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Nr. 498. Wiesbaden, Mon ag, 25. Oktober 1909.
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Freitzerr von der Goltz als Irlepljiitoiläcr.
Man weiß längst, daß der Generaloberst Freiherr von der Goltz zu unseren ersten Militärschriftstellern gehört. wenn man nicht vielleicht sagen soll, daß er überhaupt an erster Stelle steht. Er hat die glückliche Gabe eines klaren und flüssigen Stils: der Leser seiner Schriften empfängt nicht bloß Belehrung, sondern er wird erfreut durch die vornehme Sicherheit einer musterhaften, bei aller Schlichtheit eleganten Diktion. Die Verwandtschaft mit dem Stil Moltkes fällt sofort und angenehm auf. Hatte sich Freiherr von der Goltz bis dahin wohl ausschließlich an seine Fachgenossen gewendet, so tritt er jetzt mit einem groß angelegten Werk vor das gebildete Publikum aller Berufe, und dies Buch wird nach Gebühr beachtet werden. Für die schöne, im Verlage von Georg Bondi in Berlin er- scheinendeSammlung: „Das 19. Jahrhundert in Deutschlands Entwicklung" übernahm Freiherr von der Goltz eine Darstellung der Kriegsgeschichte Deutschlands im a£>gelaufcnen Jahrhundert, und setzt liegt der erste Teil dieses Werkes unter dem Sondertitel „Im Zeitalter Napoleons" in der Stärke von 816 Seiten vor. Eine Übersichtskarte und 60 Textskizzen, alle von der Hand des Verfassers, sind dem Buche beigegeben. Dieser neue Band des genannten Sammlungswerkes schließt sich in würdigster Weise den früher erschienenen an, nämlich der „Geschichte der geistigen und sozialen Strömungen des 19. Jahrhunderts" vomStraßburger Professor Theobald Ziegler, sodann der „Deutschen Kunstgeschichte von Professor Cornelius Gurlitt, ferner der „Literaturgeschichte" vom Professor Richard M. Meyer, weiterhin der „Politischen Geschichte im 19. Jahrhundert von Professor Georg Kaufmann in Breslau, endlich der „Geschichte der Deutschen Volkswirtschaft im 13. Jahrhundert" vom Professor Sombert. Schon ein flüchtiger Blick in das Werk des Freiherrn von der Goltz zeigr, daß der Verfasser die großen Zusammenhänge zwischen der Kriegsgeschichte und den politischen, wirischaft-L- politischen, nationalen Strömungen und Ereignissen stets mit eindringlicher kritischer Überlegung und Überlegenheit festhält. Auch das Vertraute, uns allen
längst zum festen Besitztum Gewordene des geschichtlichen Ablaufs wirkt in Goltzs Darstellung neu und eigentümlich. Es ist ein hoher Genuß, ihm auf den verschlungenen Wegen zu folgen, die von der Erstarrung und der sogleich sich anschließenden Zertrümmerung des vreußischen Staates und des preußischen Heeres nach Friedrichs Tode wieder aufwärts führen durch Not und Elend bis zu der herrlichen Erneuerung und Bewährung der sittlichen, geistigen, materiellen Volkskräfte in den Kriegen von 1813 bis 1815. Wir können hier naturgemäß der Goltzschen Darstellung nicht nachgehen, auch nicht andeutungsweise: die Aufgabe wäre unmöglich, es kann aber auch überhaupt nicht unsere Ausgabe sein. Dagegen möchten wir eine Probe geben, aus der man, da ein bedeutender Militär spricht, fachlich etwas Besonderes mitnehmen wird, während