidenden Programm hervor- tritt. Allgemein spricht man aber dem neuen Kabinett keine allzulange Lebensdauer zu, da es genötigt ist, sich auf die Anhänger Giolittis zu stützen und es fraglich

ist, auf wie lange diese dem jetzigen Kabinett Gefolg. fchaft leisten werden. Was die auswärtige Poli­tik Italiens anlangt, so wird auch unter dem, neuen Kabinett die in der letzten Zeit von Giolitti be- fchrittene Bahn weiter verfolgt werden, indem man engere Anlehnung an England und Frankreich sucht, ja sogar auch an Rußland, weil man sich von einer Verständigung mit diesen Vorteile für die 6er. meintlichen Interessen Italiens auf dem B a!» kan verspricht. Diese angeblichen Interessen sind es ja auch, welche Italien in einen Gegensatz zu Öfter- reich bringen, ganz abgesehen von der i r r e d e n t i st i- s ch e n Propaganda, welche noch immer nicht zur Ruhe kommen will, vielmehr an Ausdehnung gewinnt und die Regierungsstellen mit sich zu reißen sucht., Tie beträcht­liche Verstärkung der Festungswerke im, östlichen Ober­italien und starke Vermehrung der italienischen Flotte im Adriatischen Meere, all das zeigt deutlich genug, wohin der Kurs in Italien gehen soll.

Eine schwere innerpolitische Krisis ist es auch, welche in den letzten Monaten über England hereinge­brochen ist. Ein Spiel des Zufalles will es, daß es auch hier Finanzfragen sind, welche die schwie- rige Situation herbeigeführt haben und auch hier sind es die Konservativen, welche von den Reformvorschlägen der Regierung in ihrer augenblicklichen Fassung nichts wissen wollen. Das Kabinett hat jedoch den Kampf energisch ausgenommen und das Parlament aufgelöst, um den Lords die Zähne zu zeigen. Das Ministerium konnte dies um so eher, als die große Mehrheitdes Volkes auf feiner Seite steht und es sogar kräftig unterstützen würde, wenn man daran ginge, auf Grund der jüngsten Vorkommnisse die Institution des Ober- Hauses einer Reform zu unterziehen. Im übrigen ist die englische Frnanzkalamität eine Folge feiner Außen- Politik, die bisher darauf hinauslief, den deutschen Ein­fluß zu brechen, zu welchem Zweck man ungeheure Auf­wendungen für die Flotte machte, um einer eventuellen deutschenI n v a s i o n", die noch immer in manchen englischen Köpfen herumfpukt, ein Paroli bieten zu können. Schließlich ist es aber den Eng­ländern selber zu viel geworden und hieraus resultiert sicherlich in erster Linie die augenblicklich jenseits des Kanals herrschende Neigung, sich mit Deutschland auf guten Fuß zu stellen. Dadurch hat bei der gleichzeiti­gen Freundschaft Englands mit Frankreich und Ruß­land die Weltlage ein bedeutend f r i e dl i ch e r e s Ge­sicht gewonnen, die gesamte Kulturwelt wäre erfreut, wenn dieser Zustand recht lange anhalten würde.

Ganz ohne innere Stürme ist es in diesem Jahre auch in Frar-kreich nicht abgegangen, wenngleich an der Gesaust tendenz der Politik keine wesentliche Änderung vorgenommen wurde. Das für französische Begriffe ewig lebende Ministerium Clemenceau, welches

über drei Jahre am Ruder war, stürzte wie das ja jenseits der Vogesen keine Seltenheit ist über eine Zufälligkeit; an Clemenceaus Stelle trat der Radikals Briand, jedoch war man jo vernünftig, im Auswärti­gen Amt den bewährten Pichon beizubehalten. Dessen Amtsführung ist eine durchaus mustergültige, er hat es nicht nur verstanden, Frankreich feine Freundschaften zu erhalten und zu vertiefen, es ist ihm auch gelungen, mit Deutschland wegen Marokkos zu einer Verständi­gung zu kommen und bessere Beziehungen anzubahnen, ein Moment, durch welches gleichfalls der Weltfrieds eine Stärkung erfahren hat.

Eine ganze Reihe von Ländern stand im abgelaufe­nen Jahr sogar im Zeichen revolutionärer Be­wegungen. Die korrupte Wirtschaft in Spanien rief schwere Unruhen in Katalonien hervor, speziell in Barzelona, wo Bombenattentate geradezu an der Tagesordnung waren, die viele Opfer forderten. Als Anstifter dieser Bewegung wurde der freireligiöse Lehrer Ferrer verhaftet und ihm vom Kriegsgericht kurzerhand der Prozeß gemacht, was merkwürdiger­weise weniger in Spanien als im Auslande einen Ent­rüstungssturm hervorrief. Indessen hatte das Ver­fahren gegen Ferrer das eine Gute, daß der skrupellose Kabinettschef Dt a u r a über die Affäre gestürzt und durch den Liberalen Moret abgelöst wurde. Dieser kan. mit den besten Absichten, von deren Realisierung aller­dings noch nickt viel zu merken ist.

