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Nr. 328.
Wiesbaden, Donnerstag, LI. November ISvS.
57 . Jal rgang.
Kbenö-Kusgabe.
1. Matt.
tlBllifüjiMiiö in kr inneren PMWenWnM.
. Jnnerpolitische Umwälzungen großen Stiles bereiten sich vors die konservative Herrschaft scheint sich ihrem Ende zuzuneigen, und die Anzeichen dafür, daß wieder eine liberale Ära aus den Wirrnissen der Tage herauswächst, mehren sich in erfreulicher Anzahl. Die sächsischen Landiagswahlen dürften auch Len leitenden Staatsmännern in Preußen gezeigt haben, daß der Konservativismus eine Macht ist, die auf tönernen Füße n steht, und daß nur der Liberalismus noch der Faktor ist, der der durch die -politischen Ereignisse begünstigten Neigung weitester Volkskreise nach der äußersten Linken hin Einhalt zu tun vermag. Ter Liberalismus, lange verketzert und verkannt, beginnt sich jetzt als das zu erweisen, was er in Wirklichkeit ist oder doch sein sollte, als die die Staatsidee hoch haltende und sie in den Bahnen eines gesunden Fortschritts aufwäris ent- wickelnde Volksbewegung.
Der Bund der Landwirte, die festeste und geschickteste Organisation des konservativen Grundgedankens der unbedingten Agrarübermacht und der Polizeiautorität, befindet sich auf dem absteigenden Ast, stark bedrängt von dem Bauernbund, dessen leider rein schutzzöllnerischen Tendenzen seine sonstige Wirksamkeit beeinträchtigen, und dem Hansa- b und, dessen große Organisation berufen ist, das wachsende Industrievolk Deutschlands von den Schlacken der kleinbürgerlich -agrarisch-demagogischen Agitation zu reinigen, die darauf hinausging, die Großindustrie, den Handel, den Kaufmannsstand, die Börse als Parasiten der menschlichen Gesellschaft hinzustellen und dementsprechend zu verdächtigen. Ten künstlich geschaffenen Gegensatz zwischen Stadt und Land, eine der häßlichsten „Errungenschaften" des Bundes der Landwirte, aus dem Herzen der Bevölkerung herauszureißen und sie wieder empfänglich zu machen für die Gemeinsamkeit der Staats- a u f f a s s u n g, das ist ein Ziel, in dem sich der L i b e- jralismus und der H ans abund die Hand reichen. Wird diese Arbeit energisch und zielbewußt fortgeführt, so blühen dem Bunde der Landwirte trübe Tage. Die konservativen Vereine befinden sich, namentlich in den Städten, in vollendeter Deroute. Was früher nie vorkam, passiert jetzt, alte Offizier? a. T„ hohe Beamte aller Grade wählen jetzt freisinnig, z. B., dieser Tage scharenweise bei den Stadtverordnetenwahlen in Char
lottenburg. Die Handwerkerbewegung, vordem in schärfstem Kampfe gegen den Liberalismus stehend, erkennt immer mehr an und spricht es offen aus, daß man heutzutage nicht mehr konservativ wählen, sondern sich dem Liberalismus zuwenden müsse. Hinsichtlich des Beamtentums macht sich dieselbe Erscheinung markant geltend.
Die konservativen Führer sehen ein, wie ihnen die Felle fortschwimmen. Sie bitten um gut Wetter. Der „Kreuzzeitnngs"-Artikel „Schluß der _ Verbitterung", den wir als ein Stimmungszeichen mitteilten, ist das Eingeständnis der schweren. Einbuße, die die konservative Partei durch ihre Politik erlitten hat. Tie wehleidige Versicherung, daß die grundsätzliche Ausschaltung des Liberalismus aus der Gesetzgebung ein schwerer Fehler sein würde, erinnert stark an die Geschichte vom Fuchs mit den Trauben. Wir _ erinnern uns auch dunkel, daß Fürst Bülow ganz ähnliche Worte sprach. Und doch stürzte man ihn um deswillen. Die Konservativen wissen eben, daß der Wind ihnen nicht günstig steht und daß sie daher lavieren müssen, um wieder einigermaßen in gute Fahrt zu kommen.
