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Nr. 543.

Wiesbaden. Sonntag, 21. November LSVS.

57 . Jahrgang.

Morgen- Ausgabe.

1. Wtcrtt.

Große EntscheLdungen.

.Zwei Tatsachen stehen fest: Die eine ist, daß für den Reichskanzler und Ministerpräsidenten kein äußerer und kein zwingender Anlaß vorliegt, schon demnächst ge­nauer mitzuteilen, wie er sich die preußische Wahlreform vorstellt. Die zweite Tatsache ist, daß diese Wahlreformfrage wohl für einige Zeit noch, viel­leicht sogar ein Jahr lang, vertagt werden kann, daß sie aber unerbittlich eine Antwort heischen wird, eine Antwort, die nicht gewunden und dilatorisch sein kann, die vielmehr so deutlich sein mutz, daß auch der einfachste Linn verstehen wird, ob die heutige u n - befugte Über macht der Konservativen fortdauern oder aber durch die Wirkung eines g e - rechten Wahlgesetzes gebrochen werden soll. Liese beiden Tatsachen also, die sich, formal angesehen, nur gerade an der Peripherie berühren und sich nicht schnei­den, hat man vor Augen. Herr v. Bethmann-Hollweg kann, wenn er will, noch geraume Zeit schweigen; er kann alle Parteien im ungewissen darüber lassen, wer eigentlich er ist und was er vorhat. Eines Tages aber wird er sprechen müssen. Nun kann im Reiche und im Reichstage schwerlich etwas geschehen und gefordert werden oder unterlassen werden, was sich an Wichtig­keit mit der Kernfrage der gesamten preußisch- deutschen Politik vergliche, nämlich eben mit dem Problem der preußischen Wahlresorm. Alles andere ist Beiwerk. Hier ist der Kern der inneren Lage, der Aus- gangspunkt für unvermeidliche Entwicklungen, für Kämpfe, Mederlagen und Siege. Je näher wir dem Wiederbeginn der parlarnentarischen Session rücken, Mü) mehr fällt alles Zufällige und Untergeordnete ab Von den Interessen der Parteien und von deren Bekun­dung in der Öffentlichkeit. Man merkt es vor allem an der Unsicherheit und zugleich Dringlichkeit des k o n - servativen Gebarens, daß die Rechte das starke Gefühl für den nahenden Entscheidungs- kämpf hat. Auf die Regierung wird mit Drohungen wie mit Umschmeichelungen einzuwirken versucht, die Krone selbst wird in den Parteikampf hineingezogen. und dem Könige wird unterstellt, — wir teilten die be- treffenden Äußerungen des holsternrschen Grafen Reventlow mit — daß er nur mit W i b e r ft r e b e n jenen Satz der vorjährigen Thronrede gesprochen habe, der eine Wahlreform Verhieß. Diese nervöse Geschäftig- keit würde nicht zu beachten sein, wem: dre Konservati­ven erwarten könnten, daß die Wahlreform ent­weder auf die lange Bank geschoben werden oder nur als schwächliches Kompromiß gedacht sein soll. Miß­trauen in eine Regierung, die durch ihre Organe von

