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25/87»
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Nr. «VS.
Wiesbaden, Dienstag, 88. Dezember 1SVS.
57 . Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. §8Caft. __
Jürr öcrs 1 . gmarfal 1910
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
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Noch mehr Licht!
Man sagt, der sterbende Goethe habe mit dem letzten Wort, das ton seinen Lippen gekommen ist und das bekanntlich „Noch mehr Licht" gelautet hat, nur dem Wunsch Ausdruck geben wollen, daß der Fensterladen etwas mehr geöffnet werde. Sei dem, wie ihm wolle: jedenfalls hat die Nachwelt recht, wenn sie das Wort bezeichnend für die Geistesart des Mannes findet, der allezeit dem Licht der wahren Aufklärung entgegenstrebte. „Noch mehr Licht", das möchte man den Flotten- schwärmern und den Legationsräten wünschen, die gegenwärtig über Rüstung und Abrüstung, Krieg und Frieden reden und schreiben, ohne den nötigen Beruf dazu zu haben. Es fehlt den Herren einfach zum großen Teil an den: nüchternen Talglicht der Alltagslogik. Solange sie das nicht in ihrem Oberstübchen anzünden, ist
all ihr feuorrverkartiges Geflunker über die heutige Politik und Deutschlands gegenwärtige oder zukünftige Weltstellung — unfruchtbares Gerede. Aus der Menge der in der Lust verpuffenden Leuchtkerzen, genannt Leitartikel, welche politische Stimmung machen sollen, greisen wir nach Willkür zwei, die uns zufällig am nächsten liegen, heraus, um an ihnen ein Exempel zu statuieren Da ist zuerst das höchstaktuelle Thema „Warum baut Deutschland Kriegsschiffe?" — ein Vortragsgegenstand, mit dem der Kapitän zur Zoee Persius als Geschäftsreisender durch dre deutschen Gauen pilgert und bann die in Wahrheit wichtige Erörterung über den „Friedensgedanken und die Neutralisierung der europäischen Grenzen", worüber sich der kaiserliche Gesandte von Raschdau in Richard Fleischers „Deutscher Revue" vernehmen läßt. Zuerst zu Herrn von Persius. Dieser Herr beginnt seine Vorträge mit der Behauptung: „eine Flotte muß so kampfkräftig sein, daß es für jeden Gegner ein Risiko bedeuten würde, ihr den Fehdehandschuh hinzuwerfen". Also, das ist die Meinung, „baue, deutsches Vaterland, baue und zahle Schiffe!" Das klingt beweiskräftig, ist's aber nicht. Es ist dieselbe Logik, mit der einer sagen könnte: „Ein Faustkämpfer mutz so stark sein, daß sein Gegner sich
zweunal besinnt, ehe er mit ihm anbindet", nur daß damit nicht bewiesen ist, daß die Menschheit ohne Faust- kämpfer nicht existieren könnte. Es ist selbstverständlich, daß Deutschland, wenn es sich in den Stierkampf mit einer anderen Seemacht einlassen will, stark gerüstet sein muß, ja womöglich stärker als ihr eventueller Gegner, aber nieniand hat bis jetzt den Beweis erbracht, daß dieser Stierkampf unvermeidlich ist, oder daß die tatsächlich vorhandenen Interessengegensätze nicht auf anderem Weg als auf dem der blutigen Gewalt geschlichtet werden könnte. Was will Herr v. Persius mit der großen deutschen Flotte? Er will, wie er sagt, erstens den Weltfrieden damit wahren und zweitens, was mit Nr. 1 nicht so recht stimmen will, England, das nach seiner Ansicht zu rücksichtsloser Politik geneigt ist, im Zaum halten. Man sollte freilich meinen, daß allmählich das Licht der Aufklärung auch in Militär- und Marinekreise so weit eingedrungen fein könnte, daß die Herren einsehen würden, daß die starken Heere nnd Flotten