zugleich Art und Stil des Verfassers mit plastischer Bestimmtheit zu uns reden werden. Freiherr v. d. Goltz lobt an der Armee Friedrichs des Großen, was nur irgend zu loben ist. Tann aber fährt er fort: „Als in Preußen der belebende Einfluß des großen Königs mit feinem Tode schwand, blieb eine bis aufs höchste hinaufgeschraubte Kunst der Truppenbewegung übrim Ter E x e r z i e r m e i st e r ersetzte allmählich den Feldherr n. Die Epigonen, deren Pflichtgefühl es alle Ehre macht, daß sie nicht ruhen wollten, sannen mit grillenhafter Mühe nach, wie sich die Schnelligkeit in der Bewegung der Heeresmaschine nach steigern, btc Ordnung noch erhöhen, die Schönheit des Anblicks noch vermehren ließe. Was Mittel zum Zweck gewesen war, ward mit der Zeit zum Selbstzweck. Stundenlang wurde zwischen den Offizieren mit heiligem Ernste über die Betonung eines Kommandowortes, die Ausführung einer Wendung nfw. gestritten. Die abenteuerlichsten Erfindungen wurden gemacht, um ein paar Sekunden zu sparen oder eine Bewegung noch straffer und genauer auszuführen. So glückte cs denn, die langen Linien von 20 und 30 Bataillonen nach Kanonenschüssen avancieren und retirieren, antreten, halten und feuern zu lassen, wie auf Kommandowort. Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks arbeiteten alle Teile der lebenden Maschine. Das geschah auch noch, als der Feind nicht mehr in starren Linien dastand, sondern in beweglichen Kolonnen herankam oder auswich. Wie man es trieb, so meinte man, hatte es der große König getrieben und seine Siege erfochten, so allein konnte man auch in Zukunft siegen. Daß für diesen Sieg der Gegenstand, eine Phalanx, fehlte, deren Kraft gebrochen war, wenn man ihre Ordnung störte, entging dem verschleierten Blick der Exerzierkünstler. Und doch wird in der Literatur der Zeit dem preußischen Heere noch immer nachgerühmt, daß bei ihm nichts geschähe und nichts geübt würde, was keine Beziehung
zum Kriege besäße.Vom Leutnant bis hinauf
zum Brigadekommandeur kam es nur darauf an, im rechten Augenblick am rechten Fleck und auf dem richtigen Fuß ein Kommando hervorzustoßen. Gefpann-
Femlleton.
Semesternnfang vor 200 Jahren.
Tie Zeit des Semesterbeginnes ist gekommen. So manche Eltern sehen sorgenvoll ihre Kinder in die Großstädte hinauszichen, und fürchten, was für Einflüsse der Verkehr und das Leben fern von dem Elternhause aus das Kind, das bisher gehütet und gehegt war, haben könne. Vernünftige Eltern, die es heutzutage ja glücklicherweise in der Überzahl gibt, wissen, daß aus einem selbst tollen Studenten ein tüchtiger Mann werden kann, und daß die Furcht vor der Zukunft durchaus unbegründet fein kann, selbst wenn der Herr Student ein wenig über die Stränge haut. Früher in der guten alten Zeit — so werden sie sagen — war alles anders. Früher — so werden die Eltern dem leichtsinnigen Sohne Vorhalten — studierte man und war froh, wenn man nicht zu viel Geld Verbrauchte. Aber nein! Früher gab es auch flotte Studenten, und ein Brief aus fener guten alten Zeit, die schon ganz sagenhaft ist, beweist, daß auch früher die Eltern es oft nötig hatten, sich als Beispiel anzuführen.
