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Nr. 602.
Wiesbaden, Montag, 22, Dezember 1NVS.
57. Jahrgang.
Abend-klusgabe.
1. Merkt
Die Gegenrevolution ln Griechenland.
Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie forr- zeugend immer Böses mutz gebären! Mit diesen Worten leiteten wir unsere politische Betrachtung ein, als der griechischen Militärrevolution vom August d. I. Ende Oktober der Putsch des Typaldos und seiner Anhänger folgte. Dieses war der zweite etwas anders geartete Streich, und nun ist ein dritter gefolgt, der wiederum eine ganz neue. Nuance aufweist. War es vor vier Monaten das unzufriedene M i l i t ä r, welches sich gegen die bürgerliche Gewalt und den König erhob, war' es vor zwei Monaten ein Teil des Offizierkorps, der sich benachteiligt fühlte und gegen die Mehrheit rebellierte, ist es jetzt wiederum das B itr gertu m, das lief) gegen die u n e r t r L gl i che T y r a tut et des Offizierkorps, gegen die Militärdiktatur, erhebe, und zwar nicht ganz ohne Erfolg ... <.•
Die neuesten Vorgänge tu Griechenland, über man angesichts der einander völlig widerspreche, den Meldungen und der griechisch offrzrosen VeA sch -ng - versuche nur schwerKlarycrt erlangen kann brlden n. wirkungsvolle Illustration zu der Kirchen Nede m.t der der jetzige MimsKrprmrdent ,M a vr omrch alr » Ende August an Stelle des gestürzten Rallrs me Re- nfpruna antrat und worin er versicherte, daß „alle Klassen der Bevölkerung von: Geiste der Eintracht und Mäßigung beseelt" seien. Non der Eintracht hat man nichts gemerkt, und die Mäßigung mutzte man vor allem bei der herrschenden Militärliga vermissen, deren Führer, der bisherige Oberst und jetzige Generat o 0 r b a s, die Rolle des unae k rönt c. n K o nt ö» von Griechenland spielte. Indessen der Krua aept so lange zu Wasser, bis er bricht, und die Mrlrtarlrga überschätzte zmn Schluß ihre Macht und dm Geduld des Volkes sowohl wie des Königs Georg, der sich zwaw wa ll od^r übel entschloß, mit der Mrlrtarlrga zu Pak-
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von Zorbas' Gnaden nrcht behaglich fühlte.
Schält man den Kern aus feen einander überstürze, denMeldungen heraus drc m den, letztenTagenaus Athen zu uns gelangt sind, so ergibt srw daß es sich bei len jüngsten Wirren um nichts mehr und nichts weniger handelte als um eine e r f o l g r e rch e Auflehnung der Parteien des Kabinetts und oes i-onrg^ gegen dre^rr- tatur der Militärliga. Während dre seit dem Oktober an der Arbeit befindliche Kammer zunächst unter dem Druck der Militärliga arbeitete, schlug drc Stimmung nn Volke und damit im Parlament. allgemach um to tnefir um, je mehr man erkannte, wie k o st s p r c 1 1 g Me von der Militärpartei geforderte Reformpolrtrk zrr werden begann. Solange es sich nur rur, schone Vorsätze, Reden und Programme handelte, machte die Bevölkerung Griechenlands sogar dann noch mit, als rn drniem Programm eine Verstärkung des Heeres und Lr Flotte feie Hauptrolle zu spielen anfrng. offg aber diese Programme in Taten umgesetzt werden rollten und als der Refrain „Steuer,,, Steuern und nochmals Steuern" lautete, da setzte zunächst eure
passive Resistenz ein, die sich allgemach in offenen
Widerstand verwandelte. , .
