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Nr. 888.
Wiesbaden, Mittwoch, 1». Dezember 1909.
87. Jahrgang.
Morgen-klusgabe.
1. Mcrtt.
Nach dem konservativen Parteitag.
Ter konservative Parteitag war unzweifelhaft sehr gut inszeniert. Von einer Zerklüftung und innerer Zerrissenheit war bei denen, die sich da im „Rheingold" drängten und schoben, keine Rede. ^ Tie waren mit der hochtöblichen Fraktion stets einverstanden gewesen oder hatten inzwischen wieder ihren Frieden mit ihr gemacht. Tie jungkonservative Opposition blieb bedeutungslos. Der durchaus unsympathische Rechtsanwalt Bredereck, der für sie rednerisch auftrat, konnte nicht den Eindruck erwecken, daß hinter ihr besonders starke geistige und numerische Kräfte stehen. Seine Argumentation gegen die Fraktion war in jeder Hinsicht unzu« reichend. Taß er den Block als den „Höhepunkt der Kultur" bezeichnete, war allerdings ein uns ganz willkommener Anlaß für die überwältigende Mehrheit, durch ihr wütendes Hohngelächter noch nachträglich zu bekunden, wie diese Herrschaften in Wirklichkeit über das politische Gebilde dachten, das sie doch jahrelang mitgemacht haben. Im übrigen produzierte sich Bredereck halb als antiultramontaner, halb als antisozialdemo- kratischerReichsverbändler, und es war den nachfolgenden Rednern, insbesondere den früheren AÜH. Klnsing, nicht schwer, den Herrn gehörig einzuschlachten.
Der Tag bedeutete einen vollen und uneingeschränkten Sieg des Herrn v. Heydebrand und seiner Taktik. Freilich: so viele auch gekommen waren, . wie denken denn die, die draußen geblieben sind? Wie denkt die konservative Wählerschaft, die doch nicht gebildet wird von den paar hundert Großgrundbesitzern, hohen Beamten, jungen Assessoren und strebsamen Rechtsanwälten, die sich hier ein Stelldichein gaben, sondern die bisher bestand aus all den kleinen und mittleren Beamten, den Bauern, den Handwerkern, den Tagelöhnern auf dem Lande? Die waren alle nicht da, und wenn auch die konservative Herrschaft der Tagelöhner noch sicher sein mag infolge der berühmten kleinen Mittelchen am Wahltage, so bleibt doch die Haltung all der namenlosen Tausende, die sonst konservativ wählten, ern dunkles Fragezeichen für die verehrliche Parteileitung. Und darum war es ihr trotz aller zur schau getragenen Selbstsicherheit gar nicht recht extra zumute. Eifrig bemühte man sich, die allgemein-politische Seite des Konservativismus zur Schau zu stellen, den argrarischen Pferdefuß möglichst zu verstecken, sich überhaupt als ejpe höchst loyale, äußerst ideal denkende, ja direkt fort- jchrittliche Partei zu etablieren. Man will eben die Städter mit Gewalt wieder herein haben. Man hat weder den Bülow gestürzt, noch sich mit dem Zentrum und den Polen „verbündet", noch will man die Liberalen ganz und gar vor den Kopf stoßen. Man wird auch mit ihnen gern zusammenarbeiten — wenn sie nur tun, was man selbst will!
Feuilleton.
Tafelfreuden einst und fetzt.
