Wiesbadener Ts
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Nr. 2.
Wiesbaden, Montag, 3. Januar LVZv.
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58. Jahrgang
klbenö-Ausgabe.
1. Matt.
JSaitirljfnrJi und die MeltpolLLLK.
Ter alte Brauch, der einst von den Staatsmännern und auch Val-, den Staatsoberhäuptern viel geübt wurde, die Neu/ahrsfeier zu politischen Kundgebungen von mehr oder minder großer Bedeutung zu benutzen, ist in, Laufe der letzten Jahre immer mehr Aurüclgegangeu, und er scheint allgemach ganz aus der Mode zu kommen. Mau wird dies als ein Zeichen der friedlicher und vor allem sicherer gewordenen, Weltlage begrüßen tonnen. Die Zeiten der Kabinettspol i t r k, in denen die weltgeschichtliche Kundgebung des Kaisers Napoleon bei der Gratulationscour am 1. Januar 3859 das Vorspiel zu der blutigen Auseinandersetzung zwischen Frankreich und Österreich bilden konnte, sind erfreulicherweise längst vorüber, und heute sind fiir die Politik der Nationen in letzter und in erster Linie deren Interessen ausschlaggebend. Eben deshalb sind die Neusahrskundgebungen als Alarmsignale ein überwundener Standpunkt., und wenn das Bedürfnis, den Jahresanfang zu friedlichen Kundgebungen zu benutzen, nachläßt so wird man das kaum mit geringerer Befriedigung begrüßen können, denn es geht mit dem Frieden wie mit den Frauen. Man wird auch den Frieden für den besten und den sichersten halten dürfen, von dem am wenigsten gesprochen wird. Immerhin wird man auch in den jetzigen Zeitläuften, wo wir in bezug auf die Friedensoersicherungen einigermaßen verwöhnt worden sind eine Kundgebung wie die des Präsidenten F a l l i d r es, der beim Neujahrsempfang des diplomatischen Korps dieses zur Erhaltung des Friedens beglückwünschte, mit um so mehr Genugtuung begrüßen können, als es seit vier Jahrzehnten fast stets die französische Nation war, die eine starke U n - ruhe in die europäische Politik gebracht hat und sich hier uild da. freilich von anderen Mächten unterstützt, in der Rolle des Hechtes im Karpfenteich gefiel.
Bei uns in Deutschland sind die Neufahrs- kundgebungen feit längerer Zeit aus der Mode gekommen, aber was die Stellung der deutschen Regierung zur Weltpolitik betrifft, so hat diese ja erst unlängst, zunächst durch die Thronrede zur Eröffnung des deutschen Reichstags am 30. November und nachher durch die Erläuterungen des Reichskanzlers v. Bethmann-Hollweg im Reichstag, eine eingehende Beleuchtung erfahren. Wenn die Thronrede versicherte, daß es das Ziel der deutschen Politik sei, „friedliche und freundliche Beziehungen zu den anderen Mächten zu pflegen und zu fördern, um dem deutschen Volke eine ruhige und kraftvolle Entwickelung zu sichern", so wird ein Rückblick auf die w e l t p o l i t i s ch e B e t ä t i - g u n g Deutschlands im verflossenen Jahre t bestätigen, daß die Praris mit dieser Theorie überein- sr i m m t. Ist es doch gewiß nicht in letzter Linre der
ebenso maßvollen wie taktvollen Haltung Deutschlands zuzuschreiben, wenn die beiden Konflikte, d,e im Jahre 1609 die Ruhe und den Frieden Europas bedroht haben, nämlich die -uarokka- ni f ch e Frage auf der einen und die B a l k a n f rage auf der anderen Seite, zu einem gedeihlichen Ende geführt Wurden, obwohl insbesondere der Balkankonflr'.r nahe daran war, einen Krieg aller gegen alle m entfachen.