Für den Liberalismus wäre nichts verkehrter, als sich durch irgendwelche Sirenenklänge aus konservativem Lager einlullen zu lassen. Der entschiedene Liberalismus hat keine Sehnsucht nach alten, gewesenen Verbindungen, er sieht im Konservativismus den Feind und muß durch eine kraftvolle, kluge, selbständige Politik sich den Boden im Volke ebnen, der ihn sein Ziel in hoffentlich kurzer Zeit erreichen läßt.
Deutschland und Dänemark.
In Dänemark beklagt man sich über allzu hitzige Germanisierungsbestrebungen in Nordschleswig, bei uns dagegen wird oft genug geklagt über die Heftigkeit und Zähigkeit der' dänischen Propaganda in unserer Grenzmark. Aber mit diesen Zwistigkeiten kann das Verhältnis zwischen beiden Ländern und Nationen nicht bis aus seine letzte Formel gebracht sein. Hüben wie drüben gibt es zum Glück unbefangene Leute genug, die sich in der gegenseitigen Würdigung der beiden Völker, vor allem in der Würdigung ihrer gewissermaßen kulturpolitischen Beziehungen nicht durch die Kämpfe in und um N o r d s ch l e s w i g bestimmen lassen möchten. Wir Deutsche haben es freilich leichter, den Dänen gerecht zu werden, wir haben ihnen nichts nachzutragen und sind die übermächtig Stärkeren. Wir werden diesem tüchtigen, geistig wie moralisch hochstehenden germanischen Volke in der Hauptsache wohl auch wirklich gerecht; die Frage ist nur, ob auch umgekehrt das gleiche ge
schieht. Vielleicht nicht oder nicht ganz, was denn allerdings zu begreifen und somit zu entschuldigen wäre. Immerhin fehlt es auch in Dänemark nicht an ernsten Menschen, die nicht gewillt sind, den befruchtenden Segen einer höheren Geisteskultur, mit der Deutschland so lange Zeit nach dem Norden hin gewirkt hat, aus kleinlicher Verbitterung über erlittene Niederlagen und Gebietsverluste preiszugeben. Jede Stimme, die sich in solchem Sinne von dorther vernehmen läßt, beansprucht unsere sympathische Aufmerksamkeit, und dieser Stimmen sind, wie gesagt, nicht wenige. Gerade jetzt äußert sich ein Mann, den nicht bloß seine dänischen Landsleute schätzen, der sich auch bei uns durch die Eindringlichkeit und Besonderheit seiner Betrachtung von Welt und Menschen schnell einen verdienten Namen gemacht hat, der Dichter Johannes V. I e n s e n. über das Verhältnis zwischen Deutschland und Dänemark in einer Weise, die uns Achtung wie Beachtung abnötigt. Er hat den Dänen und auch uns viel Nützliches und Wichtiges zu sagen. Er tut es in einem von der „Neuen Rundschau" (Berlin, S. Fischer) veröffentlichten Aufsatz, der zwischen den Zeilen beinahe noch mehr enthält als in den Zeilen selber, der jedenfalls gewürdigt zu werden verdient, denn wie der Verfasser denkt und spricht, so werden es viele Intellektuelle in seinem Lande tun. Indem er die Dinge von einem, wie er es ausdrückt, unbefangenen und hoffnungsvollen Standpunkte aus betrachtet, findet er, die politische Entwickelung Dänemarks habe darin bestanden, daß man sich nach 1864 von Deutschland entfernte, und daß jetzt wieder Bedingungen eingetreten sind, sich Deutschland anzunähern. Selbstverständlich sei weder an Union oder Bündnis noch an ähnliche Beziehungen zu denken; auch scheine es unnötig zu sein, Dänemark vom Verdacht eines politischen Spiels freizusprechen; der Geschmack an solchem Spiel bestehe weder in den oberen noch in den unteren Schichten. Die Gerüchte von einem Einverständnis mit England mußten „als ganz unmöglich" bezeichnet werden. Tie Wunde von 1864 könne immerhin als geheilt gelten. „Indessen", so fährt Jensen fort, „hinterließ der Krieg tiefere Spuren, indem er Veranlassung gab, daß unser Geistes - leben sich Deutschland verschloß und aus einer Quelle Nahrung suchte, die unserer Natur ferner lag, obgleich sie nicht ohne würzigen Wert war: aus dem modernen Frankreich. Diese Richtung ist nun wie eine Uhr abgelaufen und teils von der frischen Einwirkung englischen und amerikanischen Geistes (den man auch anderwärts in der Welt spürt, sogar in dem „korrupten" Gallien), teils von dem dänischen Heimatgeist abgelöst worden, der in seiner innersten Funktion mit dem deutschen verwandt ist und die Wiedervereinigung mit
FeMħtoK.
