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Nr. 509.

Wiesbaden, Sonntag, 31. Oktober 1909.

57. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

I. Matt. __

Die Deform der Reichsfinaiyrn.

Sanguiniker werden fragen, was für eine Reform denn noch gemeint sein kann, da fa im Juli d. I. schon 500 Millionen neuer Stenern, ganz wie die Verbündeten Regierungen es vorschlugen, bewilligt worden feien. Aber wer glaubt ernstlich, daß diese halbe Milliarde a u s r e i ch t ? Voraussichtlich werden diese 600 Millionen nicht einmal dann genügen, wenn der Vor­anschlag bei den einzelnen Steuern wirklich er­reicht wird. Es fehlt jedoch jede Sicherheit, daß er inne- gehalten wird, und bei der Leichtfertigkeit, mrt der die konservativ-klerikal-polnische Mehrheit zu­letzt em ganzes Bündel neuer Steuern vorschlug und durchsetzte war es nicht weiter verwunderlich, daß rrgend zuverlässige statistische Unterlagen überhaupt mangelten. Aber selbst wenn wirklich von jetzt ab jähr­lich 500 Millionen mehr als bisher oingehen werden, kann das nicht genügen, da die Ausgaben für Heer und Flotte die fatale Tendenz zu unaufhörlicher Steigerung haben. Wie man weiß, ergab der Rechnungsabschluß für 1908 ein Defizit in der unerwarteten, Höhe, von 122 Millionen. Was soll geschehen, wenn im nächsten Jahre bei gleicher Gelegenheit ein gleich großer Fehl- betrag vor der unwillig aufhorchenden Nation einge­standen werden muß? Und die Gefahr ist, wie ge­sagt, groß, daß dies so kommen könnte. Ein erheb­licher Teil der neuen Steuern ist nach ihrer Ertrags­fähigkeit nicht entfernt so gut fundiert, wie es die Reichseinnahmen waren und sind, aus denen sich schließ- lich doch dies Minus von 122 Millionen ergeben hat. Graf Posadowsky, der allerdings nicht mehr, die Bürde amtlicher Verantwortung trug, als er seine mahnende Stimme erhob, der frühere Staatssekretär rm Reichsamt des Innern also hielt 7 0 0 Millionen für das geringste, was zur tatsächlichen Ordnung der Reichsfinanzen und nicht bloß zur Lebenssristung von heute auf morgen nötig sein werde. Wir erinnern daran, daß der neue Kriegsminister kurz nach seinem Amtsantritt in einer wegen ihrer Offenheit jedenfalls dankenswerten Weise durchblicken ließ, daß die Heeresverwaltung in der nächsten Session erhebliche Neuforderungen werde stellen müssen. Wenn man berücksichtigt, daß die Armee so lange Jahre die Bevorzugung der Flotte mitansehen mußte, ohne ihrer­seits gleichwertige Ansprüche zu erheben, so kann man sich also auf eine gehörige Summe von vielen Dutzenden |t>on Millionen gefaßt machen. Und dann: was soll penn eigentlich aus der Schuldentilgung werden? Tie Reichsfinanzreform hat doch ihren reckten Sinn erst dann, wenn nicht nur keine neue Schulden ge­

macht, sondern die schon kontrahierten, die viel zu hoch sind, um einen dauernden Bestandteil der Reichsein- richtungen bilden zu können, stetig und sicher abge­tragen werden. Auch ist uns ja eine solche gewisser­maßen o r g a n i s ch e Tilgung der Reichsschuld ver­heißen worden. _ Können wir auf sie rechnen, wenn, wie es wahrscheinlich ist, die 600 Millioneir neuer Steuern nicht hinreichen? Wir können so wenig aus sie rechnen, daß wir vielmehr eine Fortsetzung der Anleihewirtschaft in ziemlich sichere Aussicht zu nehmen haben werden, es sei denn, daß ein großer und mit Kraft und politischem Verständnis durchzusetzender Entschluß gefaßt wird.

