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Nr. SST.
Wiesbaden, Dienstag, 21. Dezember 1909.
57. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Matt.
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Werl'ag des „Wiesbadener §agölatt".
Enl englirßies WEel» WM feoplüs.
Anläßlich des Todes Leopolds II. dürfte ein Charakterbild des verstorbenen belgischen Königs interessieren, das ein hoher englischer Diplomat kürzlich im „Metropolitan Magazine" veröffentlicht hat. Der betreffende Engländer, der lange Jahre als diplomatr- scher Vertreter seines Landes an verschiedenen europäischen Fürstentzösen geweilt hat, ist mit dem nun verstorbenen Belgierkönig sehr bekannt gewesen. Der Publizist ist mit dem englischen Diplomaten identisch, der in der genannten amerikanischen Zeitschrift auch einen Ar- rrtel über Kaiser Wilhelm II. veröffentlicht hat.
Der Verfasser erzählt zuerst, wie er mit König Leopold bekannt geworden ist. Er war gerade von einer diplomatischen Mission aus dem Auslande nach London zurückgekehrt, als er vom belgischen König nach Brüssel gebeten wurde. Der junge Diplomat hatte im Auslände der belgischen Regierung einen kleinen Freundschaftsdienst geleistet, wofür sich der König persönlich bedanken wollte. Er wurde im königlichen Schlosse in Brüssel sehr freundlich empfangen. „Da ich damals noch sehr jung war, hatte ich aber wohl meine Freude über die mir zuteil gewordene Ehre zu tief dnrch- blicken lassen. Denn später wurde mir erzählt, der König habe mir ein goldenes Zigarettenetui schenken wollen, dieses jedoch mit der Motivierung unterlassen: „Warum sollte ich dem jungen Mann das Etui noch schenken, wo er sich schon über den Empfang so gefreut bat?" König Leopold war also immer — Kaufmann. Dieses goldene Etui scheint überhaupt eine große Rolle in: Leben des Königs gespielt zu haben. Wenigstens er- zählt der Engländer, daß den in Brüssel tätig gewesenen jüngeren englischen Attaches in der , Abschredsaudienz tcm König regelmäßig ein goldenes Bjflprettenetm verehrt wurde, das. aber ebenso regelmäßig am nächsten Tage von einem Hofbeamten wieder abgcholt wurde, um noch das Monogramm des Beschenkten in Diamanten cinlegen zu lassen. Das Etui sah der Betreffende jedoch niemals wieder. Nur zwei Attaches wußten die Rückgabe der Etuis zu umgehen, indem sie diese so- fort nach dem Empfang nach London sandten. Die eng
lischen Gesandten selbst erhielten beim Scheiden von Brüssel stets ein Ölbild des Königs in Lebensgröße.
Daß Leopold II. tatsächlich oft der Devise: „Geschäft ist Geschäft" gehuldigt hat und darüber iedeRücksicht auf seinen königlichen Stand vergessen zu haben scheint, geht auch aus einer anderen Erzählung des Engländers hervor. Der König war am Abend vor den Leichenfeierlichkeiten für den Kronprinzen Rudolf nach Wien gekommen und hatte sofort zum Grafen Kalnocky gesandt, nnt der Bitte, noch vor dem Begräbnis beim König vorzusprechen. Als Kalnocky kam, ersuchte der König ihn. die Aufmerksamkeit der Wiener Börse auf gewisse belgische Aktien zu lenken. Kalnocky teilte den Vorfall dem Kaiser Franz Joseph mit, der über das unzeitige Verlangen des Königs sehr entrüstet gewesen sein soll.
