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Verlag Aanggaff« 25/27.

„Tagblatt-HauS".

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„Tagdlatt-Haus" Nr. 665O-S3. Fon 8 Uhr morgens Bis 8 Uhr abends. Sonntags von 9—1t Uhr vormittags.

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Ns. 545.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Iüv öerr Monat Dezembsv

auf da»

„Wiesbadener Tagdlatl"

zu ebentiirren, findet sich Gelegenheit

im Verlag „Tagbiilttharrs" kansgafle 87, irr den DrvergsteUe» der Stadst irr den AnsgadestrUen der Stadt und Uachvarertr. und der sämtlichen d-mtschrn Keichsp-Kanstalten.

Der Etül»

Mit der gewohnten Promptheit, sogar noch etwas früher- als sonst, hat die Reichsregierung mit der Ver­öffentlichung von A u s zsi gen aus dem Etat be­gonnen, wodurch dessen Beratung im Parlament wirk­sam vorbereitet wird, denn nicht jedermanns Sache ist es, sich durch die dicken Foliobänöe des Reichshaushalts­etats hindurchzuwindcn, und viele, selbst kein geringer Teil derAügeordneten. verstehen es nicht einmal, woraus man ihnen bei der Kompliziertheit des Entwurfes kaum einen Vorwurf machen kann. Was den diesmaligen Etat anlangt, so merkt inan ihm an den verschiedensten Stellen sehr deutlich an, daß auf die Ausgaben die Ebbe im Reichssäckel nicht ohne Einfluß gewesen ist und daß man nun endlich etwas sparsamer zu wirt­schaften beginnen will. Immerhin beziffern sich die ordentlichen Ausgaben auf 2311,7 Millionen Mark, was ein Plus von 75,5 Millionen bedeutet, andererseits aber kündigt die ganz enorme Minderausga b e bei den einmaligen Ausgaben in Höhe von nicht weniger als 68,6 Millionen Mark an, daß man an allen Ecken Und Enden sparen will. Bei der Postverwaltung bei­spielsweise beträgt diese Mlnderausgabe 35 Millionen Mark und bei der Armee, wo man doch wahrlich sonst nicht knauserte, sind bei den einmaligen Ausgaben sage und schreibe 42 Millionen Mark weniger eingestellt wor­den. Bei der Marine allerdings ist diese Sparsamkeit noch in Seiner Weise zu merken, es werden dort noch 13,7 Millionen einmalige Ausgaben mehr gefordert, was natürlich im Zusammenhang mit dem noch in Gel­tung befindlichen Flottengesetz steht. . Auf diesem Gebiete dürfte man voraussichtlich auch späterhin keine ollzugroßen Einschränkungen vornehmen mit Rücksicht auf die englischen Flottenrüstungen. Beispielsweise wird durch den kommenden Etat das Militärper- s o n a l der Flotte von 54 000 auf 57 000 Mann erhöht und im Offizierkorps fällt namentlich die starke Ver­mehrung des Ingenien rkorps ins Auge, welche durch die neuen großen Schiffe und die Torpedoboote bewirkt wird. Unter den cinnialigen Ausgaben der Marine ist von Bedeutung die Förderung für den wei­teren Ausbau von W i I h e l m s h a v e n, das bekannt­lich in den letzten Jahren gleichfalls mit Rücksicht auf England in fortifikatorischer wie marinetechnischer Hin-

Wiesbaden, Dienstag, LJ. NoveMdee LKGS.

sicht durch den Bau von neuen Bassins für die größten Kriegsschiffe der „Nassau"-Klasse, den deutschen Dread­noughts, beträchtlich verstärkt wird..