Der Führer der Opposition gegen dre Diktatur der Militärliga war und ist Theotokis, hinter dem dre stärkste Gruppe in der griechischen Kammer steht. Gegen Theotokis richtete sich daher der ganz besondere. Hatz, der Militärliga, in deren Auftrag der Krlegsmnnfter Lapathiotrs, der lediglich ein Organ der Liga war, unlängst den vielbeachteten Vorstoß gegen Theotokis unternahm In dem heftigen Jntrigenkampf, der dreien, Rededuell folgte und der sich, beinahe zu einem Burger- krieg zuzuspitzen drohte, ist jetzt die Militärliga unterlegen und der Kriegsminister Lapathiotrs. hat lerne Demission einreichen müssen, die der König angenom- men hat. Dies ist der Kern der junglten M'.msim- krisis und alles andere war nur Beiwerk. Kennzeichnend'für die Verhältnisse str Griechenland aber ist der Zusammenstoß, der sich bei kesser Gelegenheit zwischen dem König Georg und dem Obersten Zorbas abgespielt hat, welch letzterer im Aufträge der Milrtaruga dem König das Recht der Ministerernenimng abzn- streiten versuchte. Dies Attentat auf die Rechte der Krone wurde freilich abgeschlagen, und der Krreg». minister mußte trotz des Einspruchs der Mstnarllpa geheii, aber daß deren Einfluß trotz alledem nicht gebrochen ist, geht am befielt daraus hervor, daß mau den Obersten Zorbas gleichzeitig — als Pflaster auf me Wunde — zum General avauzieren ließ. .
Es zeigt sich eben hierbei aufs neue, was tou lchon bei dem' Putsch des Typaldos betonten, daß dre Revolution in Griechenland in eine Menge klein e r R c v o- l u t i ö li ch e u zerfällt. In diesem Krieg aller, gegen alle hat zurzeit die bürgerliche Partei einen -^reg errungen, aber die Militärpartei denkt nicht daran, den Kampf aufzugeben, mrd König Georg befindet sich zwischen den einander befehdenden Gruppen m Gefahr, wi chen zwei Stühle zu geraten. Ob sich aus diesem Chaos überhaupt irgend rat Kern herauskristallrsieren wird, an den sich allmählich ein neues Staatsgefuge ansetzen kann, ab das verfallene und zerrüttete Hellenentum noch den Willen und die Kraft hierzu hat das wird man füglich abwarten..müssen, aber nicht ohne ernste Besorgnisse abwarten können.
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UMtische Kberstcht.
Meckle«brrvg.
So vorsichtig sich die „Rückblicke" der „N. A. Z." geben, die das offiziöse Hauptorgan an jedem Samstag bringt, so läßt sich auch aus ihnen manchmal erkennen, welche Auf- fjfmu, Me leitende Stelle von dieser oder jener Gesetz- oebuimsfrage hat. So z. B. jetzt, wo die „N. A. Z." sich mit der mecklenburgischen Versassungsfrage beschäftigt. Karn objektiv wird der Standpunkt der Regierung gegenüber^ der Ritterschaft erörtert, woraus das Wilhelmstraßenblatt fortfährt, daß auch die Beschlußfassung des Sternbcrger Landtaas über seine tünftige Biitwirkung bei der Etats- öniWruma sowie seine Forderung einer Einkommensteuer „ja «vrf+oft gegen das rechtmäßige Verhältnis zwischen den Großberzöaen und dem städtischen Wesen empfunden wer- den Es ist bereits eine Parteinahme, wenn auch m der denkbar vorsichtigsten Form, und die „dt. A. Z." uberraicht
und erfreut den Leser dann weiterhin durch die Aufnahme, einer scharfen Kritik an den verfahrenen mecklenburgischen Zuständen. Was die in Wismar erscheinende „Mecklenburgische Warte" im einzelnen über diese Zustände aussnhrt, kann hier übergangen werden; bemerkenswert aber ist, daß die „N A. Z." dazu meint, es zeige sich, wie ungeläufig die Struktur des mecklenburgischen Ständewcsens auch oer allgemeinen Vorstellung im übrigen Deutschland sein durfte. „Ungeläusig" ist ein gutes Wort. Sein Sinn in diesem Zusammenhänge ist offenbar der, daß den Interpellanten und Antragstellern, die gleich nach Neujahr den Reichstag über den mecklenburgischen Wirrwarr aufklären und Abhilfe fordern wollen und sollen, Erfolg bei ihrem Vorgehen gewünscht ivird. Es ist ja auch eigentlich gar nicht möglich, daß es anders sein könnte. Herr v. Bethmann-Hollweg mag den Konservativen noch so weit eutgegeu- kommen wollen, so wird er sich in der mecklenburgischen Versassungsfrage jetzt, wo die Grotzherzöge selber die Mitwirkung des Reichs anrusen, dem Bedürfnis einer Reform nicht hartnäckig entgegenstellen. Es kommt hinzu, daß in dieser Frage von einer Gemeinsamkeit der Anschauungen zwischen den Konservativen und dem Zentrum nicht die Rede sein kann. Das Zentrum stellt sich zwar in solchen Dingen gern aus den Boden eines ausgesprochenen. Fovera- lismus und blickt demgemäß manchmal recht mißtrauisch auf Forderungen, die eine Erweiterung des überragenden Reichsqedankens bedeuten könnten. Aber für die Erhaltung der verrotteten Verhältnisse in Mecklenburg wird das Zentrum nicht mitraten wollen, schon wegen der alten Klage über eine vermeintlich differentielle Behandlung der Katholiken in den beiden Großherzogtümern.