Der Hauptgrund für die ge s p a n n t e n Beziehungen zwischen den Höfen von Wien und Brüssel war jedoch nach den Angaben des englischen Diplomaten in der Behandlung zu suchen, die der König seiner Gemahlin Henriette, einer österreichischen Erzherzogin, zuteil werden ließ. Auch das tragische Schicksal der einzigen Schwester des Königs, der ehemaligen Kaiserin von Mexiko, Charlotte, soll zu argen Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Höfen geführt haben. Denn nach den Habsburger Gesetzen hätte die Verwaltung des Vermögens der unglücklichen Kaiserin dem österreichischen Kaiserhause zugestanden. König Leopold sorgte jedoch dafür, daß seine Schwester nach Belgien gebracht und auf diese Weise der Obhut Österreichs entzogen wurde. Der Engländer weist darauf hin. daß die strenge Abgeschlossenheit der Exkaiserin im Chateau dy Bouchont in den achtziger Jahren das Gerücht aufkommen ließ, der König habe das gesamte Vermögen seiner Schwester verspekuliert und halte sie nur deshalb, obwohl sie bereits wieder im Besitz ihrer Geisteskräfte sei, gefangen. Der letzteren Auffassung tritt der englische Publizist scharf entgegen, da sich die Königin Henriette sowie die Gräfin von Flandern und die Prinzessin Elementine. die die Exkaiserin stets besucht haben, widersetzt haben würden. Was die Gerüchte über die Vermögensverwaltung der Exkaiserin betrifft, so erklärt der Engländer: Thai: is a different question altogether! Und er betont, daß sich Österreich sehr besorgt um das Vermögen der Exkaiserin zeigte, als ini Jahre 1889 Leopolds ver- fehlte afrikanische Spekulation bekannt wurden.
Der Verfasser kommt dann aus die Entfremdung zwischen dem belgischen und englischen Hofe zu sprechen. Er erinnert, an das freundschaftliche Verhältnis zwischen der Königin Viktoria und dem König Leopold kurz nach seiner Thronbesteigung und daß es zuerst den Anschein hatte, als ob sich zwischen ihm und der Königin ein ähnliches Freundschaftsband wie mit Leopold I. bilden würde. Wie für den Vater Leopolds II in, Buckingham Palast und im Schloß Windsor stets eine Anzahl Gemächer für seinen alleinigen Gebrauch zur Verfügung standen, so wurden später auch für den
Sohn im Marlborough House besondere Zimmer bereit gehalten. Leopold II. kam zuerst sehr oft,nach London und stand der Königin in ihren finanziellen Verhältnissen mit seinem Rat zur Seite. Tann aber kamen die bekannten Steadschen Enthüllungen in der „Pall Mall Gazette" über „The Maiden Tribute", in denen Stead den König der Anteilnahme beschuldigte, und als sich auch noch die berüchtigte Mrs. Jeffreys öffentlich im Gericht aus den König Leopold als Entlastungszeugen berief, waren die Tage des Königs in, London gezählt. Mrs. Jeffreys kam damals mit einer geringen Geldstrafe davon. Tor Polizeiinspektor, der sie vebhaftet hatte, wurde — pensioniert. Seitdem ist Leopold II. „offiziell" niemand wieder in London gewesen. Trotzdem liebte es der König, sich zu Hause und auch auf seinen Reisen mit ckinem englischen Milieu zu umgeben.
Wie der englische Publizist auch erwähnt, sollen die Ratschläge, die der König der Königin Viktoria über die Anlegung des Vermögens der Kaiserin Friedrich gegeben bat, zu einer Entfremdun g zwischen Brüssel und Berlin geführt haben.
Weiter wird dann die kommerzielle Tätigkeit Leopolds II- einer eingehenden Betrachtung unterzogen. Der Verfasser erklärt, daß der König sein kaufmännisches Talent von dem Vater seiner Mutter, den: König Louis Philipp von Frankreich, ererbt haben müsse. Leopold II. sei aber noch waghalsiger gewesen, er habe jedoch erst in den letzten Jahre größere Profite zu verzeichnen gehabt. Seine Sympathie für die Buren beim Ausbruch des Krieges seien erklärlich gewesen, weil er in einem endgültigen Burensiege ein gutes Ge- schäftsssld für sich sah. Aus diesen: Grunde habe er auch Dr. Leyds die Errichtung einer Gesandtschaft in Brüssel gestattet.Als aber die Buren. die fremd eit Bergwerkskonzessionen in Johannesburg mit hohen Kriegssteuern belegten, war es mit Leopolds Sympathie für sie vorbei, und Dr. LeydS mußte Brüssel verlassen.