keine sicheren Friedensgarantien sind. Man vergleiche das starke russische Heer und die starke russische Flotte, die doch nicht imstand waren, den Ausbruch des ostasiatischen Krieges zu verhindern. Man sollte ferner meinen: um einen Riesen wie England im Zaume zu halten, müßte man stärker sein als dieser Riese; das wird aber merkwürdigerweise von unserem Seekapitän nicht zugegeben; „England jemals zur See besiegen, ist ausgeschlossen", sagt er wörtlich. Ja, wenn wir es nicht besiegen können und doch versuchen, ihm den Zaum überzuwersen und England sich dagegen wehrt und also der Kriegssturm durch die Nordsee braust, — was dann? Dann haben wir erstens einmal den Weltfrieden nicht gewahrt, und zum andern bleibt uns nichts übrig, als eine Niederlage einzustecken, und eine solche Niederlage bringt nach Persius den Verlust unermeßlicherWerte mit sich: „unsere Landwirtschaft und unsere Industrie würden lahmgelegt, unsere Handelsflotte vom Meere weg gefegt usw." Wie soll dieses Schicksal vermieden werden? „Es muß", sagt Herr von Persius, „nicht notwendig ein Krieg entstehen, man kann einen solchen vielmehr durch ständiges Rüsten vermeiden". Das also ist wieder einmal des Pudels Kern: Wenn du den Frieden willst, rüste den Krieg. Zur Wahrung des Weltfriedens baut Deutschland seine Kriegsschiffe. Warum aber, so möchten wir fragen, ist denn die Weltfriedensidee eine Utopie, wie Herr von Persius erklärt, wenn doch die starke Rüstung den Frieden garantiert und unsere Ausgaben für Heer und Marine nur die Versicherungsprämie für den Frieden darstellen? Die Antwort dürfte naheliegen: die Herren trauen selbst dem Wetter nicht: sie wissen ganz genau, daß ihre Rüstungen den Frieden eben nicht unter allen Umständen garantieren, sie wissen ganz genau, daß sie auch gar nicht bloß diesen Zweck haben, sondern zugleich , den ganz anders gearteten, anderen Mächten gewaltsam einen Zaum anzulegen, den deutschen Willen je nachdem den andern aufzudrängen und im Kriegsfall tüchtig dreinzuschlagen. Daß das Übermaß der Rüstungen aber die Völker in den finanziellen Bankerott hineintreibt und dadurch selbst die größte Kriegsgefahr in sich schließt, indem die
Feuilleton.
Stürme.
(Nachdruck verboten.)
Der letzte Monat des Jahres hat uns viele unangenehme Wüterungserscheinungen bcschieden und sich in seiner erUm -Halite ganz besonders durch Stürme ausgezeichnet. 1 ne in Europa glücklicherweise zu den Seltenheiten ge- r J:J Ver Norden und Westen unseres Erdteils wurde durckdw Zyklone heimgesucht, während zugleich ähnliche unangenehme Störungen sich im Mittelländischen Meere bernerkbar machten.
nickst aünz gerechtfertigt. Die großen Luftwirbel treten in brer ganzen Furchtbarkeit nur in den tropischen Gegenden ans wo man sie als Zyklone bezeichnet, und m China und Ävan wo sie Taifun genannt werden. Wir erleiden mehr Mi plötzliche barometrische Depressionen", die höchst unanacnehm, aber doch mit den Orkanen, die in den Sm ZS St zu vergleichen sind. Es ist doch äußerst selten, daß dadurch Häuser umgeworsm, Baume entwurzelt werden, Springfluten entstehen, wahrend die richtigen Zyklone und die Taifune derartige Verheerungen meist an-
richtttl.^ bst es sich natürlich um ähnliche Phäno
mene, und alle Lustwirbel haben das gemeinsam, daß auf kurze'Ruhepausen stets die Stürme folgen. Es handelt sich pa um atmosphärische Wellen, die sich brechen, es folgen immer wie im Ässeere drei auseinander, und die dritte ist
stets die heftigste. .