Sehr bedeutend machen sich, wie bereits erwähnt, 'dagegen die Einschränkungen bei der Post- und Tele- graphenverwaltung bemerkbar. Bei den dauernden Ausgaben ist nur ein Plus von 1,6 Millionen Mark ein­gesetzt, wovon ein Teil auf die Erhöhung der Be am­tenge Halter fällt, so daß ersichtlich ist, daß allzu­viel neue Beamtenstellen, im Gegensatz zu früheren Jahren, kaum geschaffen werden. dürften. Ungemein- hoch ist, wie oben erwähnt, die Einschränkung der ein­maligen Ausgaben, die mit einem Minderbetrag von 35 Millionen angefetzt sind, und aus den Erläuterungen geht hervor, daß man namentlich hinsichtlich der Er­richtung neuer Postgebäude, ein Gebiet, auf dem man früher ziemlich freigebig umging, sehr große Be­schränkungen auferlegt hat. Immerhin hofft man, aus der Reichspostverwaltung für das Reich noch einen Mehrertrag von 53 Millionen herausschlagen zu können. Auch der Erat des Reichsamts des I n n e r n zeigt deutlich, wie man sich an Sparsamkeit gewöhnen will. Die Mehrforderungen beziffern sich auf 3,2 Millionen Mark, und es handelt sich dabei durchgehends um Aus­gaben, die im allgemeinen Interesse sind und darum ge­billigt werden müssen. Im außerordentlichen Etat werden 25 Millionen Mark mit einem Plus von 9 Millionen gegen das Vorjahr gefordert, allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, daß dabei 2 Millionen auf die Förderung von Kleinwohnungen und 21 Millionen für die Erweiterung des Kais er - Wilhelm-Kanals angefordert werden. Denn Auswärtigen Amt, wo matt gleichfalls an den verschie­densten Punkten sparen will, wie beispielsweise bei Reisekosten und Tagegeldern usw., fällt die beabsichtigte V e r st ä r k n n g des G e h e i m f o n d s um 300 000 Mark ins Auge, die Wohl Anlaß zu einigen Ausein­andersetzungen im Reichstag geben dürfte, wo man von derartigen Fonds ans erklärlichen Gründen kein großer Freund ist! würde man sie vielleicht dazu ver­wenden, bei unseren Botschaften im Auslande Persön­lichkeiten anznstellen, die mit der Pres s e des betreffen­den Landes intime Fühlung haben und diese irn deut­schen Interesse zu bearbeiten verstehen, so wäre eine solche Ausgabe allerdings nicht nutzlos, wie das Bei­spiel anderer Länder, speziell Frankreichs, beweist. Alles in allem läßt der Etat deutlich die Spuren des neuen „Herrn" erkennen.

57. Jahrgang.

Politisch- Übersicht.

Dis „«amettlsse WrichgirMgkerr des derrtscherr KKrgertnms"

in öffentlichen Angelegenheiten hat der Präsident des Hansabundes Geh. Justizrat Professor Rießer in der Gründungsversammlung des Zwetgvcrems Stuttgart am 12. November scharf gegeißelt.

Professor Rießer beklagt ev lebyaft, daß sich das Bürgertum allmählich der eigenen Initiative

