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Nr. 571 .

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Blatt.

Das MrttLmtten.

Jedesmal zu Beginn einer neuen Session erlebt man das amüsante Schauspiel, wie eine wahre Flutwelle von Anträgen und I n t e c p e l l at i o n en den Reichs­tag überschwemmt, es setzt ein wahres Wettlaufen der einzelnen Parteien ein und oft können die kleinsten Fraktionen hierbei des Guten nicht genug tun. Wenn man das nun zur Gewohnheit gewordene Treiben sieht, so fällt einem unwillkürlich das bekannte steierische Lied ein, in welchem es heißt:A bissei Liab und a bissel Treu und a bissel Falschheit is alleweil dabei". Gewiß wird niemand bestreiten wollen, daß die Anträge saml- undsonders g u tg e m e i n t sind, immerhin aber kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieses Vor­gehen nicht selten einen taktischen Hintergrund hat, und lediglich daraus berechnet ist, den Wählern zu zeigen, wie man für diejenigen Schichten der Bevölke­rung sorgt, die Anlaß zu klagen haben: denn man ist sich sehr wohl bewußt, daß die erhobenen Forderungen vielleicht niemals Gesetz werden, und daß bei der parlamentarischen Erörterung nicht viel heranskomml. Aber man hat schöne Gelegenheit z u m Fenster hi n- aus zu sprechen und zu zeigen, was für ein guies Herz man doch hat. Immerhin aber sind unter den zahlreichen Anträgen doch eine ganze Reihe, welche tzrnste Beachtung verdienen und deren Durchführung zweifellos dem Staate zum Segen gereichen würde. So -liegt, wie wir schon mitteilten, beispielsweise von der Zentrumspartei ein Antrag vor, der eine Reorgani­sation der Verwaltung im Sinne erhöhter Sparsamkeit und Durchführung von kaufmänni­schen Grundsätzen verlangt, der unbedingter Zustim­mung sicher sein kann. Gerade die Vorgänge, die bei dem ^eben jetzt zu Ende gegangenen Kieler Werftprozeß zur Sprache gekommen sind, haben auf das deutlichste gezeigt, wie notwendig es ist, bei derartigen Staats­betrieben sich von der üblichen bureaukratischen Schablone frei zu machen und nach kaufmännischen Prinzipien zu arbeiten, denn aus diese Weise kann be­trächtlich gespart und eine wirksamere Kontrolle ausge- übt werden, als wenn alle Dinge den üblichen In­stanzenweg von einem Bureau zum anderen durchzu- rnachen haben.

Eine Folge von Sensationsprozessen, an denen wir in der letzten Zeit wahrlich genug hatten, diirfte der andere Zentrumsantrag sein, der den vollständigen Ausschluß der Öffentlichkeit wünscht, auch der Presse gegenüber, bei Gerichtsverhandlungen, sobald die Sittlichkeit irgendwie gefährdet ist. Zu begrüßen ist eine Anfrage der Partei, in welcher Auskunft über den gegenwärtigen Stand der Vorarbeiten zur Pensions-

Femüetorr.

Oer Untergang Jerusalems.

Von Geheimrat Professor vr. A. von Domaszewski.*)

Die Zustände in Judäa waren in den 60er Jahren des ersten Jahrhunderts n. Ehr. G. unerträgliche geword.n. Es war ein Kamps alle/ gegen alle; ein tägliches Ringen der Parteien um die Herrschaft.

So war der Zustand ein hoffnungsloser, als endlich Titus im Anfänge des Jahres 70 mit d m römischen Heere heranzog Das Heer, das sein Vater befehligt hatte, war noch durch die 12. Legion Syriens und zahlreiche Legionäre aus den Legionen Ägyptens und Syriens verstärkt worden. Es war im April, daß er vor den Mauern Jerusalems erschien Während die Hauptmacht sich auf dem Scopus im Nordn der Stadt verschanzte, erhielt die 10. Legion den Befehl, auf dem Olberg im Osten ein Lager aufzu­schlagen Die stürmischen Angriffe der Juden, dre durch dos tief emaeschnittenc Tal Kedron emporklett rten, wurden erst dA das Eingreifen, des W-b« -m itJ«.Retten, herbeieilmd den Feinden m die Franke fiel, zuruckgeworfen. So einträchtig die^ Juden gegen die Belagerer zum Kampfe vorgegangen waren, der Streit im Innern woll e doch nicht schweigen. Da gelang cs Johannes, am Passahfeste, wo dre Tore des Tempels sich öffneten, dre Partei des Eleazar zu überfallen und nach einem blutrgen Kampfe zum ^nsch^ M zwingen. Aber zwischen seinen Anhängern und denen des Simon Währte der Straßentampf weiter. Erst als dre Römer zum Angriff schritten, ernigten sie sich wenigstens, noch immer von Mißtrauen erMt, getrennt die Maucrn zu

