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Nr. 510.
Wiesbaden, Montag, I. November 1900.
57. Jal r§ang.
Kbenö-Kusgabe.
1. Matt.
Auch der Schlucht bei Manns.
Die Zeiten ändern sich und die Griechen mit ihnen. Ein Bergleich zwischen der jüngsten Seeschlacht bet Salamis und dem herrlichen Siege, den einst die Vorgänger der heutigen Hellenen 480 v. Chr. über die Perser davontrugen, führt uns so recht den Niedergang der Epigonen in seinem ganzen tragischen oder schon fast tragikomischen Umfang vor die Augen. „Welch reicher Geist ward hier zerstört!" Welch ein Unterschied zwischen einst und jetzt, wo die Nachkommen der Heiden, die sich einst im Kampfe gegen eine Welt behaupteten, die Reste ihrer Kräfte in einem schon fast operettenhaften Kampfe aller gegen alle anfreiben. Freilich verkündet der jetzt wieder gesprächig gewordene offiziöse Telegraph aus Athen,, daß die Meuterei des Typaldos, die fast wie eine Imitation jenes Handstreiches aussieht, den einst der russische Marineleutnant Schmidt mit der Schwarzemeerflotte ausführte, vollkommen unterdrückt sei. Das mag ja auch zutreffen: wenn aber Weiter versichert wird, daß in Griechenland alles ruhig sei, dann werden damit an die Glaubensseligkeit der Mitteleuropäer zu starke Anforderungen gestellt. Muß man sich doch heute daran erinnern, datz, als der jetzige Ministerpräsident Mavromrchalrs vor noch nicht ganz einem Vierteljahr an die Stelle des gestürzten Rallis trat, er feierlich der Wett verkündete, daß in Griechenland „alle Klassen der Bevölkerung vorn Geist der Eintracht und Mäßigung beseelt" seien. Tie Ereignisse selbst haben unterdessen eine Satire auf diese Worte geschrieben.
Denn man die Lage zutreffend beurteilen will, muß man sich vor allem klarmachen, daß die Revolution in Griechenland in eine Menge kleiner Revolutiön- chen zerfällt. Ter Handstreich des Typaldos war nur eine von diesen vielen. Eben deshalb können auch die geschäftigen Versicherungen aus Athen, daß nach der glücklichen Niederschlagung dieser Meuterer nun wieder Ruhe und Frieden herrsche, höchstens dre Wirkung haben, daß auf. die alte Scherzfrage, „wer lacht über Griechen- land?", nicht mehr die Antwort erfolgt „ein ewig blauer Himmel", sondern vielmehr: die ganze Welt! Es kann in der Tat nur ein mitleidiges Lachen erregen, wenn jetzt die Regierung im Bunde mit der vom Obersten Zorbas geführten Militärpartei sich in pharisäerhafter Entrüstung über den Putsch der Marineoffiziere ergeht, denn diese haben ja nichts anderes getan, als der M i l i t ä r v e r b a n d mit Herrn Zorbas selbst, der im August der Regierung den Gehorsam verweigerte, den Sturz des. Kabinetts Rallis erzwang und dem neuen Kabinett seine Bedingungen diktierte, die, wie der Erlaß einer Amnestie, die Einberufung der
FemÄeton. königliche Schauspiele.
Samstag, den 30. Oktober: »Der Maskenball",
pper in 4 Wien von G. Verdi. ..
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Eitel dieser jetzt neu einstudierten Oper. .. Da handelte nämlich die Ermordung des 5loms^ E f ^ von Schweden: er wurde bekanntlich durch 1
Änkarström auf einem Maskenball 1792 «W ben iran- Allerweltstextschreiber Scribe hatte den Stoff M oen gmu- zösischen Komponisten Ander bearbeitet und d» I ", *
Ji", 1883 erschienen, ist lange Zeit auch an, den deutsche Bühnen beliebt gewesen. Guiseppe Verdi l-ev sch^ ~
von seinem Operndichter Piave ins Italienisch I tzen und schrieb seinerseits eine Musik dazu: - c> in
maschere“ sollte 1859 in Italien in Szene geben. Aber d e Negierungeil von Rom und Neapel machten rcy
durch die Rechnung: ein Königsmord durste nich. u,^ die Bühne gebracht werden. Da half eine "ung
durch den Dichter Antonio Somma über das -"cmma hm- weg: der „König von Schweden" wurde in einen „Gouverneur von Boston", der Graf Änkarström in einen Sekretär stienu verwandelt und so die Handlung uw hunoert >whre zurück und nach Amerika verlegt. In dieser'Form erlebte Verdis Oper vor genau 50 Jahr-m ihre Uraufführung in Nom und seither wird überall nicht mehr Schweden, sondern Boston gespielt.
