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Nr. 4S».
Wiesbaden, Freitag, 22. Oktober IVOS.
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S7. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Mtatt.
Neuerungen im Erersierreglemrnl.
Nachdem das im Mai 1906 ausgegebcne neue Reglement für die Infanterie längere Zeit im Gebrauch der Truppen gewesen, hatten diese über die damit gemachten Erfahrungen zu berichten und gleichzeitig Abänderungsvorschläge einzureichen. Auf Grund dieser Berichte sind jetzt umfangreiche Deckblätter erschienen, die schon seit geraumer Zeit mit großer Spannung erwartet wurden.
Wir haben schon mehrfach darauf hlngewiesen. Daß ein vernünftiger Drill für die Ausbildung der Truppen notwendig ist, daß aber jetzt noch vielerlei verlangt und geübt wird, was für die kriegsgemäße Ausbildung Der Truppen nicht erforderlich ich Der Wegfall aller Übungen, die nur Paradezwecken dienen, zugunsten einer besseren gefechtsmäßigen Schulung wurde gefordert. In dieser Hinsicht bedeuten die neuen Änderungen einen Fortschritt. Mag dieser auch noch so klein und gering fein, er ist doch mit Freuden zu begrüßen.
So ist zwar der Exerziermarsch noch nicht gefallen, aber es wird jetzt besonders daraus hingewiesen, daß es fehlerhaft ist, den Fuß dabei höher zu heben, als es zur Erreichung der 'Schrittlänge nötig ist und ihn mit übertriebener Gewalt niederzusetzen. Damit ist wenigstens die Möglichkeit gegeben, den Stechschritt in angemessener Form zu halten. Ein weiterer großer Fortschritt ist die Bestimmung, daß er bei Ehrenbezeigungen geschlossener Abteilungen nicht mehr angewendet wird. Eine solche nimmt auf das Kommando nur die Köpfe und die Augen nach dem Vorgesetzten hin, verbleibt aber im Gleichschritt.
Dos Laden und Sichern geschieht nur noch km Rühren und nicht mehr auf Kommando, sondern nur noch auf Befehl. Damit ist eine schon oft erhobene Forderung endlich erfüllt. Die Ausführung erfolgt in bequemer jägermäßiger Weise, indem das Gewehr schräg vor die Brust genommen wird, die Mündung hoch links. Wenn geschlossene Abteilungen feuern, so erfolgt dies vom vordern Glied stets knieend, vom hinteren stehend. Diese Körperhaltung wird von den Leuten von selbst
angenommen. .
Der Bataillons-Tambour hat den Tambourstock nur noch bet Paraden und Wachen beibehalten, in allen anderen Fällen trägt er ein Signalhorn, mit dem er dw notwendigen Zeichen gibt. Im Gefecht tritt er zu Dem Bataillonskommandeur. .
Die geschlossenen Formationen haben eine Vereinfachung erfahren. Die Ha lh z u g s k o I o nn e ist gänzlich weggefallen. Tie Übergänge aus einer Kolonne in die andere, Abbrechen und Aufmärsche find wesentlich vereinfacht. Dadurch erfährt das geschlossene Exerzieren
überhaupt eine Einschränkung, die einer besseren Gefechtsausbildung zugute kommen kann. Wahrend die reglementarischen Formen hierdurch eme Vereinfachung erfahren haben, ist dem Kompagnrechef die Möglichkeit gegeben, auch andere als in den Vorschriften aufgeführte' Formveränderuugen ausführeu zu lassen, so bald er es nach der Gefechtslage und der Geländegestaltung für notwendig hält. Durch diese Freiheit erfährt die Selbständigkeit der Ko mp a g n tc« führen eine wesentliche, dringend erforderliche Erweiterung.
Damit ist auch endlich der Vorwurf beseitigt, den man so oft hörte: Aber, Herr Hauptmann, das steht ja oar nicht im Reglement!
Eine Erleichterung beim Exerzieren ist Da- durch herbei geführt, daß bei Aufmärschen und Ab- brechen immer die Abteilung im Kommando angegeben werden muß. aus die die betreffende Bewegung ausge- sührt wird. Die Bestimmung, daß dies tn der Regel auf die mittelste Abteilung zu erfolgen hat, ist dadurch hinfällig geworden.
Wieder eingeführt ist das alte gute Kommandowori. „Front", das bisher durch das Kommando „Kehrt!" ersetzt worden war. Es hatte sich aber als praktisch hcr- eilsgestellt, für die. Herstellung der ursprünglichen, gegen den Feind gerichteten Front ein besonderes Kommando zu verwenden.
