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Nr. 581.

Wiesbaden. Donnerstag, 2. Dezember LAOS.

67. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Der ptoüsnms M Me GetreMMe.

Von Geh. Hofrai Professor Di\ Lujo Brentano.

Es gibt eine große Anzahl Männer, welche sich von allen liberalen Fraktionen fernhalten, Ter Grund ijt nicht politische Interesselosigkeit, sondern weil sie der Meinung sind, daß die Fraktionen um erhoffter kleiner Gewinne willen oft gerade das preisgeben, worin ent­scheidende Prinzipien des Liberalismus zu erblicken sind. Tie Opportunisten, welche jene abseits Stehen­den als Doktrinäre verachten, haben es dabei in Deutschland regelmäßig erlebt, daß sie den Erfolg, um dessentwillen sie die Prinzipien Preisgaben, nicht ein­mal erreicht haben. Den Beleg gibt der Kulturkampf. Aus Haß gegen die Katholiken hat man ihnen das, was sie im Namen der Freiheit zu fordern berechtigt waren, versagt: aber statt den Sieg über die Katholiken zu er­langen, hat ihre Verfolgung nur zu ihrer Stärkung und zur' Schwächung der Liberalen, weil sie ihr eigenes Prinzip verleugnet hatten, geführt.

Mit Schrecken sieht man heute abermals ähnliche verfehlte opportunistische Regungen unter den Liberalen da und dort auftauchen. In einer Anzahl von liberalen BläUern wird gepredigt, man solle doch mit den G c - treidezöllen Frieden schließen, und die, Welche an der Gegnerschaft festbalten, werden als Leute ver­höhnt, die sich durch die Erfahrung nicht wollten be­lehren lassen, welche erwiesen habe, daß Deutschland seinen ganzen Getreidebedarf auf d e u t - schein Boden zu erzielen imstande sei. Man überlegt wohl nicht, was man damit sagt. Nach den. im 11. Jahr, aana der Piertelsahrshefte zur Statistik des Deutschen Reichs veröffentlichten Statistik betrug die landwirt­schaftlich benutzte Fläche des Deutschen Reichs i. I. 187,6 36 723015,4 Hektar, 1883 35 640 419,0 Hektar. 1893 35164 696.8 Hektar, 1900 35 055 397,6 Hektar.

Für spätere Jahre haben wir leider keine vergleich­baren statistischen Angaben. Aber das Angegebene ge­nügt, uni sich ein Urteil zu bilden. Man sieht, die land­wirtschaftlich benutzte Fläche nimmt fortwährend ab. Dabei wächst aber die deutsche Bevölkerung >^ahr für Jahr um weit mehr als 1 Prozent, um fast eine Million Menschen. Die Folge war, daß wahrend von der landwirtschaftlich benutzten Fläche i. I. 1878 auf den Kops der deutschen Bevölkerung noch 83 Ar komen, i I. 1883 auf den Kopf nur mehr 77 Ar kamen, i. I. 1893 nur mehr 69 Ar, i. I. 1900 nur mehr 62 Ar. Jedes Jahr nimmt die landwirtschaftlich benutzte Fläche des deutschen Reichs um 1 Ar pro Kops der Bevölke­rung ab. Diejenigen, die behaupten, daß es nicht schwer sei, den gesamten deutschen Getreidebedarf auf deutschem Boden zu erzeugen, haben den Nachweis zu erbringen, daß dies möglich sei, wenn i. I. 1925 nur mehr 37 Ar und i. I. I960 nur mehr 12 Ar auf den Kopf der Bevölkerung fallen. __

