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Nr. 505.

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KWienische DetiKie.

Es ist keine Frage, daß wir wenigstens für die unerläßlichsten Forderungen der öffentlichen Gesund­heitspflege heute mehr Verständnis als zu irgend einer Zeit besitzen, leider aber nicht stets mehr Entgegen­kommen. Wir wissen, was hygienisch richtig ist, han­deln aber oft nicht diesem Wissen.entsprechend, häufig verhindert durch Gleichgültigkeit, verkehrte Rechtsans- fassung, Vorurteil oder wirtschaftliche Interessen. Es ist daher auch nicht wahr, daß wir in einem Zeitalter derÜberhygiene" leben. Du lieber Himmelst Unsere Zustände schreien geradezu noch immer nach hygienischen Rücksichten, und noch immer gibt es zahllose und schwere hygienische Delikte. Zu den gröbsten dieser Art gehört die lange Jahre verfolgte kommunale Politik der Stadt­erweiterung, die noch heute in vielen Städten eine durchaus unsoziale ist. Statt den städtischen Baugrund beizeiten und bei günstiger Gelegenheit, auszudeynen, um durch seine wohlfeile Abgabe bei steigender Bevölke­rungsziffer den Bodenwucher niederzuhalten, verkauft man den geringen komrnnnalen Besitz zu Spekulations­preisen. Es läßt sich schon jetzt absehen, daß viele Städte später gewaltige Preise werden zahlen müssen, um nur den Grund für notwendige öffentliche Bauten zu erwerben. In fast allen Großstädten ist der Be­bauungsplan ein mehr oder weniger unhygienischer. Die Städteverwaltungen leisten den rein materiellen Interessen zu wenig Widerstand. Geschähe das. nickst, so würde cs auch in der Mitte der Großstadt sich ge­sünder leben lassen. Vielfach gibt es hinter den hohen Häuserreihen der Großstadtstraßen, selbst noch nahe dem Stadtkern, große Höfe und Gärten mit alten Bäumen, die wie Lungen wirken und dem inneren Stadtkortzer Luft zuführen. Sie sind Stätten der Erholung für die Alten nnd Spielplätze für die Jungen: jedenfalls düden sie Ruhepunkte, kleine Oasen nahe dem Gewuhle der Großstadt. Eine kluge Bebauungspolitrk sollte diese

Wiesbaden, Freitag, LS. Oktober 1SVS.

Stätten, diese stillen Winkel zu erhalten suchen. Doch sie werden immer mehr ein Opfer rein materieller Interessen. Der Boden wird zu Gold gemacht. Noch vorhandene größere Höfe und kleiire Gärten werden mit hohen Miethäusern oder Gebäuden für wirtschaftliche Zwecke besetzt, soweit es die in dieser Beziehung für die innere Großstadt nicht gerade engherzige städtische Bau-, ordnung erlaubt. Jeder freie Raum und jedes Fleckchen Grün verschwindet. Die Stadt selbst verkauft die ihr überflüssig scheinenden Plätze oder Gärten zu den höch­sten Preisen und steigert dadurch selbst die Preise des Bodens innerhalb der Stadt.

Zu den hygienischen Delikten gehört auch eine Poü- tik, wie sie z. B. der preußische Fiskus in der Nähe Berlins mit der Verminderung des dortigen Wald­gebiets aus rein finanziellen Gründen betreibt. Auch der Staat sollte in dieser Beziehung über den reinen Geldpunkt sich erhebe,t. Er selbst hat ein großes Jnker- effc daran, in Rücksicht auf die Volksgesundheit ganz besonders in der Nähe der Großstädte den Wald zu er­halten und leicht zugänglich zu machen. Der Staat ist ein kurzsichtiger Haushalter, wenn er diese Rücksicht ver­gißt: kurzsichtig etwa wie ein Landmann, der zu geizig ist, den Boden kräftig zu nähren, der ihni wertvolle Früchte tragen soll, denn die Volksgesundheit ist der Boden, auf dem einst dem Steuerfiskus die goldenen Äpfel wachsen. Nur ein gesundes Volk kann ein wirt­schaftlich leistungsfähiges und damit ein steuerkräftlges Volk sein. Auch nationale Gründe sprechen gegen jede fiskalische Engherzigkeit auf dem Gebiete der Sozial­hygiene und Kommunalpolitik.