In verschärftem Maße haben auch in Rußland die Terroristen wieder ihr Haupt erhoben und eine Reihe von Gewalttaten verübt. Daß man in Rußland rmmer noch nicht zur Ruhe kommt, liegt an der Regie- rung, die trotz aller Duma kaum je absoluter gewesen ist und vor keinerlei Gewaltakten zurückschreckt. Den besten Beweis hierfür liefern die Maßnahmen gegen Finnland, dessen Privilegien man jetzt vollständig beseitigen will, um das Land zu einer gewöhnlichen russischen Provinz herabzudrücken. Tie innere Misere möchte man gern durch glanzvolle Außenpolitik »er« decken, aber auch auf dieses? Gebiete ist man wenig glück- lich. Man hat zwar die Freundschaft Italiens ge­wonnen, um so böser sieht es aber in Ostasien aus, wo der Besitz der Mandschurei wieder bedenklich wackelt.

Revolutionäre Stimmung beherrschte im letzten Jahre ganz besonders den Balkan. In Serbien gärt es bedenklich gegen die Dynastie, während dagegen Ferdinand von Bulgarien glücklicher war und end. lich die Anerkennung für seine Königskrone gefunden hat. Seinen Thron verloren hat dagegen ver Sul­tan A b d ul Hamid, der jetzt als Gefangener in der Villa Alatini in Saloniki über die Vergänglichkeit alles Irdischen nachzudenken genügend Zeit hat. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Er wollte der Verfassung, zu der er sich notgedrungen hatte aus­schweigen müssen, durch die von ihm unterstützte Be-

FemUetorr.

(Nachdruck verboten.)

Himmelserscheinunyen im Januar 1910.

Die Bahnen aller großen Planeten und auch die fast aller kleinen Planeten (Asteroiden) nähern sich sehr dem Kreise; selbst die unter den Hauptplaneten am meisten von der Kreisform abweichende Bahn, die des Merkur, besitzt nur eine Exzentrizität von 0.2, d. h. von einem Fünftel der Halbachse. In der Reihenfolge an drittletzter Stelle steht die Erde mit der noch sehr geringen Exzentrizität von

0. 01677. In Maß ausgedrückt, beträgt der Unterschied der Entfernung SonneErde rund 5 Millionen Kilometer, so daß die mittlere Entfernung von 149.48 Millionen Kilo- n'.eter sich bis auf 146.97 Millionen Kilometer verkleinern vnd bis auf 151.99 Millionen Kilometer vergrößern kann. Ihren geringsten Abstand, ihr P e r i h e l, erreicht die Erde im Jahre 1910 am 1. Januar um 12 Uhr mittags.

Zunächst noch langsam, allmählich inrmcr schneller steigt die Sonne im Januar aus dem Süden empor. Ihre Deklination beträgt am 1. noch 23° 8' 7."2, am 31. aber nur 17° 33' 24."3, während sich die Abnahme der südlichen Deklination im Januar also nur auf 5%' Grade beläuft, steigert sie sich im Februar schon aus mehr als 9 Grade. Die Mittagshöhe der Sonne nimmt dem­entsprechend für das mittlere Deutschland von 141 / 2 ° am

1 . Januar auf 20° am 31. Januar zu. Die Dauer des Tages, die seit dem kürzesten Tage, dem 22. Dezember, bis­her nur um wenige Minuten zugenommen hat, vergrößert sich im Januar in Norddeutschkand von 714 auf 8% Stun­den, in Mitteldeutschland von 7% auf 9 und in Süddeutsch- land, der Schweiz und Österreich von 8 % auf 91/3 Stunden.

Der Gestaltwechsel des Mondes vollzieht sich in nach­stehender Weise: Letztes Viertel am 3. Januar, 2 Uhr 27 Min. nachm., Neumond am 11. Januar, 12 Uhr 51 Min. nachm., Erstes Viertel am 18. Januar, 11 Uhr 21 Min. vorm., und Vollmond am 25. Januar, 12 Uhr 51 Min. nachm. Der Mond steht in Erdferne am 4. Januar um 7 Uhr

vorm, bei einer Entfernung von 63.4 Erdhalbmessern und

in Erdnähe am 17. Januar um 2 Uhr nachm, bei einer Ent­fernung von 58.0 Erdhalbmessern a 6378 Kilometer.