Einen aufschlußreichen Vergleich zwischen der Er- nabrunqsweise unserer Vorväter und den Möglichkeiten, die h J Natirungsmartt von heute auch den mittleren und MvUeren Ständen bietet, zieht G. d'Avenel in einem sesseln- s .„ Umsätze, den er im „Matin" veröffentlicht. Er unter- .»nächst das verblüffende Anwachsen der jährlich ver- Krauckten Nahrungsmengen, die in keinem Verhältnis stehen ungleich geringeren Quantitäten, mit denen vor fL c^br,n die Menschen flch begnügten, und führt dann 'L\l »ickt nur die Quantität sich verändert hat, sondern auch die Qualität aller Nahrungsmittel. Nicht h°,rifr i)ic die Moden der Kleidung oder in der Aus- rX®,„ Za Seimes, bei denen man mit altübernommenen m-Xmen längst mue Vorstellungen verbindet, haben sich wch d e Nahrungsmittel verändert. Was wir heute Brot,
-xjsck, Gemüse, Zucker oder Ql nennen, hat nur noch ^ Namm gemein mit dem, was unsere Vorvater vor ioo
^br'en untiw dieser Bezeichnung aßen. „Regmen wir z. B„ Zähren u.ner i Kalb- oder Kubsttik^,
das Fleisch das Ochsenfleisch. das Kalb- oder Kuhfleisch, das beute gegessen wird, ist außerordentlich verschieden von dem 'was man vor 100 Jahren so nannte wennglenh vom -X'XsXn Standpirnkt aus gesehen dre Tierart pch nickt ÄntÄ bat Wenn man das Gewicht der im Mittelalter n^Meten Fleischtiere mit d m Gewicht der heute ge- ve'gleicht und prüft, wieviel Fleisch durchschnltt- kch lld s SM seiner Art geliefert, so stellt sich heraus, daß die beute ^schlachteten Tiere durchschnittlich doppelt ,o viel Xei ck aeb n wie die Schlachttiere der Vergangenheit: d. h. gffcj »tefi heute doppelt so fett ist wie früh r. Da die
steischarmen Schlachtticre der Vergangenh it das gleiche
Knock erffystem, die gleichen Muskeln und Nerven wre das
Wie ein roter Faden zog sich durch die Verhandlun- gen die Angst vor der liberalen Presse. Die hat in der Reichsfinanzfrage die treuesten Anhänger kopfscheu gemacht. Sie ist eine Macht, ^„der^wir nichts gleichwertiges gegenüberstellen können." Schafft uns die kleine volkstümliche konservative Zeitung — so rres man sehnsüchtig. Tie liberale Presse kann hier ersehen, welcher Kulturmission sie dient — die Unterhohlung der konservativen Allmacht. Am Publikum ist es, sie bei diesem schweren, aber, wie wir sehen, dankenswerten Beginnen eisrigst zu unterstützen und zu fördern.
'Schließlich suchte man auf dem Parteitag dre Ungewißheit über die eigene Zukunft zu verdecken durch Drohungen gegenüber den liberalen Parteien, insbesondere den Freisinnigen: Wenn ihr uns nicht unterstützt bei den Stichwahlen mit den Sozialdemokraten, so werden wir euch bei solchen Stichwahlen auch fallen lassen! So wurde angekündigt. Sehr gut so! Man sieht hieraus, daß die „vaterländische Gesinnung", daß der „Kampf gegen den Umsturz nur falsche Deckmäntel sind, um die eigenen Partei- geschälte zu schützen und zu fördern. Tie Wahl ernes Sozialdemokraten ist nur dann ein Verbrechen an: Staat, wenn dadurch ein — Konservativer nicht gewählt wird Sonst ist sie weiter nicht so schlimm. Es ist sehr gut, daß diese Stimmung — ihr Hauptvertreter war der'berühmte Rechtsanwalt Ulrich-Berlin — zum Ausdruck kam. Man erkennt daran, wie viel Heuchelei in dem Wort steckt, daß die Konservativen sozusagen die „einzigen Stützen van Thron und Altar", die „wahren Triarrer Seiner Masestät" seien!
Der Parteitag hat zur Klärung des Verhältnisses zwischen Konservativen und Liberalen erheblich beige tragen. Wer es vergessen hatte, der weiß jetzt, wo der Feind steht.
Politische Adersicht.
Die Erhöhung der Macht des Zandrats,
das ist der eigentliche Sinn der geplanten preußischen Verwaltungsreform. Pfarrer Grethen in Hotteln führt das in seinen, von uns früher schon erwähnten Veröffentlichungen in der „Christi. Freiheit" wieder aus.