in seinen eigensten Angelegenheiten völlig e n t w o h n t und sich daran gewöhnt hat, immer zunächst die Initiative der Regierung zu erwarten, statt sich selbst an der Leitung, an der Ordnung, an der Ver­waltung der öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen und seinerseits die Regierung zu gewöhnen, auf. die Ansichten auch des Bürgertums zu hören. Es ist dieses Bürgertum, das in guten Zeiten in satter Gletcg- gültigkeit sich der Gegenwart genügsam freut und nicht bemerkt oder nicht bemerken will, wie allniäh- lich die Geaner, diese Gleichgültigkeit und Sorglosigkeit geschickt ansnutzend, seine Zukunft und die seiner Kruder und Enkel vernichtet; dieses Bürgertum, das in schlech­ten Zeiten in „behaglicher Verzweiflung" am Ofen sitzen bleibt und nicht einmal ein einziges Mal im Jahre an die Wahlurne eilt, wo es sich um seine ernstesten Lebens­interessen handelt, „weil es ja doch nichts nützen kann . Es ist jenes Bürgertum, das, wenn es einmal einen kühnen Schritt nach vorwärts getan hat, sofort wieder Angst vor feinem Mut bekommt und scheu nacq der Negierung blickt, ob sie ihm nicht etwa diesen Mut verdenken und gar mit Ablehnung von wünschenswert erscheinenden Auszeichnungen strafen könnte, irnd das in seineni Manael an Mut. an Selbstvertrauen, an Stolz und Selbsteinschätzung, trotz seiner Rtesenleistun- gen, um die uns das Ausland beneidet, vor I e d e m R e g i e r n n g s a s s e f s o r, vor j e d e m „k o r r e r- t e n" Verwaltungsbeamten v o r B e w u n - d e r u n g z n s a m m e n k n i ck t! Es ist jenes Bürger­tum, aus dem die große Zunft der mir in der Seele verhaßten Pränumerando-Skeptiker besteht, die vor lauter Zweifel und Bedenken niemals zu posi­tiven Leistunaen gelangen, und die da glauben, daß ihre Zweifel, ihre Kritik schon eine positive Leistung dar- stellen, — lvas ein gründlicher Irrtum ist;, jene Skep­tiker, die auch andere nicht zu positiven Leistungen ge­langen lassen, zumal gerade wir Deutsche nach unterer Natur und unserer Anlage, nach unserem innersten Wesen immer und immer wieder vor allem ü der unsere eigenen Bedenken stolpern und überaus geneigt sind, uns möglichst zurückzuhalten von der uns wenig behaglichen und uns bedrückenden Lust deS öffentlichen Lebens, in der man sich allerdings gründlichst verkühlen kann, so daß wir meistens vor­ziehen, andere für uns fechten zu lassen nach dem be­rühmten Worte: Iockele, gang du voran! Es ist jenes Bürgertum, oder lassem -sie mich einmal das Wort ge­brauchen, was wir Akademiker in unserer Jugend als das Schlimmste ansahen, senes Philistertum, aus dein die nicht minder große Zahl der hyperrlugen A b - wartenden erwächst, derer, die immer „abwarten wollen", bis der andere einen Fehler genracht hat, um nachher zu sagen: Was bin ich doch klug gewesen!; aus dem auch der größte Teil der Aktionäre stammt, die meist erst dann in die Generalversammlungen kommen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist; ans denn ferner die nicht minder gefährliche Zahl der Lauen und Gleichgültigen erwachsen ist, die ich als die Drohnen des öffentlichen Lebens charakterisieren möchte, die Dante in der „Göttlichen Komödie" in den Borhof zur Hölle verweist, weil sie in den Himmel sicher-

Femiletmr.

(Nachdruck verboten.)

Berliner $tiinmung$btt6er.

Von Paul LrndenSerg.

Die armen Berliner und Berlinerinnen. — Eine scharfe Kritik. - Wftder 'mal Berlins Bedülkerung -- SWr.sche ,,„h Rerkebrsreaelungen. — Ein Elsfest zur Zen Friedrichs des Grafen. - Im Eisvalast-DerSchneeman.t als Kunstwerk. — Ausstellung deutscher Metallarüertem, — Aus dem Theaterleben.

Den armen Berlinern unb Berlinerinnen lst 'mal tüchtig wieder der Text gelesen worden, nicht bloß Mitte dieser Woche am letzten Bußtage von den Kanzeln hcrab, sondern vor aller Welt, mit Hilfe der Druckerschwärze, die ja so vieles Angenehme, aber auch so vieles Müere bergen kann Das letztere nahm reichlich Karl Scheffler, dein wir nranch' anregende Studie über neuere Malere, uns Baukunst verdanken, in Anspruch bei der Beurteilung Ber­lins und seiner Einwohnerschaft in fernem soeben er­schienenen Buche über die deutsche Reichshauptstadt, rn welchem er Berlins „Großstadtschicksal" zergliedert. Vieles »st da sehr fesselnd, manches sehr richtig, aber auch cm be­trächtlicher Teil durch eine trübe Parteibrille gesehen. Man höre doch endlich auf, Berlin stets als „Parvenustadt zu schildern! Wir kennen ja am besten selbst die erst gar so langsame, dann so erstaunlich sprunghafte und rasche , Ent­wicklung der ehemaligen kurfürstlich - brandenburgischen Hauptstadt zur deutschen Kaiserresidenz. Diese von der ganzen Welt bewunderte Entwicklung mußte selbstverständ­lich scharfe Gegensätze zeitigen und auch Unvollkommenheit- n un Gefolge haben, die aber von Tag zu Tag mehr ausge--

merzt werden. Daß die Bevölkerung kein einheitliches Bild gewährt, etwa wie jene Londons und Paris', und durchsetzt ist von verschiedenartigsten Elementen, die durch das Binde­glied des medem „Berlinischen zusammengehalten werden, ist nicht die Schuld der Stadt, sondern erklärt sich aus der buntfarbigen deutschen Landkarte. Jenes „Berlinische" mm, das die Fremden oft genug unsympathisch berühren mag, das doch aber in seiner Eigenart auch viel Bedeuten­des imd Merkwürdiges enthack, zum Ausgangspunkt scharfer kritischer Betrachtungen zu nehmen, wie es Scheffler tut, wobei er Wesen und Charakter der Berliner und Berlinerinnen mit herbem Spott übergießt, dünkt uns un­gerecht, namentlich von kenntnisreicher deutscher Seite.