Zur Beobachtung der Planeten findet sich im Januar hinreichend Gelegenheit, von den sieben Hauptkörpern sind sechs des Nachts über dem Horizont. Der sonncnnächste. Merkur, bleibt bis zum 20. Januar am südwestlichen Abendhimmel sichtbar, Mitte des Monats eine halbe Stunde lang. Am 10. Januar, um 1 Uhr nachm., befindet er sich in größter östlicher Ausweichung von der Sonne, 19° 2', am 26. Januar, um 10 Uhr vorm., kommt er aber schon wieder in seine untere Sonnenkonjunktion, bei der er zwischen Sonne und Erde hindurchgeht. Da der Mond am 12. Januar, um 10 Uhr nachm., mit Merkur Konjunktion hat. fleht man die noch sehr zarte Sichel ein paar Stunden vor­her südlich schon in Annäherung an den mit stechenden! Glanz funkelnden Planeten. Venus, jetzt der schönste Stern des ganzen Firmaments, strahlt in unvergleichlichem Feuer im sternarmen Bild desWassermanns" am südwest lichen Abendhimmel. Anfänglich bleibt sie noch mehr als 3 Stunden lang sichtbar, zuletzt aber nur noch 1% Stunden lang. Am 8. Januar, um 8 Uhr vorm., erreicht sie rechne­risch ihren größten Glanz, ist aber, wie aus dem eben Ge­sagten hervorgeht, um diese Zeit nicht sichtbar; dagegen ver­mag man sie, wenn man ihren Standort kennt/ in den Tagen um diesen Termin ohne besondere Schwierigkeit bei vollem Sonnenschein zu erkennen. Zur Erleichterung des Aufsindens diene die Mitteilung, daß Venus am 1. Januar um 3 Uhr und am 1. Januar um 2% Uhr im Südmeridian und am höchsten steht. Am 1. Januar, um 4 Uhr morgens, gelangt der Mond mit Venus in Konjunktion, am Abend zuvor zieht daher die schmale, junge Mondsichel bereits südlich heran. Venus nähert sich uns im Januar von 0.4 auf 0.29 Erdbahnhalbmesser a 149.48 Millionen Kilometer, ihr scheinbarer Durchmesser vergrößert sich demgemäß von 87 "1 auf 57."9; ihre fortgesetzt schmäler werdende Sichel zeigt schon ein kleineres Fernrohr. Mars, der Mitte Januar ans dem Sternbild derFische" in das des Widders" wandert, steht um diese Zeit abends gegen 6 Uhr int Meridian und geht etwa um 1 Uhr nachts unter. Am

18. Januar, 5 Uhr vorm., gelangt er in Quadraturstellung zur Sonne. Sein Erdabstand, der am 1. Januar gleich dem Erde^Somre ist, nimmt weiter zu, sein scheinbarer Durch­messer dagegen ab von 9."3 auf 7."3. In den ersten Tagen des Jahres weilt der Planet noch sehr nahe nördlich vom Saturn, den er am 31. Dezember überholt hat. Der Mond nähert sich dem Mars am 18. Januar, 8 Uhr vorm., er steht nin Abend des 17. noch südwestlich (rechts unten) vom Mars, aber unmittelbar südlich vom Saturn, am Abend des 18. schon südöstlich (links unten) von dem Planetcnpaar. Jupiter, im Sternbild derJungfrau", erhebt sich als hell glänzendes Gestirn Anfang Januar kurz nach Mitter­nacht, Ende Januar bereits gegen 11 Uhr abends über dem Osthorizont. Er kommt am 4. um 8 Uhr abends in Quadra­tur zur Sonne. Seine Entfernung von der Erde nimmt von 5.41 auf 4.94 Erdöahnhalbmesser ab; sein scheinbarer Durchmesser vergrößert sich von 36."9 auf 40."4. Der Mond hat am 31. Januar, 1 Uhr vorm, (nachts), mit Jupiter Konjunktion, seine abnehmende Sichel erblickt man drei Grade oder sechs Vollmondbreiten nördlich (zunächst links oben) von dem Planeten. Satur n, im Sternbild der Fische", sinkt anfangs kurz nach 1 Uhr nachts, zuletzt schon bald nach 11 Uhr abends unter den Westhorizont. Wie schon oben gesagt wurde, steht er deni Mars sehr nahe, sein ruhiges, bleiernes Licht macht ihn neben dem helleren röt­lichen Mars leicht kenntlich. Am 7. Januar, 10 Uhr nachm., befindet sich Saturn ebenfalls in Quadratur zur Sonne. Seine Entfernung von der Erde vergrößert sich. Seine Konjunktion mit dem Mond am 17. haben wir bereits beim Mars erwähnt. Uranus, der sich noch imSchützen" aushält, ist unsichtbar: er kommt am 12. Januar, 7 Uhr vorm., in Sonnenkonjunktion. Neptun, in den Zwillingen", zeichnet sich dagegen durch sehr günstige Stellung ans und bleibt, da er am 9. Januar, 3 Uhr vorm., in Opposition zur Sonne sieht, die ganze Nacht für stärkere Instrumente sichtbar.

Kometen weilen gegenwärtig zwei am Hinimel: der im September 1909 wiedergefundene Komet Halley und der am 8. Dezember v»n Daniel in Princeton ent­deckte Komet 1903s (Daniel). Beide Gestirne sind sehr