Die Partitur darf nahezu als das Meisterwerk der älteren Verdischen Richtung angesprochen werden: in Stil und Technik ist sie durch und durch italienisch, durch und durch Verdisch. Die dramatischen Momente sind mit genialem Spürsinn ausgenutzt: die Charakteristik im Sinne der älteren Over scharf und sicher: das melodische Element
Kammer und die Eirtfernung aller Prinzen aus dem Heere, unterdessen auch erfüllt worden sind. Der Unterschied zwischen diesen beiden Meutereien tag nur in der Frage des Erfolgs und Mißerfolgs.
Das ist es aber, was die Lage in Griechenland und den Wert der ossiziösen Vertuschungsmeldungen kennzeichnet. Aus einer Saat von Drachenzähnen kann niemals eine gedeihliche Ernte ersprteßen, und das jetzige Regime in Griechenland ist ausgebaut aus der Revolution, welche die wirkliche Macht von der Regierung und den politischen Parteien aus die Militärpartei übertragen hat, die wiederum auch keineswegs sicher im Besitz ihrer Macht ist, denn man weiß ja, daß die unzufriedenen Marineoffiziere unter den radikaleren Elementen dcS Landheeres zahlreiche Anhänger gesunden hatten. Tie gesamte Tätigkeit der griechischen K a m m e r hat sich unter dem Truck des Militärverbandes abgespielt, dessen Forderungen, wie schon betont, sämtlich bewilligt wurden. Auch der König Georg sieht sich wohl oder übel genötigt, mit der Militärliga zu paktieren. Wird doch bereits berichtet, daß der König sich entschlossen habe; in Verhandlungen mit den Führern des Militärverbandes einzutreten. Das kennzeichnet den E r n st der Lage. Das Ziel der Militär- Partei ist die Verbesserung und Verstärkung des Heeres, das ja in seiner heutigen Gestalt in der Tat wie eine Karikatur der einstigen griechischen Hetdenarmee aussieht. Aber wer rüsten will, muß bekanntlich erst Geld in seinen Beutel tun, und dies ist im Lande der Platanen ein zwar begehrter, aber seltener Artikel. Und wenn auch die Griechen sich bisher immer noch als Pumpgenies erwiesen haben, so dürsten doch die europäischen Kapitalisten endlich einmal durch Schaden klug geworden sein.
Dies um so mehr, da man sa weiß, zu welchem Endzweck die griechische Wisttärpartei ihre „Heeresreformen" plant. Das „Ziel aufs innigste zu wünschen" ist kein anderes als Kreta! Es sind die vier „Schutzmächte" England, Frankreich, Rußland und Italien, welche dem König Georg diese Suppe etngebrockt haben, indem sie ihm ebenso weitgehende wie leichtfertige Zusicherungen in bezug auf die dereinstige Einverleibung Kretas macksten, bei welcher Rechnung sie freilich den Wirt, nämlich die unterdessen unverkennbar in einer Regeneration begriffene T ü r k e i, vergaßen. Tie Militärpartei macht anscheinend ihre monarchische Ge- sinnung von der Erfüllung dieser Forderung abhängig, die nur in einem Kriege init der Türkei zu erreichen, wäre, wobei die griechische Herrlichkeit natürlich den letzten Stoß erhalten müßte. Tie vier Schutzmächte aber, die Kreta nicht mehr vor der wiedererstarkten Pforte schützen können, möchten nun wenigstens die Dynastie in Griechenland schützen, uneingedenk ihres sonstigen Nichteinmischungsgrundsatzes. Ein Herrscherhaus aber, welches einer „Lebensversicherung" von außerhalb bedarf, steht auf schwankem Grunde, und ob die Griechen aus eigener Kraft sich durch diese inneren
Wirren, in denen die jüngste Seeschlacht bei Salamis nur ein Zwischenspiel darstellt, zu der dringend notwendigen Reorganisation des Staatswesens an Haupt und Gliedern durchzuarbeiten vermögen, wird nach den Irrungen und Wirrungen der lebten Monate immerhin als recht zweifelhaft erscheinen können.