*) Aus dessen soeben erschienenen monumentalen, höchst interessanten und stilistisch glanzenden WerkeGeschichte der römischen Kaiser". 2 Bände. 652 S. mit 12 Portraits tn kunst- le-Pcher Ausführung und 8 Karten Hetzer Band broschiert 8 M, In Originalband g M, In Halbfranz 11 M. Verlag von Quelle u. Metzer in Leipzig.

Wiesbaden, Mittwoch, 8. Dezember ISNS.

Versicherung der Privatbeamten erbeten wird. Es handelt sich hierbei wahrlich um eine hochwich­tige Frage, und wenn auch nicht zu erstreben ist, daß diese Hals über Kopf gelöst würde, so ist doch zu verlangen, daß keine Verschleppung vorgenommen wird, wie das zuweilen bei uns zu verzeichnen ist. Überhaupt wird der Fürsorge für die Privatbeamten seit einiger Zeit von den Parteien größere Beachtung geschenkt, da diese Erwerbskategorie tatsächlich hinsicht­lich der staatlichen Fürsorge gegenüber anderen Berufs­gruppen weit zurückgeblieben, ja im Grunde genommen, überhaupt nicht berücksichtigt worden ist. So verlangen Anträge der freisinnigen Fraktionsgemein­schaft die Ausdehnung der Zuständigkeit der Gewerbe» gerichte auf alle technischen Angestellte, ebenso eine weitergehende Kranken-, Unfall-, Pensions- und Hinter- bliebenen-Versicherung der Privatangestellten. Ir. einem gewissen Zusammenhang damit steht auch ein Antrag, der den - Reichskanzler auffordert, eine Nach­prüfung der Bezüge derjenigen Techniker, Werkmeister und anderen Angestellten vorzunehmen, die ohne Be- amteneigenschaft aus P r i v a t d ie n st vertrag vom Staate angestellt sind. Weitere Anträge der Fraktionsgemeinschaft erstrecken sich auf die Sicherung des Koalitionsrechtes der Staatsbeamten und dm Ein­richtung von Beamtenausschüssen. In ein ähnliches Ge­biet fällt auch die Forderung auf Regelung der Rechts­verhältnisse der in Haus- und Landwirtschaft beschäftig^ ten Arbeiter und eine gesetzliche Regelung der Tarifver­träge. Wie viel von den zahlreichen Anträgen der ein­zelnen Parteien oder richtiger wie wenige davon zur Erledigung gelangen werden. läßt sich wirklich inzwischen nicht übersehen.

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Deutsch es Deich.

* Wann finden die nächsten ReichStagswahlcn statt? In den maßgebendsten Kreisen nimmt in vertraulichen Besprechungen die Frage, wann die nächsten Reichstags­wahlen stattfinden, einen nicht geringen Raum ein. Wenn auch, wie es selbstverständlich ist, irgend eine Festlegung des Termins noch ausgeschlossen ist, so darf doch als.sicher angenommen werden, daß uns der Herbst 1911 die Wahlen bringen wird, falls nicht vorauszu- sehende Umstände das ganze Kalkül über den Haufen werfen.

* Gegen die Schisfahrtsabgaben. In einem von der sächsischen Regierung eingesorderten Gutachten erklärt die Dresdener Handelskammer, ihre Bedenken gegen die Schiffahrtsabgaben seien durch die Denkschrift der preußischen Regierung noch vergrößert worden.

