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Nr. 28L.

Wiesbaden, Dienstag, 44. Dezember 4S«S.

87. Jahrgang.

Morgen»Ausgabe.

_ 1. Mckrtt. __

Aie UerKehrsfeindilchKeit der neuen Fernsprechsrdnung.

Gegen den vom Bundesrat dem Reichstag vorge­legten Entwurf einer Fernsprechgebichren-Ordnung richtete am 9. Dezember der Deutsche Handelstag an den Reichstag einen wirksamen Protest, dem folgende Ausführungen zu entnehmen sind:

Das Ergebnis der vorgeschlagenen Neugestaltung der Fernsprechgebühren ist aus folgender Tabelle zu ersehen:

Zahl Durchschnitt

der Anschlüsse 0er Gespräche Verteuerung des Netzes im Jahr Prozent

801 500 3303 30

501 1000 3682 32

1001 5 000 4255 47

500120 000 3787 36

20 00170 000

Hamburg 5505 72

Berlin 4702 54.

Die kleineren Netze würden infolge der Herab­setzung der Grund- und Gesprächgebühr noch grotzere Zuschüsse wie bisher benötigen, diese würden rn Zukunft von den größten und besonders mittleren Netzen, welch letztere schon jetzt zu viel bezahlen, getragen werden müssen. Es soll also die städtische Bevölkerung, d. y. hauptsächlich Handel und Industrie,. zugunsten der ländlichen in noch stärkerem Maß wie bisher belastet werden.

Freilich gibt ja das Reichspostamt der Hoffnung Ausdruck, daß eine M e hrbelastung der Teil­nehmer durch eine Verringerung der Gespräche um 25' Prozent, die auch aus technischen Gründen wünschenswert sei, vermieden werde. Einmal ist nicht ersichtlich, inwieweit diese Schätzung richtig '.st, dann aber müssen wir uns mit aller Entschiedenheit dagegen wenden, daß eine Behörde, die zur For derung des Verkehrs da ist offensichtlich und zweckbewußt auf eine E i n f ch r ä n k u n g des Verkehrs und zwar um nicht weniger als 26 Prozent, ht-rarbeitet Huer trat Zn so verkehrsseindlicher Zug m die Erscheinung, wie er in gleicher Schärfe kaum jemals dagewesen ist.

Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, daß dieseReform" des Fernsprechwesens dem Wunsche der fiskalischen Ausbeutung, dieses Verkehrs­mittels entsprungen ist und nur eine weitere k u r z- sichtige Maßregel im Verkehrswesen darstellt, als

welche z. B. auch die so starke Erhöhung des Orts- portos für den Postkartenverkehr bezeichnet werden

Aber nicht nur eine außerordentliche Mehr­belastung von Handel und Industrie wurde die ge­plante Neuordnung des Fernsprechgebührenwesens zur Folge haben, sondern auch eine schwM, dauer no e Belästigung dieser ErwerbÄstände. Die Zahlung jedes einzelnen Gesprächs, sei es daß diese durch einen automatischen Zähler oder durch einen Beamten,, er­folgt, wird zu vielen Mißhelligkeiten zwischen Behörde und Publikum führen, die beiden Teilen Kosten und Zeitaufwand, Mühe und Ärger, verursachen. ,sti eine unangenehme Lage kommen die Gewerbetreikenoen, auch G a st w i r t e, bei denen bisher die Kunden den Fernsprecher unentgeltlich benutzten. Sie mußten sich künftig in jedem Fall darüber entscheiden, ob sie den Kunden die Gesprächsgebühr von 4 Pfennig be­zahlen lassen oder ihnen aus Gefälligkeit die unent­geltliche Benutzung des Fernsprechers gestatten wollön Ter Fernsprechapparat muß geradezu, überwacht werden um zu verhüten, daß er mißbräuchlich aus Kosten 'seines Inhabers benutzt wird. Während bisher der Fernsprechverkehr sich glatt und rasch ab ge- wickelt bat, wird in Zukunft der vielen kleinen alltäg­lich wiederkehrenden Unannehmlichkeiten Lein

Ende sein. y ... , .

