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Nr. «0S.
Wiesbaden, Freitag, LL. Dezember LVGN.
87. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Königlich preußische „SNelchsLmnZ".
Der frühere Minister und jetzige Oberpräsident von Westfalen, Freiherr v. d. Recke, hat kurz vor dem Weih- nachtsfef^ eine neue Polizeiverordnung erlassen, die sehr tief in die Sitten der Bevölkerung und in die Wirtschaft- lichen Verhältnisse einer großen Berufsgruppe elngrelft. Es ist zu vermuten, daß Westfalen als ein Versuchsfeld erkoren ist und daß demnächst auch andere Provinzen mit einer ähnlichen Verfügung beglückt werten sollen.
Der Oberpräsident bestimmt, daß die Polizei- st u n d e fortan in den Städten um 11 Uhr und in allen Landgemeinden um 10 Uhr eintritt. Um diese Zeit sind also alle Wirtschaften zu schließen. Bestraft wird nicht bloß der Wirt, der länger aufhält, sondern auch der G a st, der länger verweilt. Tie Bevölkerung soll mit allen Mitteln solide gemacht werden. Daß die Maßnahme durch die überhand nehmenden Ausschreitungen rn Len „Gemernde-Gasthäuseru" hervorgerufen sei, halten wir für eine boshafte Erfindung. Die Behörde har gewiß nur an das allgemeine Wohl gedacht. Und Chamissos 1826 gedichtetes „Nachtwächterlied" wird wieder zeitgemäß:
Hört, ihr Herrn, und laßt euch sagen:
Was die Glocke hat geschlagen:
Gebt nach Haus und wahrt das Licht,
Daß dem Staat kein Schaden geschieht.
Lobt die Jesuiten!
Der Oberpräsident ist aber- der Meinung gewesen, daß 11 bezw. 10 Uhr unter Uinständen ein noch z u später Wirtjchastsschlutz sei. Die Ortspolizei soll
daher berechtigt sein, einen noch früheren anzuordnen' Andererseits kann sie nach freiem Ermessen, f-tr eine einzelne Wirtschaft oder im allgemeinen, die Polizeistunde widerruflich auch h i n a u f s e tz e n. Diese diskretionäre Vollmacht der Ortspolizei bringt das Wirtsgewerbs in völlige Abhängigkeit von ihr. Es gibt „gute" Wirte, auf deren Wünsche und Interessen sie gern Rücksicht nimmt, und es gibt „böse" Wirte, die sie für ihr schlimmes Verhalten durchs Herabsetzen der Polizeistunde bestraft. Ta die späten Abendstunden für den Wirt die e i n t r ä g l ich st e n sind, so werden sich die meisten Wirte gewiß bemühen, in die Klasse der „auten" Wirte ausgenommen zu werden. Die Verfügung wird die Sitten der Bevölkerung im allgemeinen und die der Wirte im besonderen heben, uno die Autorität der Ortspolizei, dieses „sicherste Fundament des Staates", erfährt eine neue Stärkung und Befestigung.
Leider läßt sich nicht leugnen, daß die Wirte selbst - durch Gefügigkeit nach oben und Verzicht auf
Fe uillet on.
Aus Kunst mb Leben.
* George Minne. In dem belgischen Dorfe Laethem- St. Martin lebt abgeschieden von der Welt entrückt allenr müßigen Melrergeschwätz, allem nutzlosen Prinzipien- und Theoriengezänte der Bildhauer George Minne Sein Name ist nicht unbekannt in Deutschland, doch noch wenig bekannt sind seine Werke. Das Folkwang-Mnseum in Hauen in Westfalen besitzt einige Skulpturen des Meisters und auch der alte Friedhof in Hagen birgt mehrere Grab'mäler Mstmes in seinen stillen Mauern. Eine große Anzahl seiner Werke befinden sich im Privatbesitz in Wien Der Grund daß Minne in der breiten Öffentlichkeit noch nicht bekannt ist und wohl auch nie populär werden wird, ist »icbt icb-wer vinzusehen. Er hat das Leiden der Menschheit tief in sich aufgcnommen und bringt es in seinen Werken zu ergreifen- der. erhabener Darstellung. Die Leidensgestalten, di-- Minne geschaffen hat, sind nicht schön im landläufigen Sinne- Größe und Erhabenheit sind das Merkmal aller seiner Werke bei- lig-r Ernst und tiefes Mitgefühl haben ihm bei seinem Schaffen den Meißel geführt; seine Schöpfungen zwingen zur Andacht, zur Kontemplation. Wer mit Minnes Kunst näher bekannt werden will, findet im Januar-Heft der "Deutschen Kunst und Dekoration" hervorragende Wiedergaben aller bedeutendsten Werke des Meisters. Artur Rocßier-Wicn hat dazu eine fesselnde Einführung verfaßt Es wäre zu begrüßen, wenn diese treffliche Veröffentlichung der ernsten Kunst Minnes neue Freunde gewänne. Auch sonst bietet das Januar-Heft der „Deutschen Kunst und Dekoration" noch viel des Schönen und Wissenswerten.