Unsere ganze Wohnungsfürsorge war sie nicht bisher ein grobes Stück sozialer Unnatur? Diese Aus­lieferung der Massen an die skrupelloseste Boden- und Häuserspekulation wird eine spätere Generation als eines der schwersten hygienischen Delikte unserer Zeit betrachten. Es liegt etwas Tröstliches darin, daß man auch gegen diese Unnatur jetzt den Kampf mit großer Energie und nicht ohne Erfolg aufgenoimuen hat, ebenso wie gegen den Lärm, der das allgemeine Wohlbefinden weit mehr beeinflußt, als' alle jene Glücklichen an­nehmen, die nicht unter ihm leiden. Ter unnötige, nervenzerruttende Lärm ist eine Roheit gegen den Nächsten. Die ärztliche Wissenschaft hat längst nachge­wiesen, und kürzlich noch auf Grund zahlreicher Erpcri- mente der japanische Arzt U.' Aosohir, daß durch den Lärm schwere Gesundheitsstörungen herbeigesührt wer­den können. Vor wenigen Wochen hat in London ein internationaler Kongreß gegen den Straßenlärm be­schlossen, die Aufmerksamkeit der gesetzgebenden und städtischen Körperschaften auf den unnötigen und tadelnswerten Straßenlärm zu richten. Tie Weltpresse soll ausgefordert werden, ihre Unterstützung einer Be­wegung zu gewähren, die der Gesundheit und dem

67 . Jahrgang.

Wohlergehen der Gesamtheit nur förderlich sein kann. Aber man sollte sich natürlich ans den Straßenlärm nicht beschränken. Der 1908 gegriindeteDeutsche Antilärm- verein" gibt denn auch schon jetztblaue Listen" ans, die in verschiedenen Städten solche Wohnhäuser verzekch- nen, deren Besitzer oder Vermieter sich verpflichten, im Hause für besondere Ruhe zu sorgen. In New Aork, von wo die Bewegung ausgeht, gehören der Liga gegen den Lärm die sätntlichen Behörden, Schulen, Kranken­häuser, der Polizeiches, die bedeutendsten Ärzte, Juristen und Kaufleute an. In Deutschland befindet sich die Zentralstelle des Lärmschutzbundes in Hannover, stolze- straße 12.

Zu den schwersten hygienischen Delikten gehört namentlich auch die Rauchplage in den Städten und Jndustriebezirken, gegen die sich im vorigen Monate wiederum derDeutsche Verein für öffentliche Gesund­heitspflege" wandte. Tie hygienische Wissenschaft steht heute ans dem Standpunkte, daß die Verunreinigung der Luft ebenso zu beurteilen ist wie die von Boden und Wasser. Es ist überzeugend nachgewiesen, daß schon mäßige Mengen von Ranch und Ruß die Lnngenzcllen angreifen, eine Disposition für akute Lustgenerkrankun­gen schaffen und den Verlauf der Tuberkulose verschlim­mern. Ter genannte Verein verlangt daher, das; eine amtliche Reichszcntrale zur Bekämpfung der Ruß- und Rauchplage geschaffen wird.

Vielleicht noch mehr Gefahren drohen vom Straßen­staub, der bekanntlich einer der vornehmsten Bazillen­träger ist. Seine Bekämpfung ist in: wesentlichen eine Geldfrage: doch sind einsichtige -Stadtverwaltungen immer mehr bestrebt, trotz der hohen Kosten den Straßenstaub nach Möglichkeit zu unterdrücken, obwohl auch hier, gleichwie gegen Ranch und Ruß, weit mehr als bisher'geschehen könnte. Eine der schwierigsten hygienischen Fragen ist die Verunreinigung des Wassers durch Abfallstoffe nnd Fäkalien. Ob ein Wasserlauf sich selbst reinigt, ist noch keineswegs cinwandsfrci ent­schieden. Eine so hervorragende Autorität wie Geheim- rat Koch hat gelegentlich der Gelsenkirchener Typhus­epidemie 1904 als Sachverständiger vor Gericht ausge­sprochen, daß nach seiner Überzeugung jeder Fluß, den: Fäkalien zugeführt werden, Krankheitskeime enthält: unter Umständen auch Typhusbazillen. Man muß also noch immer die stets ärger werdende Ncrunreinigun» der Wasserläufe zu den schlimmen hygienischen Delikten rechnen. Alle diese Delikte sind leider fast die ständige Begleiterscheinung unseres gesamten öffentlichen und privaten Dckseins: bietet doch allein der Nahrungs­

mittelverkehr mehr als reichlichen Stoff zu diesem wich­tigen Kapitel. Wer daher vonÜberhygiene" redet, der ist entweder gleichgültig gegen wichtige Bedingungen der Volksgesundheit oder er kennt die bestehenden Ver­hältnisse nicht.