Dieser Entschluß aber sollte sein (und darauf wollen wir mit allem Nachdruck hinaus), daß die Erbau- f a l l st e u e r , die in der vorigen Reichstagssession zu Fall kam, in der neuen Session nachgeholt wird. Keine Steuer ist populärer als diese, dafür haben schon die Konservativen mit ihrem egoistischen Starrsinn gesorgt. Man fragt immer wieder, welches der Leit­faden für die Politik des neuen Reichskanzlers werden soll: man zerbricht sich den Kopf des Herrn v. Bethmann- Hollweg über das Problem, wie er mit dem Reichstage arbeiten soll, der eine konservativ-klerikal-polnische Mehrheit ausweist, mit der der neue Kanzler eben nicht, wenigstens nicht so ohne weiteres und unbesehen, gehen will und kann.^ Nun, so möge Venn Herr v. Bethmann- Hollweg das Stichwort nicht von dieser Mehrheit erwarten, sondern seinerseits eine Parole aus­geben, die ihm sofort die m o r a I i s ch e H i l f e des b e st e n Teiles der Nation verschaffen würde. Möge er die Erbanfallsteuer wieder vorlegen und die Kon­servativen damit zwingen, S ü h n e zu leisten für den Frevel an Re ich und Volk, den sie mit ihrer unvernünftigen Verweigerung dieser Steuer begangen hatten! Sieht man auf der Rechten erst den vollen E r n st zur Verwirklichung einer groß aedachten Jnitia live, so wird inan schon aus Klugheit und Selbsterhal- tungstrieb einzulenken wissen. Wenn aber nicht, dann werden die Reichsleltung und die preußische Regierung die Folgerungen ziehen müssen, wie ihnen das ja auch sonst nicht erspart bleiben wird. Nämlich daraus dar) sich Herr v. Bethmann-Hollweg gefaßt machen, daß dic Rechte jeder wirklichen und wirksamen preußischen Wahlreform den schärften Widerstand entgegensetzen wird. Zum Kampfe wird der Reichskanzler und Ministerpräsident gezwungen werden, falls er nicht ein unrühmliches Schicksal, die Unterwerfung unter den konservativen Willen, vorziehen sollte. So möge er den Stier bei den Hörnern packen und die Reichssinanz- reform vollenden, indem er die Erb anfallsteuer er­neut verlangt. Das wäre eine Politik voll Saft und Kraft, eine volkstümliche Politik, eine, mit der sich siegen lassen würde, wenn Nachhaltigkeit und Freu­digkeit durch alle Stadien dieses Entscheidungsringens festgehalten würden.

Girr soziales Problem.

I-. A. Wiesbaden, 30. Oktober.

Die Katastrophe in der Blücherstraße hat uns ge­lehrt, welch verhängnisvolle Folgen es haben kann, wenn kleine 'Kinder ohne Aufsicht gelassen und womög­lich gar in der Wohnung eingeschlossen werden. Sie hat uns gleichzeitig gezeigt, welche Gefahren den An­gehörigen drohen, wenn die Strasbehörde sich des Vor­falles bemächtigt, die vielleicht ohne das rechte Ver­ständnis für soziale Mißverhältnisse an die Unter­suchung und Verfolgung des Falles herantritt. Die Wiesbadener Staatsanwaltschaft verdient einen solchen Vorwurf nicht, denn obwohl ihr Vorgehen das pein­lichste Aussehen erregt hat, konnte sie in korrekter Er­füllung der gesetzgeberischen Absichten nicht anders handeln. Tie Untersuchung der Ursachen des Unglücks war ihre Pflicht und wenn das Ergebnis eine an Ge­wissenlosigkeit grenzende Fahrlässigkeit gewesen sein sollte, so war eine Verhaftung auch gerechtfertigt, wie­wohl sie auch dann noch immer dem natürlichen Emp­finden zuwider gewesen wäre. Nur wird man fragen können, wie die Behörde zu Schlußfolgerungen ge­langen konnte, die ihr eine Verhaftung als angebracht erscheinen ließen und ob in der Prüfung aller Um­stände und Aussagen auch mit jener Sorgfalt verfahren wurde, daß die Verhaftung sich rechtfertigen ließe. Man kann sich des leisen Verdachtes nicht erwehren, als sei in diesem Falle ein wenig übereilt gehandelt worden.