In dem, Artikel wird auch darauf Angewiesen, daß der König in der Wahl seiner k a u f m ä n n i s ch.e n Ratgeber sehr wenig wählerisch war und sich mit Leuten umgab, die ostentativ geschnitten wurden. Als er einmal die alte Herzogin von A r e n b e r g, um eine Einladung für einen bekannten Finanzmann und dessen Frau ersuchte, schrieb die Herzogin zurück: „In drei Jahrhunderten von beute mögen meine Nachkommen vielleicht mit solchen Leuten verkehren und sie als gleichberechtigt empfangen, ich aber werde sie niemals empfangen." Ter Verfasser führt dann einen Fall an, der Leopolds Geschäftssinn besonders kraß illustrieren soll. Ter König ließ die Grafen de Cunchy indirekt benachrichtigen, daß ihr Grundbesitz reiche Kohlenbestände enthalten sollte. Die beiden Grafen ließen sich überreden, die auf 4 Millionen Frank bewerteten Ländereien mit Hypotheken im Betrage von etwas über 1 Million zu belasten. Ehe jedoch mit
FemllZtorr.
(Nachdruck verboten.)
Der Christbaum.
Einige Resormgedanlen von O. Schell (Elberfeld).
Wieder naht es, das Weihnachtsfest mit seinem Zauber für groß und klein, mit seinem Hellen Lichterschein der das Herz des Kindes in seliger Lust höher schlagen läßt, der auch das Herz des Erwachsenen mit warmen: Glanz durchleuchtet und ihm die Kindheit in, ieliaen Erinnern jugendsrisch aufleben läßt. Der Chrisi- baum niit seinem Lrchterglanz steht rm Mittelpunkt
Unl @ar minie irrige Ansicht hat sich an den Christbaum geknüpft und droht zum festen Glaubensbestand unseres deutschen Volkes zu werden nnt lernem alten Volksglauben immer mmger verschmelzend. Darin lieat einerseits der freudig zu begrüßende hohe Wert des Christbaums ausgedrückt, andererseits aber auch die Geiabr an die von: Volk geheiligten Anschauungen, wenn es not tut, eine kritische Sonde zu legen. Vorweg muß leider die sehr verbreitete Ansicht von dem schon aus germanischer Urzeit stammenden Alter des Chrrst- baums beseitigt werden. Er stanmst eben nicht aus alt- germanischer Zeit und wurzelt keineswegs in, alt- germanischer Auffassung des Jahres., Darum ist es rti.6 unb nimmer cm^änniß, tn jetnen .-mdjicrn ^en vL>Icm^ des neuerwachten Sonnengottes (Wintersonnenwende), der Frv oder Freyr genannt wurde, zu erblicken: auch erinnern die Lichter des Weihnachtsbaumes nicht an ein altes Opter das dieser Gottheit einst dargebracht wurde. G\ Mogk spricht sich in der sächsischen Volkskunde mit treffenden Worten darüber aus, wenn er schreibt: „Alter Glaube und deutsches Gemüt bilden den Boden, auf dem der Christbaum Wurzel geschlagen hat und gewachsen ist. Verschiedene Völker, zu denen auch unsere
Vorfahren gehören, lebten seit uralten Zeiten in dem Wahn, daß einige Bäume zweimal blühten und Früchte trügen. In den Winter wurde die Zeit dieser zweiten Blüte, die Zeit der zweiten Ernte versetzt. Dieses Glaubens bemächtigte sich auch die Kirche: ihre Schriftsteller nahmen ihn, wie so manches andere aus dem Heidentum, auf und erzählten, wie diese Bäume in den Weihnachtstagen ihre zweiten Früchte trugen. Vor allem waren eS die Apfelbäume, von denen diese Märe galt, und hieraus erklärt sich die Rolle, die noch heute die Äpfel unter und an dem Christbaum spielen. Nach ähnlichen: Glauben sollte ferner in der-Christnacht die ganze Natur grünen und sprössen. Man pflückte deshalb Zweige und trug sie in das Zimmer, das sie an: Christtage schmücken sollten. Es ist ja bekannt, daß dieser Glaube noch heute fortlebt: in vielen Familien werden am Andreastage Kirsch- oder Äpfel,zweige gepflückt, von denen man an: Christfeste die Blüte erhofft. Mancher weiß ja vielleicht auch aus eigener Erfahrung, wie oft diese Hoffnung zunichte wird. Solche getäuschte Hoffnung und zugleich die Freude der Deutschen an Wald und Waldesgrün mögen es gewesen sein, die auf den Gedanken führten, den grünen Baum des Winters, den Tannen- oder Fichtenbaum, in die menschlichen Wohnungen,zu, tragen." .