Tie friedlich-schiedliche Beilegung dieser brennenden Frage dürfte mit um so größerer Befriedigung begrüßt Werden, als sie zugleich eine Probe nicht bloß auf das Exempel der Freundschaft zwischen Deutschland und Ö st e r r e rch - U n g a r n, sondern auch der Haltbarkeit des Dreibundes bedeutete. Wenn Herr v. Bethmann-Hollweg in warmen Worten das „f e gegründete Verhältnis zu der Habsburgr- schen Monarchie" feiern konnte, so entspricht das durchaus denk Zeugnis, welches der österreichische Ministerpräsident Freiherr v. Bienerth am 27. April v. I. diesem Freundschaftsbunde ausstellen konnte: _ „Das r eutsch-österreicksifche Bündnis hat sich als besonders glanzvolles Instrument im europäischen Konzert erwiesen und totro, wie es seit 30 Jahren die wirksamste. Friedensgarantie bildet, diese Aufgabe auch in Zukunft erfüllen." Aber bedeutet die deutsch-österreichische Allianz, die durch den Besuch des Erzherzogs Franz Ferdinand in Berlin zu weithin sichtbarem Ausdruck ge- langt ist, einen mächtigen Faktor der europäischen Friedenspolitik, so gilt dies trotz aller Unkenrufe ebenso vom Dreibund, der auch nach der Zusammenkunft von S/iUconißi unverändert fortbesteht.
Gegen die dort vollzogene italienisch-russische Verständigung hat man in Deutschland schließlich insofern ti einiger einzuwenden, als sa auch das französisch-russische Bündnis längst seine Schrecken für das ruhebedürftige Europa verloren hat, ebenso wie es don der angeblichen französisch-englischen Militärkonvention still geworden ist. Ein gutes Einvernehmen zwischen Deutschland und Rußland ist für beide Reiche, die aufein. ander angewiesen sind, schon aus wirtschaftlichen Gründen notwendig, und daran vermögen auch belanglose Zwischenfälle. wie der rein private Streit um die russischen Depots bei dem Berliner Bankhause Mendelssohn, ' nichts zu ändern. Was aber das Verhältnis zu Frankreich betrifft, so hat es sich, wie ja auch Herr v. Bethmann-Hollweg unlängst betonte, seit der Beilegung des Marokkokonfliktes wesentlich gebessert, und das soeben erst vom Präsidenten Fallidres betonte Friedensbedürfnis empfindet sicherlich die Mehrhert der Franzosen, bei denen die Zeit das beste Gegengewicht gegen die Revanchegedanken bildet. Wersen wir endlich darauf hin, dar; auch die deutsch-englische B erstand r- gung trotz mancher, im Jnselreiche mit Rücksicht auf den Wahlkampf gehaltenen Reden Fortschritte, wenn auch nur langsame, macht, so ergibt sich, daß wir keinen Anlaß haben, die Stellung Deutschlands im Volkerkonzert zu Beginn des neuen Jahres mit S o r g e zu betrachten, mag auch heute noch wie früher das Bis- marcksche Mahnwort gelten: Toujours en vedettv
DmrLschAS Reich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Der dritte Sohn deL verstorbenen Prinzen Albrecht von Preußen Prrnz Friedrich Wilhelm, verlobte sich mit der ältesten Tochter des Herzogs Viktor von Ratibor, Prinzessin Agathe von Ratrbor
^DemGeneral der Infanterie v. B ü l o w. kommandierender General des 3. Armeekorps, wurde der Schwarze Adlerorden iJCtÜCljCTT
Infolge der Unstimmigkeiten legte der Reichstagsabgeord- nete Potthoss seine Stellung als rshndikus des Deutichen Werkmeisterverbandes nieder.
