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Für die Ausnahme von Anzeigen an den vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen.
Nr. 578.
Wiesbaden, Sonntag, 12. Dezember IKON.
57. Jahrgang.
Morgen-Kusgabe.
1. Matt.
Die poütilr drr Woche.
In dem im Zeichen des Präsidiums Stolberg- Spahn-Hohenlohe stehenden Reichstag herrscht Kampfstimmung, eine Stimmung, die ja durch die Präsidentenwahl selbst teils kund geworden, teils ausgelöst stunden ist. Hatten die liberalen Parteien eine Beteiligung am Präsidium von vornherein abgelehnt, so ist dagegen anderen Gruppen die Rolle der betrübten Lohgerber zugesaüen, die ihre Felle fortschwimmen sahen. Ganz besonders herrscht im polnischen Lager Erbitterung, und man macht dem Zentrum den Vorwurf, daß man dort nach dem Motto gehandelt habe: Mein liebes Kind, blamier' mich nicht und grüß' niich nicht Unter den Linden!
Es war somit nicht verwunderlich, daß die Verhandlungen des Reichstags von vornherein in eine sehr temperamentvolle Tonart gerieten, wozu freilich die Beratungsmaterien in dieser Woche ganz _ besonderen Anlaß boten. Den stärksten Zündstoff bot die Kieler Werft, die, nachdem der große Sensationsprozeß wie das Hornberger Schießen ausgegangen war, auch vor dem Forum der Volksvertretung eine hochnotpeinliche, für die Verwaltungsbehörden sehr peinliche Prüfung r.u bestehen hatte. Daß diese mit „gut" bestanden sei, svird nicht einmal der Staatssekretär des Reichsmarine- amts Herr v. Tirpitz behaupten, obwohl er sich begreiflicherweise Mühe gab, diese verlorene Schlacht mit einem möglichst geordneten Rückzug zu beenden. Nicht viel besser als bei der Kieler Werft-Interpellation schnitt die Negierung bei der Beratung des Handelsvertrags mit Portugal ab, gegen dessen unzulängliche Fassung von fast allen Seiten des Hauses eine ungewöhnlich scharfe Kritik gerichtet wurde. Einen nicht minder s dimeren Stand hatte der leitende Staatsmann endlich bei der mit so viel Spannung er- warteten Antrittsrede, mit der er an: Donnerstag die Etatsberatung einleitete. Wenn von der einen oder der anderen Seite bei dieser Gelegenheit die Ent- rollung eines politischen Programms erwartet worden war so erwies sich diese Erwartung als eine Täuschung. Herr v. B e th m a n n - H o l l w e g lehnte im Gegen- teil eine solche Forderung, bei 'der es sich seiner Meinung nach nur um Parteiwünsche handele, ausdrücklich ab, kam aber insofern auf das frühere Programm der Sammlungspolitik zurück, indem er an diePar- leien, die bei der Finanzreform auseinandergegangen mären, die Mahnung zu erneuter gemeinsamer Arbeit
imittzfm.
(Nachdruck verboten.)
Der Papagei,
Von Erwin Rosen.
Er fuhr sich mit dem scharf gekrümmten, spitzen Schnabel glättend, ordneno, putzend durch das prachtvoll schimmernde Rot und Grün seines Federkleides. Er schob und rückte sich hrn und her. bis er recht be- cmem und gemütlich auf der drcken Stange saß. Er drehte das Köpfchen hin und her und blinzelte listig nach d m Frühstückstisch hinüber, wo Willy Kaffee trank. Tann kniff er vergnügt ein Auge zu. blähte sich etu topirn aus streckte sein Köpfchen frech und selbstbewußt in die Luft und schmetterte klar und deutlich heraus: 2)orG V 1
"Sei still!" sagte Willy.
<^er Vapaaei guckte scharf nach dem Tisch hmubec. räkeste sich, hüpfte'von einem Bern aufs andere, schöpfte tief Luft . . .
„Donnerwetter, sei still! sagte Willy.
_i_it" pfiff der Papagei. Er schüttelte das
Köpfchen, drehte sich dreimal um sich ieM herum, sthrelte mißvergnügt nach Willy hinüber und flcuete 1 b und
^Äalt?M°aul!" schrie Willy brutal
Der Papagei wurde wütend. Seine federn sträubten sich. Er sprang von der Stange auf den Boden ic^> Käfigs, vom Boden aus die Stange, von der Stange wieder auf den Boden. Er räusperte sich vernehmlich, kratzte sich energisch und siua dann mit neuer Lrraft an.
„Tora! Doo—rra! Do—o—ora ...
„Halts Maul!" brüllte der arme Willy. Dann begann er (trotz seines ungemütlichen Gemütszustandes) ein ganz klein wenig Verständnis für die Komik der Situation zu empfinden. Er stellte sich vor den Käfig hin.
«Halts Maul, Koko!" sagte er betrübt.
richtete. Das Echo, das Herr v. Bethmann-Hollweg mit seinem Programm der Programmlosrgkert in der liberalen Presse gefunden hat, wird ihm kaum viel Freude bereiten.
