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Nr. 511.

Wiesbaden, Dienstag, 2. November 1S0N.

57. Jahrgang.

Morgen-Ausgabe.

_1. Matt. _

Politische Übersicht.

Das Glend der Unterveranlagungen.

Merkwürdigerweise sind die Konservativen die einzigen, die nervös werden, wenn von dem Krebsschaden der Unler- veranlagungen gesprochen und eine gründliche Beseitigung dieser Mißstände gefordert wird. In den konservativen Blättern wird nicht einmal, was ebensogut zu verstehen wie zu billigen wäre, der Spieß umgedreht. Es könnte ja von dieser Seite behauptet werden, daß Unterveranlagungen auch bei den städtischen Steuerzahlern zahlreich und umfangreich genug Vorkommen; es könnte verlangt werden, daß die ge­wünschte Heilung des Übelstandes also auf alle Berufs­schichten ausgedehnt werde, und ohne Frage wären die konservativen Blätter und ihre Mitarbeiter und Gönner ringsum im Lande wirtlich imstande, im Bedarfsfall auch mit Beispielen sür Unterveranlagungen von Fabrikanten, Kaufleuten usw. aufzuwarten. Wir gestehen, der Verzicht auf eine solche Gegenrechnung hat etwas sehr überraschen­des. Er läßt sich nur damit erklären, daß auf der Rechten überhaupt nicht gewünscht wird, Liese Sache möge irgend­wie verhandelt und behandelt werden. Man will lieber die Leute mit laxerer Steuermoral in den Kreisen außer­halb des Grundbesitzes verschont wissen, als daß mit ihnen auch der Grundbesitz vor peinliche und materiell empfind­liche Fragen gestellt würde. Nun hat der Finanzminister, wie nach den betreffenden Mitteilungen des Professors Hans Delbrück in denPreußischen Jahrbüchern" hier schon be­richtet worden ist, die einleitenden Schritte zur Abstellung der behaupteten und leider auch bewiesenen Schäden getan. Aber was kann die Verwaltung ernstlich tun, um zum Ziele zu kommen? Man verläßt sich so gern auf die Behörden, toenn sie nur irgend guten Willen zeigen, wie es jetzt und hier der Fall ist; jedoch sollte man sich klar darüber sein, daß wesentlich mehr als guter Wille nötig ist. Die Unterver­anlagungen mögen noch so viele, in den Personen der Zen- sttcn und in der Praxis der Einschätzungskommissionen liegende Erklärungsgründe haben, so ist es ohne weiteres deutlich daß keiner dieser Gründe ausreichen würde, wenn die Vorsitzenden der Veranlagungskommissionen entweder so könnten, wie sie vielleicht möchten, oder auch so möchten, wie sie vielleicht könnten. Diese Vorsitzenden sind in allen Landkreisen die Landräte, und damit ist viel gesagt, vielleicht alles. Mil besonderem Interesse kann man abwarien, wie es im konservativen Bläiterwalde auf eine wichtige An­regung widerhallen .wird, mit der Delbrück die Veran­lagungsfrage von dieser Landratsscite her lösen möchte. Er schlägt nämlich eine Reform der Steuerveranlagung vor, bei der der Landrai als Vorsitzender der Kommissionen aus­geschaltet wird. Das scheine etwas Nebensächliches zu sein, habe jedoch eine große Tragweite, und die Konservativen würden es vermutlich nur ungern zugestehen. Professor Delbrück fährt fort:Sachlich ist über die Notwendigkeit dieser Reform kein Wort mehr zu verlieren. So wie die

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Dev TQg der Toten.

Von H. v. Remagen.

Durch welkes Laub fährt der Novemberwind Ver­gänglichkeit breitet ihren fahlen über alles Le­

bendige und wir denken der Toten. Allerseeten gehört nicht zu den großen Feiertagen des wahres, aber das Volk begeht diesen Tag in treuer Erinnerung und über­all drückt er dem Leben und Treiben unverkennbar sein ernstes Gepräge auf. Selbst in der unausgesetzt arbei­tenden Weltstadt scheint dann die Mwchinerre einen Augenblick inne zu halten, ein leiser Ton der Wehmut überklingt das Toben und Lärmen, und dre sonst fremd aneinander vorübereilenden Menschen suhlen sich beim Anblick der schwarz gekleideten Gestalten der Wit­wen, der Waisen, der Spenden der Trauer und der Er­innerung einen Tag lang als Mitmenschen, als Ge­schöpfe und Kinder eines Schicksals.

