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Nr. SSL.

Wiesbaden. Sonntag, IS. Dezember LSSS.

S7. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

_1. Matt.

Jijmrlmnkrir.

Ein Berliner Blatt will erfahren haben, der neue Kultusminister habe in den Etat für 1910 eine bedeu­tende Summe zur Unterstützung der Hinterbliebenen von Schriftstellern und Dichtern einstellen wollen, indessen fei der Betrag im Finanzministeriurn glatt gestrichen worden. Ob die Meldung zutrifft, tonnen wir im Augenblick nicht sagen. Verschiedentlich ist sie bereits bezweifelt worden, aber sie könnte trotzdem richtig sein, denn der Gedanke, solche Pflichten auf ben Staat zu übernehmen, wird neuerdings immer häufiger geäußert, und das Vorbild einiger ausländischer Staaten mag dabei mitbestimmend sein. Auch sei daran erinnert, daß soeben erst der h a m b u r g i s ch e Sena-l eine Vorlage an die Bürgerschaft gebracht hat. in der die ganz anständige Summe von 10 000 Mark als Ehrenspende für die Witwe Liliencrons ge­fordert wird. Wir könnten uns hiernach ganz gut vor­stellen, daß Herr v. Trott zu Solz geglaubt haben dürfte, eine Aufgabe sowohl der Menschlichkeit wie der Kultur­interessen zu erfüllen, wenn er einen entsprechenden Posten in den nächstjährigen Etat einstelleu wollte. Noch einmal: wir wissen nicht, ob es sich so verhält. Nehmen wir jedoch an, daß sich die Mitteilung bestätigt, so hat es ein gewisses Interesse, der Sache selber näherzutreten. Viele Beurteiler werden vermutlich geneigt sein, den Finanzminister heftig zu tadeln, weil er den bescheidenen Wunsch seines Kollegen zurückwies. Nun könnte es ja sein, daß Freiherr v. Rheinbaben die Streichung dieses Postens aus Motiven vornahm, mit denen auch wir uns nicht einverstanden erklären könnten. Ein solches Motiv wäre z. B. die ausschließliche Rücksichtnahme auf das Gebot strengster Sparsamkeit ohne gleichzeitige Berück­sichtigung höherer Interessen. Vielleicht aber ließ sich der Finanzminister von einer Auffassung leiten, der wir uns sympathisch gegenüberstellen könnten, nämlich von der, daß es eine ziemlich heikle Sache wäre, wenn der Staat sich in die freie Entwicklung unseres Schrifttums, in den natürlichen Prozeß der literarischen und künst­lerischen Bewegung unserer Zeit irgendwie ernmischte. sei es auch mit der guten Absicht, erne offenbare Not zu lindern Hier gilt der Satz, daß die Danaer zu fürchten sind, selbst wenn sie Geschenke bringen. Freilich ist es etwas anderes, ob der Staat Schrrststellern und Dich­tern oder aber ihren Hinterbliebenen Zuwendungen machen soll. Würde es zu bedenklichen Konnrvenzen der Schriftsteller und Dichter führen können, wenn sie die Aufsicht bekämen, Kostgänger des Staats zu werden, so brauchte Gleiches von ihren Hinterbliebenen selbstver­ständlich nicht angenommen zu werden, aber eine mög­liche Beeinflussung von Tun und Unterlassen der

