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Mrlag Langgafle 25 / 87 .

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Nr. 583»

Wiesbaden, Freitag, 3 . Dezember 1 K«S.

57. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1 . Matt. _

Gehorsam und Selbständigkeit.

Der Wert der Disziplin ist unbestreitbar, der Ge­horsam ist und bleibt die Grundlage jedes Heerwesens. Daneben muß aber im Heere auch die Selbstandrgteit und Verantwortungsfreudigkeit vorhanden fern und gepflegt werden. Beides steht ja in einem gewissen Gegensätze und darin besteht eben die Schwierigkeit der militärischen Erziehung, den richtigen Mittelweg zwischen dem blinden Gehorsam und der Selbständig­keit des einzelnen und seiner Selbsttätigkeit zu finden. Je nach der Art und dem Charakter des Volkes, nach der Entwickelung des Kriegswesens wird das eine oder bas andere mehr in den Vordergrund treten.

Die moderne Kriegsführung und Fechtweise ver­langt eine ganz andere Selbständigkeit als die der früheren Zeiten. Dies trifft auf die höheren Führer so gut wie auf den Mann in Reih und Glied zu. Als die alte Lineartaktik mit ihren starren Formen noch in Geltung war, langte es, daß der Mann maschinenmäßig auf die Kommandos die eingedrillten Bewegungen und Griffe ausführte: die -Offiziere hatten m der Regel nur die Kommandos zur richtigen Zeit zu geben. Ganz andere Forderungen stellt das moderne Gefecht. Sawobl als Schütze wie als Patrouille oder Meldereiter bltarn IdHBnM« °«°° »eMfc SmMn.M den Führern ist eine ganz andere Art der Tätigkeit zu­gefallen.

Wohin es führt, wenn in einer Armee nur auf die starre, strenge Disziplin gehalten wird, ohne daß dabei der Selbständigkeit der erforderliche Spielraum ge­lassen wird, lehren die Ereignisse, die zw den Kata­strophen »on Jena und Auerstedt und schließlich zu dem Friede« von Tilsit führten. An diese Zeit er­innert ein vor kurzem erschienenes Buch des General­obersten Freiherr von der Goltz, der die Kriegs­geschichte Deutschlands im ZeitalterNapoleons be­handelt und der dabei auch den Gründen nachgeht.

' welche zu dem Untergange des preußischen Heeres rühr­ten. Es ist lehrreich, gerade diese hervorzuheben, wett sie auch sür unsere Zeit einen sehr wichtigen Hinweis geben, worauf es bei der Ausbildung der Truppe vor­nehmlich ankommt.

In erster Linie war es die ü b e r m a ß r g e B e- Wertung der reinen Exerzierkunst, wie sie sich bei den Paraden und Friedensübungen so glän zend bewährte. Aber die ausschließliche Übung und Be Wertung dieser .Kunst führte eine Erziehung zur Un­selbständigkeit herbei, welche alle Glieder des Heeres durchdrang. Gespannteste Aufmerksamkeit und große Anstrengung waren notwendig, nicht aber N a ch

denken, Urteil und selbständiger Entschluß. So tötete man allmählich die Geisteskraft zu eigener Betätigung. Der unbedingte Gehorsam war auch den Führern so zur zweiten Natur geworden, daß sie es nicht wagten, von den gegebenen Reglements und Ver­ordnungen abzuweichen, selbst als es die Umstande

dringend verlangten. ,

Die Truppen hungerten und litten Mangel an oen notwendigsten Lebensmitteln, während sich m ihrer Nähe reiche Dörfer befanden, mit allen Vorräten an­gefüllt. Aber kein Führer wagte es, in diese Ortschaften zu gehen und seiner Truppe den notweridigsten Lebens­unterhalt zu verschaffen. Hungernde Truppen tn reichen Ortschaften waren ein gewöhnliches Bild. Gewiß das Zeichen einer ' tadellosen Disziplin, daß der ernmat gegebene Befehl auch unter den schwierigsten Verhält­nissen auch ausgeführt wurde, aber zum Schaden der Sache denn dem hungernden und ermatteten Soldaten fehlte die notwendige Widerstandskraft. Trotz aller Kälte und der frostigen Nächte wagte niemand Feuer anzumachen, weil die Erlaubnis dazu nicht besonders aegeden ^var. tlndersohrt fanden sich . am Morgen noch alle Lattenzäune vor, kein einziges stuck war entwendet aber die Kräfte der Truppen waren

£ ^ Jn^den Gefechten zeigte sich dasselbe Bild. Kein Führer wagte von selbst zu handeln und aus eigene Verantwortung hin eine günstige Gelegenheit auszu- nntzen. Alles wartete auf Befehle von oben. Das waren die traurigen Folgen der steten B e v o r - mundung, in der das ganze Volk ständig durch die Regierung gehalten wurde. .

Demgegenüber die französische Krieg führ u n g, die eine vollkommene Umwandlung in Geist und Mitteln bedeutete.Das Wertvollste dann war, daß sie das Heer in allen seinen Teilen selbst­ständig machte und die Führer, vom mngsten bis Mm höchsten hinauf, auf die e i g e ne Umsicht und Tätigkeit verwies. So ließ sie eine Reihe von. moral: schen und intellektuellen Kräften frei und lebendig wer den während diese in Preußen durch strenge und starre Form mehr und mehr gebunden wurden!"