Dabei werden sie sich nicht darauf berufen können, daß nach den zuverlässigsten Berechnungen die Bevölke­rung des heutigen deutschen Reichsgebietes «zwischen 1800 und 1900 nur uni 135 Prozent, die Produktion der Brotfrüchte, Weizen und Roggen, dagegen um 136,74 Prozent gestiegen sei. Dies ist richtig, beweist aber nichts für die Zukunft. Vor hundert Jahren war näm­lich noch ein großer Teil der heute genutzten Ackerfläche landwirtschaftlich u n g e n u tz t. Die Ackerfläche des heutigen deutschen Reichsgebiets ist von 1800 bis 1900 um 43 Prozent, die Anbaufläche der vier Hauptgetreide­arten um 35 Prozent gewachsen. Aber dieses Wachs­tum fällt in die Zeit vor 1878. Auf einen Einwohner kamen an Anbaufläche des Roggens 1878 1,348 Ar, 1883 1,286 Ar, 1893 1,217 Ar, 1900 1,061 Ar, an Anbau- fläche des Weizens 1878 0,412 Ar. 1888 0,426 Ar. 1893 0,418 Ar, 1900 0,364 Ar. Und in der Tat, woher heute weiteren Boden zmn Anbau nehmen? Es ist nur mehr der schlechteste Boden übrig. Nun wäre es bei dem Stand unserer Technik an sich nicht unmöglich, auch auf diesen abnehmenden Bodenflächen und durch Heranziehung auch der unfruchtbarsten Böden dieErträge so zu steigern. Aber das wäre nur möglich unter einem Aufwand von Kosten, bei dem die drei Viertel der deutschen Bevöllerung, welche heute nicht von selbstge­bautem Getreide leben, nicht mehr zu bestehen ver­möchten. Wie sollte!: die von ihnen hergestellten Waren die Konkurrenz auf dem Weltmarkt bestehen, wenn unsere Konkurrenten zu so viel geringeren Arbeits­lasten zu produzieren imstande wären?

Dazu kommt noch ein anderes. Seit Jahren leiden Reich und Einzelstaaten unter chronischer Fmanznot. Eine Finanzreform nach der anderen ist versucht worden und fehlgeschlagen. Das deutsche Reich .wie die meisten Bundesstaaten können heute ohne Schuldenmachen nicht auskommen. Daß dies so nicht weiter gehen kann, wird allgemein anerkannt. Aber auch die Erbanfallsteuer, wenn sie Gesetz geworden wäre, würde dieser Misere nur vorübergehend abgeholfen haben. Angesichts des fortwährend steigenden öffentlichen Bedarfs würde ihr Ertrag nur für eine kurze Dauer von Jahren genügen. Selbst wenn sie noch kommt, in ein paar Jahren werden wir wieder vor der Frage der F i. n a ,r z- r e f o r m stehen. Der Grund ist, daß das deutsche Volk infolge unterer Wirtschaftspolitik so be­lastet ist, daß es nicht möglich ist, bei Fort­bestand dieser Politik den steigenden staats­bedarf durch Steuern zu bestreiten. Der Gruird ist. daß unser bestehendes Zollsystem dem Staats- b if t q e r weit größere Opfer auferlegt als dem öffentlichen Haushalte zugute kommen. Als 0/olae blmkü den Finanzministern nichts übrig, als die Zukunft' zur Deckung der Bedürfnisse der Gegenwart beramurieben. Ein wesentlicher Faktor, der dres be­wirkt "sind die Getreidezölle. Im Jahre 1908 haben die Zölle' auf Roggen, Weizen und Hafer (ich spreche nicht von der Gerste, da die statrstuchen Abgaben nicht die F-eststellunaen ermöglichen, in welchem Verhältnisse die im Inland gebaute und verbrauchte Gerste in Brau­

gerste und Fnttergerste zu scheiden ist) dein Reiche 106 131 459 M. gebracht. Aber der eingeführte Roggen betrug nur 1,9 Prozent des deutschen Roggenverbrauchs. Ter Verbrauch von Brotgetreide hat sich nämlich vom Roggen mehr und mehr dem Weizen zugewandt. Im Durchschnitt der Jahre 189311900 kanien 150,56 Kilo­gramm Roggen und 88,3 Kilogramm Weizen auf den Kopf der deutschen Bevölkerung, im Durchschnitt der Jahre 1901/1807 nur mehr 148,27 Kilogramm Roggen, dagegen 93,6 Kilogramm Weizen, im Jahre 1907108 142,4 Kilogramm Roggen und 90,7 Kilogramm Weizen. 98,1 Prozent des im Fahre 1908 verbrauchten Roggens wurden im Inland erzeugt, gegen nur 60,2 Prozent des verbrauchten Weizens und von den 8 222131 Tonnen Hafer, die verbraucht wurden, wurde gar nichts einge­führt. Nun ist es unbestritten, daß seit A n f h c b u n g des Identitätsnachweises der I n l a n d p r e i-s alle n Getreides um den ganzen B e t r a g des Zolls über dem Weltmarktpreis steht. Rechnen wir, daß ein Fünftel der 62 219 000' Bewohner des deutschen Zollgebiets selb st gebautes Getreide ver­braucht, eine Annahme, die eher zu hoch ist, io mußten die ü brige n 50 675 200 Person e n 934 635 220 M. mehr ausgeben, wovon 828 503 761 M. in die Ta'chen Privater geflossen sind. Das, was die gedachten Zölle im Fahre 1908 dem Reiche eingebracht haben, hat den Steuerzahler allerdings nur mit 2,09 M., dos aber, was er infolge derselben bat mehr zahlen müssen, hat ihn mit 18,46 M. pro Kopf der B e v ö l k e r u n g belastet. Ebenso ist's mit allen übrigen Schutzzöllen. Je höher der Zoll und je geringer dementsprechend die Einfuhr ist, um so größer ist die Belastung des Steuer­zahlers zugunsten Privater. Dem Reiche bringt sie nicht nur bloß Unerhebliches ein. sondern sie schädigt es geradezu, indem sie die Fähigkeit des Steuerzahlers zur' Zahlung anderer Steuern vermindert. Wie leicht wäre unseren Finanzen zu helfen,wenn all das, was der Steuerzahler infolge unserer W i rt s ch a f t s- p o l i t i k an P r i v a t e zahlen muß, in die S t a a t 8- kaffen flösse! Kein Zweifel, daß die steigende Finanznot unseren Regierungen die Kraft geben wird/ den Widerstand der S o n d e r i n t e r e s s e n, welche dies zu vcrhiudern suchen, zu ü b e r w i n d e n, denir ohne dies ständen wir vor. dem Untergange des Reichs.