Ein Originalbrief, den Wolf Dietrich p. Beichling, der Sohn des kurfürstlich sächsischen Oberkonsistorial- präsidenten und Besitzers der Rittergüter Cschorna, Baselitz und Dollwitz von seinem Vater bekam, gibt ein interessantes Beispiel dafür, daß das Universitätsleben in lener Zeit mindestens so ungebunden war wie heutzutage. Es dürfte bekannt sein, daß Wolf Dietrich v. Beichlingen Großkanzler des Königs Augusts des Starken gewesen, und daß er in der sächsischen Geschichte einen ominösen Namen erlangt hat. Seinen Intrigen setzte erst die Gräfin Kofel ein Ende, und sie brachte es fertig, den Promrnrster zu stürzen. Jedenfalls war Wolf Dietrich ein außerordentlich lebenslustiger
Student, und als er einst an seinen Vater einen Brief schrieb, der den nachdrücklichen Zweck batte, van Hause eine größere Geldspende zu veranlassen, erhielt er folgende Antwort:
„Geliebter Sohn Wolf Dietrich. Ich habe zwar aus Deinem am 24. Juli überschickten Schreiben ersehen, daß die 200 Thaler zu recht kommen, daraus aber von der zugleich mit beigefügten Rechnung wahrgenummcn. daß solche nicht zureichen, sondern hierüber noch 62 Taler von Nöthen sein wollen. Ist das die verbesserte menage, so man angelobet hat. Tu Schlingel? Da bin ich derselben wenig gebessert noch weniger aber ver- sichert, daß darauf was Gut.es erfolgen kann, denn nun. mermehr bei solchen Extraaufwendungcn. wie aus dem Kosten-Ceddul zu ersehen, ber deren ContrnuaUon mit dem verordneteu Tepudat auszukommen ist. Wenn es allhier sehr theuer, so hät.esi a-u uhr,acy gehabt, ^.ch mehr der Fruaalität zu befleißigen. Wenn Vetter Friedrich, so mst Dir zusammen hauset, freye Stube Kleider und andere Notwendigkeiten ball wozu braucht er denn dm in Rechnung gegebenen 20 ^.aler? Macht mich nicht dümmlich- Ich habe auch Universitäten ste-. quentieret, an die 8 Jahre, aber mit einem vrcl weniger auskommen müssen. Oh Ihr Straßenstreicher und tollen Zapfen, das bin ich mein Lebtage nicht gewesen, sondern ein ftilles,adeliges Leben geführt. Tie Kollegin sind zwar gut und nützlich, wenn sie nur allso. wie geschrieben, mit gebührendem Neiße tractiret werden. Allein es verscheinet, daß man mir mit solcher Liquidation eirren blauen Tunst vormachen will. Wer ist denn aber der alberne Tropfen? Wolf Dietrich heißt er. Ich habe Dich so treulich gewarnt, böse Gesellschaft als wie den Teufel f t t zu meiden und die Schlägerei ernstlich untersagt. Hast Du danach geachtet? Ei ja, das contrarium. Du Straßenstreichcr. Hast Tu nicht mit anderen losen und frechen Gesellen, da bei auch der ante
57. Jahrgang.
teste Aufmerksamkeit und große Anstrengungen waren dazu notwendig, nicht aber Nachdenken, Urteil und selbständiger Entschluß. Unter einem tüchtigen General stellte man sich einen Mann vor, der mit unfehlbarer Sicherheit und maschinenartiger Gleichmäßigkeit dem Treffenkommandanten das Kommandowort abnahm und es ebenso weitergab. Tag für Tag, jahraus, jahrein wurde das Gleiche wiederholt. So tötete man allmählich die Geisteskraft zu eigener Betätigung ..... Weit schlimmer waren andere Übel. Das Überraschendste von allem, was später in dem unglücklichen Kriege hervortrat, ist die geradezu unglaubliche Unselbständigkeit der Führer. Wir können uns heute nur noch schwer hineindenken in die vollkoinmene Hilflosigkeit, in welche brave, ihren Anlagen und ihrer Vergangenheit nach tüchtige Männer auch in den einfachsten Gefechtsver- hältnissen gerieten, sobald sie aus dem großen gewohntem Gefüge der von einem Einzigen kommandierten Trnppenmasse herausgerissen und auf sich selbst gestellt waren." Man sieht, Freiherr von der Goltz weiß lebendig zu gestalten, und so wie diese Probe ist das Buch: eine reife Frucht in schöner Schale, eine höchst wertvolle Gabe in gewinnender Darbietung.
Uo Mische MeesrchL.
