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Nr. FS».

Wiesbaden, Montag, Ab. Dezember LS«S.

57. Jal r.öang.

Kbend-Ausgabe.

1. M'crtt.

Zur Bagdüdbühnsrage.

D. Berlin, 18. Dezember.

Ter Londoner BanZier Sir Ernest Cassel, der freund des Königs Eduard, der hier in Sachen, der Bagdadbahn drei Tage lang geweilt hat, war gestern Frertagmittag, der Gast des Kaisers bei der Frühstücks- tafel. Aus die Frage, welchem Gegenstände die Unter­haltung des Kaisers mit ihm gegolten habe, antwortete Sir Cassel, daß er nicht in der Lage sei, darüber auch nur ein Wort zu sagen. Eigentlich ist das selbstver­ständlich. Man wird aber ebenso als selbstverständlich anjehen müssen, daß die Unterredung eben der Bagdad- baimsrage gegolten hat, zu deren Weiterführung im Geiste britischer Interessen der Londoner Finanzmann ja hierher gekommen war. Nach Londoner Blättern sollen die Unterlage der hier geführten Verhandlungen bestiminte Vorschläge der deutschen Bagdadbahngruppe gebildet haben. Welcher Art diese Vorschläge waren, entzieht sich durchaus der Kenntnis und sogar jeder Mutmaßung; auch hätte cs keinen Sinn, an den. ver­schiedenen Möglichkeiten, die sich da ergeben, herum- rätseln zu wollen. Nur soviel weiß man, daß die briti- chen Kapitalsinteressenteu und die hinter ihnen stehende Regierung den Anspruch erheben, an dein Bagdadbahn- unternehmen beteiligt zu werden. Wenn deutscherseits Vorschläge gemacht worden sein sollen, so kann das nach Lage der Dinge wohl nur heißen, daß vorangegangene englische Anregungen, über die im einzelnen bisher nichts verlautet hat, hier nicht abgelehnt, sondern in entgegenkommende Erwägung gezogen worden sind. Tie schwer durchsichtigen Verhältnisse, auf die es bei der Lösung der Bagdadbahnfrage ankommt, rechtfertigen es jedenfalls, daß man diesen Dingen fortgesetzt die ge­spannteste Aufmerksamkeit zugewendet. Warum gibt es hier überhaupt eineFrage"? Tic meisten Beobachter werden der Ansicht sein, daß es genügen sollte, daß das Bagdadbahnunternchmen besteht, daß es ein vorwiegend deutsches Unternehmen ist und daß es vorwärts rückt. Indessen bestehen nun einmal englische Ansprüche, und wenn diese so leicht zu übersehen und zu übergehen wären, wie es sich schnell fertige Beurteiler vorstellen, so würde sich die deutsche Gruppe auf Verhandlungen einfach nicht einlassen. Daß sie es tut, beweist, daß sie aus inneren wie aus äußeren Gründen dazu genötigt ist. Damit braucht ja nicht gesagt zu sein, daß deutsche Interessen vor der Gefahr stehen, ähnlich wie bei man- hen früheren deutsch-englischen Auseinandersetzungen, benachteiligt zu werden. Immerhin muß man achtgebcn. Tie britische Regierung geht ersichtlich auf die Durch­setzung umfangreicher wirtschaftlicher wie politischer Pläne aus. Eine Erinnerung ist gerade jetzt am .Platze. Als der Kaiser im Winter 1907/08 in England weilte, erörterten Londoner und Pariser Blätter in merkwürdi­