Und da sollen nun die Liberalen ihren Prinzipien untren werden?! Um da und dort ein Bäuerlein einzufangen, sollten sie die Interessen von v i er Fünftel der deutschen Bevölkerung und die des Reichs und der Bundesstaaten preisgebe n, noch dazu in einem Augenblick, tvo dre ganze Entwick­lung dazu drängt, daß in nicht allzu ferner Zukunft ihre Prinzipien s i e g e n? Mir scheint es unnötig, ein weiteres Wort zu sagen. Aber es begreift sich daß alle diejenigen, welche in dem politischen Einfluß der liberalen Partei nicht den Einfluß des Herrn Schulze oder Müller an Stelle desjenigen des Herrn von Daxowitz, sondern die Herrschaft liberaler Prin­zipien sehen, von Fraktionen sich fernhalten, welche nicht jede Regung, mit den Getreidezöllen sich zu ver­söhnen, sofort im Keime ersticken.

FruiUeton.

immrlsrrlcheimmgrn in, Byemt-r 1989.

Mii unabänderlicher Strenge und Regelmäßigkeit Jg bte urScure Erdkugel ihre Bahn um den Riesen- '1'/L seif Fahrmillionen für den tur^

Sf ÄÄ ®Äeit - haben sich die in no-ch ugen Deiche. .»andenen und durch die Wirkungen

^NachbaKörper "ausgeglichenen Bewegungen erhalten und w M weitere Jahrmillionen erhalten. Ja die -rden sich noch we tere^>ia^ra^en Perioden, wie die .gelmaßrgkett de * ^laufe!?, selbst der Schwan-

r Prozess,onund> d e W»J a j n ; \ ft ' fa groß, daß

itgcn der ^entr z vergehen, ehe eine nennenswerte tlltarden ^eintritt. Mit absoluter ngkijtallung der - , deshalb auf den Gang der

VKX&JS*'m Stunden und Minuten

Iw.« rn

"^e?abe3als^ehen"wir^vor einem solchen ehernen -cndeMtnktz^an dem der Slundenfchlag der Jahreszeit er° ?d^ Winter beginnt. Wohl haben Kälte und Frost - diesem Jahre schon vorzeitig ihren Einzug der uns «halten, der offizielle Wintersanfang fällt i-doch erst aus -U 22. Dezember, an dem die Sonne^aus dem Kalender ichen desSchützen" in das desStembocks Übertritt hr wahrer Stand ist im westlichen Teile des «Schutzen"), sts dahin nimmt die südliche Abweichung der Sonne och zu, nämlich von 21 0 45' 16."5 am 1. bis auf 23 0

27 7."6 am 22., und erst dann beginnt sie wieder abzu­nehmen bis auf 22° 58 46."4^ am 31. Dezember. Der 22. Dezember, an dem also die sonne scheinbar zum Still­stände kommt, heißt deshalb das W i nt e rs ol st i ti um, oder in bema auf das Umwenden der Sonne, das diesmal gerade"mittags 12 Uhr stattfindet, die Wintersonnen­wende: er ist zugleich der kürzeste Tag für die Nordhalbkugel. Bald darauf befinden wir uns auch der Sonne am nächsten, denn am 1. Januar 1910 durchschreitet die Erd» ihr Perihel- Die Mittagshöhe der Sonne beträgt für das'mittlere Deutschland 15% Grad am 1., 1414 Grad am'*> und 14 1 /« Grad am 31. Dezember; die Tages- d a u er nimmt bis zum kürzesten Tage in Norddeutschland von s arst DZ, in Mitteldeutschland von 6 auf 724 und Süddeutschland, der Schweiz und Österreich von 8% auf 8 i/. Stunden ab verlängert sich aber bis zum Monats,chluß im Norden um'ä im Süden um 4 Minuten.