Die Zugstraßen der Zyklone sind rm allgsmsrwn be- wmt. In Amerika ist ihre mittlere Richtung von Westen
nach Osten. In die Gegenden von Neustmdland angelangt oder nach Nordostcn abgelenkt, wenden sie sich nach Island und von da fegen sie mit wechselnder Heftigkeit die Nordsee. Dänemark, die Ostsee.
Die Schnelligkeit, mit der die Depressionen sich verbreiten, ist sehr veffchiedcn und aus dem Meere eine größere als auf dem Lande, was sich daraus erklärt, daß die atmosphärischen Wellen auf letzterem viel häufigeren Hindernissen begegnen; auf dem Meere fehlen diese doch meist vollständig. Was nun die Jahreszeiten betrisst, so treten die starken Depressionen aut dem Atlantischen Ozean, die Europa in Mitleidenschaft ziehen, hauptsächlich im Herbst. und im Winter ein. Es ist selten, daß eine dieser heftigen Bewegungen, die durch den Barometersturz in Island und in Nordengland angckündigt werden, nicht einen großen Teil des Festlandes heimsuchen.
qjji den Observatorien werden alle 24 Stunden Wetterten hergestellt, welchen Weg aber eine Depression nehmen wird ist schwer vorherzusagen, und diese Karten dienen denn auch 'mehr abs Vergleichsdokumente. Wetterprophezeiungen sind dah'r etwas recht Undankbares, und wie jeder sich schon vielfach überzeugt haben wird, stets mit größter Vorsicht aufzunehmen. Ernsthafte Gelehrte mach n daher auch keine, sondern begnügen sich damit, von „Wahrscheinlichkeiten" zu
"^^Welchen Ursachen sind mm die Zyklone und die Depressionen zuzuschreiben? Es gibt viele Theorien darüber, von denen man zwei als die wahrscheinlichsten betrachtet. Nach der einen entstehen die Störungen tu ruhigen Regionen, an einem Punkt, wo der Boden sich durch irgend eine Ursache erhitzt hat und so eine höhere Temperatur als die der ihn umgebenden Zone ausweist. Dadurch entwickeln sich Lustbewegungen, der Wasscrdampf der Atmosphäre kondensiert sich, das Gleichgewicht wird unterbrochen. Die Depression verbreitet sich dann schon unter den Einwirkungen
Staaten, die es nimmer aushalten, lieber losschlageü, als ohne Schwertstreich zugrunde zu gehen, — das verschweigen die Herren vom Flottenverein sowie die Diplomaten vom alten Regime. In Wahrheit krankt das heutige System an einem unlösbaren Widerspruch: Man bildet sich ein, mit der kriegerischen Rüstung unermeßliche Werte zu schützen und merkt nicht, daß man durch die Kriegsgefahr, die man mit der Rüstung aufrecht erhält, eben diese unermeßlichen Werte bedroht. Man sagt sich, daß wir England zur See nie besiegen können und doch will man England durch Drohung mit kriegerischer Gewalt im Zaume halten, ohne zu merken, daß man das stolze Albion dadurch unter Umständen geradezu zum Krieg herausfordert, zu einem Krieg, der nach dem vorhin Gesagten notwendig unglücklich für uns enden müßte. Aber was kümmert die Herren die Logik, wenn nur der Flottenverein Mitglieder gewinnt!