Jur Geschichte der Cholera.
Nachdem der unheimliche asiatische Gast sich wieder einmal auf die Wanderschaft nach dem Westen begeben hat und bis in das Memclgebiet vorgedrungen ist, ohne daß freilich zu Besorgnissen für Deutschland und Westeuropa bis jetzt ein Anlaß ist, dürsten wohl einige Angaben aus seiner Geschichte interessieren, wie sie sich in dem kürzlich erschienenen Buche „Tie Volkskrankheiten und ihre Bekämpfung" von Dr. Werner Roscnthal zusammengestellt finden.
Die Cholera ist für Europa eine verhältnismäßig MNge Krankheit. Während die Pest, die nun seit fast zwei Jahr- hunderien sich nicht mebr in Deutschland gezeigt hat, schon aus dem Wertnm bekannt ist und ihre erste klassische Beschreibung dem griechischen Geschichtsschreiber Thncydides verdankt, hielt die Cholera in Europa erst im Jahre 1830 ihren ersten Einzug und kam im folgenden Jahre unter anderem auch nach Berlin, wo der Philosoph Hegel eines ihrer ersten Opfer wurde. Schon nach fünf Jahren machte sie Deutschland den zweiten Besuch. Daß damals die ersten schwachen Maßregeln ergriffen wurden, sich gegen sie zur Wehr zu setzen, sehen wir aus Hebbels Münchener Tagebuch, in dem er mitteilt, daß man „eine Belohnung für Nichtärzte mit Bezug aus die Cholera im Bureau des Kreis- Jntelligenzblattes im Regierungsgebäude bekomme". Und in einer Korrespondenz vom Februar des nächsten Jahres erftärt er von der „furchtbaren Geheimnisvollen": „Mag
sie dem grübelnden Arzte immerhin ein Mysterium bleiben und dem einen ein verschmitzter Lustgeist, dem anderen eine boshafte Wassernixe, dem dritten gar ein geflügeltes Insekt scheinen, sie ist nicht zu erkennen, aber auch nicht zu verkennen, und weiß niemand, was sie ist, so weiß doch jeder, wie er mit ihr daran ist. Demnach, wie der Mensch denn überhaupt ein Ungeheures, das ihm mit Geisterschritten nahetritt, so lange von sich abwehren zu können glaubt, als er sich die Keckheit, cs zu ignorieren, erhält, dauerte es geraume Zeit, bis wir Münchener — es ist natürlich nur vom größeren Publikum, diesem immer ungläubigen Thomas, die Rede uns überwinden konnten, sie als die wirkliche
Frau Geheimrätin von Cholera anzuerkennen und als solche in unsere Frcmdenliste aufzunehmen."
. Ähnlich vcrfuhr das große Publikum auch bei der letzten großen Cholera-Epidemie, die Deutschland heimsuchte, die sich aber auf H a m b u r g beschränkte, wo an einem Tage beinahe 1200 Erkrankungen und 500 Todesfälle vorkamen. Von 1830 bis 1892 war die Cholera fast alle Jahre nach Europa gedrungen, in den fünfziger und sechziger Fahren des vorigen Jahrhunderts hat sie in Deutschland viele Opfer gefordert. Von ihrer Heimat Indien gelangt sie aus zwei Wegen nach Europa. Der eine führt sie zur See über das Note Meer und Ägypten nach den Häfen des Mittelmeeres; vor allem wird sie hier durch die Pilgerfahrten, die Tausende Mohammedaner in der heiligen Stadt Mekka versammeln und unter denen sich natürlich häufig auch kranke indische Pilger befinden, nach Europa verschleppt. Der zweite Weg führt zu Lande mit Handelskarawanen oder Pilgerzügen über Persien, das russische Transkaspien und durch Rußland.