Dabe' darf aber nicht übersehen werden, und das ist eine weitere wichtige Lehre, die man aus^jenen Er­eignissen schöpfen muß, daß Heer - und staats- wesen im engsten Zusammenhänge stehen, daß der Geist der in beiden herricht, d e r s e I b e ist. Tes- balb mußte auch die Einführung der militärischen Re­formen nach dem Tilsiter Frieden mit einer gänzlichen Umaestaltnng des gesamten Staatswesens Hand in^and gehen. Freiheitliche Ideen wurden ihnen zu- arunde geleat die Selbstverwaltung einge- St Und nun erst, als sich die Kräfte des einzelnen im «iaat" entwickeln tonnten und die engherzige staatliche und polizeiliche Bevormundung wenn auch nicht aufhörte denn fast leöer Lag bringt uns

noch j e tz t neue Fälle so doch wenigstens einge- chränkt wurde, konnten auch moderne Anschauungen

im Heere einziehen. , <

Die Disziplin ist notweiidig für die Armetz aber airch sie darf nicht zum starren, blinden Schematismus, zur Unterdrückung jeder Individualität fuhren, sondern re muß genügenden Spielraum lassen, damit eine gesunde Selbständigkeit daneben bestehen kann. v - b * '

Politische Übersicht.

Agrarische Hartrnickkgkett.

Der Syndikus des auch von liberaler Seite mit Ge­nugtuung begrüßten Deutschen Bauernbundes hat kürz­lich auch die bescheidenen Illusionen derjenigen enl- täujcht, die von ihm eine Agitation zugunsten einer kleinen Linderung der protektionistischen Lasten erwarteten. Er versicherte in einer Rede zu Marburg, daß der neue Bund an devbewahrten. Hochschutzzollpolitik festhalten werde und daß er sich an­gelegen sein lasse, die Wiederkehr emer Mehrheit zu verhindern, die auf dem Boden der Caprrvischen Handelspolitik stehe. ^ . v

Genau so sagt der größere Bruder auch, und man fragt sich vergebens, worin denn die Existenzbe­rechtigung der neuen Organisation bestehen soll Es scheint jetzt fast, als ob bei seiner Gründung in der Hauptsache persönliche Motive im Spiel ge- roesen seien. Man hat versichert, man wolle den Vor- teil der Kleinen gegenüber den Großen wahrnehmen. Aber wenn die Kleinen nachher doch dasselbe wollew wie die, von denen sie sich angeblich au emanzipieren trachten, dann war die ganze Aktion recht uberslstssiK In der Richtung derbewahrten Hochsichutzzoll. Politik liegen auch die Forderungen die der Bund der Landwirte schon jetzt für die nächste Zolltarifkam. pagne ankündigt: Doppeltarif, Ausfüllung der Lucken in der gegenwärtigen Zollmauer, d. h. vor allem Zoll auf Milch und Rahm, bessererSchutz" für deii Garten­bau, ferner Verstärkung des Seuchenschutzes. Titz Deutsche Tages-Zeitung" ist begierig, ob der Bauern-j bund sich zu diesen Grundsätzen, bekennen wird. Witz sind's nicht mehr. Er wird vielleicht dies und das etwas anders ausdrücken, aber sachlich wird er mit den vom Freiherrn von Wangenheim geführten scharen schon in einen ernsthaften Wettbewerb um die Gunst des agrarischen Publikums treten, dem er deii .^rrtum der protektionistischen Politik nicht klarzumachen wagt.

Auf das bündlerische Programm braucht im emzel- neu nicht cingegangen zu werden. Die Forderungen sind schon oft erhoben worden und bemerkenswert ist mr- daß man sie im gegenwärtigen Moment wieder; aufstellt. Allenthalben erleidet die Rechte Schlage, sw

Fe uillet on.

Neues von Darwin.

Vineii Bestich bei Charles Darwin, bei dem die Gestatt des großen Gelehrten lebendig vor unsere Edert der britische Botschafter in den

V^nicttm'Swaten James Bryce im Dczemberheft Veremigtm Staaten. v y cinem Alterssitz in Down,

von Harpers »^ -i L» n Hügeln inmitten üppiger Vege-

SiofsSSitt? einfmhes Wohnhaus erhob, suchte Bryce nuSKe» Naturwissenschaft kurz vor fernem

Zwde Darww war etwa 6 Fuß hoch, Men aber «einer Tode auf. -tarwrri Korm fernes großen und

frh" 1 ^mÄbten Kovft/war charakteristisch und wirkte noch schon gewolbten KoPs Stirn. Ein langer fchnee-

rmpomerender durch die s eyr yoy g Ausseh en. Die

\ m derentwillen ihn dereinst Kapitän «nporgefüWte Nase, entscheidenden Reise des

Fitzgerald vernähe Nicht zu oer en \> arfdiett

sprach beschäftigte sich Machst mit der großen Ausdchmmg der Atalaria in den tropischen Landern und Darwm sag e daß sich der einen unnennbaren Dienst um dre Menschheit erwerben könnte, der ein Jmpfmittel fieber entdeckte. Dann erzählte er mrt freudigem Swl^; von eirrem Betuch, dem ihm Gladstone vor wemgen Tagen ge­

macht batte Sie waren sich niemals vorher auf ihrem «ebenswca begegnet: Darwin hatte in Cambridge studier! und Gladstone in Oxford; ihre Interessen lagen weit aus­einander, Gladstone hatte wohl der Naturwissenschaft noch wcnia-r Aufmerksamkeit geschenkt als Darwin der Politik.

