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Nr. 599.

Wiesbaden, Freitag, 84. Dezember 1999.

87. Jahrgang,

Morgen - Ausgabe.

1. Matt. _

Was kostet uns unsere Wstung?

Von G. Gothein, M. d. R.

In dem neuen Etat sind folgende Ausgaben für die Landesverteidigung vorgesehen:

Eigentliche lausende Heeresausgaben des ordentlichen Etats mit . . . 709,24 Mill. M.

des Reichsmilitärgerichts mit . . . 0,61

derMilitärvermaltung in denKolonien 0,46

Militärpensionen.. . 100,24

Jnvalidenpensionen infolge der ost­asiatischen Expedition, desgl. beim siommando der Schutztruppen und Jnvalideninstitute zusammen mit . 4,4

Reichsinvalidenfonds ...... 33,64

Einmalige Ausgaben. 76,35

Jrrr außerordentlichen Etat .... 22,5 ,,

Sa. 947,44 Mill. M.

Ganz besonders stark belastet wird unser, Etat durch die Militärpensionen, welche allein ohne die des .^n- l ifrer 100 EDHUionett cxu i -?nxcuf)cn. Sbtnn man b^enkt. baß 1888 die Militärpensionen erst 24 44 Millionen betrugen heute aber mehr als das Ltersache und daß sie ständig weiter steigen, so wird man sich doch ernstlich überlegen müssen, ob nicht unser Offizier- und Unterofsizierkorps zu stark ist, und ob nicht zu zeitig mit den Pensionierungen vorgegangen wird; kommen doch beim deutschen Heere auf 5,8 Gemeine ein Unrec- osfizier' und ans 18,5 Gemeine ein Offizier, so daß wsr eine ganze Armee lediglich aus Offizieren und ilÄ, offiziellen zusammenstellen können. Frankreich behilft sich mit unendlich viel weniger Ausbildnngs- und Führungsmaterial.

Unsere Flotte erfordert:

«f 6' ! 158,05 mt M.

Ausgaben. , 10 ' ni

Pensionen . . ..Ä

an einmaligen Ausgaben . - - > jA'76 ,. ,.

und im außerordentlichen Etat . .

sa.

452,56 Mill. M , "Nii erreichen die Ausgaben der Landesverteidi- anna^1400 MMonen Mark: dazu rommen aber noch dw Zinsen der ftir Kriegszwecke aufgenommenen An­leihen und auch eine Amortisation dersewen, welche man teiyen nno an .) c. 1 , o Nrozeut in Rechnung stellen doch Mindestens Mit y 'proz . °fr>Yirpa 1QOR*

müßte. Dies machte bis zum Schluß des wahres 1908.

für das Reichsbeer 1759,3 ff- 121,6 = 1880,9 Mill. -ür die Marineverwaltung .... 862,9

für den Kaiser-Wilhelm-Kanal, der doch auch im Landesverteidigungs- Interesse gebaut worden ist. . . 131 >,

aus Anlaß der Expedition nach Ost­asien ,. . . . . . . . . - - - 231 aus Anlaß der Expedition in das südwestasrikanrsche Schutzgebiet . . 3/9,6 und der in das ostasrikanische Schutz­gebiet . ..... 1-3

M.

-a. 3547,2 Mill. M. Verzinsung und Tilgung dieser Schuld, von der la einige Millionen als Einnahme für verkaufte Festungs­grundstücke abgehen, würden mit 200 Millionen Mark in Rechnung zu stellen sein. _ . ...

Damit sind aber die Kosten unserer Landesverteidi- gunq keineswegs zu Ende. Man muß erwägen, daß ständig rund 700 000 Männer im b e st e n, arbeits­fähigen Alter einer werteschaffenden Verwendung ihrer Arbeitskraft entzogen werden. Rechnet man den Wert der durchschnittlichen Arbeitsleistung erner der­artigen Arbeitskraft auf rund 2000 Mark, was außer­ordentlich niedrig gerechnet ist, so bedeutet das einen werteren Ausfall von rund 1400 Millionen Mark, den Länder, wie die Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada usw., die gar kein stehendes^Heer halten und nur über verschwindend wenig Mrniarper- tonen verfügen, nicht zu tragen haben. Es ist wirklich kein Wunder, wenn diese Länder ihren Reichtum ständig so außerordentlich vermehren; sparen sie doch gegenüber eluew 8nn.de wie Äeutschlnnd lährllä) Ä?sIIsnrden an Verteidigungsausgaben. . . .