* Die unzureichende Musik. Richard Strauß veröffentlicht in der Wiener „N. Fr. Pr." Erinnerungen an Hans v. Bülow. Da erzählt er u. a.: Eines Tages war Bülow «das Geschichtchen spielt in Meiningen) mitten im Studium von Berlioz' „Harold"-Sinsonie, als der Herzog Georg, gefolgt von fernem Adjutanten Herrn v. 5L, das Theater be
rede Betätigung der Solidarität — das Ihrige dazu beigetrageu haben, um die Behörde zu einem so flagranten Eingriff in ihre Existenzvevtn- g u n g e n zu ermutigen. Jetzt haben sie den Lohn dafür!
Ausnahrnen dürfen gemacht werden, aber sie kosten Stempelsteuer. Das Organ der westfälischen und lippe- schen Wirte schreibt der Verordnung überhaupr erneu wesentlich fiskalischen Charakter zu. Das heißt die idealen und moralischen Absichten der Behörve unier- fchätzen. Aber die Einnahme ist eine angenehme Nebenseite der Verordnung. Tu lieber Gott! solche wackeren Taten zur Hebung von Zucht und Sitte dürften doch einen Anspruch auf materielle Belohnung begründen. Der Bürger, der Übertritt, bezahlt; der Wirt, ver dispensiert werden will, bezahlt ebenfalls. Teils schreckt es ab teils bringt es Geld ein. Wie man's auch dreht, so nützt es.
Tie Verordnung hat noch eine andere Seite. Sie wird auch vcm Einfluß fein auf die Vers amm- lungspraxis, ohne daß am Versammlungs„recht" irgendwie gerüttelt wird. Ein Wirt, der oppositionelle Versammlungen in seinem Saale stattfinden läßt -— und die Grenzen des Begriffes „oppositionell" sind gegenwärtig recht weite —, wird durch Herabsetzung der Polizeistunde bestraft. Die Strafe wird ihn auf den Weg der Besserung führen, und die Versammlungen mit ihren „aufklärenden" Referenten und Diskussionen werden eingeschränkt werden. Auch das gehört zur „Sebung der Sitten", welche die hehre Aufgabe einer hochlöblichen Polizei ist. Darüber kann man in Chamissos Gedicht die weitere schöne Strophe lesen: Hört, ihr Herrn, wir brauchen heute Gute, nicht gelehrte Leute:
Seid ihr einmal doch a-lehrt,
Sorat, daß keiner es erfahrt Lobt die Jesuiten!
Im übrigen halten wir die Verfügung des westfälischen Oberpräsidenten nach zwei Richtungen hin für rechtsungültig. Erstens kann denjenigen Wirten, die eine später als die fetzt angeordnete Polizeistunde haben, ihr Recht nicht ohne Grund wieder genommen werden. Und zweitens ist die Strafandrohung für Bürger, die zu lange zechen, ein Eingriff in die Kompetenz des Gesetzgebers.
MM Wer ötn MM kx finken.