Der italienische Kollege v. Bethmann-Holl- wegs, der Ministerpräsident Giolrtti, hat sich angesichts der wachsenden Schwierigkeiten, welche die Parteien seinem Kabinett bereiteten, weniger standhaft gezeigt, aber er hat seinen Abgang vom Schauplatz der politischen Geschäfte so unerwartet und unter so überraschenden Umständen vollzogen, daß der Verdacht nahe liegt, es handele sich hier um ein politisches Manöver, um dem Kabinett eine Wiederkehr in besseren Zeitläuften zu sichern. Die Steuervorlage, über die Giolitti gestolpert ist, stellt in der Tat um so weniger einen „Scheidungsgrund" dar, als ia der endgültige Ausgang dieses parlamentarischen Kampfes noch keines- Wegs feststand. Allem Anschein nach geht die Taktik Giolittis aber dahin, der Opposition die günstige Gelegenheit zu möglichst schnelle m Abwirtschaften zu bieten. Fragt sich nur, ob das Haupt dieser Opposition, der als Politiker und Finanzmann bewährte Sonnin o, dessen Kabinett sich soeben konstituiert hat. ihm diesen Gefallen tun wird.
Kampfgemuter und anscheinend auch hoffnungsvoller als der italienische Kabinettschef a. D. ist der englische Premierminister A s q u r t h. der den ihm von den Konservativen aufgedrungenenKamps mit Energie ausgenommen hat und zu der Parole „für das Budget" alsbald die noch volkstümlichere „gegen das Oberhaus" hinzugefügt hat. Auf welche Zustim- mung diese Losung bei den Volksmassen rechnen darf, zeigen die Kundgebungen, die allerorten iw Lande gegen die steuerscheuen Lords veranstaltet werden. Diese Stimmung gegen die Konservativen dürste sich aber noch verschärfen, nachdem jetzt die Opposition als ihr Programm offen die Einführung eines Schutzzolltarifes verkündet, der nicht nur eine Verteuerung der Lebensmittel mit sich bringen, sondern zugleich das Handels- politische Verhältnis Englands zu den anderen Staaten erschweren würde.
Eine Zolltarifrevision hat Präsident Taft in der Botschaft tu Aussicht gestellt, mit der er soeben den Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika eröffnet bat, aber man erfährt freilich weder, wenn diese Revision kommen könnte, noch welcher Art sie sein würde, so daß es sich mithin um recht ungewisse Zukunftsmusik handelt. Im übrigen zeichnet sich Tafts Botschaft auch sonst mehr durch das aus, was sie v e r s ch w e i g t. als durch das, was sie verkündet, so hat der Präsident, der kein solcher Draufgänger ist wie sein Vorgänger Roosevelt, die mit Spannung erwarteten Vor- schlüge über die A n t i t r u st gesetzgebung weislich einer
Der Papagei verdrehte die Augen und senkte das
Köpfchen. „ . ^ „
Siehst du, Koko, unsre ^-.ora . . .
Dora!" meckerte Koko sichtlich erfreut.
", . .. unsre Dora ist ein Luderchen!"
"Dora?" meinte der Papagei fragend und zog ein Bein hoch.
Kdko^ retirierte schleunigst in eine Ecke des Käfigs, prustend, schnaubend, ^ geärgert.
„Unsre Dora ist nicht mehr unsre Dora."
„Dora!" brummte der Papagei.
^Halts Maul!" Koko schlich in eine andere Ecke.
„Unsre Dora hat uns ore Treue gebrochen. Unsre Tora ist ein gewinnsüchtiges Frauenzimmerchen — ist zu einem reichen Kerl übergegangen und — ja lieber Koko, ich denke, sie hat uns das Herz gebrochen."
„Dora!" schrie der Papagen offenbar belustrgr.
„Halts Maul!" . .
Der Papagei zog mit unendlicher Bedächtigkeit em Bein hoch und braaste das Kunststück fertig, sich das Köpfchen zu kratzen.
Hm lieber Koko. cs ist uns sehr nahe gegangen. Ja, wir sind ein Esel ober es ist uns wirktiÄ sehr nahe gegangen." . m , „Dor—-ra!" krähte der Papagei.
„Halts Maul!"
"Halts Maul! Oder ich dreh dir den Kragen um."
"§><>— 0 -—orra!" schrie Koko kampflustig, wütend.
I-Halts Maul!" brüllte Willy. Er fing an, sich wahnsinnig zu ärgern über das miserable Vieh. ,
, Dora!" nef nochmals der Papagei, der unbedingt das' letzte Wort haben wollte.
Tie Tür zu seinem Käsig wurde aufgerissen: eine Hand streckte sich herein . . .
Koko befürchtete (mit vollem Recht) Mord und Totschlag. Er tat also etwas sehr Vernünftiges. Er sauste wie der Blitz auf den Finger zu. der ihm am nächsten war, und biß mit einer wahren Wollust tief, kräftig und energisch hinein.
Sonderbotschaft Vorbehalten. In einer Beziehung ist die Kundgebung zur Eröffnung des Kongresses tnier- national: sie kündigt ein erkleckliches Tefiztl an. so daß man sieht, daß das „Land der unbegrenzren Möglichkeiten" auch hier durchaus begrenzte Möglichkeiten aufweist.