Aber gibt es denn keinen anderen Weg, um den Weltfrieden zu wahren, als den verkehrten, der durch das erlogene römische Sprichwort angedeutet ist: „Wenn du den Frieden willst, rüste den Krieg?" Freilich gibt es einen solchen. Der Weg heißt: Neutralisierung der europäischen Grenzen, Es ist der Weg, den die Friedensfreunde seit Jahrzehnten empfehlen: die Mächte sollen sich den bestehenden Zustand garantieren, etwa neu austanchende Streitigkeiten auf dem Rechtsweg entscheiden und . aus Grund eines bindenden Vertrags abrüsten. Dieser, Weg aber soll nach der Ansicht eines „berufenen Vertreters moderner Staatskunst" — so wird er jedenfalls in unfern nationalistischen Zeitungen genannt werden — nach der Ansicht des kaiserlichen Gesandten Herrn v. Raschdau entweder gar nicht oder doch nur bis zu einem gewissen Punkte gangbar sein. „Neutralitätsabkommen", sagt dieser Herr u. a., „haben bei den Großstaaten nur in sehr beschränktem Maße Anerkennung gefunden"; als ob damit für die Zukunft irgend etwas bewiesen wäre! Sollten die Großstaaten, welche die ganze Nordsee nrit sämtlichen daran stoßenden Gebieten neutralisiert haben, nicht noch einen Schritt weiter gehen und auch einmal einen Großstaat als solchen, ja die Gesamtheit der Großstaaten wenigstens für die innereuropäische Staatengesellschaft neutralisieren können, so gut wie sie dies tatsächlich bis jetzt mit der Schweiz, Luxemburg, Holland, Belgien und Norwegen getan haben? Das soll unmöglich sein, meint Herr vr Raschdau, weil die politischen Verhältnisse in Europa einen unsicheren Charakter tragen. Und wenn dem so ist, warum sollen diese Verhältnisse nicht eben durch die von den Friedensfreunden erstrebten Bündnisse und Garantieverträge konsolidiert werden? Herr v. Raschdau bezweifelt die Erreichbarkeit des Ziels, das die Friedensfreunde sich gesetzt haben, ja er hält die Er. reichung nicht einmal für wünschenswert. Warum? Weil ein ewiger Friede nicht im Interesse der gesunden Fortentwicklung der Menschheit und besonders Deutschlands läge. Er fürchtet offenbar die sittliche Er- s ch l a f s u n g. Als ob von einer solchen die Rede sein könnte in der Zeit einer jede Muskel anspan,- n e n d e n A r be i t, in einer Zeit, wo man in einem
der gasigen Zusammenziehungen und Ausdehnungen, die sie selbst hervorgerufen hat. Immerhin dürfte sie über einen verhältnismäßig beschränsten Raum nicht hinausgehen.
Nach der zweiten Theorie steigen die Lnftwirbel aus den oberen Regionen der Atmosphäre bis zum Boden herab und sind sie mehr oder weniger heftig, je nach der Schnelligkeit der auf sie einwirkenden Luftströmungen. Infolge des Einflusses dieser und der atmosphärischen Komponente ist es so schwierig, sestzustellen, welche RichMng eine Depression ttchmen wird, obgleich ihre Bewegung anfänglich genau bekannt ist.
Die Ungleichheiten der Temperatur, die man beim Hin- ziehen der Depressionen bemertt, erklären sich durch die gegenseitige Einwirkung der atmosphärischen Lagen, die nach verschiedenen Richtungen in Bewegung sind. Südliche und südwestliche Winde, b h. also warme, wchen im Winter ebenso gut wie nordöstliche und nördliche. Die Mischung bringt Kondensationen und Abkühlungen hervor, die zu Überraschungen führen. Man meint z. B., ein warmer Luftstrom ziehe hin und cs fällt Schnee herab, während andererseits ein mäßiger Nordwind sich zeigt, aber gar nicht unangenehm empstlnden wird. Es haben eben in den oberen Lagen Mischungen stattgesunden, deren Wirkung für uns in behaglicher oder unbehaglicher Weise, je nachdem die eine oder andere Richtung vorwiegt, sich bemerkbar macht. Nur durch die Registrierballons kann man sich also vollkommene Gewißheit darüber verschaffen, ob während ciner gewissen Zeit ein kaltes oder warmes Regime in der Atmosphäre vorherrschcnd sein werde.
übrigens folgen den zyklonalen Depressionen gewöhnlich antizyklonale, die das atmosphärische Gleichgewicht wieder Herstellen. Sie sind weit weniger gefährlich als jene, aber unangenehm, da sie von Temperaturschwanknngen begleitet werden. W. Waldau.