Der M ond wechselt ferne Phasen im Dezember folgen dermaßen-Letztes Viertel am 4. um 5 Uhr 12 Min. nachm- Neumond'am 12 um 8 Uhr 59 Min. nachm., Erstes Vrerle. am 20. um 3 Uhr 18 Min. vorm und Vollmond am 26. «m 10 Ubr 30 Min nachm.; er befindet sich am 7. um 11 Uhr vorm, in Erdberne bei einem Abstand von 63.52 Erdhalb Messern und am 23. um 1« Ugr vorm, rn Erdnahe ber einem Abstand von 57.59 Erdhalbmestern a 6378 Kilometer. Von den sich im Dezember ereignenden fünf S t e r n b e d c ck u g e n durch den Mond find dre beiden nachstehenden leicht zu beobachten: für Berlin trrtt am 27. der Fixstern 3.1. Große Epsvlon derZwillinge" um 6 Uhr 12.7 Min. vorm, mn und »m 7 Uhr 5.9 Min. vorm, aus, am 28. tritt der Fix­stern 3.4. Größe Kappa derZwillinge" um 6 Uhr 5-7 Mrn. vorm, ein und um 7 Uhr 1.7 Min- vorm. aus.

Recht günstig gestaltet sich im Dezember die Planetcn- beobachtü-ng, denn von den sieben großen Körpern sind fünf in günstiger Stellung nachts über dem Horizont. Merkur,

der am 3. Dezember um 7 Uhr vorm, in obere Somrenkon- junktion gelangt, bleibt unsichtbar. Seine Konjunktion mit Uranus, die am 28. Dezember um 9 Uhr vorm, eintritt, kann wegen der scheinbaren Sonnennähe beider Planeten eben/ falls nicht beobachtet werden. Venus, imSteinbock",, ist Abendstcrn und bleibt zuerst bis 7 Uhr, zuletzt bis 8 Uhv im Südwesten sichtbar, wo sie als hellstes Gestirn des gar», zen Himmels strahlt. Am 2. Dezember um 6 Uhr nachm, erreicht Venus, die sich der Erde nähert, ihre größte östliche Ausweichung von der Sonne mit 47° 18. Am 16. Dcwmvev NM 4 Uhr nachm, nähert sich der sichelförmige Mond dem, Planeten südlich bis auf 2° 48. Mars, noch immer cm sehr heller rötlicher Stern, weilt in denFachen, geht an­fänglich bald nach 2, am Schluß schon vor 2 Uhr nachts im Westen unter; er kulminiert Mitte Dezember gegen 7 Uhr abends Seine Entfernung von der Erde nimmt weiter zu, nämlich von 109.12 Millionen Kilometer am 1. auf 147.99 Millionen Kilometer am 31 Dezember; dadurch erfährt dev scheinbare Durchmesser seiner Scheibe, der be> der BCpi- ru­ber Opposition 24."0 betrug, eine Abnahme von 12."8 auf 9."4. In per Nacht vom 29. zum 21. Dezember hat der im; Ersten Viertel stehende Mond mit Mars Konjunktion-, er; zieht südlich an dem Planeten vorüber. Jupiter geht! im Sternbild derJungfrau" zuerst gegen 3 Uhr, zuletzt; etwa um 1 Uhr vormtlags im Osten auf. Er nähert sich der Erde, wobei fein scheinbarer Durchmesser von S3."9 auf 36"8 wächst. Saturn, mit Mars zusammen in fcert Fischen", folgt diesem Planeten anfänglich, wird aber ant Monatsende von ihm überholt; er bleibt deshalb zuerst bis; 3 y P ; Ubr, zuletzt nur noch bis iM Uhr über dem Horizonts seine Kulmination erfolgt um Monatsmitte um 7% Uhr abends. Da er in einer sternarmen Gegend nahe östlich (links) vom Mars steht, findet man ihn auf den ersten Blick. Das Ringsyftem des Saturn, der sich jetzt von der Erde ent­fernt, öffnet sich mehr und mehr, und schon ein 21455^©$