Sichere und rrrrstchere Wahlkreise»
Tie Landtagswahlen in Sachsen und in Baden haben für die Liberalen viel weniger Hauptwahlsiege gebracht als für die Konservativen (bezw. in Baden für das Zentrum) und die Sozialdemokraten. Die Liberalen sind hier wie dort hauptsächlich auf Stichwahl- s i e g e angewiesen. Man bezeichnet es nun gewöhnlich als eine Schwäche, wenn eine Partei ihre meisten Mandate erst in der Stichwahl erlangt, also „auf den -Krücken" anderer Parteien ins Parlament einzieht. Mit Unrecht! Welche Wahlkreise sind es denn, in denen eine kompakte Mehrheit gleich im ersten Wählgang siegt? Die rückständigen ländlichen Bezirke, die der Industrie und der höheren Bildungsanstalten entbehren, entsenden im ersten Wahlgang Zentrumsleute, wie in Bayern, oder Konservative, wie im ostelbischeii Preußen. Dagegen wählen sofort sozialdemokratisch die großen Industriestädte, in denen die industriellen Lohnarbeiter an Zahl die anderen Bevölkerungsschichten zusammen überwiegen. Industrielle Kreise mit vielseitigen Interessen spalten sich politisch, und es kommt deshalb zu Stichwahlen. Politische Spaltung von Wahlkreisen ist ein Zeichen ihrer vorgeschrittenen ökonomischen Entwickelung, ihres lebhaft pulsierenden politischen Lebens und ihres regen geistigen Kampfes. Diese Kreise sind also denen mit sicheren Mehrheiten für eine bestimmte Partei, die immer entweder eine zurückgebliebene oder eine radikale ist, überlegen. Das sollten sich die Politiker, die auf ihre „sicheren Wahlkreise" so stolz sind, doch auch einmal überlegen-,
stnpfzeisig Hans v. Spor gewesen, ehrlicher Leute Häuser stürmen geholfen, das mit meinem höchsten Umnute unt- jerzkrampfenden Schmerz erfahren müssen? Wenn nun der Schuß, so aus dem angefallenen Hause gelowt, so wohl Dich als einen anderen getroffen, wie er denn nach dem Berichte I>r. Falkners Dir gelten sollen, wer wollte sagen, daß es nicht verdienter Lohn und Werth rochK, daß der Magistratus Äkadernikus solch göttliche Begünstigung annoch exemplarisch er offrzns strafen täte?
SBent nidjt roifjen, bont ift lticfjt alt Reifen, unft mbc ich deshalb Bedenken, Dir einen Groschen zu schicken che und bevor vernehme, wie obgedachte Händel , u ' fustifiziren oder abzuleiten vermeinest. Die Muhme Schlcinitzin. so zum Besuch, schickt Dir für eine Saufschuld 15 Taler. Die 20 Taler für eine Kvllegien- chuld- * Tie gnädige Mama ist sehr böse und ungehalten ind weiß nichts davon. Ter Postreiter wird Deine ifntwortschast nbholen. Der Muhme mögest Du von >em Ohm Wolsfen auf Lindenau Bibsainbürlein mit- chicken. Mehr vor diesmal nicht, als Gott zur Vcr- ühung nöthiger Buße. Datum Cschorna am 20, Ok-
)ber 1678.
Dein treuer Vater
G. H. v. Beichling."
Königliche Schauspiele.
Samstag, den 23. Oktober, neu einstudiert: „Die. berühmte Frau". Lustspiel in 3 Akten von Franz v. S ä> ö n- t f) a u und Gustav Kadclburg.
Schönthans und Kadelburgs unterhaltsames — nur unterhaltsames — etwas sehr in die Länge geratenes Ltisi-- spiel „Die berühmte Frau" erlebte am Samstag nach seinem früheren früchtereichen Dasein eine fröhliche Wiedergeburt. Es fand ein zahlreiches Publik UNI. das sich recht dankchar da-