*
Inzwischen wird über den unrühmlichen Ausgang des Marineputsches des näheren das Folgende berichtet:
Näheres über die „Schlacht".
llck. Athen, 30. Oktober. Der Torpedobootszerstörer „Sfendoni" erösfnete das gestrige Gefecht. Der Panzerkreuzer „Hydra" antwortete sofort. Eine Granate des Panzers „Spetsai" tötete auf dem „Sfendoni" fünf Hetzer, eine andere tötete zwei und verwundete einen Matrosen. Leutnant Kanaris wurde verwundet. Auf der „Hydra" fielen zwei Matrosen, einer wurde verwundet. Ern Schuß des Panzers „Psara" traf das Krankenhaus des Arsenals; zwei Kranke wurden dadurch getötet, einer verwundet. Ein anderes Geschoß zerstörte die Werkstattabteilung des Arsenals. Die Zerstörer sind alle beschädigt bis auf einen, der beim Arsenal geblieben war. Nach dem Gefecht dampften die Kriegsschiffe nach Keratsmi und ankerten außerhalb des Piräushafens.
Ein Augenzeuge gibt folgende Schilderung von dem Kampf, der am Ort der berühmten Seeschlacht von Salamis stattfand. Der Zeuge bestieg einen Hügel, von dem er den Standpunkt Typaldos übersehen konnte. Auf der anderen Seite desselben Vorgebirges, wo die königstreuen Kriegsschiffe und drei Torpedobootszerstörer vor dem Arsenal kreuzten, war Artillerie und Infanterie postiert. Die ersten Schüsse fielen um 4 Uhr; das Gewehrseuer war sehr lebhaft; ein Kanonenschuß folgte ihm. Einige Schüsse trafen die Schiffe und das Arsenal. Der Zeuge sah, wie ein Torpedoboot von einer Granate getroffen wurde, worauf sich dichte Rauchwolken erhoben. Die Torpedoboote zogen sich dann nach und nach zurück. — Bei dem Bombardement wurden drei Heizer an Bord des „Sfendoni" getötet und einige weitere Mannschaften verwundet. Rach dem offenbaren Mißerfolg der Revolte verließen die zwölf meuternden Offiziere unter dem Schutze der Nacht die Torpedoboote und gingen in der Nähe von Klauses in Zivilkleidung an Land. Dort verbargen sie sich im Walde von Kinelta. Starke Gendarmerieabteilungen werden zur Verfolgung ausgcsandt. Die Offiziere versuchten, den nach Larissa gehenden Eisenbahnzug anzuhaltcn. wurden aber da- !)ci von Gendarmen bemerkt und entflohen. Ein Offizier und ein Fähnrich sind bereits verhaftet. Man hofft, der anderen bald habhaft zu werden. Die meuternden Schiffe sollen wieder zurückgekehrt und vor dem Arsenal vor Anker gegangen sein. Doch war Typaldos nicht an Bord.
wb. Athen, 30. Oktober. Die meuternden Marineoffiziere haben die Flucht ergriffen. Sie gingen zwischen Eleusis und Magara an Land; vier von ihnen wurden gefangen genommen. Thpaldos befindet sich noch auf der Flucht. Der Kommandant des Kreuzergeschwaders
reich und schimmernd. Mit manchen Requisiten der alten überwundenen Operntheaterei muß man sich freilich abzu- sinden suchen: es berührt natürlich heutzutage etwas sonderbar, wenn der Sekretär Rens feinem Herrn die Worte „Fielest du von Mörderhänden" . - • gleich ein halb Dutzend Mal ins Gesicht singt Auch erscheint wohl einzelnes in der Musik platt und gewöhnlich: das knallige Finale des ersten Aktes erinnert fast an die moderne Operette. Aber schließlich übt doch Verdis Musik ihre ganz eigene elektrisierende Wirkung, und es könnte dies in der Ausführung durch eine stottere Behandlung von Zeitmaß und Rhythmik gewiß noch stärker hervorgehobcn werden.
