\ «lag Langgasse 25/27«
j. „Tagblatt-Haus". biltrr-Halle gcöffnet von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends
27,000 Abonnenten.
uas-Preis für beide Ausgaben: 50 Pfg. monatlich durch den Verlag Langgasie 27, rh te Bringer- 8 Ml. 50 Vsg. vierteljährlich durch alle deutschen Postanstalien. ausschließlich Bestellgeld. — - Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in SLiesvaden die 4 Zweigstellen, sowie die
zgabestellen Tn allen Teilen der Stadt; rn Biebrich: die dortigen 33 Ausgabestelle:'. :nd in den arten Landortcn und im Rheingau die betreffenden Tagblatl-Träger.
igen-Annahme: flür die Abend-AuSgabe bis 12 Uhr mittags; für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.
2 Tagesausgoben.
Fernsprecher-Ruf r
„Tagblatt.Haus" Nr. 6650-53. Bon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends. Sonntags von IO—11 Uhr vormittags.
Anzeigen-Preis
in eircheitlicher Ec.
An?eigen; 3O Psg. .... «.•*- ..n--- _,
Reklamen. Ganze, halbe, brittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurze» Zwischenräumen entsprechender Rabatt.
Für die Aufnahme von Anzeigen an den vorgefchriebenen Tagen wirb leine Gewähr übernommen.
usk 1.
Wiesbaden, Samstag, 1. Januar 1910.
88. Jahrgang.
Morgen - Kusg6.de.
1. Wkatt.
»-o-- — ■J.ÜU-Jil- -J. - _L'-gBgg 1
pv SScneti des Neujahrsfestes erscheint die nächste „Tagblatt"-Ausgabe am Mvntagnachmittag.
r LU...'-’.'-”.' 1 .. J i K-Jg. ' l -' JLI ' J ' __
Glückauf 1910!
Flüchtig eilt sie hin, die Zeit, mit ihr Freud' und Herzeleid! so singt der Dichter, indeni er uns mahnt, die flüchtig hineilendc Zeit sorgsam wahrzu» n e h m e n. Tiejer Mahnung sind wir wohl niemals jo zugänglich tote am Ende des Jahres, wenn der alte, auf einen unscheinbaren Pappdeckel zusammen- geschrumpfte Kalender sein letztes Blatt abschüttelt. Und wenn wir ihn dann zum alten Eisen werfen, um mit dem neuen Kalender eine neue Zeitrechnung zu be- ginnen, dann füllt es uns je nach Temperament und Gemütsstimmung mehr oder minder schwer auf die Seele, daß wir damit abermals ein dolles Jahr auf den Wege unseres Lebens zurückgelegt haben. Und Eüi t, denen tut Getriebe des Werktagstebens sonst nur weffg Zeit zu ruhiger Beschaulichkeit bleibt, sind in dieem, nach unserem Empfinden nun einmal bedcu- - hi'gsvollen Augenblick wohl geneigt, so etwas wie eine B U a n z des verflossenen Jahres zu ziehen.
Diese Bilanz des Jahres^19O9 wird nicht bloß nach x'r Berschiedenortigkeit der Schicksale, die uns das verflossene Jahre beschieden hat, sondern auch ie nach der tnchr optimistischen oder ntehr pessimistischen Veranlagung ganz außerordentliche Unterschiede' aufweisen. In einem aber Warden wir, weil es allgemein menschlich ist, wohl alle üL-ereinstimmen. Wenn uns das . dahin- gega.emene Jahr auch der Mühen und Sorgen, der Net 'und Trübsal gutgemessen Teil gebracht, so bietet uns doch der Rückblick ^uf diese Zeit der Mühen und Sorgen jedenfalls einen Trost, Eines Teiles jener Übel vec- wögen wir uns kaum noch zu erinnern: ein anderer Teil, der uns damals unerträglich erschien, will uns jetzt schon kletn und gering bedünken. Vieles, was uns im Augenblick ängstigte und erschreckte, ist schon nach wenigen Wochen von dent unaufhaltsam dahiufließen- den Strom der Dinge mit fortgerissen. Und wenn wir gestern noch kleinmütig verzagen zu müssen glaubten, wenn wir wähnten, die Schwere unseres Unglücks sei unermeßlich, so lächeln wir heute vielleicht bereits über *v l "ere kleinmütige Verzagtheit, mit der wir die Er-
nisse. die in unser Leben wie in das jedes anderen 7 "! wenbürgers mit mächtiger Hand eingreisen, betrach- tC: en; ja, wir schämen uns vielleicht dieser Schwäche — llT ,d zeigen so, daß wir sie überwunden haben.