„Das Amt des Landrats , so legt er treffend dar, „wird gerade nach der Seite hin erhöht, wo es in der Lage ist, in alle Verhältnisse des Kreises einzugreifen. Der Landrat soll eine gehobene Stellung erhalten. Tic Folge wird sein, daß er immer mehr der erste und eigentlich repräsentative königliche Beamte wird, daß in ihm sich der Staatsgedanke verkörpert und daß die in Preußen stark gepflegte Subordination zu einer Untertänigkeit aller Beamten unter dem Landrat wird. Man sage nicht, auch später habe der Landrat dem oder dem „nichts zu sagen". Wir meinen die noch stärkere Rücksichtnahme, die geübt wer- den muß. Der in einen Landkreis versetzte Beamte wird
ieue Zuchtvieh hatten, so mußte ihr Fleisch verhältnismäßig nel größere Mengen für die Ernährung wertloser Stoffe R herber gen. Sie schmeckten also auch anders und mau nutzte viel größere Quantitäten von Fleisch genießen, um je« gleichen Nährwert zu erzielen, wie man ihn heute mit -iner weit geringeren Menge Fleisch erreichen kann."
Nicht geringer sind die Wandlungen beim Fisch. So wohl die Fischsorten wie die Stände, denen Fischnahrung mgänglich war, haben sich völlig verändert. Was man in Paris vor 100 Jahren „Seefisch" nannte, das waren ausschließlich gesalzene Fische, denn ohne Einsalzung hatten sie die Reise gar nicht überdauert, obgleich man damals nicht io empfindlich war wie ,-eute, und sogar Wert darauf legte, den Kisch nicht allzu frisch zu essen. Das Meerschwein, der Seebund, das Walfischfleisch, das in früheren Jahrhunderten an den vornehmsten Tafeln serviert wurde, ist heute völlig au« dem Register der Tafelfreudcn gestrichen, wahrend in dcn letzten 40 Jahren die Fischerei ihre Ertragnisse mehr als verdoppelt hat. Allem in der Stadt Paris ist der Fisch- verbrauch seit 1789 um das Zwanzigsache gestiegen, wahrend die Nachfrage nach gesalzenen Fischen, die noch zur Zen Ludwigs XV- im Jahre etwa 8 Millionen Mund -us- ,nackte heute nur noch 900 000 Pfund beträgt. Der kleine Mann'ißt beute frischen Fisch, was seinen Vorvätern niemals möglich war, denn die damaligen Preise für Fische warm ko hoch, daß nur besser situierte Bürger sich dreien Lurns leisten konnten: der Hering z. B. kostete dreimal so viel wie heute. Um 1226 wurde in Aisne jemand verurteilt, einen Kabeljau zu stellen und in Ermangelung eines solchen dann einen Lachs". Man würde heute diesen Lachs, der als notdürftige Ersatz des Kabeljaus galt, zweifellos vor- ziehm; man steht daraus, daß der Kabttjau iin 18. Jahrhundert ein sehr seltener und schwer erhältlicher L/ckerbessen war, ohne daß man zugleich folgern dürste, der Lachs wäre um jene Z U billiger gewesen. Man zahlte damals für einen Lachs, der die Tafel des heiligen König Ludwig zieren
aus Schritt und Tritt die Hand und den Einfluß des ersten Beamten verspüren. Darum wird er gut tun, die allgemeinen und speziellen Regierungsgrundsätze des Kreisoberhauptes nicht zu durchkreuzen noch zu kritisieren. Im besten Falle wird er auf jede öffentliche Tätigkeit verzichten und sich lediglich auf die Ausübung seines Berufes beschränken. Selbst Ärzte seufzen schon manchmal, wie ihr an sich freier Beruf mrt der Zeit unfreier wird: geht doch das öffentliche Impfwesen und manches Kastenwesen durch die landrätlichen Bureaus. Tie Richter klagen heute schon über das starke Gewicht der Verwaltung, unter dem zwar nicht ihre Amtsführung, aber ihre persönliche Stellung lerdet. Grethen schließt:
„Unsere Gemeinwesen sind gesetzlich. zunächst aus Selb st Verwaltung aufgebaut. Viel ist davon nicht mehr vorhanden. Natürlich bestehen die Rechte und Gesetze noch: aber die Organe der Selbstverwaltung sind immer mehr Organs der Bureaukratie geworden. Die Vorsteher der Gemeinden, die Burger- meister der kleinen Städte haben genug zu tun, die Anfragen, die Aufträge der landrätlichen Behörden,zu erledigen. In den Äugen der Gemeindegenossen ist das Gemeinde-Oberhaupt schon längst nicht mehr der von ihnen erwählte Vertrauensmann, sondern ein Unter- gebener der Politischen Beamten, '^chückinct hat einmal die treffende Bemerkung gemacht, die Bureaukratie übe sogar die Kunst, gewisse reaktionäre Maßregeln durch die Selbswerwaltungsorgane aus- führen zu lassen und so das Odium den unteren Organen aufzuladen. Bei Verstärkung der landrätlichen Macht wird auch die Selbstverwaltung kaum den Rest ihrer Selbständigkeit bewahren können, denn se größer das Gewicht des Verwaltungsbeamten und seines Bureaus wird, desto kleiner und machtloser werden die Sell>stverwaltungsorgane ganz von selbst." ,
Das sind alles den Nagel auf den Kops treffende Bemerkungen — leider! Ten liberalen Parteien er- wächst die Ausgabe, im Abgeordnetenhause scharf auf- zupassen, daß diese die Macht des Landrats verstärkende „Reform" nicht über Nacht eingeschmuggelt wird. Es gilt, .das Interesse auch des großen Publikums wachzurufen, das bedauerlicherweise dem stillen, aber nur zu erfolgreichen Vordringen der Reaktion auf dem Gebiete des Verwaltungswesens bisher viel zu apathisch gegenüber gestanden hat.