den höchsten Stellen bis zu den subalternen Posten von der Rechten abhängt, wird immer nützlich sein, anderer­seits jedoch steht es mit der preußischen Wahlreform so. daß sie selbst dann, wenn die Anträge der Konservativen möglichst berücksichtigt werden sollen, unweigerlich den konservativen Besitzstand wird schwächen müssen, daß sie also unweigerlich die schärfste Opposition der Rechten wird Hervorrufen müssen. Nun ist Herr von Bethmann-Hollweg ein kluger Mann, und es könnte sein, daß er sich demgemäß sagt, es verlohne sich nicht, den Konservativen allezeit entgegenzukommen und da­mit zwischen zwei Feuer zu geraten, es sei also zweck­mäßiger, die doch nicht zu umgehende Gegner­schaft von jener Seite dadurch lahmzulegen, daß die Wahlreform wirklich eine wird, die solchen Namen ver­dient, daß sie hiernach den liberalen Ansprüchen genügt, da sie den Konservativen niemals genügen kann. Man hat es mit anderen Worten mit zwei Möglichkeiten zu tun: entweder taugt die vorzuschlagende Reformvorlage nichts, und dann wird ihr Urheber das Opfer sowohl des konservativen Mißvergnügens über jede Art von Reform wie der liberalen Entrüstung über eine Mangel hafte Reform werden, oder die Vorlage befriedigt die liberalen Wünsche, und dann wird es darauf ankommen, ob der leitende Staatsmann den Mut und die Kraft besitzt, gestützt auf das libe­rale Bürgert uni, den Kampf mit der Rechten auf der ganzen Linie nicht bloß der G e s e tz g e b u n g, son­dern vor allem der Verwaltung aufzunehmen. Um diese Entscheidung nun kann sich Herr v. Bethmcmn- Hollweg, wie gesagt, noch einige Zeit herumdrücken, und wir erwarten auch nicht, daß schon in diesem Winter eine völlige Klärung der Lage eintreten wird. Aber es handelt sich nur um einen Zeitausschub. Wir wissen heute noch nicht, ob Herr v. Bethmann-Hollweg der Mann dazu ist, unter Umständen gegen die Konser­vativen zu regieren. Nach seiner Vergangenheit möchten wir es nicht glauben, aber man soll niemandem die Möglichkeit einer Entwicklung absprochen, zu der ihn die Verhältnisse auch gegen sein ursprüngliches und er­erbtes Empfinden treiben könnten. Immerhin trauen wir dem leitenden Staatsmanns die Fähigkeit zu, tiefere Zusammenhänge im politischen Leben der Nation zu erfassen und hiernach ein heilsames Verständnis da­für zu gewinnen, daß es sich bei der preußischen Wahl­reformfrage um die Fundamente des Staats- und Gesellschaftslebens handelt. Es könnte sein, daß Herr v. Bethmann-Hollweg mit seinen höheren Zwecken wächst: es könnte aber auch sein, daß seine Amtsführung mit einer Niederlage endigt, öaß are ^.ragrk der Größe fehlen würde, weil er nicht begriffen hat, daß der große Moment einen Mann verlangt. Noch einmal: von heute auf morgen und auch im nächsten halben ^cchre wird sich nichts entscheiden. Aber es gibt keine Möglichkeit, die noch so weit hinausgeschobene Entscyerdung am letzten Ende zu unterlassen.

Politische Übersicht.

Deutschland mrd Rntzlarrd.

v L. Berlin, 19. NovemSer.

In Petersburg ist man nervös. Herr Jswolski könnte, wenn man es so obenhin betrachtet, doch eigent­lich zufrieden sein. Er hat den Zaren glücklich nach Italien und wieder von dort weg nach Livadia bugsiert, er hat den Grafen Aehrenthal zu ärgern gemeint, als er diese Reise mit Umgehung Österreich-Ungarns ver­anstaltete, und er scheint aus Racconigi mancherlei mit­gebracht zu haben, was sein Herz erfreuen könnte, nämlich vor allem eine weitere Lockerung des öster­reichisch-italienischen Verhältnisses. Aber der Gegen­spieler blieb auch nicht gerade untätig. Schießt Herr Jswolski her, so schießt Graf Aehrenthal hin, und man kann selbst an der Newa nicht bestreiten, daß er der bessere Schütze ist. Ter Groll darüber wird den Leiter der russischen auswärtigen Politik auch gegen uns nicht freundlicher gestimmt haben. Man merkt es an verschiedenen Dingen, daß Herr Jswolski nicht bloß gegen Wien, sondern auch gegen Berlin die Seite der Empfindlichkeit hervorkehrt. Wieder einmal hat man in russischen Blättern lesen können, daß die Nachgiebig­keit gegenüber der Aehrenthalschen Politik im Herbst des vorigen Jahres durch eine deutsche Pression mit herbeigeführt worden sein soll. Wenn das auch nicht wahr ist, so wirkt es doch. Tie russischen Stimmungen warten gewohnheitsmäßig ja nur darauf, eine neue Ge­legenheit der Widersacherschaft gegen uns zu be­kommen, und wenn die Regierung in Verlegenheiten irgendwelcher Art ist, so hilft sie sich selbst am leichtesten durch eine Ablenkung des Grolls nach uns hin. So auch diesmal. Zwar weiß jeder Unterrichtete, daß Fürst Bülow damals nur einem ihm entgegengetrage­nen Wunsche nach Vermittlung nachkam und sich damit den Dank des Zaren und seiner Regierung verdiente. Aber die Legende von deutschen Drohungen will nicht sterben und, wie gesagt, sie wird in Petersburg am Leben erhalten, weil sie, je nachdem, Nutzen bringen kann. Eigentlich sollte es am deutsch-russischen Himmel freundlicher aussehen. Eine der ersten diplomatischen Aktionen des neuen Reichskanzlers war sein Meinungs- austausch mit Herrn Jswolski, der sich im Juli oder August auf der Durchreise in Berlin befand und, wie natürlich, gern die Gelegenheit ergriff, sich dem Nach­folger des Fürsten Bülow zu verbinden. Man hörte damals, daß diese im Kabinett der russischen Botschaft geführte Unterhaltung beiderseits freundliche Eindrücke hinterlassen habe. Vielleicht sind diese Eindrücke seit­dem nicht ganz geschwunden, aber, um es zu wieder­holen, Herr . Jswolski ist wieder nervös geworden. Man kann sich ja vorstellen, daß ihm beispielsweise die Berliner Reise des Erzherzogs Franz Ferdinand nicht sonderlich behagte, zumal sich bei diesem Anlaß