So weit die christliche Kultur reicht, t|± dieser Tag dem Gedächtnis der Dahingeschiedenen gewacht. Doch wird er in Nord und Süd nach dem Charakter der Nationen verschieden begangen. Im Norden mahnt er zur Einkehr und stillen Sammlung. Darum begeht man den Vorabend in Deutsch-Böhmen z. B. und in den vlämischen Städten gern im Familienkreise, wo man in ernstem Gespräch und im Gebet der Heimge­gangenen denktund am Allerseelentage selbst ist der Friedhof das Ziel der frommen Waller. Ein grauer Novemberhimmel drückt gleichsam auf die Farben der Blumen des Herbstes und ein kalter Wind saust um die Beter an den teuren Gräbern. Aber iw Süden.

Dinge sich entwickelt haben, ist der Landrat durch seinen Vorsitz in der Steuerkommission in eine moralisch unhalt­bare Lage gebracht worden. Er soll nicht nur der Herr, sondern auch der Führer und der Vertrauensmann seines Kreises sein. Wenn er sich aber bei der Steuerveranlagung der fiskalischen Interessen so sehr annimmt, wie er es heute muß, so ruiniert er seine soziale Position und handelt damit nicht etwa bloß gegen sein persönliches Interesse, sondern auch gegen den Geist seines Amtes, gegen das, was die Regierung, indem sie ihn anstellt, von ihm verlangt und ver­langen mutz. Entlastet man nun aber den Landrat von der Funktion der Steuerveranlagung, so nimmt man ihm einen recht wesentlichen Teil seines jetzigen Einfluffes im Kreise; die Autorität, so wie sie bis jetzt gehandhabt und geübt worden ist, wird geschwächt. Ich halte das weiter für keinen Schaden; ich halte den preußischen Staat Kr so fest fundiert, daß er dieses Stückchen Regimentsgewalt, das bei der Tren­nung der Steuerveranlagung von der politischen Verwal­tung verloren geht, ohne Schaden hingeben kann. Aber in der konservativen Partei denkt man darüber anders, und es wird eines nicht geringen Drucks bedürfen, um diese Reform durchzuführen." So der Vorschlag des Verfassers in denPreußischen Jahrbüchern". Leider hat er einen Fehler. Er ist nämlich einstweilen nur der Vorschlag Del­brücks und nicht die Absicht der preußischen Staatsregierung. Bleibt aber der Landrat die ausschlaggebende Stelle im Veranlagungsverfahren, wie soll alsdann eine Besserung möglich sein Alles würde sich doch nur im Kreise drehen, und es bliebe bei annehmbaren Gesinnungen auf seiten der Regierung, ohne daß sie etwas nützen könnten.

Eine neue Waffengattung?

Ein höherer Offizier schreibt: In Österreich-Ungarn sind schon seit Jahren Versuche der verschiedensten Art im Gange gewesen, um eine leicht bewegliche Jn- fanterietruppe zu schaffen. Die ursprünglich zu diesem Zweck geplante Ausrüstung größerer Verbände mit Motorrädern war zu teuer, scheiterte dazu an der geringen Ausbildungszeit. Auch die Automobilbcförderung erschien nicht geeignet, da beim Versagen nur eines Wagens gleich ein zu bedeutender Bruchteil der Truppe am Weiterkommen behindert war. Man hat daher zum Fahrrade zurück­gegriffen und endgültig beschlossen, daß die bisherigen zwei Versuchskompagnien, nachdem sie sich in jeder Beziehung brauchbar erwiesen haben, in den Etat, gewissermaßen als neue Waffengattung, übernommen werden. Die Garni­sonen der zwei Kompagnien sind Klosterneuburg und St. Pölten. Die Zusammensetzung besteht aus 1 Hauptmann als Kompagnieches, 4 Offizieren und 124 Unteroffizieren und Gemeinen. Zugeteilt ist ein Sanitätsunterosfizier auf einem Motorrade. Die Ausrüstung ist die der Infanterie, doch kommt der Tornister in Fortfall, da alles, was der Mann sonst zu tragen Pflegt, in geeigneter Verpackung am Rade befestigt ist. Unpraktisch ist die Zuteilung von Drei­rädern zur Beförderung von Kompagnie-Gepäckstücken Sie werden dem schnelleren Zwcirade dauernd kaum zu folgen in der Lage sein. Für die Offiziere und deren Gepäck stehen pro Kompagnie zwei Personenautomobile zur Ver­fügung, außerdem dient ein leichter ^/^°1>8-Lastwagen zur