ger Übereinstimmung eine mögliche Lösung der Bagdad­bahnfrage in dem Sinne, daß England den Ban der Strecke zwischen Bagdad und den: Persischen Golf zu- gestanden erhielte, während sich die von der Deutschen Bank geleitete Bahngesellschaft auf einen Teil ihrer Konzession beschränken soll, näinlich auf das Stück zwi­schen dem gegenwärtigen Endpunkt der Linie am Nord­fuß des Taurus und Bagdad. Damals behandelte einer der besten Kenner der Verhältnisse, Paul Roht- bach, die Frage eingehend in denPreußischen Jahr­büchern", und seine Ausführungen dürfen, wie gesagt, gerade jetzt Aufmerksamkeit beanspruchen. Wenn man. so schreibt Rohrbach, nur die räumliche Ausdehnung in Betracht zieht, so ist das deutsche oder vielmehr inter­nationale Stück bedeutend länger, fragt man aber nach dem inneren Wert, so fällt ein sehr viel größeres Schwer­gewicht aus die Seite der für England in Anspruch ge­nommenen Strecke. Engli'scherseits würde ein derarti­ges Abkommen außerdem auch noch dahin verstanden werden, daß nicht nur die Erbauung der Eisenbahn sondern auch die Wiederherstellung der alten Bewässe­rungswerke im Gebiet von Bagdad eine englische Unter­nehmung werden soll. Zum erstenmal wurde die öffent­liche Aufmerksamkeit auf diese englische Idee durch die Veröffentlichung des berühmten Wasserbauingenieurs Willcox gelenkt. Willcox ist der geistige Urheber der großen englischen Wasserwerke in Ägypten, vor allen; des Staudammes von Assuan: er ist außerdem auf das genaueste von seiner früheren amtlichen Tätigkeit her mit der indischen Bewässerung vertraut und hat nach der Beendigung des Burenkrieges auch ein ausführliches Gutachten über die Möglichkeit einer umfassenderen Irrigation in der Kapkolonie und den früheren Republiken erstattet. Als er seine Broschüre über das Bagdadgebiet schrieb, wurde bekannt, daß schon vorher Offiziere des indischen Vermessungsdienstes Aufnahmen der wichtigsten Kanäle des Altertums gemacht hatten, und eine sehr charakteristische Wendung in seiner Arbeit ließ klar, erkennen, welch ein wirtschaftliches und poli­tisches Endziel ihm im einstigen Babylonien vor­schwebte, Er sprach nämlich unumwunden die Meinung aus, daß ägyptische und indische Bauern, die mit dem Bewässerungswesen von ihrerHeimat Oer besonders gut vertraut seien, den Grundstock für die zukünftige acker­bauende Bevölkerung des regenerierten Babylonien ab­geben sollten. Indien wie Ägypten sind englischer Be­sitz: die Inder sind überdies in aller Form Rechtens und seit lange Untertanen der britischen Krone. Es kann als vollkommen ausgeschlossen gelten, daß man in Eng­land daran denkt, Ansiedler aus Indien und Ägypten in das Gebiet von Bagdad ziehen zu lassen, damit sie dort ohne weiteres türkische Untertanen werden. Will- cox' Besiedelungsprogramm ist also gleichbedeutend mit dem Plane eines politischen Protektorats über das Bagdad gebiet. Man sieht,_um es zu wiederholen, es geht uni große Dinge. Ob Sic Ernest Cassel hier Er­folg gehabt bat, werden wir ja bald erfahren: wichtig jedenfalls waren die Konferenzen, die ihn hergeführt hatten.

Deutsches Deich.

* Hof- uni) Personal-Nachrichten. Der Direktor des

Münchener städtischen Elektrizitätswerks, H ü l tz , ist von der bayerischen Staatsregierung als beratender Ingenieur in den Staatsdienst übernommen worden. Er wird sich hauptsächlich mit der Frage der Ausnutzung der bayerischen Wasserkräfte zu befassen baden. ,

Der Bischof v. Heule zu Regensburg ist schwer erkrank" und mußte sich in München einer Operation unterziehen. In der Diözese Regensburg wurden Bittgebete für die Gesundung des Kirchenfürsten angeordnet/

* Eine Ministcrkrife in Baden? Gerüchte über eine bevorstehende Ministerkrise in Baden erhalten sich trotz aller Ableugnungen. Es wird jetzt die Auffassung ver­treten, daß die Minister Hansell und Freiherr von Marschall aus dem Staatsministerinni ausscheiden werden.