FemÄeLsrr.

(Nachdruck Nrdoten.)

p° 1,

Von Lothar Schmidt.

An Sommersonntagcn vormittags sieht man in den -traßen einer der vornehmsten Villenkolonien Berlins inen Mann spazieren gehen, der einstmals ein Herr >ar Netzt ist er im Osten von Berlin irgendwo ein lein er Buchhalter mit 2400 Mark Gehalt Die vielen falten, das ganz und. gar zerknitterte Gesicht des kaum iünsziaiäbriaen erzählen ein bewegtes ^.eben. Er Mn^langendunkelblauen ie Hüften sich legt, über der Brust stets zugeknöpft ist md so tief binabreicht über die Knie, daß kaum einen LLmLSS.» SeWIeib sichtbar w* -eine Kopfbedeckung bildet etn ^ylmder ntti

CTS 1.1, SM M'd s°'- ftatnmen °Wen. ar aus ersten Magazinen und zeigen die Mode vom mde der achtziger Jahre. ^Z^Eastgen Eleganz reilich hat die Zeit nicht . unerheblich Abbruch getan rotz der offenbar sorgfältigsten Pflege, dre der.Erg - ümer seinem Kostüm durch Bügeleisen, Bürste Senzin angedeihen ließ. Wenn zum «tile der der- chlissenen Kleidung eins nicht paßt so ist es das schuh- °erk. ein Paar rindslederne, doppelbesohlte Halb- lamaschen billigster Provenienz und gröbster Faktur Seim Gehen stößt ihm die Hose häufig auf den oberen Zchuhrand auf und bleibt daran hangen. Tann aller- >mgs werden auch die nicht minder stillosen Halbbaum, oollenen, weißen Strümpfe sichtbar.

Wüßten die Bekannten und Freunde des Buchhalters ws Berlin O, welche Veränderung in ihni vorgeht all -onntfta vormittags, wenn er angetan mit den Reli- wien seiner ehemals reichen Garderobe durch die dtraßen der Villenkolonie wandelt, sie würden lächeln,

laut lachen würden sie sogar. Aber er verbirgt es ihnen geflissentlich, er verbirgt es selbst seiner Frau und den Kindern, die er herzlich lieb hat. Er nimmt auch die Seinigen nie mit auf die einsamen Sonntagsvormittag, spaziergänge. Sonntag nachmittags,.ja da führt er als braver Familienvater sie Mit ^rovrant bepackt nach Grünau oder Treptow oder sonst wohin. Doch vor- mittags, im grauen Zylinder und blauen Gehrock, muß er allein sein mit seinem Fuhren und Denken, muß ei- ungestört ein zweites Ich wst verschlossen unter dem doppelknöpfigen Redingote herumtragen.