Schriftsteller durch die Rücksicht auf das Wohl der Ihrigen wäre doch denkbar, und wer es ernst meint mit der schönen Unabhängigkeit unserer Literatur, der wird nicht wünschen können, daß ein System von Belohnun­gen und Entziehungen etabliert werde. Hier, in Kunst und Literatur, haben wir eines der wenigen Gebiete vor uns, denen sich die Allmacht des Staates nur eben­falls von der Peripherie her genähert hat. In den leicht übersehbaren Verhältnissen der skandinavischen Länder mag es ohne tieferen Schaden geschehen können, daß Staatspensionen an Schriftsteller gezahlt werden, und der vereinzelte Fall, daß die Freie Stadt Hamburg die Witwe Liliencrons vor Not und Sorge bewahren will, könnte nur von rigoroser Pedanterie bemängelt werden. Anders aber stände es doch wohl, wenn die preußische Negierung Gunst und Ungunst in der Bemessung von Zuwendungen an Witwen und Waisen von Schrift­stellern und Dichtern walten ließe. Selbst beim besten Willen, politische Rücksichten auszuschalten, wurden sich solche bei vielen Gelegenheiten einstellen. Den --voren itnirbert noch über bci§ ©retfr hinaus staatliche Zensuren ihres Wohlverhaltens oder ihrer Anrüchigkeit erteilt werden, und zwar dies in der verletzendsten Form, in­dem die Betroffenen eben die Hinterbliebenen waren. Darum ist es vorzuziehen, daß alles so bleibt, wie es ist. Beinahe immer, wenn sich der Staat, richtiger dec preußische Staat, um die Förderung von Kunst und Literatur bemüht, kommt etwas heraus, was dringend wünschen läßt, daß er sich lieber nicht bemüht haben möge. Die gute Meinung des Kultusministers in allen Ehren, aber Streichung der betreffenden Etats- Position durch den Finanzminister können wir nicht tadeln. Und wenn im übrigen die Geschichte von diesem Vorhaben und seiner Vereitelung gar nicht wahr sein sollte, so würde es nur genützt haben, sich bei diesem Anlaß darüber klar geworden zu sein, daß es keineswegs zu bedauern wäre, wenn die mitgeteilte Darstellung nicht zuträfe.___

Politische Kderstcht.

Ans dem Iudustriebertrk.

In zahlreichen Orten des rheinisch-westfälischen Industriebezirks sind bei den jüngsten Kommunal- wahleii Nationalliberale und Sozialdemokraten zu­sammengegangen: so in Essen, Dortmund, Duisburg: Gelsenkirchen wird Nachfolgen. ^ Über diese eigentüm­liche Erscheinung wird uns geschrieben: Man kann ge­wiß nicht sagen, daß im allgemeinen die beiden Par­teien einander näher ständen als jede von ihnen dem Zentrum. Tie Reichsfinanzreform hat daran aller­dings etwas geändert: hier war das Zentrum der ge­meinsame Gegner und nachher der Gegen- stand der gleichen Kritik. Mach bedeutsamer aber ist die Beobachtung, daß die Sozialdemokratie im

Feuilleton.

Machdruck verboten.)

Ein neuer Gaunertrick.

Von Philipp Berges.

Ein unheimlicher Mensch, dieser Gast, der an einem iNmölen Iuliabend in dem vornehmen ,Fifth Avenue zu New Jork abgestiegen war. Äußerlich nierkte uinn ibm freilich nichts an. Aber dies ist ja gerade Am" schlimme, Laß die Hochstapler großen Stils nicht in,» miP gewöhnliche, sondern sogar wie autzergewöhm uur aussehen. Mr. Jeffersohn - mir

Kern Namen hatte der Gast sich ins Freindenbuch ein- war ein etwa vierzigmhriger, hochqe» mÄtener Mann ohnebesondere Kennzeichen". Auf- fflerfmüle des Verbrechertypus waren jeden- vorhanden. Eins hätte dem geübten Men- allerdings nicht entgehen können: Ter schenbeobachte ^ ^tzes, wachsames, fast lauerndes

Auoe^i/welchem Verschmitztheit und Komödlantenium

versteck ^Oberkellner, welcher dem Gaste die Zimmer ^-er Her, ^ Psycholog. Er pruste die Fremden anwies war ke n j Leider hatte er auch

nur auf ihre TrE^. dieses Mangels hielt

Lombroso^ mm- . ^ einen vornehmen Mann. Hätte r ^es^gege? Mitternacht in das Zimmer Mr, I.s sehen können so würde er schleunigst zur Polizei ge-

mH ein"w langen Nachthemde bekleidet, stand der unheimliche Mensch vor seinem Koffer und entnaym demselben olqende verdächtigen Gegenstände. Zuerst einige für sich selbst sprechende Bücher:Tie amerika­nische Verbrecherwelt" von Julian »Die Kumt

des Taschendiebstahls, für Anfänger und Meister, m>t Übungsstücken" (dieses illustrierte, schwer zu erlangende