Und diese Ausgaben wachsen der uns wie m den anderen europäischen Ländern ständig werter. Dieses Wettrüsten powert die europäischen Lander aus, schwächt ihre Leistungsfähigkeit, während die neue Welt wirtschaftlich erstarkt. Die wahre amerikanische Gefahr liegt in den Rüstungs ausgaben in Europa, und diese leisten sich die europäischen Staaren hauptsächlich aus Furcht vor einander. Frankreich rüstet und vermehrt seine Ausgaben dafür, weil Deutsch­land rüstet I Deutschland rüstet, weil Frankreich und Rußland rüsten! Österreich rüstet, weil Italien und Rußland rüsten. England rüstet, weil Deutschland ferne Flotte vermehrt, und Deutschland tut dies, weil es m der Übermacht der englischen Flotte eine Gefahr erblickt. Bant Deutschland einen Dreadnought, so baut England deren zwei und Frankreich einen, Österreich einen usw. So werden die Steuern von dem Moloch Milita­rismus und Marinismus verschluckt. Die Staaten kommen in immer tiefere Schulden

und die Kulturaufgaben werden vernachlässigt. eeoe Finanzreform erweist sich gegenüber diesem Moloch, dessen Appetit uni so größer wird, je mehr er gefuttert wird, als unwirksam und muß durch eine neue ersetzt werden. Die wahrhafte Finanzreform ist Sparsamkeit, ist V e r st ä n d i g u n g der europäischen Staaken über Einschränkung der R ü st u n g ; das müssen dis Abgeordneten, das müssen die Wählermassen sich klar machen. Denn die Weisheit der Regierung besteht immer noch allein in weiterer Verstärkung dieser Aus- gaben. Und solange Heeres- und Marrneverwaltuna sicher sind, daß ihnen das Verlangte doch bewilligt wird, ist auch auf Sparsamkeit nicht zu rechnen; die würde' aber eintreten, wenn durch mternationale Ver­abredungen die Höhe der LandesvertLidigung^buLgets

begrenzt würde. Das ist heute die w i ch t i g st e Aus­gabe der P o l i t i k, der gegenüber alle anderen zuruck- treten, und es ist eine Aufgabe, deren Regelung w-e keine zweite dem Frieden dienen wurde

Politische Übersicht.

Kt»er dasZeremsm-ll derR-ichstasseröffrr«ns

schreibt dieKöln. Zeitung": .

' Ter Abgeordnete Schräder hatte bei der Etatsbe­ratung die Fraae angeregt, ob der Kaiser künftig nicht richtiger den Reichstag im Reichst agsgebaude und nicht nn königlichen Schloß eröffnen solle. Konservative Blätter beschäftigen sich in fast tragischer Werfe mit dieser Angelegenheit und geben der Ansicht Ausdruck, daß es sich dabei nicht um eine Frage der Etikette, son­dern um eine ernste Frage des Versassungslebens han­delt. Nach derDeutschen Tageszeitung", wäre eine Reichstagserösfnnng im Reichstag selbst ein sichtbares Zeichen für eine entsprechende Verschiebung der politi­schen Rechts- und Machtverhältnisse, lind dieKreuz- zeitung" meint sogar, daß cs an dem Tage, wo der König von Preußen als deutscher Kaiser sich dazu ent­schlösse, wenn auch mit noch so glänzendem inilitarischeu Gepränge in das Parlament zu kommen, es mit der fetzigen Stellung des preußischen Königtums vorder sein würde. Das sind Übertreibungen, die durch ihren Mangel an Maß beinahe komisch wirken.. Es ist nicht abzusehen, was die Krone dadurch verlieren wurde, wenn das Reichsoberhaupt die Eröffnung rm Reichstag selbst vornähme. Soweit sich übersehen laßt, ist nicht nur im englischen Parlament, wo das Erscheinen des Königs an den alten Brauch der Krone erinnert, dir Bewilligung der Geldmittel nachzusuchen, sorkdern In fast allen moilarchischen Ländern das Erscheinen des Staatsoberhauptes am Anfang oder am ^chlull^ciM 2 >

Feuilleton.