Die KagdkidbalMfi'age imd meit««.
L. Berlin, 26. Dezember.
Wie wir von unterrichteter Stelle erfahren, galt die Anwesenheit des Londoner Bankiers Sir Ernst Easscl in Berlin zwar in erster Reihe der Bagdadbahnfrage, aber im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit wurden auch andere Pläne erörtert, die aus eine Gemeinschaft von kapitalistischen wie politischen Interessen zwischen der hiesigen Bankengruppe und den Londoner Bankhäusern abzielen. Es ist die Rede von der Gründung einer „Ottomauischeu Nation alb ank", an der sich deutsches, englisches, aber auch österreichisches Kapital beteiligen soll. Man hat den Eindruck, daß eine umfassende Regelung aller auf die wirtschaftliche Erschließung des Pfortenreichs gerichteten Unternehmungen und die Vereinigung dieser verschiedenen ckn.er- nehmungen in einer großen Organisation beabsichtigt ist. deren reibungslose Wirksamkeit durch die vorherige .mj- schalmng aller bisherigen Rivalitäten zwischen den einzelnen Ladern verbürgt werden soll. Welche Vereinbarungen.in bezua auf die Bagdadbahnsrage getroffen worden sind, wird ück noch geraume Zeit der Öffentlichkeit cntztehen, wofern EN überhaupt schon zu festen Abmachungen gelangt ist. Verschiedentlich wird das behauptet, aber man muß es nicht nötiocudigerweise glauben; vielmehr wird es wohl so stehe«, daß immer noch über Vorschläge von Huben und drüben, von Berlin wie von London aus, auf der Gegen!eite beraten wird. Jedenfalls liegt die Wichtigkeit dieser Anknüpfungen und Verhandlungen, die, wie gesagt, ein großes Gebiet oer wirtschaftlichen Angelegenheiten des Pfortenrcichs bctr ss . so aus der Hand, daß sich die öffentliche AusmerksamkeiB 1 wieder, wie das manchmal geschah, von diesen Problemen abdrängen lassen ivird.
Feuilleton.
ößtiinßt TlMer-WertznachiLmarkl.
^ " 25. Dezember 1909.
«n,rTd Zusammenhänge lassen sich zwischen den * Bovttäten.fmchtcn schlingen, die von den Berliner bunten Novn. ..Aschen Tage, da — wie meine Freundin Bühnen sur ® l ' P^sserkuchen riecht, zu einem Still- sagt — die a® ^d^rr. Im N euen 2 p er etten- leben ausgeba „Graf von Luxemburgs-
Theater zog - —-e. «— *..<**.