da liegt die Natur noch nicht im Sterben. Da funkelt wld glüht es noch von Farben zwischen den Marmor- netnen und Holzkreuzw, und, wenn der Wind heult, dann ist oft der glutheiße Scrrocco der die Landschaft unheimlich beleuchtet und dw Menschen vom Friedhofe vertreibt und ihnen die Stimmung ernster Sammlung mit seinem Fieberhauche wegfegt. Hier im Süden liegt darum vielfach der Schwerpunkt oer Allerseelenfeier in der Nacht zwischen Allerheiligen und Allerseelen. Der verstorbene Heinrich No« hat einmal eine packende Schilderung davon gegeben. Rachdem am Abend des ersteren Tages schwarze Katafalke in der düster beleuch­teten Kirche aufgerichtet worden sind, auf die man einen Totenschädel gelegt hat und auf deren Tüchern Toten­schädel abgeblldet sind, läuten alle Glocken der Stadt wie im Sturme die Nacht hindurch, als ob sich all die klagenden und bittenden Stimmen derer, die unter der Erde schlafen, vereinigt hatten, uni ihr ~exb und ihre Sehnsucht gegeii den Himmel emporzutragen. Ver­schleierte Frauen knien vor dem Katafalk, der Priester liest aus einem schwarzen Buche und sagt:Ich bin die Auferstehung und das Leben. Alle erdenklichen Laute und Rufe, alle Tone, in denen sich schmerz und Trost äußern, scheinen aus der Naäst widerzuhallen. Dieses undeutliche Tönen hat etwas Geheimnisvolles. Da­durch, daß sich die einzelnen Stimmen nicht der Er­kenntnis offenbaren, regen sw me Einbildungskraft an. aus ihnen zu machen, was ihr beliebt.

Und sollte sich die Einbildungskraft des Volkes nicht gerade an diesc:n Tage regen, der den Gästen des ge­heimnisvollen Landes gilt,von des Bezirk kein Wan­derer wiederkehrt"?

Alles ist dem Volke am Allerseelentag voll voii den Geistern der Abgeschiedenen. In der Provence sind es ..leis armetos''. die Seelchen, die an diesem Tage

Beförderung der Munition, der eisernen Portionen und des erforderlichen Ols und Benzins. Bezüglich der taktischen Zuteilung verlautet, daß die Kompagnien, ähnlich der Korpsartillerie, zur direkten Verfügung des kommandieren­den Generals stehen sollen. Auf deutsche Verhältnisse übertragen, wäre gar nichts dagegen einzuwenden, wenn unsere Jäger-Bataillone, wenigstens zum Teil, ähnlich ausgerüstet würden. Die Jäger, die vor Jahr­zehnten eine andere Gefechtsausbildung und besondere Präzistonswaffen hatten, unterscheiden sich heute kaum von der übrigen Infanterie; und wenn ihrer Schießfertigkeit durch Zuwendung einer erhöhten Patronenzahl und durch erschwerte Schießbedingungen auch heute noch besonderes Augenmerk gewidmet wird, so ist es doch kein Geheimnis, daß ihre Schußleistungen von manchen Infanterie- Kompagnien oft und wiederholt überholt worden sind. Eine Existenzberechtigung haben sie eigentlich nur noch als staat­liche Pflanzschule sür Forstpersonal, in welcher Hinsicht freilich Hervorragendes geleistet wird. Würden die Jäger- Bataillone auf Räder gesetzt, so würden sie wieder Spezial­waffe und könnten vor allem da eingesetzt werden, wo ihre sorgfältig gepflegte Schießausbildung mit Nachdruck zu ver­wenden ist.

UomSouvenir fran?ais.

