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Nr. 559.

Wiesbaden, Mittwoch, 1. Dezember 1909.

57. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt. __

KoMische Übersicht.

Zur Reichstags-Gröifnnng

schreibt der bekannte linksliberale Parlamentarier Karl Schräder in derLiberalen Korrespondenz": Tie Reichsboten sind nun wieder herbeigeeilt, begierig, ihre nützliche Tätigkeit für Deutschlands Wohl aufs neue zu beginnen. Welcher Art diese fein wird, können sie sich vielleicht Lenken, ein bestimmtes Programm werden wohl die meisten nicht mitgebracht haben. Sie wissen von den Aufgaben dieses Reichstages nichts, als daß er Reste der vorigen Session aufarbeiten und den Etat beschließen soll. Bon manchen Seiten wird ihnen gut zugeredet, diese Arbeit hübsch sachgemäß und recht­zeitig zu erledigen und sich sonst um nichts zu beküm­mern. Das Vergangene sollen sie vergangen sein lassen und nur an die Gegen wart denken. Auch nicht zu neugierig auf die Zukunft sein! Die Beratung des Preußischen Wahlrechtes wird seinerzeit gewiß rm Landtage stattsinden, der König hat es zuge­jagt, aber die Vorbereitungen müssen dochgründlich" gemacht und nicht durch vorzeitige Erörterungen gestört werden. Dann kann ein tüchtiges Stück Arbeit geleistet und der durch die Finanzreform bedauerlicherweise ge­störte innere Friede wiederhergestellt werden. Tie Folgen der Steuererhöhung sind sa auchgar nicht so schlimm", wie man geglaubt hat! Der deutsche Gewerbe­treibende wird gewiß mit seinem gewöhnlichen Fleiß alle Schwierigkeiten, die ihm die neuen Steuern be­reiten, überwinden, der Steuerzahler wird die höheren Steuern mit Freuden zahlen, und wenn es ihm schwer werden sollte, sich damit trösten, daß er als guter Bürger sich freuen müsse, dem Vaterlande damit einen Dienst zu leisten.

Nur Ruhe, Geduld und Vertrauen! Nachdem durch die Finanzreform das Reich aus seiner Not befreit ist, wer­den wir wieder herrlichen Zeiten entgegengeführt werden!

So ungefähr klingt es aus manchen Organen her­aus, der neue Reichskanzler redet vielleicht auch in diesem Sinne. Aber schwerlich wird es so friedlich hergehen. So schnell wird nicht vergessen, was sich in der ersten Hälfte dieses Jahres ereignet hat, und rund 500 Millionen Mehrsteuer sür das Reich und die Neubelastungen, die die einzelnen Staaten hin­zufügen, werden Mißvergnügen genug erregen! Die letzten Wahlen zum Reichstag, zu Landtagen und Kom­munen lassen es deutlich ersehen. Und Vertrauen aus die Volkesfreundlichkeit des schwarz-blauen Blocks und auf eine fortschrittliche Politik des Reichskanzlers wird niemand haben.

Oder wird der neue Block sich zurückziehen, wird er

vielleicht einen versöhnlichen Charakter durch Hinzuziehung der Nationalliberalen an­nehmen, wenn diese mittun wollen? Tie Wahl des Reichstagspr äsidiums wird es zeigen.

Die Arbeit, die ihm vorliegt, wird der Reichstag ge­wiß tun, aber nicht ohne e r n st e Kritik an den in der vorigen Session geschaffenen Zuständen zu üben; so ganz friedlich wird die Session also wohl nicht ver­laufen. Der Etat wird einer besonders ernsten Kritik zu unterwerfen sein. Zeichen einer wirksamen Sparsamkeit läßt er nicht ersehen. Der neue Schatz­sekretär hat sich gewiß redliche Mühe gegeben, manche Ausgaben zu vermeiden oder hinauszuschieben, aber von großen Einschränkungen für Heer und Flotte ist nicht die Rede, vielmehr sind die -Ausgaben wieder gestiegen, und sie werden weiter steigen. Woher aber die Deckung kommen soll, vermag niemand zu sagen.

Sedel, die gv*u und dev historische Materiolismrrs.