Der Deutsche Handelstag halt es daher für seine Pflicht im Intereise von Handel und Industrie gegen die geplante Änderung der Fernsprechqebührenordnung und die damit verbundene außerordentliche Verteuerung des Fernsprechverkehrs entschieden Verwahrung emzu- legen, und bittet, dem vorgelegten Entwurf seine Zu- stimmimll zu versagen."

Gegen ^err deutschen Flottenunfug

wendet sich iin Wcibnachtsheft der illustrierten Halb­monatsschriftNord und Süd" der Politiker 21. H. Schiintz.

Einige sehr plastische Ausdrücke. Deutschlands Zu kunft, Weltmacht, Seeherrschaft betreffend, sind ir Europa geflügelte Worte geworden und haben keine ge ringe Unruhe hervorgerufen. Trotz so lautem Rufen entblößten wir durch unsere Uneinigkeit eine geradezi blamable Finanzlage. Alle Welt sieht, was für Lpfe unsere Rüstungen kosten, und dennoch rüsten wir. Wat bedeutet das? Nehmen wir dazu, wie bwußt sich Eng lond im Augenblicke seiner prekären Lage ist, liegt es da io fern, daß es diese Rüstungen auf sich bezieht? Mr. Balfour hat recht: Die englische Flotte ist Englands Lebensnerv, die deutsche Flotte ist nur eine unserer

Kräfte. Wer Englands Flotte zerstört, sticht England ins Herz; wer Deutschlands Flotte zerstört, iwlagt Deutschland nur ein wichtiges Glied, ab. Das deutsche Rüsten und Lärmen wird dadurch für das Ausland so unheimlich, daß es allen realen Forderungen wider­spricht Wir brauchen kaum eine halb so große Flotte als England und könnten mehr neben unserem Heer nicht bezahlen. Was für Absichten hat also Deutschland » Das Ausland kann die sonderbare Psychologie der öffentlichen Meinung in Deutschland nicht verstehen, weil diese alten, traditionenreichen Volker nicht an eine harmlose Naivität glauben können, welche die Existenz aufs Spiel setzt, um bunte Röcke glänzen und, Schiff­chen schaukeln zu sehen. Gewiß, wir, mußten ernst die Begeisterung nähren, als noch wenige Deutsche Den Sinn der Weltpolitik begriffen, aberdie Geister, d:e ich rief, werd' ich nun nicht los". Uns ist das alles noch so neu, Flotte, Weltpolitik, usw. Es macht uns noch gar zu viel Spaß, den stärkeren Gegner wenigstens zu ärgern und von Zeit zu Zeit daran zu erinnern, daß wir ihm immerhin recht unbequem werden können. Das sind schlechte politische Manieren, die allerdings ihr Ziel erreichen, nämlich die Leute zu genieren, aber uns keine Achtung einbringen.

Wir haben noch keine politischen Traditionen, die uns erlauben, sachlich undfair" den Gegner, zu taxieren und anznerkennen. Wir reden von englischer Frechheit und vergessen, daß wir gerade so anspruchs­voll,^nur nicht so stark sind. Genau wie der Engländer, glauben wir, daß wir auf Grund größerer Rassetüchtig, feit das Recht haben, niedere Rassen zu beherrschen, und, wo wir Gelegenheit finden, tun wir es. Können wir es dem Engländer verargen, daß er es schon seit Jahrhunderten tut? Dafür sind wir doch eigentlich schon zu stark, daß wir solche Resjentimentsstimmungen in uns aufkommen lassen dürften.

Wollten wir die bare Wirklichkeit erkennen, so konn­ten wir uns mit England über den Flottenbau ver­ständigen. Unserer Würde schaden wir nicht. Win haben in diesen vierzig Jahren gezeigt, wer wir sind. Für ein Land mit einer Armee wie der unserigen ist eS keine Schande, die nun einmal nicht wegzuleugnends Überlegenheit Englands zur See neidlos anznerkennen. Neidlosigkeit gegenüber dem Gegner heißt ja nicht Un­tätigkeit. Außerdem haben wir, wie heute alle ver­ständigen Deutschen zugeben, zu laut geschrien, das e öttnen wir nur durch einen drastischen Beweis unseres wirklichen Friedensliebe wieder gutmachen. Ferner sind unsere Rüstungen unnütz, denn es ist tausendmal wsaqt worden wir ändern ja nur das absolute, mcht das relative Verhältnis. Zuletzt: wir können, ja für rnsere Nachgiebigkeit einen Preis verlangen, vielleicht Englands Verzicht auf das Kaperrecht, und Ware es. nur.