KemÜetmr.

Mnsliche Feste im nlieu Floren;.

Von Dr. Walter Bombe (Florenz).

Uber das freihcitsstolze Florenz hat sich während des 14. und 15. Jahrhunderts nicht der Glanz einer fürstlichen Hofhaltung gebreitet. Während in den Städtcn Ober- und Mittelitaliens die Herrscherhäuser der Sforza, der Scala, der Visconti, der Malatesta, der Montefeltre und andere in die Kultur- und Kunstentwicklung bestimmend eingriffcn, war in Florenz das bürgerliche Element maßgebend. Bürgerliche Körperschaften, wie die Zünfte, waren in den unendlichen Wirren der Parieikämpfe die festeste Stütze des Siaatsgefüges, und übernahmen die Leitung der monumen­talen Bauschöpfungen, wie z. B. die Wollenzunft den Bau des Florentiner Doms leitete, uird die einzelnen Zünfte bei der Ausschmückung von Or San Michele miteinander wett­eiferten. Mit dem zunehmenden Reichtum der Stadl wuchs das Bedürfnis nach Luxus. Das häusliche Leben gestaltete sich reicher und vielseitiger. Einzelne Familien gelangten zu solcher Macht und zu solchem Reichtum, das; ihre Haus­haltung wohl dem Hofhalt eines Fürsten verglichen werden konnte. Im allgemeinen aber war die Lebensweise im republikanischen Florenz einfach und anspruchslos. Auch das Familienleben war trotz Boccaccio und Francesco Saccheiti im allgemeinen ein harmonisches und be­glückendes.

Die Frau war dem Manne gleich geachtet, und auch die Bildung der Frau in den höheren Ständen wesentlich die­selbe wie beinl Manne. Söhne und Töchter ließ man oft gleichzeitig in den alten Sprachen unterrichten, da man in dieser neu-antiken Kultur den höchsten Besitz des Lebens er­blickte. Viele Frauen gelangten zu einer wahren Virtuosität im lateinischen Sprcchen und Schreiben. Es ist ein be­sonderes Verdienst der Frau der Renaissance, daß sie, zuerst Ul Europa, es versuchte, das Hauswesen und Bewußtsein als ein geordnetes,^ ja als Kunstwerk auszubauen. Das schüchterne, in vorstchttgem Gehorsam erzogene Mädchn bildete sich schnell zur sicheren Gebieterin der Dienerschaft

aus. Ein höchst rationeller Hausbau, der noch heute für unsere Wohnungen vorbildlich ist, erleichtert ihr die Aufgabe. Die Söhne werden ohne alle unnütze Härte,mehr mit Autorität als mit Gewalt" erzogen. Eine sehr entwickelte Ökonomie kommt dazu; man lebte sparsam, aber man ver­stand auch zu repräsentieren, rind Giovanni Rucellai rühmt seinen Zeitgenossen nach, daß sie in hohem Grade die Fähig­keit des geschmackvollen Geldausgebens besaßen,das keine geringere Tugend sei als das Gelderwerben".

Bezeichnend in dieser Hinsicht ist folgendes Gcschichtchen: Einer der Sprößlinge Papst Jnnocens VIII., Francesco Cibo, der Maddalena, die Tochter Lorenzos des Prächtigen, hctmzuführen auserlesen war, kam nach Florenz, um das Haus der Medici kennen zu lernen, und Lorenzo veranstaltete alsbald dem zukünftigen Schwiegersohn zu Ehren ein paar rauschende, glänzende Festlichkeiten. Danach aber fand sich der Gast zu seiner größten Verwunderung an der einfachen Mittaastafel eines gutsituierten Bürgers. Er erschrack förmlich, indem er sogleich auch an die Enttäuschung und das Räsonnieren seiner zahlreichen Gefolgsleute dachte, die in einem mediceischen Ncbenpalast beherb.rgt wurden. Unter irgend einem Vorwände rekognoszierte er, wie cs da wohl stehe, erfuhr aber seinem abermaligen verblüfften Staunen, daß bei dem Gefolge fortwährend auf da^ üppigste ausaetischt wurde und höchstes Erdengluck herrschte.