<Nllchdruck verboten.)

Lin Winterspaziergang.

Von Herma,m Löns.

Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Snde'" dachte anscheinend der Nordostwrnd

@r konnte es einfach nicht mehr ansehen, dieses Gezippel 2 . n-/,avvel. Mer löste sich ein Blatt von Baum und lattgfam zu Boden, da tat eins, als mache ihm S' &la fta&waW es da unten war, versuchte es wieder ^7. was ihm aber vorbeigelang.

^ Äne Faulheit vorgeschützt, Kinder!" sagte der scharfe r, !b machte sein Fristerbesteck auf. Erst nahm er den Wind und ) bamit ben Bäumen über d,e Kopse und großen &^ cr ' hübsch still sitzen, sonst zirpt s!" Und dann

sagte: 1 und gründlich ging er zu Werke, so

nahm« b f V arg er endlich aushörte und sagte:So. gründlich,, ' , § «us!" die Bäume ziemlich dumme

gründlich, p-ap, ^s!", die Bäume ziemlich dumme

nun seht chr dachten:Das stimmt, aber schöner

Gesichter machtmm rn u ^ fagten fte bag nut ^

seh/n wir 8«« Nordostwind es nicht hörte, denn, wenn er

lelse, dannt ve ^° ^ Esichtslos.

wütend wird, I . ft cine große Bloße. Einst war

- Hier Mitten ^ bestanden. Wie das nun gekommen

hohen ^u nicht; jedenfalls lagen eines Morgens ist, das werß Ni ^ ^ase und zappelten mit den

br«tansend Bwheii umf)cr . Der Zaunkönig, der

Wur^a^HE verrotteten Wursboden einen solchen Lärur nnml wäre er nicht einen Zoll, sondern drei Fuß lang, schlagt, als war- Ostwind ihm zuliebe den

LLch Li-«Ü->° d-m> « *»»»<«. d-s bar

- SS&*f2tÄ3S, m i» d-nl-n- d.r

antbropocentrische Standpuntt seine Berechtlguilg, warum uiwt auch der troglodptocentrische? Em, tuchtiger Zaun­könig wird bombenfest davon überzeugt sem, daß die Erde lediglich seinetwegen geschaffen sei, was er durch folgende tiefsinnige Deduktion beweist:Mes, Was da ist, ist sur mich nur !o lange da, als ich es m bemerken genche; ver-

zichte ich daraus, indem ich von meiner Existenz Abstand nehme so existiert weder die Erde, noch deren nähere und weitere Umgebung mehr ftir mich; folgend ist das alles meinetwegen da. Quod erat demonstrandum!"

öcr Zaunkönig, das ist einer! Ein Selbstbewußt- sein hat er wie ein Regicrungsreferendar.Nicht weit von hier in einem tiefen Taale", wie es im Liede heißt, sttzt zwar kein Mädchen an einem Wassersaake; denn dafür eignet pcy die augenblickliche Jahreszeit nur mangelhaft, aber vre Wasseramsel, eine Grohfolioausgabe des Zaunkönigs bis aus den Gipsverband, den sie vor der Brust tragt, als wäre sie ein Festredner oder ein Deputationsmitglied. Auer sonn ist sie einfach ein auseinandergegangener Zaunkönig, ura-m aenäu solche schöne Knixe wie dieser, singt wie dieser, auch mitten im Winter, und ihr Gesang ähnelt sehr dem seinen nur ist er eine Kleinottavausgobe davon. Ist bas, nicht sonderbar? Dieser Däumling hat eine Stimme wie ein Feldwebel und seine große Ausgabe singt ^ um, neumnid- zwanzig Prozent leiser. Das ist einer M-E.ebten^Witze

von Frau Natur, mit dem sie es den Menschen abgewöhnt.