* Der Schiffsverkehr auf dem Rhein. Eine Über­sicht über den Verkehr an den wichtigsten Punkten der deutschen Ströme, Flüsse und Kanäle in den Jahren 1872 bis 1608 bringt das vierteVlerteljahrsheft 1909 zur

varteidigen. Jerusalem zerfiel in eine Reihe von Stadt teilen, die durch Befestigungen geschied.n waren. De höchst gelegenen Teil bildeten, durch eine tiefe Schlucht ge trennt, zwei Hügel, deren westlicher die Oberstadt trug, dc- östliche die Unterstadt, auch Akra genannt. Nördlich von de: Akra lag der Dempelberg, und an ihn schloß sich die Bur Antonia. Der Tempelplatz, von starken Mauern umgebest war eine Festung. Ober- und Unterstadt wurden durch ein- Maner umschlossen, die, auf steil abfallenden Felsen erbaut außer an der Nordseite unnahbar war. Hier erschwerter Befestigungen von ungewöhnlicher Stärke und mit hoher Türmen bewehrt ein n Angriff. Diesen Stadtteilen waren nach Norden die Vorstadt und dieffr wieder die N-ustad vorgelagert, die durch eigene Befestigungen gedeckt warm Gegen die Mauern der Neustadt richtete Titus, der Boden 'von Scopus her einebnend, seinen Angriff. Die Wirkung der römischen BelagcrungSarbeiten. die di? Juden dur i todesmutige Ausfälle nicht zu hemmen vermochten legte am 15 Tage Bresche in die Mauer. Noch kürzere Zeit währte es. und auch in dem Bollwerk dr Vorstadt war Bresche gebrochen. Aber hier.wurden die emdriugenden Römer im Straßenkampse überwunden und zum Rückzug gezwungen. Erst vier Tage später warfen sie. im zweiten Ansturm mit voller Macht anrückend, die Verteidiger in du Oberstadt zurück. So begann jetzt das schwierigere Werk eines Angriffes aus dre mächtige innere Mauer. Zwei Dämm? wurden gegen die Burg Antynia. die Johannes v rteidiqte errichtet und zwei andere gegen die Oberstadt wo Simon die Römer bekämpfte. Schwerer noch bedrängte die Belagerten der Hunger. Johannes und Simon ließen die Stadt nach Vorräten durchsuchen, die mir für die waffen­fähigen Verteidiger bestimmt wurden. Das Volk üb rlietz Man dem langsaMN Hinsterben. Wer vor den Mauern nach Pflanzen suchte oder dem tötffchm Ringe entweichen wallte, wurde von den Römern ergriffen und in schenßl'cher W ife angesichts der Stadt ans Kreuz geschlagen. 17 Tage batte e? g dauert, bis die Angrift-bännne sich vollmdet er­hoben. Aber die Juden untergruben durch Mrnengänge die

57 . Jahrgang.

Statistik des Deutschen Reichs. Im Jahre 1908 hatte der Rhein den weitaus bedeutendsten Verkehr auszu­weisen, und zwar wurden ermittelt für 1998 (1907 in Klammern) folgende Zahlen: In Emmerich (Rhein) wurden beim Durchgang zu Berg (Einfuhr) zusammen 22 270 (25 787) Schisse mit 14193 000 (16 000 000) Tonnen Ladung und 4606 (4114) unbcladene -schiffe, beim Durchgang zu Tal (Ausffihr) 21072 (20 264) be­ladene Schiffe mit 7 625 009 (7189 000) Tonnen

Ladung und 5828 (3650) unbeladene Schisse, in D u i s» burg-Ruhrort als abgegangen zu Berg 4904 (5164) Schiffe mit 3 017 000' (3 645 000) Tonnen Ladung, sowie 646 (865) unbeladene Schiffe, zu Tal aber 8994 (8129) Schiffe mit 3 078 000 (2 273 000) Tonnen Ladung und 1404 (1056) unbeladene Schiffe gezählt. In Mannheim (Rhein) kamen an zu Berg 9780 (9603) Schiffe mit 4 693 000 (4 8S6 00O) Tonnen Ladung, zu Tal 1628 (2334) Schiffe mit 102 000 (112000) Tonnen Ladung.