* Offiziöses zur clsaß-lothringischrn Frage. Von der Rede des Reichskanzlers über die e l s a ß - lothringische Verfassungsfrage behaup­tet die.Nordd. Mg. Ztg.", sie sei sowohl allgemein im Reichstag wie im Kreise der Bevölkerung als will­kommene und befriedigende Stichprobe der Politik emp­funden worden, die die Regierung zu vertreten ent­schlossen sei. Dann umschreibt das Blatt diese Rede wie folgt: Es handelt sich um einen Gegenstand, der unter den Reichsangelegenheiten nicht gerade für den am ein- fachstcn liegenden gilt. Gerade jetzt haben wieder ein­mal die Leidenschaften eines gewissen Teils der Be­wohner Elsaß-Lothringens nach Anlässen gesucht, sich bemerklich zu machen, ohne nach dem Eindruck zu fragen, den solche mindestens unpassende Kund­gebungen im übrigen Deutschland teils Hervorrufen teils bestärken mußten. Die deutsche Nation aber ver­dankte die schließliche Erfüllung ihres Dranges zur politischen Einigung einem Stammesbewutztsein, gegen das die Minderheiten nichtdentscher Abkunft in einigen Grenz st r i ch e n niemals gesondert in die Wagschale fallen sollen und dürfen. Versuchen, die nach dieser Richtung zielen, ist allezeit cntgegengetreten wor- den und so wird es bleiben. Wohl aber gehört zu den wohltuenden Eigenschaften des deutschen Kraftgefühls, daß es sich nicht scheut, der bodenständigen Art und der hindurch bedingten Entwickelung einzelner Volksteile jede vernünftige Konzession zu machen, die mit dem Heil des Ganzen noch verträglich erscheint. Noch dieser Richtung bewegten sich die Ausführungen des Reichskanzlers. Er wies die Elsaß-Lothringer daraus hin, daß ihr eigenes Interesse ihnen gebiete, die Agitation zugunsten verflossener Beziehungen von sich f e r n zuhalten, denn damit komme gleichsam selbsttätig eine Schranke empor, durch die dos Land von der Ge­währung einer Auto n emte getrennt bliebe, wäh­rend doch an unseren maßgebenden Stellen eine unbe. fangene Würdigung der berechtigten Eigenart Elsaß. Lothringens herrscht, die in keiner Weise angetastct, sondern eines Tages auch politisch ausgebaut werden soll. Allerdings muß man dort die Vorstellung meiden lernen, daß die Gewährung sich etwa a b t r o tz e n ließe.

Feuilleton»

Nle MMiyW des mm WcmiM WfllMMs.

(Eigener Bericht.)

Meiningen, 17. Dezcniber.

Der Festabend ist programmäßig verlaufen. Mit Einbruch der Dunkelbeit wurde die beflaggte Stadt, beson­ders in der Gegend um das Schloß und um das neue Theater von Tausenden von Lämpchen illuminiert, und im Schloß fand gegen 5 Uhr Abendtafel statt. Durch das prächtige Vestibül ging's hinauf in die große Galerie, wo nch die Gäste versammelten, etwa achtzig besonders geladene au« der aroßen Schar, die zur Einweihung des Theaters eine Einladung erhalten hatten. Die Galerie ist mit Ahnen­bildern und sonstigen Gemälden, mit Rüstungen, alten Waffen, Statuen und anderen Kunstwerken reich ausge- stattet. ' Dort entwickelte sich alsbald ein zwanalos buntes Leben Man freute sich, den einen oder anderen Be­kannten ' zu treffen, plauderte, und den liebenswür­dige Oberhosinarschall, Erzellenz v. Schleinitz, wun­derte mit seinem Stab umher und machte die Honneurs. Wie der König Saul alles Volk um Haup­teslänge üln-rragte. so stand unser Wiesbadener Ehren­bürger, Generalintendant Exz. Graf H ü. s e n, zwi­schen den Versammelten. Wir durften _ ihm das ehrliche Kompliment machen, daß ihm die Berliner Luft gut an- schlagc, und es war ihm wohl nicht so ganz ernst gemeint, als er auf seine ergrauenden Schläfen hinwies. Er sprach mit großer Anhänglichkeit von seinem Aufenthalt und seinem Wirken in unserer Stadt, und bat uns, sein liebes Wiesbaden zu grüßen. Auch unseren gegenwärtigen In­tel, danten Herrn Dt. v. Mutzenbecher konnten wir un­ter den Anwesenden bearüLen. und von benachbarten

Theaterleitern Herrn Intendant Claar von Frankfurt a. Al. und Herrn Hofrat Behrendt von Mainz, wie denn naturgemäß das Theater durch Direktoren größerer Bühnen stark repräsentiert war. Nur noch einige Namen: Hoftheaterintendant v. Putlitz-Stuttgart, Graf v. Bylandt- Rheydt Cassel, v. Schirach-WeiMar, Ledebur-Schwerin, v Meyern-Coburg, Graf Seebach-Dresden, Darncy- Hüunovcr. Es mögen ihrer an die zwanzig bei der Abend­tafel zugegen gewesen sein. Etwa anderthalbdutzend Journalisten, Vertreter angesehener Zeitungen und einige Schriftsteller waren ebenfalls gebeten, sodann eine kleine Schar hervorragender Bühnengrößen und Ehrenmitglieder des Meininger Hostheaters.