Die Cholera bevorzugt die Flüsse und Kanäle und wandert so von dem Wolga- in das Weichselgebiet nach Deutschland. Ihr Einbruch geschieht fast nur auf der Weichsel und den anderen Flüssen, ans denen Flöße mit Holz die deutsche Grenze überschreiten. So war es 1873, 1884 und 1905: so ist es auch jetzt wieder. Daß die Einbrüche nicht mehr so gefährlich sind, liegt an der Verbefferung, die die Reinlichkeit, die Wasserversorgung und das Abfuhrwesen in den deutschen Städten in dm letzten Jahrzehnten erfahren haben. Und hatte Hebbel vor nun 73 Jahren die Cholera die „furchtbare Geheimnisvolle" nennen können, so kennen wir, dank der Ergebnisse von Robert Kochs ärztlicher Expedition nach Ägypten und Indien. seit einem Vierteljahrhundert den Verursacher der Seuche, den populär noch h-mte sogenannten Kommabazillus, ein außerordentlich kleines Lebewesen aus der Klasse der Spaltpilze, das sich in unge- hmrm Mengen im Darm der an Cholera Erkrankten findet und mit dm Ausscheidungen in das Wasser gelangt, aus dem die Bewohner von Örtlichkeiten, die vi le Kranke beherbergen, wieder Trink- und Waschwasser schöpfen; so wird der eirculus vitiosus geschlossen, so bleibt in Indien, wo die Bewohner der volkreichen Städte das verseuchte Wasser zu dm vielen Abwaschungen, Bädern und Mundspülungen benutzen. die ihnen ihre Religion auferlegt, die Cholera einheimisch. -b-
Rchhen;-Theater.
Mittwoch, den 10. November, Gastspiel Margarete Frey vom Stadttheater in Cöln a. Rh-, zu Schillers Gedächtnis: „Kabale und Liebe". Ein bürgerliches Trauerspiel in 5 Akten von Friedrich v. Schiller. Spielleitung: Ernst Bertram.
Auch unser wackeres Novitätentheater hat es sich nicht nehmen lassen, zu Ehren Schillers einmal klassisch zu kommen, in weiser Beschränkung aus einem Feld, das ihm nicht zu fcm liegt, auf dem des bürgerlichen Dramas. „Kabale und Liebe" ist überdies ja allzeit modern. Seine Handlung, seine Diktion wandeln nicht aus dem Kothurn, verlangen keine hochgeschwnngenen Reden und keine große Ausstattung. Es gibt sich alles einfach und natürlich. Unter solchen Vorbedingungen mußte denn bei der Vortrefflichkeit des Ensembles etwas zustande kommen, das dem Dichter gerecht wurde, zumal die Theaterleitung gesorgt hatte, daß ein ziemlich zeitechtes Milieu in Dekoration und Kostüm geschaffen wurde. Die Titelheldin der „Luise Millerin", wie das Stück ursprünglich hieß, gab Fräulein Wuttkc. Die Künstlerin hat den toten Punkt zwischen Künstlerschein und Künstler s e i n bis jetzt nicht vollkommen überwunden. Oft klingen ihre Worte nock> wie Deklamation, und ihrem Mienenspiel fehlt noch die rege Ausdrncksfähigkeit. Wird sie aber vom Spiel getragen, so kommen oft recht vielversprechende, künstlerische Momente zutage, die als Wechsel aw die Zukunft gellen können. So war besonders ihr Auftreten gegen die Lady wohlgelungen, und im letzten Mt verstand sie es, die Stimmung gut festzuhallen. Herr Keller- Nebri war ein guter Ferdinand, feurig-rasch und keru- haft. Sein Zusammenstoß mit seinem Vater im ersten Akt und zumal das Renkontcr mit dem Präsidenten in der Woh- mrng der Geliebten gaben alles, was man an starken, dramatischen Affekten in einer Menschenseele nur erwarten kaum Herr Nesselträger spielte den Präsidenten imponierend in der Erscheinung, imponierend in der Größe seines Schurkentums, eine großzügige Leistung. Das war auch der Wurm des Herrn Rücker. Der Künstler wußte glücklich die Grenze nach dem Brunnenvergifter, nach dem landläufigen Bühnend ösewicht hin zu respektieren und er blieb sei» in seiner Charatterzeichnung. Seine außerordentliche Mimik