Bebels bekanntes Buch überDie.Frau" ist jetzt, wie schon mitgeteilt, dreißig Jahre nach seiner ersten Ver­öffentlichung, in fünfzigster Auflage, die als Jubiläums- Auflage bezeichnet wird, erschienen. In einem Vor­wort sagt Bebel, daß die Frauenbewegung in den letzten Jahrzehnten ungeahnte Fortschritte ge­macht habe, und schreibt dies halb seinem Buche, halb der ökonomischen Entwickelung im Sinne des histo­rischen Materialismus als ° Verdienst zu. Ob das stimmt? Bebels Buch war anderthalb Jahrzehnte, lang bekannt und verbreitet, ohne daß die sozialdemokrati­sche Arbeiterinnenbewegung vom Fleck kommen wollte. Das Buch hat der Sozialdemokratie gewiß Anhänger unter den Arbeitern geworben, aber wenig unter den Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen. Erst die rasche Zu­nahme der industriellen Frauenarbeit ließ die gewerk­schaftlichen Arbeitcrinnen-Organisationen bezw. die beide Geschlechter umfassenden erstarken. Von dieser gewerkschaftlichen Bewegung profitierte dann auch die Sozialdemokratie als politische Partei. Die positiven Erfolge der Frauenbewegung jedoch (Frauen­studium, Fabrikinspektorate der Frauen, in einigen Ländern die Anfänge des Frauenwahlrechts usw.) sind kaum der wirtschaftlichen Entwickelung zuzuschreiben. Bebel unternimmt zwar den Versuch, es zu beweisen; aber er macht es sich recht bequem, indem er dem histori­schen Materialismus eine so wer t e Auslegung gibt, daß er sagt:Wenn ein Munster fünf Töchter zu ver­sorgen hat, begreift er schon dw Notwendigkeit von Frauenberufen." Solche, Emzetsalle hat es immer ge­geben, und wenn aus. ihnen mrt Notwendigkeit die Schaffung von Frauenberufen ontsprünge, so hätte sie schon viel früher erfolgen müssen. In unseren Tagen wuchs die industrielle Verwendung der Frau wegen ihrer großen B r l I r g t e r t, und zugleich damit der Drang von Frauen, dre zu Hause ihre Arbeitskraft nicht voll verwerten konnten, nach Berufen außer-

FmrilleLon.

Pater Abraham a Kanta Clara.

(Zum 200. Todestage. 1. Dezember 1909.)

Wenn im bunten Szcnentanze vonWallensteins Lager" des Kapuziners eifervoll lustige Stimme plötzlich Halt ge­bietet mrd vor dem derben Kriegsvolk zu humorvoll bur­lesker Strafpredigt anhebt, dann wird in Schillers poetischer Spiegelung eine historische Gestalt wieder lebendig, der be­rühmtste Prediger jener wilden Zeiten des 17., Jahr­hunderts ein Streiter für Gottes -dort, der zugleich ein großer Humorist und Erzähler war: Abraham a Santa Clara. Als Schiller an der Ausgestaltung des Wallenstem- Vorspiels arbeitete, schickte^ ihm Goethe,um rhu zu der Kapuzinerpredigt zu begeistern, Abrahams Werk »Reim dich oder ich ließ dich" als einenreichen Schatz, der die höchste Stimmung mit sich führt". Und dre ErwarürM, die man auf denwürdigen Abraham' sihte, wurde nicht ge­täuscht;denn dieser Pater", antwortet Schiller,rst em prächtiges Original, vor dem man Respekt öckommen. muß, und es ist eine interessante und keineswegs leichte Aufgaoe, es ihm in der Tollheit und in der Geschmeidigkeit nach oder gar zuvorzutun." Das menschliche Interesse, das diese da­mals verschollene Erscheinung eines unaufgmarten Zeit­alters bei unseren Klassikern gefunden, steigerte sich be: dem geist- und formverwändten Jean Paul zur Verehrung: Eine Blume werde hier auf das Grab des guten Abraham a Santa Clara gelegt, welches gewiß einen Lorbeerbaum trüge, wäre es in England gemacht worden und seine Wiege vorher; seinem Witz für Gestalten und Wörter schadete nichts als das Jahrhundert und ein dreifacher Ort, Deutschland, Wien und die Kanzel." Seitdem ist dann dem witzreichen, tüchtigen Barfüßermönch, dessen Werke einen unerschöpflichen HcsQü von lnstiaeu und nachdenksamen Geschichten, guten

Beobachtungen und weisen Sprüchen darbieten, eine früh liche Urständ zuteil geworden.. Die Wissenschaft, vor allem Wilhelm Scherer, nahm sich ferner an, nachdem schon vorher Eichendorff und Wolfgang Menzel ans den wortgewaltiger

dichterisch schwungvollenSattriker hiirgewiesen hatten; billige

Neudrucke erschienen; eine zeitgemäße Auslese gab 1904 Hans Strigl heraus.