Nun der Berliner Bär hat ein dickes Fell, viel ätzende und vergiftete Pfeile sind von demselben schon abgcprallt, ein kurzes erstauntes oder ärgerliches Brummen, und der brave Petz arbeitet rüstig weiter, denn fleißig ist er ohn' Rast und Ruh. Neue, unsere Stadt eng berührende Auf­gaben harren ihrer Verwirklichung, i|i doch in der kürzlieyen Maqistratssitzung die Durchführung umfangreicher Ände­rungen des öffentlichen Verkehrs beschlossen worden, und - lange- "". ' r * -

zwar die Schaffung

T u n n e l a tr l a g e n,

um, wie es längst und stets dringlicher gefordert, den unhalt­baren Zuständen am Potsdamer Platz und Brandenburger Tor wie am Spittelmartt ein Ende zu bereiten. Hand tu Hand hiermit geht der Durchbruch einzelner Straßenzuge, um den gewaltigen Verkehr von Westen nach Osten tn andere Bahnen zu lenken, und auch die schon früher erwähnte Ausführung neuer Untergrundbahnlinien wird zur Be­seitigung der arg empfundenen Mißstände beitragen.

Wie die Stadt selbst gar nicht Lust und Zeit hat, sich nur allerhand hämische Angriffe zu kümmern, so auch die Einwohnerschaft, voran der weibliche Teil derselben, von dem der bewußte mißvergnügte Kritiker behauptet, daß der

Berlinerin die natürliche Grazie fehle. Na, das d-efer Tage zu wohltätigen Zwecken im E i s p a l a st stattgcfrmdene Eisfest zur Zeit Friedrichs des Großen hatte ihn eitles Besseren belehrt, denn eine Fülle schöner weib­licher Erscheinungen war da vereint, und über di- Amnur und Grazie der den besten Kreisen angehörenden Lauferm- nen herrschte nur eine Stimme der ruckhaltslosefleii- Er­kennung. In wechselnder Mannigfaltigkeit bot H « Reihe prächtiger und malerischer Szenen axtSba f auf der blinkenden Eisfläche dar, bte den reizen­

der Damm in den koketten Kostümen der Watt>ausch<,n l*L£n und vornehmer Kavaliere in goldbetreßte Samt- und Seid.mröckm, den Dreispitz auf d/m gepuderten Haar unb den zierlichen Degen an der Seite, bndete. Auch an schnauzbärtigen Grenadieren in Friedericmmscher Tracht, an lnktiaen Marketenderinnen nd keckett Zigeunerinnen fehlte es ebenso wenig wie an schlanken, verwegenen österreichischen Husaren in altertümlicher Uniform, die zum Besuch ihrer preußischen Kameraden erschienen und mit ihnen wie deren ausgelassenen Begleiterinnen ein frohes Verbrüderungssest feierten. Alles natürlich auf Schlittschuhen, auch die militä­rischen Übungen, eingeschlossen Paradentarsch, die Aufstellung des Lagers, du wilder Czardas und sonstige gemeinsame Tänze. Immer wieder nur konnte man staunen ob der Kunstfertigkeit, Sicherheit, Ausdauer der Läufer und Läufe­rinnen, die seitens der sämtliche Plätze dichtgedrängt füllen­den eleganten Zuschaucrscharcn stürmischen Beifall fanden. Derartiges in einer solchen Vollendung zu bieten, ist eben nur möglich, seitdem sich die Freunde des Eislaufs diesem widmen können, ohne darin behindert zu fein durch Jahres­zeit und Wettermucken. Der Eispalast hat da eine wirk­liche Lücke ousgefüllt und seine Leitung ist mit Erfolg be­müht. das Unternehmen auf weltstädtischer Höhe zu erhalten; Berlins Vcrgnügungsprogramm bat hierdurch eine welent-