Die Figuren der Oper sind nrcht uninteressant Der Gouverneur Richard fällt selbstverständlich einem Liebesabenteuer zum Opfer: er huldigt der schonen Amelia, der Gattin seines Sekretärs. Die zärtlichsten ^envr-Kaoatrnen sind ihm in den Mund gelegt und cm schwunghafte^ Licbes- duett fehlt nicht. Amclia selbst hat eine iehr effektvolle „Szene und Arie" bei Mondenschein ani Hochgericht wo die Verschwörung gegen den Gouverneur zum Ausbruch kommen soll, aber eben durch Amelias eoegenwart noch ein mal vereitelt wird; und der erst getreue, nun zum Rächer seiner Ehre gewordene Sekretär Renö — ist eine sehr wirksame Baritonpartie. Ein hin und wreder taufender Page Oskar ist mit zierlichsten Koloratur-Aufgaben betraut; die alte Wahrsagerin Ulrika endlich beherrscht mit ihren chiro- nlantischen Künsten fast den ganzen 2. An der buntbewegten Oper.
Daß unseren heutigen Sängern der besondere Stil — oder sei s auch nur die Manier - für die Wiedergabe solcher italienischen Opcrnmusik fremd geworden ist, läßt sich leicht denken: sind wir doch alle seitdem durch die Wagn- rsche Schule hindurchgegangen! Hier aber hilft kein Deklamieren und Charakterisieren, hilft kein Mundspitzen —: es muß — gesungen sein, um die ganze Frische und Naivität dieser Tonschwelgerei (in Italien wird dergleichen nur so „htn- geschmissrn") zu Gemüts zu führen. Gerade aber wenn man diese Schwierigkeiten im Auge bcbält. wird man genötigt
sein, den Bemühungen unserer Wiesbadener Künstler die höchste Achtung zu zollen. Jeder stand da am rechten Platz: Herr K a l i s ch umkleidete den Gouverneur Richard mit ausgesuchter Vornehmheit in Spiel, Ton und Maske; der Arnelia lieh Frau Leffler-Burkard ihre sichere Ge- staltungskunst und den vollen Überschwang ihres Organs: das Duett des Liebespaares !m 3. Att war eine Glanznummer in der gesanglichen Wiedergabe. Herrliche Töne schlug Herr G eis s e- W i nt e l an: wie in breifflutenden Strömen ergoß sich seine Stimme in der großen Arie des letzten Aktes und strahlte eine Wärme aus, welche die Zuhörerschaft zu spontanem Beifall hinriß. Die Vcrschwo- rungsszene Renßs mit den beiden Helfershelfern Tom und Samuel — den Herren Braun und Schwegle r — vereinigte so drei Stimmen, wie sie Wohl selten wieder so glanzend sich zusammenfinden werden Eine fe'N abqcrunvele Leistung bot Fräulein Engell, die sich als Page O^-iar wieder einmal so recht in ihrer gesanglichen Elgensphare bewegte; es war eine Freude, dem Hellen Silbcrüang dieser Stimme zir lauschen und den reizvoll au, gefeilten n>or,- turen, mit denen die Sängerin ihre Partie schmückte: hier fand man nicht nur virtuose Koloratur, sondern vollendete Tonbiltdung und vornehmen Gcsangstit Mtt treffenden Strichen zeichnete Frau Sch r o dc r - K a mi n s k h die Wahrsagerin Ulrika und wußte auch gewisse Härten ihres Organs geschickt zur musikalischen Charakterisierung zu verwenden Der kleinen Partie des Matrosen verhaft Herr Rehkopf zu menschenmöglichster Bedeutung
Effettvolle Dekorationen (Herr S ch i ck), reiche und geschmackvolle Kostüme (Herr Geyers, eine Inszenierung, die überall Leben und Bewegung schuf (Herr Mebus) — taten das Ihrige zum Erfolg der Oper; das meiste tat natürlich aber die feinsinnige und bis ins geringste Detail sorglich ausfeilcnde Direktion des Herrn Professors M ä n n st ä d t, welcher Solisten, Choristen und Instrument allsten zu glänzender Kunstentfaltung anzuspornen wußte. Das ausverkauste Haus ließ es an dankendem Beifall wr das Gebotene nicht fehlen. 0. D.