Im katholischen Volk aber war der Pater Abraham nie vergessen worden sondern seine im volkstümlichen Gewände schlicht und klar dahinschreitende, echt christliche Lebensweis heit hatte in mannrgsachen Bearbeitungen und Um formungen mit ihrensinnreichen Gedanken und scherzhaften Einfällen" stets aufmerksame Leser und Hörer gefunden. Immer hat ja der Gottesmann den schnellsten Weg zu Herzen und Hirnen gefunden, derdem gemeinen Mann aufs Maul sah", und das hat der Pater im reichsten Maße getan. Um Eindruck zu machen, um die verstockten Gemüter aufzuwühlen und zu erschüttern, um die Geistesträgen und Geistesarmen zu fesseln, bediente, er sich jener dichterischen Mittel, die er so virtuos handhabte, jener groben und- spaß­haften Redewendungen,, diedurch ihr Gelächter die wahre Herzerschütterung herbeiführen sollten". So wird er zum genialen Repräftntanten jener Klasse von Wanderpriestern und Bußpredig crn, die schon im Mittelalter durch Beispiele aus dem alltäglichen Leben der Anschauung ihrer Gemeinde nachgeholfen hatteii. Wan denke etwa an den hl. Bernardino von Siena, der als einer der ersten in Italien stark rea­listische Bilder des Lebens malte, an unseren Geiler von Kaisersberg, der das Blaue vom Himmel auf die sündige Menschheit herunterwctterte. Auch heilte noch lcben solche knorrige wetterfeste Priester; so könnte man manchmal glau­ben, daß in Hansjakobs Schriften der Geist Abrahams wie­der lebendig geworden sei. Er aber war wohl die klassische Ersetz -innng unter diesen streitbaren, redcmächtrgen Dienern am Worte Gottes, denen der Herr nicht im Säuseln des Windes, sondern im Branden des Sturmes daherfährt. Man bat kür manche Roheiten, manch schwülstige Wunder­

halb des Hauses, wobei dann Umfang und Grenzen dieser Frauenberufe erst durch Versuche zu ermitteln waren. Der außerhäusliche Beruf der Frau wurde aus einer Einzel- oder Ausnahmeerscheinung zu einer gesellschaftlichen, typischen. Das ist wohl auch im Sinne des historischen Materialismus ge­sprochen. Aber gegen dessen Übertreibungen muß denn doch gesagt werden, daß es überwiegend ideale Beweggründe, Gesichtspunkte der Logik und der Gerechtigkeit waren, die den Frauenforderun­gen so schnell Erfolge brachten. Tie Häusliche Ge­bundenheit der Frau hatte irrige Ansichten über die Befähigung der Frau erzeugt; aus dem Mangel sicht­barer Leistungen hatte man aus geistiges Unvermögen geschlossen, während er lediglich auf dem Fehlen der Gelegenheit zu Ausbildung und Betätigung be­ruhte. Als die Gebundenheit anfhörte, trat der Irr­tum alsbald zutage und wurde nicht länger verteidigt. Ausgenommen allerdings von Interessenten, männ­lichen Konkurrenten, deren Stellungnahme gegenüber der Frauenfrage dem geschichtlichen Mate­rialismus in gewisser Weise Recht gibt. Übrigens hat Bebel mit seinem Buche G e.s ch ä f t e gemacht und dankt ibm einen großen Teil seines Wohlstandes. Er bezieht für jedes verkaufte Exemplar fünfzig Pfennig.

Der- Mahrheitssinrr der- ..Kvemxeitmrg".