Aus Weißenburg wird uns geschrieben: Unter dem Einflüsse der deutschfeindlichen, nunmehr über ganz Elsaß- Lothringen verbreiteten französischen VereinigungSouvenir frangais stehen zum größten Teil auch die einheimischen Vereine. Wie ein Keil hat sich jene Körperschaft in den politischen Assimilierungsprozeß eingeschobcn, und etwas spät sind der reichsländischen Regierung die Augen darüber aufgegangen. Erst mußte der gallische Hahu mit seinem Drum und Dran auf dem Gcisberg errichtet werden. Der Souvenir fraiujais hat nach seinem Endziele die Pflicht, das heilige Feuer des Patriotismus nicht erlöschen zu lassen und den Gedanken an die einstige Revanche zu beleben. Die hier nachfolgenden Namen einiger elsaß-lothringischer Ver­eine, die sich unter dem Banner desSouvenir" auf dem Gcisberg vereinten, geben auch wegen ihrer Namen, die sie ungeniert mit behördlicher Genehmigung führen, den- Be­weis, welch ungestörter Freiheit sie sich im deutschen Reichs­lande erfreuen. Es hatten dempatriotischen" Rufe u a Folge geleistet: der Verein derEtuddants Alsadens-Lorrains' Etudiants en Pharma.de dAlsace-Lorraine, ,,Les habituSs de la Taverne" (Name des Bierlokals in Straßburg in welchem vor drei Jahren jeder geprügelt wurde, der Hoch­deutsch redete, und mit Relegation mehrerer Studenten endete),Oeuvre de Mars la Tour, die Gruppen des elsaß­lothringischenSouvenir fran<;ais Von Groß-Moheuvre und Schlettstadt, dieSodöiS des anciens Legionaires de Mulhouse, dieUnion chorale de Strasbourg und derChoräle Argen- fina" ; ferner dieAssociation des anciens prisonniers de 1870/71; derAssociation des combattants de Gravelotto et de larm6e du Rhin" ; derFöderation des sociötös Alsaciennes- Lorraines de la France et des colonies; alle diese reichs- ländischen Vereine legten im Namen Frankreichs und des Souvenir frangais Kränze am Denkmal mit dem gallischen Hahn auf dem Geisberg nieder. Die Ansicht derStraß-

bte Körper besuchen, die sie verlassen mußten, und aus rhrem Wege die Lebenden erschrecken. In Languedoc halten bie Toten in der Allerseelennacht Umzug um die Kirchhöfe. In Irland und Schottland machen die Elfen ihrenall-hoJlow-ride". In Flandern fliegt derZiel­wagen", der Seelenwagen, durch die Lüfte; und in Böhmen herrscht der Glaube, daß nachts um 12 Uhr die Toten ihren Gottesdienst halten. Da ist der Altar- erleuchtet. . der Priester im Meßornate steht davor und in den Kirchenstühlen knien, sitzen, beten Männer und Frauen jeden Alters, die längst die Erde verlassen haben, alles aber ist dabei still wie im Grabe. Wehe, wer diese Spukfeier nicht gleich nach Erteilung des Segens verläßt und sein Körbchen daläßt ihn wird die dunkle Geisterwelt festbalten. In dieser einzigen Nacht dürfen die armen Seelen von den Qualen des Fegfeuers ausruhen, und >enn das Morgengeläut an­hebt, müssen sie wieder zurück, und darum ist die Nacht gefährlich, und kein Frommer wird es in Brügge oder Dinant unterlassen, am Abend geweihte Kerzen in keinem Hanse anzuzünden und sie die ganze Nacht brennen zn lassen. Freilich wer die gesvenstisckum Kräfte dieser Nacht zu benutzen weiß, der ist Herr über den Spuk und kam, in der Allerseelennacht so manches erfahren und erreichen Im Jnntale. so erzählt Reins- berg, glaubt man, oaß wer in dieser Nacht zwischen )2 e 1 .P sS^^^re dreimal um die Kirche

herumzieht, sich wünschen kann, was er will, und es be­kommst Dazu gehören aber zwei Personen: die eine muß Sw ^.apre ziehen, die andere mit dem Kirchen­schlüssel oder einem Schlüssel aus Weißelsenholz drei, mal auf die Bahre schlagen, um die Geister, die sich darauf setzen wollen, zu vertreiben.

Wunderlich_ mischen sich bei dieser Gelegenheit im Volksgemüte die Furcht vor den Toten und die Pietät