Mit einer wahrm Leidenschaft nahmen sich die Medici der ritterlichen Übungen, namentlich des Turnierwesens an, und suchten gerade hierin zu Zeigen, das; sie die unadligen Privatleute, es jedem Fürstcnhof gleich zu tun vermochten.

Unter Cestmo dem Alten (1459), dann unter Picro und Lorenzo fanden weltberühmte große Turniere in Florenz statt. Piero der Jüngere vernachlässigte über solchen Be­strebungen sogar das Regieren und wollte nur noch im Harnisch abgemalt sein. Außer den ritterlichen Turnieren, die mit weitgehender Etikette und mit größtem Luxus in Szene gesetzt wurden, veranstaltete man Blumenscste, Pro­zessionen, Karnevalsumzüge und Trionsi mit verkleideten Reitern und Fußgängern, mit mächtigen geschmückten Wagen, die mythologische nnd historische Kostümgruppen durch die Zuschauerreihen trugen. Lorenzo ik Magnisico selbst inszenierte solche Faschingsgruppcn und verfaßte dazu

poetische Beglcittexte. Die historischen Festzüge, die in den letzten Jahrzehnten besonders in unseren deutschen Kunst­städten mit neuerwachter Farben- und Gestaltungsfreuds wieder ausgenommen werden, finden ihr direktes Vorbild in der spezifischen Form der altitalienischen Karnevals- proz ssion. Die künstlerische Durchbildung solcher öffentlicher Lustbarkeiten erstreckte sich in der glücklichen Zeit ocr Renaissance auch auf die Lebensführung im Hause und auf häusliche Feste. Bildliche Darstellungen :md Beschreibungen von Zeitgenossen geben uns noch heute eine lebhafte Vor­stellung von glänzenden Hochzeitsfesten der Renaissance. Auf einer Spalliera-Tafel der Florentiner Akademie haben wir eine entzückende Schilderung der Hochzeit des ^-occacc>o Adimari mit der edlen Lisa Ricasolr ans dem Anfänge do Quattrocento: Der Hochzeitszug beginnt an der Einmün­

dung.des Corso Adimari, im Hintergründe sehen wir den Dom, das Baptisterium und die sich unmittelbar daran an­schließende Stadtmauer, überragt von den Hügeln, Garten und Villen der Umgegend. Von der Loggra d's Adimari wo lustige Musik ertönt und Diener intt der Zurustung des Hochzeitsmahles bcscbä gt sind, bewegt sich unter improvi­sierten Zeltdächern de. Zug von Edelleuten mit ihren Damcn in Festkleidung nach dem Baptisterium zu, wo d>e feierliche Zeremonie stattfinden soll. Die bizarre Tracht der Zeit ist mit größter Sorgfalt wiedergegeben; so die gewaltigen Kopfbedeckungen und Zazzere von Brokat, Samt nnd Seide bei den Kavalieren und die Schleppklcidcr, Hauben und Schleier nach neuester französischer Mode bei den Frauen.

Die Hochzcitsscste der Renaissance fanden, wenn sie glanzvoll waren, stets im Freien statt. Selbst der gewaltige Palazzo Medici in Via Largo bot für die Menge der Ein- gcladenen nicht genügend Raum, als Lorenzo il Magnifico am 4. Juni 1469 mit Clance Orsini Hochzeit hielt. Der Florentiner Pictro Parcnti hat uns eine getreue Schilderung der Festlichkeiten hinterlassen, die Lorenzo seiner Braut zu Ehren veranstaltete. Vom Sonntag bis zum Dienstag wur­den fünf Gastmähler in den Loggien und den Gärten des Palastes gegeben. Am Sonntag früh hielt die Braut aus einem herrlichen Zelter, den der König von Neapel Lorenzo geschenkt hatte, feierlichen Einzug in den Palast, wo die Familie Lorenzos sie inmitten ibrer Kunstschätze erwartete.