n preisgekrönt, mit dem lustig aktuellen ein, natürlich ' ^d Scheinheirat, durch die ein „süßes Sp»el der NauMls Ritterschlag für eine
Madel die i ■ t pegibt sich hier die tvitzige
fürstliche Ehe ^ imaginäre Vorstufen- tind Sprung- Kombination, dag ^ Frau - er hat sie bei
«* *' Mt " - ,SKä > Sitnen d«S .««<><«, bet
Die farbigen mondänen Treibens irt der
Schwarz-Weiß-Red ' umsprübt von einem die
„Hall" eines &8 Der Musik mit dem
Lebensnerven kitzelnden niiyimia _ einem
Schlager des die Stufen hmaufgetanzten Walzers ewnm aelun?enen Treppenwitz - wirkten enthusiasmierend. Und kn Kleines Theater trat unterdes, ein dmmatmerter ^-vvelgänger LehLrs auf, der Komponist Höser rn dem Der große Name" von Viktor LZon mo
£eo KM.""Die Herren wollten dre Komödie von De»
Kümtlerberühmtheit schreiben, ein Stück menschlicher Narrheit Aber dazu hat cs nicht gelangt. Sw deuten ihr nur an, daß der gefeierte, verwöhnte, von der Gunst oetraaene Operettenkompomst sich unbefriedigt kuhltz daß er was Besseres will uiid seinen billigen Ruhm durch ein Werk überflügeln. Eine Sinfonie soll das sein, und dw
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hiurfcert und von ihm lediglich als Mittel benutzt, wm, ift ein Bluff-Motiv, verquickt mit Rührung und Edc.mu?.
saöfer trifft nämlich mit einem, alten ^ugen^freuno, einem begabten Musiker, dem es nicht so gut gegangen, wieder zusammen. Der hat ein ungeborenes Kind rn der Kommode, will sagen eine unanfaesnhrte Simame rm Kasten, ^beschließt in unwahrscheinlicher Philanthropie - es ist kin WeMachtsstück, lieber Leser dies Werk unter seinem Nanwn aufzuführen und es mit seinen Ruhmosflugeln zu decken und dann, nach dem Erfolg, den richtigen ^-erfaqer sxM Ehren einzusetzen. Die Spekulation grltngtl, und U aibt dabei eine wirklich ironische Pointe. Als Hofer- E f.; r tz« jubilierenden Menge neigt, stimmt das Orchester Huldigung seinen populärsten Walzer an, der ihm selbst längst zum Ekel geworden und dem er nun lächelnd stand-
^^Enr'berühmter Komponist debütierte als Weihnaebts- mann auch bei Brahm im Lessing-Theater. Hermann B ab r war sein Manager, und der Lustjpielrahmen hreß Das K o n z e r t". Doch spielt hier nur ein einziges Instrument, die Viola d’amore. und es handelt weniger vom Glück in der Musi! als vom Glück in der Liebe.
Bahr behandelt hier das dankbare Thema von dem Er
folg bei Frauen durch beu großen Namen, einem zwei schneidioen Erfolg des amatemr srraut, der eigentuch ga- nicht so wild auf Abenteuer ist und lieber bei seiner famosen tüchtigen Frau in Ruh' was Gutes schmausen möchte, der aber teils aus der Schwäche, nicht nein sagen zu konnw, teils aus einem Pflichtgefühl gegen seinen “J* 1 ^
stehenden Ruf den Auffoidenmgen zum Tanz folgt, umer der Flagge der Konzertreise gehen dr^e Auss g sittliche. Einmal gibt es aber einen Mtzklang dabe. Oie Frau des Meisters Gustav Heink, die vieles duldsam weiß läßt sich diesmal durch den Gatten der Pa^aerm ber^d.r vierhändigen Konzertpartie, den vr. E>um, i ~ Konterstreich veranlassen. Dies Paar überrascht, das auone und schlägt Scheidung und neue V^-n.gu g nb s Kreu^
arar-ÄÄ sss
nmiifant und elegant gebauten dramatstchen Schachspiels liegt nicht so sehr in der Ncu-Parnerung des Drvorqom Motivs wie in der höchst originellen Charakteristik des -p, Fura des voranssetzungslosen Lebenssrhilosophen voll eines gewissen unschuldigen Zymsmusscs, eines reinen ^arcu der aber in seinem Instinkt viel schlauer ist ars die Klu-aen und der durch seine naive Offenherzigkeit sich dre bequemste Bewegungsfreiheit und die Jndemmtät des Hofnarren sichert. Otto Gebühr mit fernem fruchtoarcn Sinn iür alle sondersamen menschlichen Huniore macke diese F nur leibhaftig aus. ^ Und herzlich freudvoll und,leidvoll erschien Else Lehmann, das prachtvolle Frauemvesen, ms