DruLsches Uerch.
§ Bundesrat und staatsrechtliche Stellung der Reichslande. Bekanntlich haben jetzt sowohl die linksliberale Fraktionsgemeinschaft wie auch die Gruppe der Elsässer einen Antrag aus Änderung der Verfassung der Reichslande im Reichstag eingebracht. Es handelt sich im wesentlichen um die Gleichstellung Elsaß-Lothringens mit den anderen Bundesstaaten und die Ausgestaltung des Landesans- schusses zu einem vollwertigen Landtag. Hierzu erfahren wir von unterrichteter Seite, daß bereits Anträge des Landesausschusses für Elsaß-Lothringen, die sich aus . die Weiterentwicklung der staatsrechtlichen Stellung der Reichslande beziehen, seit Anfang des vorigen Jahres vorlicgen. Die Materie ist seinerzeit vom Bundesrat den Ausschüssen für die Verfassung, für Elsaß-Lothringen und für Justizwesen zur Beratung überwiesen worden. Zn bestimmten Entscheidungen ist man bis jetzt noch nicht gelangt, es ist aber anznuehmen, daß entsprechende Beratungen weiter stattsinden werden und daß die elsaß-lothringische Ver-- fassungsfrage ihrer Erledigung zugeführt werden wird. Bezüglich der Erhebung der Reichslande zum selbständigen Bundesstaat und der Einrichtung eines elsaß-lothringischen Landtags als gesetzgebenden Faktor hatte Fürst Bülow in einem Schreiben vom 28. Januar 1908 gemäß den vorläufigen Erörterungen einen Teil der Anträge als zur weiteren Verfolgung geeignet bezeichnet, während sich bei einem anderen Teil Schwierigkeiten ergeben hätten. Gegenwärtig dürften diese auch noch nicht behoben sein. Voraussichtlich hat der Wunsch, einen elsaß-lothringischen Landtag zu schassen, am meisten Aussicht auf Verwirklichung. Vielleicht lassen sich auch die Kompetenzen dieses Parlaments etwas erweitern, wie z. B. durch Gewährung des Rechts. Initiativanträge zu stellen. Der Erhebung Elsaß-Lothringens zum selbständigen Bundesstaate steht bekanntlich vor allem das Bedenken entgegen, daß dadurch indirekt die Stimmenzahl Preußens im Bundesrat um drei Stinimen vermehrt werden würde.
DE. Eine Entdeckung des Herrn Lattmann. Den eigentlichen Grund für den Abgang des Fürsten Bülow hat kürzlich in einer Versammlung zu Cassel der antisemitische Abg. Lattmann enthüllt. Er wollte es nicht Wort haben, daß seine Freunde Bülow gestürzt hätten, behauptete vielmehr. Bülow sei — überarbeitet gewesen. Und auf erstaunte Zwischenrufe aus der Versammlung beteuerte Latt-
„Au!" schrie Willy und zog mit anerkennenswerter Klugheit seine Hand schleunigst zurück.
„Tor—rra! Dora!" brüllte Koko.
„Halts Maul!"
Koko konstatierte aus der Käsigecke heraus, in der er zusammengeballt saß, mit gesträubten Federn, mit wutschimmernden Äuglein, daß ein blutender Finger über das Waschbecken gehalten wurde. . . Aber nun fingen schioere Zeiten an für den armen Koko. Jedes-- mal, wenn Willy nach Hause kam, wurde es auf ganz unerklärliche Weise Nacht. Es war sozusagen fast imnier Stacht. Er fühlte, daß da etwas nicht in Ordnung war und hatte gar keine Lust, so viel zu schlafen. Daß diese Nacht durch eine über den Käfig geworfene dicke Decke künstlich hergesiellt wurde, davon hatte der malträtierte Koko wirklich keine Ahnung.
Es war eine merüvürdige Tatsache, daß gebrochene Gerzen nur in den seltensten Fällen ganz kaput sino. Man kann es sogar häufig beobachten, daß gerade gebrochene Herzen sich danach drängen, schleunigst wieoer von neuem zu funktionieren. Willys Herz wenigsten- war heute nur ganz kurze Zeit in gebrochenem Zustand.
Eines Tages kam Willy seelenvergnügt, lustig pfeifend nach Hause. Koko merkte mit einiger Verwunderung, daß es diesmal nicht Nacht wurde. Mit steigender Verwunderung sah er, daß Willy sich vor seinen
Käsig stellte. „ „ .. _
Koko zog sich in erne Ecke zurück, zog bte Berne dicht an den Körper, senkte das Köpfchen und markierte Der-
^„He! Koko!" sagte Willy liebenswürdig Koko blieb regungslos. Außerdem kniff er noch beide Augen zu und markierte noch mehr Verachtung, * „Na, lieber Koko, nun wollen wir wieder vergtlüg; sein", meinte Willy.
Der Papagei rührte sich nicht.
„Eh, Koko, das Leben ist doch schön! Sie heitzs nämlich ..."
Koko sprang mit eurem Satz auf dre Stange und schüttelte sich.