* Über eine neue Leistung des ehrwürdigen Bureau- kratins schreibt man aus Düsseldorf: Aus einer Anzahl von umliegenden Bahnhöfen ist nach derDüsseld. Ztg." der Zugabfertigungs- und Auffichtsdienst an den Per- s o n e n z ü g e n den bisherigen Fahrdienstleitern, den Bahnhofsdeamten mit der roten Mütze, entzogen uno den Zugführern der betreffenden Züge übertragen wor- den. Der Fahrdienstleiter soll bei Ankunft und Ab­fahrt dieser Züge nicht inehr die rote Mütze tragen und auch nichts zu sagen haben. Bei den Güterzügen da- gegen hat der Fahrdienstleiter die rote Mütze zu tragen, er ist also gezwungen, in seinen Dienststunden 30 bis 50 mal die Kopfbedeckung zu wechseln. Wie er es machen soll, wenn ein Personen- und ein Güter- zug zugleich im Bahnhöfe ist, darüber enthält die rn Frage kommende Dienstvorschrift nichts, darüber muß sich der Beamte selbst den Kopf zerbrechen. Es wäre interessant, zu erfahren, welchen Zweck die Eisenbahn- Verwaltung mit dieser merkwürdigen Neuerung bezweckt.

* Was der sozialdemokratische Vizepräsident in Meiningen tun darf, wird jetzt vomVorwärts" fol­gendermaßen präzisiert:Wie wir aus demThüringer Volksfreund", dem Organ der Sonneberger Genossen, ersehen,d ist Genosse Wehder im Meininger Landtag zum Vizepräsidenten gewählt worden, nachdem er er- klärt hatte, daß er bereit sei, sich mit den beiden anderen Präsidenten dein Landesherrn und dem Erbprinzen vor» stellen und ans Wunsch der letzteren zu Besprechungen in Landesangelegenheiten erscheinen wird. Wenn der Herzog von . Meiningen den Wunsch ausdrückt, sich von dem Präsidium des Landtags über politische Fragen unterrichten zu lassen, so wird niemand in der Sozial­demokratie etwas dagegen haben, wenn der sozialdemo- kratische Vizepräsident sich an solch politischer Be­sprechung mit dem Staatsoberhaupt beteiligt. Anders steht es aber mit der Verpflichtung, sich dem Herzog und dem Erbprinzen vorzustellen. Das ist unseres Er-

Oämme vor Antonia und setzten die Stützbalken unter der rde in Brand, so daß die mühsam aufgeschütteten Wälle in ch zusammensanken. Auch Simon wurde durch einen ent- chloss ncn Angriff Herr der auf den Dämmen errichteten Iclagerungsmaschinen, die er verbrannte, so daß die stammen auch das Holzwerk der Dämme verzehrten. Bis lauholz zur Errichtung neuer Dämme aus meilenweiter seine herbcigeschafft wurde, ließ Titus, um den Druck der inschließung noch zu verschärfen, den Fuß der Berge, auf enen die Stadt erbaut war, durch eine Befestigung nm- fthm, so daß kein Entrinnen mehr möglich war. Um so rausiger wurde die Schreckensherrschaft der Eiferer, die -den Versuch der ihren Leiden erliegenden Einwohner, die Itadt zu verlassen, mit dem Tode bestraften.

Bei dem zweiten Angriff hatte Titus vier Dämme -egen Antonia errichtet. Von noch mächftgerer Bauart, oiderstanden sie einem Sturm der ausfallenden Juden, die !,ch nichi mehr mit demselben Mute kämpften. Ms die schweren Widder Bresche in die Antonia gebrochen hatten, andcn die Römer den Mauerabschnitt durch eine Sperr­mauer im Innern geschlossen, an der ihr Ansturm scheitern mußte. Doch gelang es ihnen, durch einen liberfall bei Nacht eer Hindernisse Herr zu "-erden. Vorwärtsstürmend durch einen Mineugang, dm die Verteidiger während des Kampfts um die Belagermrgsdämme angelegt hatten, versuchten sie in das Innere des Tempels einzudringen. Aber hier war der Widerstand ein so verzweifelter, daß sie wieder weichen mußten. Titus ließ die Burg Antonia nftderlcaen um einen breiten Raum zum Angffff aus den Tempel zu ge­winnen: denn die Juden, obwohl die Zahl der Vetteidiger so zusammengeschwunden war. daß dar Dienst des Gottes rnhen mußte, wollten das Anerbieten des Titus, sie zu schonen, nicht annehmen. Wieder wurden vier Belagerungs-- däuime von Norden, Osten und Westen gegen die Um- sassungsmaucr des Vorhoses gerichtet unter steten Känrpsen. in denen die Römer durch Überfälle die Dächer der Säulen­hallen, die sich innen an die Mauer lehnten, zu erstürmen suchten. So warm es die Juden, die zuerst Feuer an diese