Wie im Leben des einzelnen, so ist eS auch itn Leben der Völker. Was uns gestern ttoch als ungeheuerlich er-
FeuiUrton.
(Nachdruck verbaten.)
Ein Credo Ketians.
d. Paris, 30. Dezember.
Ein Credo Renans, das vortrefflich als Neujahrs - betrachtung für moderne denkende Menschen patzt, stellt die Tochter des großen Schriftstellers, Frau Psichari, de:n „Matin" aus dem unveröffentlichten Nachlaß ihres Vaters zur Verfügung: die nachfolgenden, von Jdealis- mns überströmenden „Erwägungen" Renans wurden u!7 und 1848 als geistige Vorbereitung für einen Rout nieder geschrieben, den er nicht vollendet hat. — ,ch habe so viel zu erleben, ich will so viel erleben, daß , keine Zeit habe, für die Außenwelt zu leben. Ich ll mir nichts entgehen lassen, ich will alles einheim- Bald will ich mich ins politische Leben stürzen, bald ch in die Wissenschaft versenken, bald nur der Liebe >en, bald weit weg aus dem Lande in einer unvekann- i Hütte, bald im Schauspiel der Welt. Dh unsatzbai unbestimmtes in meinem Herzen, ewiges Thema aller Poesie. Mysterium der Tinge, Liebe! Verborgener Gott, universelle Gewalt, die du dich selbst wicdersindest! Und nenn man bedenkt, daß dies alles nur eine vereinzelte Erscheinung im ungeheuren Busen des Unendlichen ist, ie Erscheinung eines Tages, dann packt mich eine hei- ge Traurigkeit, die Freude ist: alle Worte verpuffen: les ist wahr, alles Chimäre, alles verwischt!" — „Ich Sanfte an das Werk der modernen Zeiten. Das ist viol- ücht mein bestes, mein genauestes Glaubensbekennl- ls, jenes, ans das ich mich am häufigsten berufe." — Alles, was schön ist, entzückt meine Seele: alles, was ieilig ist, erregt meines Herzens Schlag," — „Das leben ist zu kurz. Es bedürfte eines ganzen Lebens, itn zu lieben, eines Lebens, um zu wissen, eines Lebens im zu bandeln, ach!, und wenn man lieben will, mutz r an käst daraus vernichten, zu wissen, und wenn man
schien, das ist heute in das Normalgeleise des täglichen Lebens eingerückt. Ereignisse, von denen wir wähnten, daß sie die Welt aus den Angeln heben würden, diese Ereignisse kommen und gehen vorüber, und die Welt läuft nach wie. vor ihre fahrplanmäßige Tour. Alle die Dinge und Menschen, die gestern noch im Mittelpunkt der Erörterung standen, sind heute so schnell, wie sie an stauchten, von anderen abgelöst und in das Meer der Vergessenheit versunken. Die kleinen und vielfach so kleinlichen Schmerzen der einzelnen Menschen, die uns selbst so ungeheuer wichtig erscheinen, von denen wir nur zu gerne glauben, daß sich die Welt um fie bewegt, sie sind nichts als Tropfen im Meer der Ewigkeit.
T-ese Einsicht und die Erkenntnis von unserer eigenen öedeutungslosigkeit drängt uns niemals so sehr aus - ls ank Ende des Jahres, wo unser Denken und unser Blick gleichsam von selbst und mit unwiderstehlicher Kraft von unserem eigenen Ich hinweg aus das große Ganze, ans unsere Mitmenschen, ans die. Menschheit überhaupt gelenkt wird. Mehr oder weniger un- bewnzt tun wir dies freilich auch sonst, denn im Grunde Haber wir, soweit wir nicht ganz hartgesottene Egoisten sind, alle, etwas vom Weltverbesserungstrieb an uns. Gewiß geht das Streben jedes einzelnen Menschen, soweit er nicht in der unglückseligen Lage ist, jedes Strakens zu entbehren, dahin, seine Lage und damit die Lage derjenigen, die seinem Ich zugcteilt sind, zu verbessern. Aber der größte Teil der Menschen hat außer diesem Streben noch ein zweites, das sich bei vielen nur unbewußt rege macht, das Streben, die geistige, sittliche, soziale und politische Entwicklung nack^ Maßgabe seiner schwachen Kräfte zu fördern. Tiefes Streben wohnt in llnzähligen, die weder eingestehen würden, ein solches Ziel zu verfolgen, noch auch sich dessen bewußt sind oder doch erst dann bewußt werden, wenn sie am Jahresschluß prüfend erwägen was diese Spanne Zeit, di-., für uns jo viel und für die Entwicklung der Menschheit jo wenig bedeutet, ihnen brachte und damit zugleich auch den Millionen, mit denen sie gemeinsam schaffen und arbei- ten, sich freuen und oft genug auch leiden.