Vor einer Villa der Kaisersrraße bleibt er gewöhnlich lange stünend stehen. Es ist dies ein elegantes, ein- stockiges Haus-, flach gedeat mit weit über die Front ragendem Sonnendach nach Art der südlichen Land­häuser. Die Villa steckt tref im dunklen Grün der Fichten und Kielern. Durch die Nadclbäume leuchtet frisch das weiße Mauerwerk, hindurch. Der große Vor­garten mit seinen nach englischer Manier hügelig ange­legten Rasenflächen breitet eine vornehme Distanz zwi­schen die Bewohner und die Straße. Mitunter sind monatelang die braunen Jalousien der Fassadenfenster hinabaelassen Die Herrschaft ist auf Reisen. Alles Leben" wäre dann da drinnen erloschen', jagte nicht zu­weilen ein flinker Fox bellend über das. Gras, die Sper­linge wegzüscheuchen. Wenn aber die Herrschaft zu Hause ist, da gebt es oft. laut und lustig her im Park. Hübsche junge Mädchen in lichten Sommerkleidern und Herren in weißen Tennisanzügen oder in Uniformen sieht man Ball spielen und hört sie lachend englisch rufen: „Twentv — Slurty — out'", während dre Alten vorn auf der Terrasse sitzen und Tee trinken oder Bowle.

An dem kunstvoll geschmiedeten , hohen Gittertor ge­wahrt man auf dem linken Türflügel ein stark ver­goldetes P und auf dem rechten ein stark vergoldetes dl. Es sind die Initialen des ersten Besitzers und Er­bauers der Villa, eben jenes Buchhalters aus Berlin 0.

Verstohlen streicht oft P. M. mit der Hand über den gelben. Glanz, überzeugt sich, daß Wind und Wetter den blinkenden Buchstaben nichts anzuhaben vernwchten seit fünfzehn Jahren und lächelt befriedigt.

Er lächelt, denn der Gram über den Verlust seines Reichtums ist längst einer stillen Resignation gewichen. Nur mit der Phantasie hängt er noch an dem Einst und der vergangenen Herrlichkeit. Dieser Phantasie laßt er allsonntags im blauen Gehrock und grauem Zylinder ihr gutes Recht widerfahren, während er an Wochentagen ein nüchterner, fleißiger, pflichtgetreuer Arbeiter ist bei Kladde und Strazze.

Wohl weiß er, daß bei dem großen Börsenkrach da­mals ihm all sein Vermögen verloren ging samt der Villa: sobald er aber will und es sich einbfldet. ist er noch ihr unumschränkter glücklicher Besitzer. Mrt solcher Einbildung umschmeichelt er ferne emne, liebkost er feine Seele des Sonntags von zehn brs zwölf. Trrfft es sich gerade, so plaudert er auch leutselig, mit dem Hausmeister, erkundigt sich .rach dieser und icuer Reno­vation im Innern des Hauses, macht Vorschläge zu praktischen Neuerungen in Hof und Garten, erteilt Rat und Rüge. Der Hausmeister amüsiert sich köstlich über „das verrückte Huhn", geht aber auf alles ein und be­kommt zum Schluß dafür eine Zigarre. Früher in Abwesenheit der Herrschaft, gestattete er ihm auch, Park und Haus zu betreten; doch hat das aufgehört, einer strengen Weisung zufolge,. nachdem der Eigentümer Wrnd oaoon erhielt.. Übrigens haben weder Eigen- timrer noch Hausmeister eine Ahnung davon, warum sich der sonderliche Kauz so für das Grundstück inter- essiert, sie suchen es auch weiter nicht zu ergründen.

P. M., dessen goldene Initialen an einer der schönsten Villen der Kolonie leuchten, ben Heimweg an» tritt, schaut er sich neugierig nach allen Richtungen um, welch' neue Bauten dieses Jahr in der Kolonie wieder entstehen und welche alten Nachbarhäuser mittels ge­druckter Plakate als „zu vermieten" oder «zu ver°