Wahrscheinlich hat der Weihnachtsbaum noch einen anderen Ursprung. In England herrscht bekanntlich die Sitte, zu Weihnachten einen Mistelzweig aufzuhängen und allerlei Bräuche knüpfen daran an. Nun hat die älteste Nachricht, welche man zu unserem Weihnachtsbaum in Beziehung gebracht hat, eine unverkennbare Ähnlichkeit mit diesem englischen Brauche. Der berühmte Prediger Geiler von Kaisersberg nämlich eiferte 1W8 gegen^die Sitte, daß man Tannenreiser in die Stube lege. Diese Sitte mag damals schon alt gewesen sein und mit der englische!: Gepflogenheit denselben Ursprung haben. Es ist auch heute z. B. noch in Dänemark üblich, am Christabend mit einzelnen Tannen
reisern die Bilder der verstorbenen Familienglieder zu- schmücket:. Das Schmücken des Hauses und Zimmers mit Tannengrün soll heute noch stellenweise in Westfalen Vorkommen. Wir haben also, das darf als ziemlich feststehend gelten, ii: der ursprünglichen Art des Gebrauches von Tannengrün in unseren Wohnungen zur Weihnachtszeit, die ,mit der Wintersonnenwende fast znsammenfällt. einen einfachen, ansprechenden Schmuck, de: unser winterliches Heim mit einem Teil des Waldes beleben und verschönern soll, wobei der anhaftende Glaube vorläufig ganz außer acht bleiben kann. Die Vorliebe des Deutschen (und der ihm verwandten Nachbarvölker) für den Wald, die allerdings uralt ist, fand darin einen angemessenen Ausdruck. Wann man von einzelnen Tannenreisern zum Tannenbanm überging, ist bisher wohl nicht festgestellt worden. Aber bereits ums Jahr 1600 hatte die katholische Kirche im Elsaß keine Bedenken mehr gegen die Anwendung des Weih- nachtsbaumes. Schon im Jahre 1604 war der Gebrauch dort allgemein geworden wie aus folgenden Mitteilungen hervorgeht: „Avis Weihnachten richtet man
Dannenbäum zu Straßburg in den Stuben aufs, daran hencket man Rosen, nus> vielfarbigem Papier geschnitten Apfel, Oblaten, Zischgold, Zucker." Diese Auslassung zeigt aber bereits die wichtige Wendung, die mit dem grünen Waldbaum vorgegangen war: er dient nicht mehr allein zum Schmuck des Hauses, sondern wird selbst geschmückt und geziert.
Die Verbreitung des Gebrauchs des Tannenbaums vollzog sich nun allmählich. Im Jahre 1737 findet sich ans Zittau die „Mitteilung, daß der Christbaum mit Lichtern geschmückt und in den Mittelpunkt der Weihnachtsfeier gerückt wurde. Aber hier ist noch von kleinen Einzelbäumchen die Rede, wohl ein Anklang an d:e damals verwandten Zweige. Es war ein leicht und gewiß bald herbei geführter Schritt, die Einzelbänmchen durch einen großen gemeinschaftlichen „Familienticht- 1 bäum" zu ersetzen. Erst ums Law: 1800 wird der Christ-
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