* Die Neujahrsfeicr am Berliner Hose vollzog sich unter dem gewohnten militärischen Gepränge und oer Teilnahme vieler Tausende von Schaulustigen. Als früh morgens vor dem Schlosse das große Wecken begann, wurde deren Zahl schon aus über 10 600 geschätzt. Die Rebeille wurde von den Spielleuten der 2. Garde-Jnsantcrle-Brigade und der Kapelle der Garde-Füsiliere ausgesührt, während die Trompeter der Garde-Kürassiere von der Galerie der Schloßkuppel bliesen. Um 8 Uhr 2 Minuten tras auf dem Anhalter Bahnhof Prinz Rupprecht von Bayern ein und fuhr zum Schloß, wo er die Terrassenwohming bezog. Der Kaiser traf bald nach 9 Uhr vonr Neuen Palais her im Automobil ein, die Kaiserin um 9 Uhr 22 Minuten mrt Sondcrzug auf dem Potsdamer Bahnhof, von wo sie im Galawagen sich nach dem Schloß begab. Während das Kaiserpaar im Schloß die Neujahrswünsche des königlichen Hauses und der Hofstaaten entgegennahm, erfolgte die große Anfahrt der Fürstlichkeiten, der Generalität, der Staats- Würdenträger und der Hofchargen. Um 10 Uhr fand in der Schloßkapelle der feierliche G o t t e s d i e n st statt. Es versammelten sich die Mitglieder des hohen Adels, der Reichskanzler (in Dragoner-Uniform) und die Bevollmächtigten zum Bundesrat, die Generalität und Admiralität mit den General-Feldmarschällm Grasen Häseler und v. Hahnke an der Spitze, die Ritter des Schwarzen Adlerordens, die Kommandeure der Leibregtmenter, die Staatsminister, Staatssekretäre, Wirklichen Geh. Räte und die Räte erster Klasse, sowie die Präsidenten des Reichstags und beider Häuser des Landtags, Unter den Klängen des „Wilhelmus von Nassau en" begab sich nach dem Gottesdienst der Hof in feierlichem Zuge nach dem Weißen Saal«. Hier begann bald nach 11 Uhr die Gratulations-Dcfilier- cour, während die Leibbatterie des 1. Garde-Feldartillerrc- Regiments im Lustgarten Salut schoß. An die Cour schloß sich der Empfang der Botschafter, die in ihren Staatskorossen inzwischen ins Schloß eingefahren waren, sowie derStaats- rntnifter, der kommandierenden Generale und der Admirale. Später begaben sich der Kaiser und die Prinzen nach dem Zeughaus hinüber, vom Publikum mit Hochrufen be- chciict Dort fand die Nagelung und Weihe der neuen Fahnen der dritten Bataillone des 5. Hannoverschen Infanterie-Regiments Nr. 165 und des 2. Ob-relsässischcn Infanterie-Regiments Nr. 171, sowie des 2. Nassanischcn Pionier-Bataillons Nr. 25 statt. Nach der Parole-Ansgabe (bie Parole lautete, wie immer, „Königsberg-Berlin") nahm der Kaiser militärische Meldungen und die Rapporte der Leibreainienter entgegen und nahm den Parademarsch der Ehrenkompagnie und der Salutbatterie ab. An der Früh- stückStafel nahmen außer den im Schloß wohnenden Prinzen- Söhnen und der Prinzessin Viktoria Luise Herzog Wbrecht
Feuilleton.
Aus Kunst und Kedeu.
* Neujahr im Königlichen Theater und im Residenz- Theater. Die Jahreswende scheinen die Bühnen, alter Tradition gemäß, auch als etwas recht Lustiges anszufassen Die Silvesterstücke zeichnen sich in d-er Regel durch Ausgelassenheit aus. Unser Hoftheater freilich hat sich in ziemlichen Grenzen gehalten; e8 kam uns zwar lustig, aber auch volkstümlich und romantisch, als es den altbewährten „Lunlpaci-Vagabmtdus" wieder anWhren ließ, der an jener Stätte lange geschlummert hat und seither, irren mir nicht im Residenz-Theater einmal seine fröhliche Urständ erlebte. Das „liederliche Kleeblatt" erwies aber auch jetzt wieder seine alte Zugkraft und fand, namentlich bei den vielen jugendlichen Zuschauern, begeisterten Beifall. Die Darstellung war eine sehr löbliche. Herr S ch w a b gab den Tischler Leim mit der ganzen Liebenswürdigkeit, die uns diesen braven, verliebten Gesellen so sympathisch macht. Köstlich der Humor, mit dem Herr Herr mann den Schneider Zwirn ausstattete. Namentlich als „Cavalier" erntete er im Verein mit den Damen Krämer und Heß- löhl viel Applaus. Herr Andriano gab den ew»g durstigen Schuster. Wie gut er sich mit solchen Rollen ab- zufinden weiß, ist ja auch durch seinen Frosch iw der Fledermaus" hinlänglich bekannt. Sein „astronomisches Couplet" erweckte wahre Lachsalven, zumal er in seinen Versen recht aktuell wurde und u. a. Cook und unseren ersten Kurhausmaskenball, der in diesem Jahre für Uboninenten „umsunst" ist, humoristisch ausmarschieren ließ. Aus der langen Reihe der Mitwirtcnden seien noch Frau Doppelbauer sowie die Herren Zollin und Kober
erwähnt. Alles in allem ein Scherz, wie man sich ihn am Silvester sogar in unserem vornehmen Hostheater gern gefallen läßt. Selbst auf den Vorhang ging die Silvester- stiurmung über, denn er machte sich den Scherz, durch eine kleine Voreiligkeit eines der Bilder um den Schluß zu verkürzen.