DieKreuzzeitung" gibt in einer Wahlbetrachtung denZug nach links" zu und definiert ihn, dreist und wenig wahrheitssürchtig, als denZug vom Liberales-: mus zur Sozialdemokratie". Das konservative Blatt beruft sich dafür aus Landsberg-Soldin und Halle. Aus Landsberg-Soldin, wo lediglich der National- liberalen Erbarmung den Konservativen noch einmal den Sieg verschafft und so verhindert hat, daß ein Sozialdemokrat einen fast rein . I ä n d liche n Wahlkreis eroberte! In Halle ' haben allerdings die rechtsstehenden Parteien den Kandidaten der freisinni­gen Volkspartei unterstützt, aber kein Ürteils- fähiger bezweifelt, daß auch hier über die Rer ch s-' f i n a n z r e f o r m zu Gericht gesessen tvurde, und daß dabei der schärfste Gegner dieserReform" am besten abgeschnitten hat. Ter Freisinn leidet für die Konser­vativen. In Landsberg-Soldin ist mit Rücksicht auf. die mehr rechtsstehenden Wähler ans die ursprünglich in Aussicht genommene Kandidatur Dir. Schückings verzichtet worden, während man jetzt sagen darf, daß diese Kandidatur den Liberalismus zum Siege ge­führt haben^würde. Der Dank der Konservativen ist Hohn und Spott, gegründet auf unwahre Darstellung.

Kirsterrklatsch.

In derTeutsch-ostafrikanischen Zeitung" wird er­zählt, daß die fruchtbare Grenzlandschaft Mpororo im Norden von Ruanda von der deutschen Regierung in Berlin an England abgetreten worden sei. Das Blatt knüpft an diese Meldung heftige Vorwürfe an die Adresse des K o l o n i a l a m t e s, das angeblich

ichkeit in seinem Werk die Zeit verantwortlich gemacht, liefe maßlose übertriebene, in Gegensätzen schwelgende stultur des Barocks, die in Wien eine besondere, sinnlich freie und heiter tolle Ausprägung fand. Aber wie er von seiner Epoche so manche Fehler und Flecken seines Stils erhielt, so verdankt er ihr auch seine Größe, seine Geschlossen­heit, die wuchtige wilde Kraft seiner Persönlichkeit, die noch heute anziehend unter dem Wust seines Schnörkelwesens hervorleuchtet. Eine starke religiöse Erregung hatte die Gegenreformation in den Seelen erweckt, eine pathetisch packende, im Innersten aufwühlende Beredsamkeit durch die Jesuiten geschaffen. Zugleich schärfte die Kunst des Barocks den Sinn für die Wirklichkeit, begünstigte eine Vorliebe für burleske und satirische Komik, die im 17. Jahrhundert besonders gepflegt wurde. All diese Strömungen fanden ihren Ausdruck in dem gefeierten Hofprediger Kaiser Leo­polds, der die Gunst seines Herrn genoß und von den hohen Adligen ausgesucht wurde, zu dessen Gottesdiensten sich arm und reich, jung und ali in hellen Haufen drängten. Er war das rechte Kind seiner Zeit und zugleich ein echter Sohn des Volkes. In seineni urwüchsig gesunden Charafler spiegelte sich eine imposante, vielfach entartete und überreife Kultur und schuf so einen ganz eigenartigen Mensch-» ei»«* ganz originellen Schriftsteller. ' ra4t

.So'fytt eines mit Kindern reich gesegneten, aber

lEst ärmlichen Dorfwrrts wurde Hans Ulrich Mcgerlin - dies rst fern bürgerlicher Name - am 2. Juli 1644 zu Krecn- heinstetten in Schwaben geboren. Der kleine Uli, der mit dm Schweinen aufwuchs und von diesem frühesten Umgang auch als großer berühmter Abraham im Verkehr mit Kaiser und Fürsten noch etwas Bärbeißig-Ungeschlachtetes bei­behielt, soll schon als Schulbub seinen Kameraden vom Zaun herab den Katechismus vorgesagt und ausgelqgt haben. So krümmte sich früh in ihm, was ein starker yrdc»t-> licher Haken werden wollte. 1656 kommt er aus feinem stillen Schwabenwinkel nach Ingolstadt aufs .Jefutten-- ghmnasium und lernt hier neben Theologie und Philosophie