Aus dem Bericht Garirrs «dev die Intendarrtirrdiebstähle.
Aus Petersburg wird uns geschrieben:
Der Bericht des Senators G a r i n über die von ihm erfüllte schwierige Mission ist nun fertig, aber auch das o f f i z i e l l e für die anderen Senatoren bestimmte Dokument, das auf Grund sorgfältig geprüfter und fest- gestellter Tatsachen und Ziffern verfaßt wurde, b e - stätigt im großen und ganzen die abenteuerlichen Affären der Intendantur, wie sie seinerzeit von dev Presse geschildert und vom offiziellen Erkundigungsbureau pflichtgemäß widerlegt wurden. Gemäß diesem
sollte, 120 M. nach unserem heutigen Gelbe, und ttn 14. und 1.5. Jahrhundert schwankte der Preis des Lachses je nach der Größe zwischen 40 und 65 M.
Diese Wandlung, bei der Nahrungsmittel, die ihren ckten Namen behielten, ihr Wesen und ihren Verwertungs- tteis verändert haben, zeigt sich auch beim Geflügel. Der Schwan und der Pfau sind von unseren Tafeln verschwunden; noch im 14. Jahrhundert bezahlte man einen Pfau nach heutigem Gelde mit rund 24 M. Masthühner waren in früheren Zeiten eine Seltenheit, die nur den Großen dieser Welt und den mit Glücksgütcrn reich Gesegneten erreichbar waren. Man überließ die Hühner sich selbst. Man kannte zwar das Mastversahren, aber man wandte es nicht an: das Getreide war zu teuer. Das wird bewiesen durch die gewaltige Preisdifferenz, die das Mastgeflügel von dem gewöhnlichen Geflügel jener Zeit trennt. Für ein Masthuhn wurden im Mittelalter 12, 14, 16, ja selbst 20 Ai. bezahlt, während im gleichen Jahr in der gleichen Gemeinde gewöhnliche Hühner das Stück zu 1 M. bis 1,60 M. verkauft werden. Man ersieht daraus die Seltenheit des Mastgeflügels, und zugleich die schlechte Qualität der gewöhnlichen Hühner, die mager waren und wenig Fleisch gaben.
Eine ähnliche Verbesserung der Verhältnisse zeigt das Kapitel von der Butter, dem Käse und der Milch. Die Zahl der Kühe hat unverhältnismäßig stark zugenom- men; dazu kommt noch, daß noch vor wenigen Jahrhunderten die Kühe nur während sechs Monate im Jahr Milch gaben und die übrigen sechs Monate in Wald und Feld sich mehr oder minder selbst überlassen blieben. Im Winter gab es infolgedessen keine frische Butter; man zahlte für das Pfund Butt r daun 4 . bis 6 M. Zur Zeit Ludwigs XV. bezog man bann die Butter fässerweise aus Irland; heute beträgt der Butterkousum von Paris genau das Zehnfache von dem, was zur Zeit Napol-ons 7. an Butter verbraucht wurde. Auch der Weinverbrauch hat sich geändert: man bewahrt i den Wein heute in Flaschen, wäbrend man ihn stüher direkt