Und wenn dies vergangene Jahr uns manche Hoff- nurto nicht erfüllt hat, wenn wir zahlreiche Wünsche ins neue Jahr hinübernehmcn, so haben wir doch keinen Grund, daran mutlos zu verzagen. Ist doch der Brauch, den Abschied vom alten Jahre und den Eintritt in das neue festlich zu begeben, ein Beweis dafür, daß, wenn uns selbst das vergangene Jahr mehr des Schlechten als des Guten gebracht hat, wir doch alle der festen Hoffnung sind, daß das kommende Jahr uns mehr Gutes als Schlechtes bringen werde. Diese Hoffnung erfüllt uns und stimmt uns, mag auch vielleicht manche. Sorge unser Herz bedrücken, fröhlich: sie veranlaßl uns, wenn wir mit Sang und Klang, mit Punsch und Freudigkeit ins neue Jahr überziehen, uns zu gegenseitiger Ermutigung einander zuzurufen:
Prosit Neujahr!
wissen will, muß man fast darauf verzichten, zu^ lieben. Das ist grausam." — „Tie Unsterblichkeit der seele ist dem Fortschritt der Menschheit beinahe verderblicher als nützlich geworden. Denn nimmt man die Unsterblichkeit an, ist's nicht mehr der Mühe wert, in das Leben hin- nieden Recht und Billigkeit zu bringen: das geschieht dorr oben. Dann haben die eingefleischten Katholiken recht. Unsere Grundlage ist, daß man handeln muß, als ob das zukünftige Leben nicht wäre, ob es ist oder nicht. Dem Volk das Nichtvorhandensein des zuküw- tigen Lebens predigen, heißt ihm einen Dienst leisten: denn das heißt, es zur Anstrengung im gegenwärtigen anspornen. Ihm das zukünftige Leben predigen, heißt es cinschläfern und vielleicht es betören, es alles der- lier;n lassen, um hinter einer Chimäre herzulaufen."' — „Ich möchte mit der Moral einen Platzwechsel vornehmen. Man macht daraus etwas aanz Negatives: nicht stehlen, usw. . . . Der Mensch aber, der nur in dieser Art moralisch wäre, wäre der farbloseste, traurigste und unschönste Mensch. Der moralischste wäre der kalte und leblose Mensch. Nein, der moralische Mensch ist der schöne Mensch, der Mensch, der wenig an die'e kleine Tinge und diese vulgären Regeln denkend, das Schöne durch, alle Poren einatmet. Das Wichtige ist, daß er stark empfindet, daß er sich über den bleichen Horizont erhebt, der das vulgäre Leben, ob es auch edel und schön ist, begrenzt. Ter Unsterbliche ist der, der nur das Fertige, Ganze sieht, der, vielleicht getreu diesen kleinen Pflichten weder Elan noch Liebe hat. Alles ist jenem erlaubt, der in Gott wohnt." — „Früher lebten die großen Männer aus Küsten der andern' Alexander, Napoleon waren groß, indem sie die Menschheit verachteten. Das hat aufgehört. Größe, wird sein, rein, mora- lisch, intellektuell zu sein. Ich teile nicht die Gemeinplätze, die man auf Eroberer anwendet. Jene, die Alexander als bloßen Narren betrachten, der Asien in Brand steckte aus reinem Vergnügen, sind Tummkövw. Wie wäre es heute mit dem menschlichen Geist bestellt, wenn Aber ander nicht seinen wundervollen Eroberunas-
Polilische Mersichr.
Die erste Verfügung des Knkrnomin»sters.
L. Berlin, 30. Dezember.
Der neue preußische Kultusminister hat verfügt, daß an den Mittelklassen aller höheren Lehranstalten, d. h. bis zur Untersekunda einschließlich, seminaristisch gebildete Lehrer, die das Mittelschullehrercxamen ge macht haben, in denjenigen Fächern unterrichten können, in denen sic d'e Prüfung abgelegt haben. Diese Verfügung bat großes Erstaunen und lebhaften U n willen in Philologenkreiscn hervorgerusen. Es kommt dabei, was man ja recht gut begreifen kann, die S t a n d e s c h r e zu starker Betonung. Wir möchten die Frage vielmehr von der wissenschaftlichen Seite betrachten und komnten dabei freilich auch zu der Ansicht, daß di« Verfügung recht bedauerlich ist. Wenn der Unterricht in den Mittelklassen wissenschaftlichen Geist atmen und als vorbereitend für den Unterricht in Prima gedacht bleiben soll, so können ihn nicht Lehrer erteilen, die selbst den Unterrichtsgegenstand nur elementar sich angc- eignet haben („beherrschen" wäre zu viel gesagt). Vereinzelt mögen auch seminaristisch gebildete Lehrer es zum bistorischen Verständnis von Sprache und Literatur bringen, im allgemeinen gewißt nicht. Ein philologischer und pädagogischer Fachmann würde die Verfügung nicht erlassen haben. Ihre Gründe sind Wohl fiskalische.