Aber wie dem auch sei, das ganze ungeheuerliche llnglück hat aus eine Lücke u n s e r e s Wohl­fahrtsystems aufmerksam gemacht. Da das Thema nunmehr zur Erörterung ansteht, sei gleich­zeitig auch noch aus einen weiteren Mangel hingewiesen, der auf den ersten Blick nicht so groß erscheint, immer­hin aber eine hinreichende Bedeutung hat, daß man sich ernstlich damit befaßt. Im ersten Artikel ist bereits gesagt worben, daß alle sozialen Einrichtungen, die der Beaufsichtigung unerzogener Kinder dienen, nur in ge­wisser Hinsicht diese Ausgabe lösen. Doch es ist damit noch ein weiterer Mißstand eng verknüpft, nämlich der, daß die gesamten privaten wie gemeindlichen Wohl­fahrtsanstalten, die sich der Pflege der Kinder gewerb­lich tätiger Personen widmen, am Sonntag und a n d e n F e i e r t a g e n ihren Dienst ein - stellen und vollkommen versagen. Und doch ist die Beaufsichtigung der Kinder an diesen Tagen ebenso not­wendig wie an den Tagen der Woche, da Vater und Mutter ihrer Beschäftigung nachgehen, um den Lebens­unterhalts für sich und die Familie zu erwerben.

Der Sonntag oder der Feiertag gehört der Familie, werden die Bolkserzieher sagen und in sittlicher Ent­rüstung fordern, daß die Eltern wenigstens an diesen Tagen sich ihren Kindern widmen, wenn sie schon in der Woche für die Kinder keine Zeit haben. Gewiß, eine solche Forderung klingt erhaben, aber sie verrät einen

Feuilleton.

(Nachdruck verboten.)

Oer puff-pMtgenZ.

Bergische Skizze von Walther Schulte vom Brühl.

Sein spätes Alter ragte in meine Jugend hinein. Ich sehe ihn noch vor mir. mit seinem kurzen weißen Borstenhaar, mit dem bösen Blick unter_ den noch schwarzen, starken Augenbrauen und in seiner blauen Schreinerschürze, wie er sich beim Aufbau der Ktrmes- buden zu tun machte und wie er mühselig seinen linken Fuß nachschleppte. Die Straßenjugend trieb sich bei den Jahrmarktsvorbereitungen neugierig auf demMarkt- platz des kleinen Städtchens umher, und wenn ^ sie den alten Mann erblickte, dann hänselte sie:He, Püttgens! Puff, puff. Pusf-Püttgens, Pusf-Püttgens, _ wat sind bin Bäck su mager!" Tann ließ er Wohl seine Arbeit an den Tischböcken, auf denen die großen Bretter- tafeln für die Auslagen der Kirmeskrämer ruhen sollten, hinkte aus die Störenfriede zu und warf, ohne ein Wort zu sagen, den Davoneilenden einen Pflasterstein nach. Aber seine Ruhe sollte er nicht finden. Ta hoppelte das Fuhrwerk des schielenden Boten Heumann mit dem Maulesel davor um die Straßenecke. Und der Heumann, feer sonst doch immer, selbst mit den feinsten Kunden, bergisch Platt sprach, zog beim Anblick des alten Schreiners mit einem satirischen Lächeln um den Mund seine löcherige Seidenkappe höflich vom Haupte und sprach im gewähltesten Hochdeutsch:Guten Tag

Wilhelm. Schönes Wetter heute."

Der Gefoppte gab keine Antwort, nur ein besonders böser Blick traf den Botenfuhrmann, der sich aber nicht beirren ließ und fortfuhr:Ja, es ist wirklich sehr

schönes Wetter heute. Wir wollen hoffen, daß es noch eüniüe Wochen so anhält, dann wird der Buchweiz'm

gut gedeihen und dann hat es wegen der Pussertskuchen keine Not."

Nun aber lief die Schale des Grimms bei dem Kirmesböckeschreincr über. Drohend ballte er die Faust und knirschte durch die Zähne:Du verdammden,

scheelen Donnerkiel! Du bös jo to schleiht, dat Lech die Sonn beschinnt."