Kurz nach 5 Uhr erschien der Herzog mit den Ange­hörigen des Hofes und den fürstlichen Gästen. Er stützt sich auf einen Krückstock, aber seine hohe Gestalt ist von der Last seiner 88 Jahre kaum gebeugt, eine ehrwürdige, patriarcha­lische Erscheinung mit langwallendem, weißem Bart und ausdrucksvollen, noch scharfen: Augen. Jetzt nahmen die Gäste an kleinen Tischen im anliegenden weißen Marmor­saal Platz. Höfische Etikette war verbannt. Die Hof- charaen erschienen nicht in großer Uniform, sondern rm Frack, und der Herzog und die Fürstlichkeiten trugen den Großkordon ihrer Orden unter der Weste. Bezeichnend für die wohltuende Zwanglosigkeit der fürstlichen Tafel und die Betonung ihres künstlerischen Charakters war^ gewiß der Umstand, daß die Gemahlin des Herzogs, Freifrau v. Heldburg, nicht an der Tafel ihres Gemahls Platz nahm, sondern am entgegengesetzten Teil des Saales saß, und als Tischherrn den Altmeister Friedrich H a a s e hatte. So verteilten sich viele der fürstlichen Personen und der obersten Hofchargen an den einzelnen Tischen, wo nun in schneller Folge gegen 7 Uhr sollte ja die Festvorstellung beginnen ein köstliches Souper von 10 Gängen auf wun­derbarem Silber und kostbarem Porzellan serviert wurde. Keine Reden, keine Musik; ein schönes, behagliches

Symposion bildete diese Abendtafel, und es herrschte eine prächtige Stimmung. Der Herzog selbst schien sehr aufge­räumt und unterhielt sich auf das lebhafteste. Und mit In­teresse spähte man nach den Trägern bekannter Namen ans. Da sahen wir Paul Lindau im Schmuck unzähliger Orden, lvie er sich eifrig und offenbar sehr witzig unter- hielt; da saß die hohe Gestalt Nespcrs, als Künstler bedeutend, als Mensch einer der liebenswürdigsten Charak­tere, dem jede Schauspielerei fremd. Wildenbruckis Witlve und Wilhelmine Seebach, ehemals eine Groß­meisterin unter den Meiningern, jetzt die treue Hüterin des Heims, das ihre Schwester Marie ihrer Kollegenschaft hin­terließ, erblicken wir, und von einem Rebentisch, zwischen der Prinzessin Rcuß und Anna Prasch- Grcvenberg thronend, trinkt uns Rudolf Her­zog, dessen Condottieri von der Meininger Bühne seinerzeit in glänzender Form herausgcbracht wurde, vergnügt zu, und kneift vielsagend ein Äuglein, was so viel bedeuten sollte als: dieser Nier-

steiner Rehbach, den ict, eben trinke, ein Weinchen, wie man cs wohl niemals wieder kriegt, darum: Brüderchen, ergo bibamus. An einem anderen Tisch bemerken wir Pauline Ulrich; weiterhin Amanda Lindncr, Mar Grube, den jetzigen Meininger Intendanten,' Ernst Posfart, Otto von Hamburg: Fürsten der Kunst überall unter den Fürsten von Geblüt. Wir hatten ein«- besonders interessante Nachbarschaft in dem Leiter der herzoglichen Hostapelle, Pros. Berger, und im Hos- theaterdirektor Otto O s m a r r, der während der Zeit des durch den Brand entstandenen Interregnums die Meininger Truppen wieder zu neuen Siegen führte und uns mit manchen fesselnden Einzelzügen aus dieser bunten Welt des Scheins, aus diesem Reich echter, theatralischer Hochkunst das Mahl würzte..

Nach der Tasel und einem kurzen Rauchvergnügen in der Galerie erfolgte der Ausbruch zum nahen Theater,, tv»