Die Wahl in Mühlheim.
In dem rheinischen Wahlkreise Mühlheim-Wippersürty- Gummersbach hat bekanntlich wegen Ablebens des Zen- truinsabgeordnetcn Witt eine Reichstagsncuwahl stattzu- sinden. Diese lenkt aus mehreren Gründen ein besonderes Interesse aus sich. Das letztemal kam Witt, worauf wir schon hinwiesen, in eine Stichwahl init dem junglibcralen Kandidaten Rechtsanwalt Fischer, der dem Sozialdemokraten um rund 2000 Stimmen voraus war. Das Zentrum wird jedenfalls diesmal eine große Stimmenzahl verlieren, aber nicht so viele, daß es aus der Stichwahl .ausfiele. Die Frage ist nun: Wird der Verlust des Zentrums besonders der Sozialdemokratie zugute konmrcn, so daß diese ihren Kandidaten, Schriftsteller 1>r. Erdmann, zum erstenmal in die Stichwahl bringt. Am meisten wünscht dies das Zentrum selbst, weil der Sozialdemokrat in der Stichwahl etwas weniger Chance hätte als der liberale Rechtsanwalt Falk. Um nun den Wunsch des Zentrums zu befriedigen, haben die C h r i st l i ch - sozialen eine eigene Kandidatur, die des Pastors Hömann, ausgestellt. Hömann taim es ans 3000 Stimmen bringen, und die christlichsozialen Agitatoren spekulieren darauf, daß darunter so viele Stimmen, die sonst dem Liberalen zufielen, sich befinden werden, daß dieser aus der Stichwahl aussällt. Wir würden nicht viel dagegen sagen, wenn die Chriftlichsozialen offen für das Zentrum einträ tcn. Möglich, daß die sehnsüchtig nach Wiederaufrichtung
zug unternommen hätte? Nein, die Kriege und Eroberungen waren Werkzeuge des Fortschritts. Aber dein wird nicht mehr so sein (in fernerer Zukunft), wenn alle Welt rationalisiert sein wird." — „Man muß nicht in der Geschichte Stabilität suchen. Sobald eine Entwicklung bei ihrer Reife angelangt ist, beginnt die Fäulnis. Das Juli-Regime erlangte 1840 seine Reise. Bon da an wurde das Übel, das in ihm steckte, von Tag zu Tag unerträglicher. Bis dahin war es vom langsamen Wachsen verborgen worden. Während der Wachstums- Periode wird das Übel nicht sichtbar, aber mit der Reife deckt es sich auf." .— „Fährt man flußabwärts, dann öffnet sich oft bei einer Strombewegung vor dem Auge ein neuer und unerwarteter Horizont . . . So bei der Februar-Revolution. Tie Bourgeoisie zog langsam ihres Wegs dahin. Der Sozialismus demaskiert sich: sie sieht, daß sie dahin geführt hat: sie erschrickt über sich selbst. Und sie verflucht das 18. Jahrhundert, das dahin geführt hat! Geht! Geht! Tie Pille muß
heruntergeschluckt werden." —--„Die Zivilisation
triumphiert inuner über die Angriffe der Unzivili- störten, nie, indem sie sich ihnen widerletzt und sie aus- schließt, sondern indem sic sie ansnimmt. Tatsächlich besiegte Athen Mazedonien, weil zwanzig Jahre später Alexander die Welt durcheilte, aus Vergnügen, dem Geschwätz der Bürger Athens Nahrung zu geben. Tatsächlich besiegte Griechenland Rom, weil hundert Jahre später Rom völlig griechisch lvar. Tatsächlich besiegte Rom die Barbaren, weil sie, sobald sie sich den Zugang erzwungen hatten, nur noch trachteten, Römer zu werden, lateinisch zu sprechen und ihre Formen und Gebräuche anzunehmen. Das Kaiserreich, die Autorität kommen von Rom." — „Ich fasse einen Roman als eine ganz innerliche Geschichte, ohne jeden äußerlichen Zwischenfall auf. Fünf oder sechs Seelen einander gegeuübergestellt, immer in der gleichen äußeren Situa. tion, nur 'innerlich im Intellekt und Gefühl von Revolutionen heimgesucht. Die Hirten des Lignon geben sich nur der Liebe bin." — „Frauen beten und singe«