Und während der Eselssuhrmann befriedigt über den ohnmächtigen Zorn des Angeulkten weiterfuhr, jubelte die Schär der Straßenjungen, die sich, die Unterhaltung zu belauschen, wieder herangeschlicheu hatte, aufs neue:He, Püttgens, puff, puff! Pufferts- Püttgens, Pufserts-Püttgens!"

Wie der Alte eigentlich zu dem Spitznamen kam. wußte wohl keiner der Schlingels. Als ich einmal einen darum besrug, meinte er:Ech gläuw, he Leiht su geern Bookweiten-Pufsertskooken freien."

Aber eines Tages kani daheim die Rede darauf, daß man den Schreiner Püttgens immer so ärgerte und daß sich das eigentlich doch gar nicht gehöre und ordentlicher Kinder unwürdig sei. Und da berichtete mir meine Mutter, was es mit dem Puff-PüitgenS auf sich habe, soweit sie es selber einst Von ihren Eltern er­fahren hatte.

Dic Geschichte ging weit zurück, bis in die Zeit der französischen Fremdherrschaft.Das bergische Heimat­land , so erzählte die Mutter,hat einmal viel aus­zustehen gehabt. Das war, als die französischen Re­publikaner. das zerlumpte Volk, das man die Ohnehosen nannte, ber uns ins Land fielen. Sie taten es aus Wut, weil sich die Deutschen mit ihren Heeren in ihre republikanische Wirtschaft und ihre Köniqsköpfcrei hineingemischt hatten. Na, und da glaubten sie denn ein Recht zu haben, sich besonders ruppig benehmen zu dürfen, und es war eine tolle Wirtschaft. Da wurde jeden Tag gebrandschatzt und geplündert. Kein Mann war seines Lebens und keine Frauensperson ihrer Ehre sicher, und Hunger, Not und Pestilenz herrschten

zwischen Wupper und Agger, daß es Gott hatte er­barmen sollen. In diese wüste Zeit fiel die Knaben­zeit des Püttgens Wilhelm, und das war nicht gerade förderlich für seine Erziehung, wie man sich das wohl denken kann. Nachher wurde es für ein paar Jahre ruhiger und die alte pfalzbayerische Herrschaft wurde wieder hergestellt, bis darin das Franzosenelend aufs neue anfing, wenn auch in einer anderen Fasson. Das war die Napoleonzeit, da wurde unser altes Herzog­tum zum Großherzogtum Berg,, seine Grenzen gingen bis weit nach Westfalen hinein, und französische Prinzen, einer noch so klein, daß er sich das Höschen nicht selber, zumachcn konnte, wurden die Herrscher.

Aber auch d i e Wirtschaft sollte bald em Ende finden. Das sing schon an, als die Macht Napoleons auf den Schneefeldern Rußlands zerbrach. Ta hieß es. für ihn. neue Armeen aus der Erde stampfen, und mehr als zu­vor sollten die eroberten Länder den Blutzoll bezahlen. Auch im Bergischen wurde die Konskription schärfer wie je vorgenommen. Die Jugend des Landes sollte dazu da sein, dem Napoleon die wankende Herrschaft zu sichern, als ihm nun endlich gründlich die Zähne ge- zeigt wurden und die Verbündeten, die Preußen, Öster­reicher und Russen, den großen Kaiser wieder zu einem kleinen Korporal machen wollten. Aber da tlonini(n schon überall dm Begeisterung mächtig auf und die Jugend unseres Landes besann sich darauf, daß es doch eigentlich em schlechtes Werk sein, mit ben Franzosen gegen deutsche J^tbruber zu kämpfen. So kam es denn, daß ern gr-ßer Lerl oer Konskribierten nicht mittun wollte, ^xeie machten sich zu den Preußen durch und ärmere erregten tm Lande. selberUnruhen. trugenFahnen herum mit i-cr Aufschrift: Für Gott und Vaterland! bewaffneten sich und singen an, einzelnen französischen Detachements im bergischen Lande unangenehm zu werden. . Es war im Grunde genommen eine gute, patriotische Sache, aber nach und nach kamen zu den braven, begeisterten Jünglingen, die aus reiner Vater«