Und ^doch hatten sie sich beide so gut verstanden. Mit rührender Bescheidenheit erzählte Darwin:Er war so

vollkommen natürlich und einfach, gerade so wie irgend ein beliebter Besucher; er schien sich deßen gar nicht bewußt, das: er ein aroßer Mann war, und plauderte mit u.ns, wie wenn er ein ganz gewöhnlicher Mensch wäre wie wir." Dasselbe konnten die Besucher von Darwin sagen; er war von einer demütigen Schllchtheit und lehnte all sein eigen Verdienst ab; nur die Fähigkeit sprach er sich zu,Dinge zu bemerken die anderen leicht entgehen, und sie sorgfältig zu beobachten"Mein Erfolg als Gelehrter", sagte er,ist hauptsächlich begründet in meiner Liebe zur Wissenschast. mewer Großen Geduld im langen Nachdenken Uber einen G aenstaud n dem Fleiß, Tatsachen zu beobachten und zu sammeln Es ist wirklich wunderbar, daß ich mrt so mäßigen wie ich sie besitze in so ausgedehntem Mayc ^Anschauung de? Gelehrten in wichtigen Punkten beom- flukt baben sollte Dieses völlige Vergessen feiner Große, dÄes aüstge und herzliche Sichgcben als Mensch unter wwrft-n v-stimmte Darwins ganzes Auftreten und beseelte Ä mit einer inneren Wärme. Nach 25 Mlnuten angeregten Planderns kam einer seiner Sohne En-«, r. iüürte ihn zu einem Sopha, damit er sich aus- Mbe Sprechen ermüdete ihn und er war sparsam mit semm noch vorhandenen Kräften, um sie möglichst ganz jelmn wissenschaftlichen Studien zu widmen. Jede Stunde wa-- eingetellt/ und der Arbeit mußte stets längere Erholung -rftafj* aing er allein spazieren in fernem lange, westen Mantel in d«m Pflanzungen, die das Haus umgaben. Ruhe"^und Zerstreuung nach dem wissenschaftlichen Denk« fand er in eifrigem Zuhören, wenn ihm Romane vorgelesen wurd n. Das machte ihm viel Vergnügen, aber dre Ge­schichte mußte glücklich enden. Ein tragischer Ausgang ver- ursachte ihm ein direktes Schmerzgefühl. V, ft-.

Aus Kunst und Leben.

DerKönig der Reklame" über die erfolgreichste Geschästspropaganda.

Wie uns aus New York geschrieben wird, Hai William Beecham, einer der größten Meister der Reklame, der neben Charles Parson als König der Reklame genannt wird und uor nicht langer Zeit gestorben ist, ein Buch hinterlasten, m dem er sich über die ersolgreichste Geschästspropaganda aus­spricht:Im Konkurrenzkämpfe der Industrie, in deo

Schlacht der Waren dreht es sich darum, das h o chst e M a ß der Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit auf M und seine Ware zu lenken. Die Art, wie die Aufmerksa-Mit: regt wird, ist aber durchaus nicht gleichgültig Den größt«, «SU >»«» »am m-n a ££

SÄ,f. £2 SSf ÄS

warm aber nur seine Lehrlingsjahre, die er auf dem Gebiet des Reklamewesens durchgemacht habe, ehe er es zum Meisirr in diesem Fache gebracht habe. Als Beecham lerne lescbäftlichr Tätigkeit begann, war er als er,ter auf den EiN- räll gekommen, auf den Straßen Zettel verteilen zu lassen, in denen sein Geschäft empfohlen wurde. Dieses Mittel hatte wie er erzählt, gewiß manchen Erfolg, zumal es den Reiz der Neuheit hatte. Aber es war nicht würdig und ernst aermg Das sah er sehr bald ein. Er ließ späterhin Luft­ballons austteigcn, in denen der Name feiner Ware ver­zeichnet war er ließ elegant gekleidete Leute auf den Straßen cpafteren gehen, die seine Reklame auf dem Rücken und auf d-r Bnlst trugen, andere hatten Papieranzüge an, die auch das Lob seiner Waren verkündeten, er stellte Neger und Elephanten in den Dienst fernes Geschäftes, ohne ,edoch einen wirklich dauerhaften Erfolg damit zu erzielen Den ersten großen dauerhaften Erfolg, der auch durchaus d^r Würde eines großen Geschäftes entsprach, hatte er bei den

- A'.ttmldigen seiner Waren in den Zeitungen. Die