fid) Dab?komm?überhaupt Et viel heraus, denn welchen Sinn hat cs, daß der Zaunkönig und dw Wasseramsel sich mitten im Winter hochgradig lvPisch benehmen? Wenn das der Kreuzschnabel tut, dessen Weizen in Gestalt von Fichten- samm im Wiirter blüht, so daß er seinen Llebessruhling Mw um diese Zeit feiert, daun hat das noch, emen gew,en vraktischen Wert, den wir aber gänzlich bei dem Gesäuge obbemeldeier beider Vögel vermissen. , Vögel singen nur. um bei den Damen ihres Herzens Eindruck zu schinden, ist wissenschaftlich festgestellt. Der Zaunkönig und die Musseramsel singen aber auch ohne derartige eigennützige Nebenabsichten, sie singcn gewissermaßen gratis mb franko, luenn man nicht annehmen will, daß sie auf V°ÜchNtz Ein- hntrf schinden und sich den Winter über in empfehlende Er­innerung bringen wollen, bis die Zeit kommt, da die Sache ibre süßen Zinsen trägt. Vielleicht wollen sie sich aber mit ibrcm Singsang auch etwas über die sieben mageren Monate hinweatrösten, denn, da sie beide Insektenfresser sind, muffen sie sich ziemlich notdürftig durchschlagen.

Der Zaunkönig hat übrigens noch eine sonderbare An- oewohnheit, das heißt, insoweit er zum stärkeren Geschlechte gehört. Er baut sich nämlich auch im Winter cm Rest, und

zwar nicht zu dem Behuse, um darin Eier zu legen, deim das will und kann er nicht, sondern nur so. Und in einem solchen Neste sitzt dann oft nicht nur ein einziger Zauw- königherr, sondern oft zwei bis siebzehn Junggesellen, be­ziehungsweise Strohwittwer, eine Tatsache, die ihres­gleichen nur noch in England und davon beeinflußten Län­dern hat, wo die unbeweibten Männer sich Klubhäuser baucn und sich darin nach der Schwierigkeit mopsm, obgleich sie so tun, als wäre das Gegenteil der Fall. Aber, du lieber Himmel! Die reichhaltigste Bücherei, der vollste Weinkeller, das teuerste Billard, die großartigste Küche und die elegan­testen Klubmitgliedcr mit dm Hochwohl- und hochgebormsten Namen aus die Dauer wärmen sie das Herz doch nicht so, wie eine einzige lleine Frau. So denkt wenigstens der Zaun­könig, denn sobald es eben geht, Pfeift er auf die ganze Klub- hcrrlichkcit und sucht sich eine, der er gerade so gut gefallt,

wie sie ihm. ^ , ...

Im Winter kommen überhaupt manche Vogel aus die viereckigsten Gedanken. Da ist z. B. der große Buntipecht, ein auch insofern bedeutungsvoller Vogel, als er schon, ehe andere Leute daran dacksten, durch eine schwarz-weitz-rote Tracht ostentativ für den deutschen Rcichsgedanken Propa­ganda machte. Er hat ein riesiges Anschlnßbedursms, und da er bei den weiblichen Exemplaren seiner Art über Winter in dieser Hinsicht auf ablehnende Haltung stößt, ohne Gesell­schaft aber nicht leben kann, so gestattet er es den, Meisen. Kleibern, Baumläufern und Goldhähnchen, hinter ihm her­zuzotteln und sich zu benehmen, als sei er ihr Manager von der Reiscsirma Cook, der ihnen eine Route über die sehens­wertesten Bäume und bemerkenswertesten Büsche zusammen- gestellt hat und nun in aller Eile das kontraktmäßige Pen­sum abhaspelt, ohne sich auf Sonderwünsche einzulassm. Kaum macht er es sich irgendwo bequem und bewimdert die schöne Aussicht auf besonders fette Frostspanner und dcr- aleichen, schon treibt er mit hartem Ruse zum Aufbruche, und mit einem wehmütigen Blicke muß die niedliche Pimpel- meise den sck-öncn Froflspanner halbausgegessm stehen lassen.

Mit diesen Frostspannern ist das auch ein eigen Ding. Ende Oktober, wenn jeder Schmetterling, der etwas aus sich hält, sich entweder zirr Winterruhe verkriecht ^oder sich der Einfachheit halber gänzlich aus dem Dasein drückt, dann kriecht, unglaublich, aber wahr, der Frostspanner dieser Geselle, aus der Puppe Md lut io, als tvurtz

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