Km Januarheft der „Preußischen Jahrbücher" äußert sich Professor Delbrück über die politische Situation, insonderheit über die Anbahnung eines Zweiparteiensystems, einer großen Gruppe der Rechten und einer der Linken. Er sagt, man müsse der Situation fest in die Augen schauen lind sich ausmalen, wohin wir kommen werden, wennwir zunächst einmal aus einige Jahre den Weg gehen, der uns anscheinend vorgezeichnet ist: der Teilung der
trat. Bülow klopfte sofort ab und fragte nach des Herzogs Befehl. Der leutselige Fürst wollte nur zuhören und fragte, was gespielt wurde. „Eine Sinfonie von Berlioz", erwiderte Bülow, bedauerte aber zugleich, daß er das Werk dem Herzog nicht vorführen könne, da er erst im Beginn des Studiums stände. Der Herzog: „Das macht nichts, ich höre zu" Bülow: „Ich bedaure lebhaft, Hoheit, die Aufführung ist zu unreif, ich kann sie Eurer Hoheit nicht präsentieren." Herzog: „Aber Bülow, seien Sie nicht komisch, es ist mir egal, wie es geht, ich höre gern zu!" Bülow, mit einer dritten steifen Verbeugung: „Hoheit, ich bedaure zum drittenmal. So weit, wie wir jetzt in der Sinfonie sind, reickt's höchstens für Herrn v. K. . . Oben das grinsende Drcbester, dazwischen Bülow in musterhafter Hofhaltung, unten der Herzog mit dem armen Opfer. Es war eine hübsche Gruppe. . . .
tz. Heilanstalten im Deutschen Reiche Ende 1969. Am Ende des Jahrcs 1909 befinden sich nach einer letzten amtlichen Zusammenstellung im ganzen Deutschen Reiche 3603 allgemeine Krankenhäuser; und zwar 2182 Anstalten öffentlichen Charakters, 1362 private Anstalten und 59 Anstalten von Universitäten. Anstalten für- Geisteskranke, Epileptiker. Idioten, Schwachsinnige und Nervenkranke wurden 479 ermittelt, darnmer 280 private. Von den 106 Entbindungsanstalten waren 62 öffentliche und je 22 private und Uuiver- sttätsanstalten. Die Augenhcilanstaltcn sind zum größten Teil private Unternehmen. Neben 103 Privatanstalten wurden 23 öffentliche Augenheilanstalten und 21 Umverst- tätsanstalten gezählt. In den gesamten Heilanstalten standen 328 983 Betten zur Verfügung, 115714 in den Anstalten für Geisteskranke, 3498 in den Entbindungsanstalten und 4654 in den Augenheilanstalten. Verpflegte Kranke wurden im letzten Jahre der Ermittelung gezählt 1500 793 in den allgemeinen Krankenhäusern, darunter 623 773 in den Krankenhäusern mit öffentlichem Charakter und 168 343 in den Anstalten für Geisteskranke. Nach einer Statistik über den Zeitraum von 8 Jahren wurden in den Heilanstalten für Geisteskranke 176 978 neu zua-gangene Krankheitsfälle gezählt, die häufigsten Krankheitsformcn waren einfache
Parteien in eine Rechte und in eine Linke. Wörtlich sagt Delbrück:
„In vorsichtiger Weise, aber doch ganz unverkennDar, hat Herr Bassermann angedeutet, daß zukünftig eine wahltaktische Verbindung der Nationalliberalen mit den Sozialdemokraten nicht mehr unmöglich sei. In Baden und Bayern, denjenigen beiden Bundesstaaten, in denen die katholische Bevölkerung die Majorität hat, ist dieser Block der Linken bereits zur Tatsache geworden. Die Folgen einer solchen Taktik auch in Norddeutschland sind u n a b s e h b a r. Zwar ist cs in Baden wirklich gelungen, die Gefahr einer klerikalen Majorität in de: Kammer abzuwenden, aber nicht zum Besten der Liberalen, sondern der Sozialdemokraten. Die Tatsache, daß die Genossen von der staatserhaltenden Partei der Nationalliberalen für bündnisfähig erklärt wurden, hat ihnen ganze Scharen von neuen Wählern zugeführt, die bisher durch den Geruch der Staatsfeindlichkeil und der Revoluzzerei von dieser Partei zurückgeschreckt worden waren, die nun aber kein Bedenken mehr trugen, sie zu unterstützen, nachdem schon längst viele ihrer Einzelforderungen ihnen sympathisch erschienen. Ähnliches würde uns wohl auch in Norddeutschland bevor- stchen."