LenMeton.

Grsnsdls.

gOaLdru-k verboten.)

Die französische Berg Universität.

Von Carl Lahm (Paris).

Vor französischen Provinzstädten empfind» ich einen »-Nnven Schauder, wenn ich mir vorstelle, daß ich in ihrer ,i e Ku«" mit demCafe de Paris" und derRous- vZlfZtnre" imRenaissancestil mehr als zweimal 24Stunden ariden müsste. Ich habe während zehnjährigem Aufcnt- fr+? « der Republik vergebens die sympathische Provinz- f; die keine 100 000 Einwohner zahlt; ich habe

KcSenS gesucht von Ost nach West, von Nord nach niraendwo hätte ich auf die Dauer auch nurab ^ud» n. ^ gaen. Die ganze Bürgerschaft scheint Sommer ZTmn S immer nur ein Ideal zu haben: sooft cs gebt i.nd WiM Paris zu fliehen, wo der Betrieb nicht

Klcinaeist und Klatsch unbekannt und wo die stockt, wo der Sim ^ser sind. Die Hotels schlecht, die

Franzoien Tourneen zweiter Güte angewiesen, die Kauf Theater am heraleicknn mit denen, die man in ähnlich laden gar, .0 ' ^tschlands, Österreich Ungarns oder der großen Oruc ^ohnt ist; wegen des geringen oder Schweiz s u 1 ' 'ff konstatierenden Bevölkerungszuwachses überhaupt m . « _ abgesehen von einigen Bädern, von kerne neuen < Marseille und drei oder vier andern Haupt Lyoil, 3otbteu* J miM( ]lnb bie Städte der Republik platzen neben m ^ Punkt angelangt. Hat man die

r »' EAukm'ller gesehen, hat man sich der Schönheit '"sißSSi. Umgebung erfreut und will man dazu im *2 be« Einheimischen etwas von ihrem Stolr aus ^ erfahren, dann merkt man zumeist, dag dieser

8 lu 2 S »Stärft«« Maße vorhanden ist - die brav n Leute reden mit strahlenden Augen von Paris, von Daris dem Ziel all ihrer Wünsche, «ie sind auch Nicht Amuntdaß sich leine Fremden bei ihnen ansiedeln. Wozu? 52 ge doch selbst andere Lust atmen, die großstädtische, und wenn die Geschäfte nicht wären. Der Magistrat, der .Offizier, der Priester, alle möchten nach der Ville-Lumier~

Riesenlaterne Paris zieht die Mücken, Schmetterlinge und Vögel unwiderstehlich an.

Grenoble kann ich nicht ganz ausnehmen. Es ist als -irovinzstadt wohl kaum weniger die durchgängige Lang­weile in Häuserguadrate ausgebaut. Aber es hat Vorzüge vor vielen der französischen Schwesterstädte. Es hat ans- uol'msweise eine Fremdenkolonie. Das veranlaßt schon zum Bus- ~ Attention!" Man sucht nach der Ursache. Ist es die Reinlichkeit der Straßen und Plätze, die alsbald den An­kömmling aus eine tüchtige Munizipalität schließen läßt? Pitm Teil wohl; denn in der Unreinlichkeit gleichen viele kraurösische Provinzorte dem großartigen Pariser Muster cxst es die einzigartige, wunderbare Lage? Zweifellos.