Werk zirkuliert nur in Gaunerkreisen);Berüchtigte Einbrecher beider Kontinente" von F. McDonald: und schließlich ein kleinesHandlexikon der Gaunersprache". Diese Bücher wurden auf den Nachttisch gepackt, um als Lektüre zu dienen. Aus einem tieferen Fache des Koffers entnahm Mr. I, einen alten schäbigen^Anzug van urväterlichem Schnitt, einen schmierigen Schlapp­hut und einen falschen Bart. Ohne Zweifel eine Ban­ditenverkleidung für den nächsten Tag.

Die schlimmsten Befürchtungen, die irgend jemand hätte haben können, trafen ein. Am nächsten Morgen stieg Mr. Iesferson in den schäbigen Anzug, befestigte kunstvoll den eisgrauen struppigen Bart, stülpte den schmierigenWesierner" auf den Kops und glich im Nu einem alten Farmer ans den Hinterwäldern.

Einen vorsintflutlichen Reisesack in der ernen Hand, in der anderen einen derben Knotenstock, trat der un- heimliche Gast auf den Korridor hinaus, ging vorsich- i.g und schnell die Treppe hinunter und gelangte un­angefochten aut die straßin

in welcher dieses wahre Vorkommnis spielt, grassierte in New York ein neuer geheimnisvoller Gaunertrick, welcher ins Fach des TaschendrebstahlS keiner Ein noch unbekannter Apparat war erfunden worden der mit beispielloser Sicherheit arbeitete, Zag- Rtfi brächten die Polizeiberichte unzählige Anzeigen über aestohlene Taschenuhren, die ihren Besitzern ganz sein und geräuschlos abgeknipst worden waren. Einen anderen Schutz gegen diese unheimlichen Überfalle, als den die Uhr zu Hause zu lassen, schien es nicht zu geben, Polizeirichter Dan Watkins, mit dem Beinahmen Sharp" d. i.der Gestrenge", erlebte das folgende ärgerliche Stückchen. Während einer Hochbahnfahrc wurden ihm Uhr samt Kette entwendet, und statt ihrer fand er in der Westentasche einen Zettel, auf dem der anonyme Dieb seinen Dank ausdrückte. Der Polizei war übrigens der Meister des neuen Gaunertricks wohl-

Ruhrrevier von dem starren Klassenkampfstandpunkt abzurücken begonnen hat. Obwohl in Dortmund Ent­lassungen (christlich) organisierter Straßenbahner wegeil ihrer Organisationstätigkeit während des Wahlkampfes stattgefunden hatten und das Koalitionsrecht eigentlich eine große Rolle in der Wahlbewegnng hätte spielen müssen, so hat sich dennoch das Band der modernen, antiultramontanen Weltanschauung als stärker er­wiesen, und besiegt ist der Klerikalismus als solcher. Vor allem spielte, wie gesagt, der Klassengegensatz dies­mal keine Rolle. Ob darin der Anfang einer neuen Taktik und Haltung der Sozialdemokratie zu erblicken ist? Mancher wird die Frage zu bejahen geneigt sein, weil diese Antwort seinem Wunsche entspricht. Aber das dünkt uns doch vorschnell und verfrüht. In Essen hatten die Parteien förmliche Abmachungen getroffen. In Dortmund bestreitet jede von ihnen energisch, daß einBündnis" Vorgelegen habe. Das stimmt: es haben überhaupt keinerlei Verhandlungen stattgefuirden. Aber darauf kommt unseres Erachtens sehr wenig an, viel­mehr sind offene Bündnisse männlicher als stillschioei- gcnde, und wer eine gegenseitige Wahlhilfe mit einer anderen Partei verantworten kann, wird auch damit einverstanden sein, daß sie ziemlich zum Beschlüsse er­hoben wird.

Z,im Bilde des König» Keepold.