Delbrück geht sodann auf die Möglichkeit ein, daß cs den Nationalliberalen und den Freisinnigen gelingen könnte, in Preußen den Konservativen eine Anzahl Sitze abzunehmen, wenn sie auch andererseits noch mehr an die roten neuen Freunde verlieren würden. Nach seiner Ansicht kann dieser Verlust an anderer Stelle wieder ein gebracht werden. „Wir sind", so führt er aus, „auf Grund einer laugen Erfahrung gewohnt, die Zentrums- kreise für u n e i n n e h m bar zu halten. Auch bei den Rlockwahlen ist es ja nicht gelungen, dem Zentrum auch nur das kleinste Gebiet zu entreißen. Aber bei dem Block der Linken würde es anders stehen. Das Zentrum hat bei dm Bstlowschen Blockwahlen deshalb so gut abgeschlossen, weil bei den Stichwahlen die dritte Partei immer ihur zuftek: die Sozi wühlten lieber Zentrum als Konservative und Liberale, weil es in der Opposition war, und die Konservativen und Liberalen wäblten lieber Zentrum als sozialdemokratisch, weil jenes doch zu den bürgerlichen Parteien gehört. Gehen nun aber einmal die Liberalen nlit den Sozialdemokraten zusammen, so ist es höchst wahrscheinlich, daß das Zentrum sowohl am Rhein wie in Süddeutschland eine Reihe von Sitzen verlieren wird. Ein Optimist hat mir schon vorrechnen wollen, daß es nicht weniger als 40 sein konnten. Nun. wenn es auch nur 15 bis 20 werden sollten, so wäre das schon etwas sehr Erhebliches und könnte den Schaden, den die Liberalen an anderer Stelle erleiden, wenigstens zum Teil wieder aus- gleichen. Umgekehrt verbessern sich die Wahlchancen der Konservativen durch die Unterstützung des Zentrums nur sehr wenig. Selbst wenn das Zusammengehen mit den Sozi einen erheblichen Teil der jetzigen Liberalen zu den Konservativen hinüberscheuchen sollte, so ist die Bildung einer rein konservativ-klürikalen Majori--
Seelenstörung in 81715 Fällen, Epilepsie in 15 634 Fällen; paralytische Seelcnstörnng in 15 490 Fällen, angeborene Jd-otrk und Kretinismus in 13 849 Fällen, Alkoholismus in 12 8o3 Fällen, Neurasthenie in 12 492 Fällen.
Theater und Literatur.
Dieser Tage vermählte sich Björn Björnson, der bekannte älteste Sohn des greisen norwegischen Dichters, mit einer Berliner Dame, der anmutigen, beliebten Frau Bend ix. Björnsons erste Frau war die Sängerin Ginn Dselio. ^ Die Trauung fand in Kopenhagen statt, die Hochzeitsreise geht nach Wien, wo Björn Björnson das jüngste Lustspiel seines Vaters „Wenn der neue Wein blüht" am Burgthsater in Szene setzen soll.
Direktor M a r t e r st e i g ist nach Wien abgereist, um betreffs des Burgtheaters persönlich zu verhandeln. Wie in Cöln von gut unterrichteter Seite verlautet, hat Martersteigs Berufung sehr große Wahrscheinlichkeit für sich, um so mehr, als sein Cölner Vertrag abläust.
Bildende Kunst und Musik.
Der Kaiser ließ sich von dem Wiener Maler Pro- fessor Franz Matsch portraiticren. Maffch malt im Auftrag der Stadt Wien ein großes 1 Gemälde, das die Huldigung der deutschen Bundesfürsten in Wien aus Anlaß des 60jährigen Regierrmgsjubiläums des Kaisers Franz Joseph veranschaulichen wird. Professor Matsch hat sämtliche deutschen Höse besucht, deren Regenten sich der Huldigungsfahrt nach Wien angcfchlossen hatten, und alle Fürstlichkeiten gewährten eine oder mehrere Sitzungen.
In Dresden hat sich, wie dem „B. B. C." geschrieben wird, Zirkusdirektor Stosch-Sarrasani unter Hinterlegung von 200600 M. erboten, den Bauplatz ans dem militärfiskalischen Areal an der Carolabrücke zu erwerben und einen massiven Zirkus zu errichten, der sich nicht minder zu musikalischen Veranstaltungen eignen soll. Die Festhalle soll etwa 5000 Sitzplätze haben.
Leon ca vallos neue Oper „M a i cr" wird in dm ersten Januartagen am Costcmzi-Theater in- Rom nrcker Mascaams Leitung ihre Uraufführung erleben.