wenn die Menschen nichts Unerhörtes an Architektur im ilöhental der Jsere zu leisten wußten, die Natur baute eine' gigantische Architektur ringsherum; einen Alpen iellmen der die Erinnerung an das Berner Oberland nickst I« kürcbten braucht. Und dazu hat Grenoble stzine Umverst L, Die ist beinahe noch mehr als das glückliche schicks.il hi ,' Eingangspforte zum Dauphins Hochgebirge zu fern, für -rsöre-Stadt Grund ihres Aufblühens und ihres Rufs im Ausland geworden. Es ist das alte SPifl der Hochschul Wanderung: Die Provinzjugend eist mit Begierde in die ^. wllad Universität, die. Hauptstadtjugend gern nach ,ener Brov'nznnwersität, wos frische Bergluft und etwas Romantik zu atmen gibt. Ein paar geschickte und verdrenst- ß,qs,> Männer haben aus Grenoble eine ?lri ftanzostsche« oieidelberg oder Innsbruck zu machen gewußt; l>« hrnger- Üoi^Awenstock und den Rucksack an die Pedellenglocke. Sie taten noch mehr, sie machten den Ausländern den Aufenthal.

ebenso nützlich wie angenehm, so daß man sagen darf:

wraendwo können sie heute besser Franz ösisch, best eres ^ran röllsch lernen als in Grenoble. Zur Arbeit, die stc '-n die ervrache und Kultur Frankreichs einführen soll, bläst ihnen die Gletscherwelt frische Luft zu. Doch reden wir zuerst ein wenia von der Stadt, dam, von ihrer Alma mater, itrtb bewahren wir uns einen Blick in die Gletscherweck sur

Nach Grenoble gelangt man über Lyon oder Genf. Die Schweizer Reise der meisten deutschen und österreichlschen Touristen findet ihr Ende in der schönen Stadt desLac ' LLman"; danach beginnt das zu weite, das auch zu unoe-

kannte Ausland. Chamonix und der Montblanc erhalten nur noch einen gewissen Prozentsatz der üblichen ^remden^ flut, die alljährlich das europäische Zentralhochland von Konstanz bis Gens durchströmt; Grenoble aber muß sich schon mit einigen Abfällen begnügen, die von des Herrn Tiscke fallen. Frankreich hat es nicht verstanden, aus ferner Landschaftsschönbeit das Riesenkapital zu schlagen, das es bei einer modernen Organisation und Propaganda vom Touristenverkehr einheimsen müßte. Zunächst fehlt es schon an einer beguemen. schnellen und billigen Zugverbindumg überGenf. Einmal in der Dauphine angelangt, ist der Fremd« ganz erstaunt über die Wunder, die sich vor ihm auftun. Da sieht er Grenoble umgürtet von dem Sappey mit der Grande Chartreuse und ihrem Dutzend Ausflugsherrlich­keiten, von den Pies de IMledonne, von der ungeheuren Meije, die dem Montblanc nur um eine Hand voll Höhen- metem den Rekord läßt, vom Pelvoux und von ungezählten Bergspitzen, die sich am Horizont ein schier unentwirrbar köpfereiches Rendezvous gegeben. Im Winter, wenn der Schnee das ganze Hochland überzuckert hat, wenn der Mond seinen Silberschein darüber ausgießt, dann zeichnet sich die Stadtsilhouette mit Türmen und entblätterten Baumkronen prächtig von diesem souveränen Hintergrund ab; di« Laternen am Ufer und auf den Brücken werfen lange Licht- reslexe in die wilden Wasser der Jsöre die Amateur­photo dieser magi'chen Nachtszenerie hak gewiß die Welt­runde angetreten. Für den Wintersport bietet Grenoble ein nickt minder privilegiertes Terrain wie St. Moritz oder Chammtir. nur liegt es zu fern von der Touristenstratze.

Die frühere Hauptstadt der Dauphin« hat es nicht über 70 000 Einwohner hinaus gebracht; die Höhenlage von 211 Meter wäre kein Hindernis zu schnellerer Entwicklung, da das Gelände von Lyon an ganz allmählich ansteich. Die Industrie hat aus nächster Nähe gewaltige Energiequellen weißer Kohle" zur Verfügung; im Tal der Romanche springt der Fluß nicht nur zur Augenfreude von hohen Felsen nieder. Die ganze Stadt wird denn auch billigst elektrisch beleuchtet und die altberühmten Handschuhfabriken benötigen schon 30 000 Pserdelräste für ihren Betrieb. Nahezu 15 Millionen Paar Lederhandschuhe im Werte von 35 Millionen Frank bilden jährlich den Haichtexport der Dauphins-Industrie, die auch noch wesentlich in Filz,hüten