Vom verstorbenen König Leopold kann man mit Umkehrung des bekannten Wortes sagen, daß sein Charakterbild in der Geschichte nicht schwankt. Tie Welt' weiß, iver er war und wie er war, nämlich daß er ein Mann von sehr bedeutenden Gaben war, die er auch zum Nutzen seines Landes, vor allem jedoch zum eigenen geschäftlichen Nutzen klug zu verwenden wußte, und daß man ihm daneben nicht unrecht tut, wenn man ihriaRbesonders ausgeprägßemTypus des.rücksichtslosesteil Zynismus würdigt. Darüber braucht wohl kein! Wort weiter verloren zu werden, und wir haben auch nicht die Absicht, zum Charakterbilde des Verstorbenen Königs Von jener wie Von dieser Seite her neue Bei­träge hinzuzufügen. Dagegen ist es Von Interesse, zu beobachten, wie sich die amtlichen deutschen Stellen zu der Todesnachricht aus Brüssel verhalten. Die N. A. Z." bringt einen Nachruf, den man aufmerksam lesen mutz, um aus dem, was darin fehlt, ganz zu er­kennen, wie dasjenige verstanden sein will, was darin steht. Wir Md mit diesem Nachruf aufrichtig einver- standen. Er heuchelt nicht, es zittern keine zerquetsche ten Rührungstränen zwischen seinen Zeilen, er rst von einer würdigen Sachlichkeit, er sagt Gutes aus, wo sich Gutes sagen läßt, aber er dämpft den Ton. er schmückt nicht und schminkt nicht. Mag der klerne Ar­tikel des deutschen Regierungsblattes auf den Reichs­kanzler oder aus den Freiherrn V. Schoen zurückzuführen! sein, jedenfalls findet er sich mit seiner Aufgabe Vor­trefflich ab. Es wird darin mitgeteilt, daß die überaus

bekannt. Es war kein anderer als der berühmte Bill Crookey. Aus der Sphäre des Kassenschrank-Einbruchs. tri welcher er unter dem Ehren-Spitznamen,, der Geld­spindknacker" weltbekannt wurde, hatte er sich seit eini­gen Monaten heimlich der seinen Kunst des. Taschen­diebstahls zugewanüt und entfaltete nun auch in diesem neuen Fache seine Genialität. In den maßgebenden Gaunerkreisen sprach man von ihm bereits als von dem großen Regenerator des Taschendiebstahls. Natürlich war Bill Crookey auch der Erfinder des Verwirrenden Apparates. Alles dies war der Polizei, wie gesagt, wohlbekannt. Solange es ihr aber nicht gelungen war, den schlauen, in allerhand Verkleidungen auftretenden Meister durch einen noch schlaueren der Ihrigen zu über- meistern und den großen Spitzbuben in flagnanti zu fassen, tonnte sie nichts machen, denn gegen Bill Crookey lagoffiziell" augenblicklich nichts vor.

*

In der Bleeker-Street, einer etwas finsteren und versteckten Straße der unteren City, befindet sich die zumeist von Gaunern besuchte KneipeZum blechernen Hirnkasten", der Zufluchtsort und Rendezvous-Platz allerOutcasts" der Welt. Der Unkundige geht frei­lich achtlos an dem unauffälligen Kellerlokal vorüber, denn der humorvolle und berühmte Name der Kneipe existiert nur im Munde ihrer Gäste und in den Listen der internationalen Polizei.

Vor dieses feine Lokal trat morgens um 9 Uhr der Fremde aus demFifth Avenue Hotel". Nur wenige Leute waren anwesend, ein paar ziemlich rauh aus­sehende Zecher, der hinter derBar" stehende Wirt und ein bester gekleideter Gentleman. Alle, der Wirt mit seinen sämtlichen Gästen, wurden aufmerksam, als der alte Farmer in der Tür erschien: eine solche Gestatt schien hier zu den Seltenheiten zu gehören.

Nichts für ungut, Gents", sagte der Alte weiner­lich,aber gibt es hier keinen, der einen alten Man« auf den richtigen Weg bringt?"