Im Residenz-Theater wurden die Silvestervor- stellimgen („Der kleine König" und „Die Medaille"), wie üblich, eingeleitet durch einen Silvesterprolog von Julius Rosenthal, dem bekannten Berschromgueur des „Wiesbadener Tagblatts". Die feiupointierten Verse, mit manchem guten Rvsenthalschen Witz gewürzt, fanden bei ihrer ausgezeichneten Wiedergabe durch den „Nachtwächter" des Herrn Miltner-Schönau, vielen und wohlverdienten Beifall. Besonders galt dieser auch dem ersten Teil, der in sinniger Weise d?s letzten Silvester im alten Muscntempel gedachte und den der Erfüllung gewiß sicheren Wunsch aussprach, daß der e n g e K o n n e x zwischen dem Rcsidenz-Theater-Ensemble und seinem Publikum im neuen Jahre auch aus dem alten Hause in die neue Kunsb stätt-e hinübergehen möchte. — Die Verse leiteten auch das Neujahrsstück ein. den dreiaktigen französischen Schwank von Sache. Guitry: „Ein Skandal in Monte Carlo", deutsch von Mar Schönau. Der kurze Inhalt der etwas. länglich geratenen Kurzwerltgkeit ist der, daß ein biederer älterer Gras aus Paris, der sich ohne Vorwissen seiner Familie, der Ergötzlichkeit halber, in Monte Carlo aufhalt, dort zum Beschützer einer netten Halbweltlerin Wird, als deren Geliebter — sonst ein anständiger Kerl — falschen Spiels halber flüchten muß. Graf Davtzgna kommt nun felber in den Verdacht, falsch gespielt zu haben. Die Blätter greifen den Fall aus und, um die Blamage abzum-ildcrn, will seine Gattin. daß er vorgeben soll, eines Liebesabenteuers weaen verschwunden gewesen zu sein. Das aibt ihm
erst recht Gelegenheit, sich weiter mit der kleinen Schutzbefohlenen einzulassen, und er balanciert eine Weile auf der Grenze zwischen Geliebter und Beschützer umher, bis ein Freund von ihm die Situation ausnutzt und heimlich den „Hahn im Korbe", oder eigentlich den Hahn in der Dunkelkammer spielt. Schließlich ist der Graf froh, so brav gewesen zu sein, und seine Gattin zieht ihn verzeihend ans Herz. Mehr wäre über den Ulk nicht zu sagen. Er wurde unter Herrn Dachauers Regie flott gespielt, besonders von Herrn Bertram (Graf), Frl. Yclla Wagner, welche die Halbweltlerin appetitlich gab, von den Herren T a u tz und Dachauer sowie Fr. S ch e n k. Die Nen- jahrsstimmuny kam dem ganzen Scherz sehr entgegen und der „Skandal" wurde mit vielem Beifall hingenommen.
* „Wie Meta Illing Schauspielerin wurde." Dazu wird uns noch von einem Wiesbadener Leser geschrieben: Die Erzählung des „B. T." hierüber ist sehr hübsch, nur stimmt sie nicht mit den Tatsachen überein. Meta Illing war in ihrer Heimatstadt Bernburg im Meyrrscheu Geschäfte tätig, bis sie eines Sommertags (infolge häuslichen Streites) in die Welt hineinfuhr und in ein Geschäft nach Wiesbaden engagiert wurde. Dort fand sie im Haufe und in der Familie ihres Prinzipals Gelegenheit, sich in ihren Mußestunden mit den deutschen Klassikern (die ihr bis dahin ganz fremd gewesen) zu beschäftigen und vertraut zu werden. Sie las nun öfters vor, deklamierte begeistert Monologe und — „mit vertauschten Rollen" —-i schwärmte für alles, was mit dem Theater zusammenhing und geriet in größte Erregung, wenn eine Schauspielerin oder Sängerin zum Einkauf ins Geschäft kam. Ihren ersten dramatischen Unterricht erhielt sie von der hiesigen Schauspielerin Fräulein Wi'dmann vom König!. Theater, deren sich wobl noch ältere Wiesbadener erinnern. ....Ihr. erstssl