Die Stur m st el lii n g, aus der zum letzten Sturm angetreten wird, lag bisher auf 160 Meter vom Gegner entfernt. Sie ist jetzt: auf 100 Meter an die feindliche Stellung herangerückt. Tie Erfahrungen Der letzten Kriege haben gezeigt, daß die Infanterie nicht in der Lage ist, von 160 Meter aus in einem Sprunge und in einem Atem bis an bcn Feind heranzukommen und daß es auch bei dieser Entfernung nicht immer gelingt, den Gegner zu vernichten.
In der S ch ü tz e n I i it i c sollen Befehle, wenn die Stimme der Führer im Kampfeslärm nicht mehr durchdringt, von Mann zu- Mann weitergegeben werden, während dies bisher nur Sache der Gruppenführer war. Dabei soll, um Mißverständnisse zu vermeiden, jedesmal angegeben werden, von wem der Befehl kommt und für wen er bestimmt ist. Auch schriftliche Befehle können auf diese Weise befördert werden
Die Erfahrungen des russisch-japanischen Feldzuges lassen ihren Einfluß erkennen. Auf das Üben der Bewegungen und deö Angriffs bei Nacht wird besonderer Wert gelegt. „An.sichere und geräuschlose Bewegungen bei Nacht muß die Truppe gewöhnt werden." — Auch die Bestimmungen über den Angriff gegen eine befestigte Feldstellung haben eine wesentliche Erweiterung erfahren. Im besonderen trifft dies das Erkunden Der feindlichen Stellung und das Verhalten, wenn es nicht in einer Nacht gelingt, sich bis zur Sturmstellung au den Gegner heranzuarbeiten, sondern, daß es dazu noch ’ einer zweiten Nacht bedarf. Man gedenkt dabei ohne
weiteres an die mehrtägigen Kämpfe in der Mand-
^ U $Öei allen Gelegenheiten ist auf die Maschtncu- g e w e h r e hingewiesen. Es war dies uotwendrg, fen- dem diese der Infanterie als integrierender Bestandteil als besondere Maschinen-Gewehr-Kompagnie zugeteiU sind. Es wird nicht mehr lange Zeit vergehen, bw jedes Infanterie-Regiment über eine derartige Kom-
Wenn man die durch diese Deckblätter gegebenen Änderungen übersieht, muß man sagen, daß^ste einen Schritt vorwärts bedeuten in dem sinne einer erweiterten und vermehrten kriegsmäßigen Ausbildung. Es ist wenigstens der A n f a n g gemacht, an allen nicht mehr zeitgemäßen Formen M rühren und zu rütteln. Möchten recht bald weitere Deckblätter folgen, die diese Arbeit fortsetzen und zunächst mit dem Exerzier marsch und den Paradegristfen gänzlich aufräumen!_ ^
Der Beherrscher der Vereinigten Msten.
wk. Washington, 19. Oktober.
Man kann in europäischen Blättern häufig die Mei- nuiig finden, daß der Präsident der Union über eine Machtfülle verfüge wie kauni ein Herrscher selbst eines halbkonstitutionellen Staates. Das Nt theoretisch nicht ganz unrichtig und ebenso läßt sich die — ebenfalls oft geäußerte Ansicht verteidigen, daß me eigentlichen Machthaber des Landes im Senate faßen. Aber beide Dikta bedürfen doch einer wichtigen prinzipiellen Einschränkung. Sie gelten nämlich nur für die äußere Politik des Landes, die heute fast nur vom Präsidenten, bis zu MacKinleys Zeiten mehrere jahrzehntelang fast nur vom Senate gemacht wurde. Die andere ^-erte des staatlichen Lebens aber, die innere Politik, hat sich durchaus verschieden entwickelt, und es ist ganz gut. diesen Piriikt letzt einmal etwas genauer zu erörtern, wo über die Stellung Taft s zu den brennenden Tagesfragen und seine möglichen Erfolge sowie! geredet wird. Die „Väter der Konstitution" waren be- kanntlich in erster Reihe buchstabengläubige Theoretiker und manche von ihnen gut gemeinte Maßnahme hat infolge ihrer Unkenntnis der Praxis sich ganz anders entwickelt, als sie annqhmen. Dazu gehört auch das Präsidium der zweiten Kammer (die „Kpenkersbip of the house of Representatives"). Übernommen ist die Einrichtung natürlich aus England, aber nur die Schale, der Kern stellt sich, zumindestens heril ganz anders dar und es ist bezeichnend, wie sich schon in Äußerlichkeiten die verschiedenartige Stellung der beiden Würdenträger äußert. Ter Unterhaus-Speaker führt ein Zepter als Zeichen seiner Würde — der Repräsentantenhaus-Speaker einen Hammer. Im ganzen diente das Amt des letzteren nie bedeutenden Männern als Sprungbrett, itur einer von 35 fand den Weg ins
Feuilleton.
Das Leben meines Vaters.
Von Paola Lombroso.*)
Berufenere Kritiker als ich, werden von den anthropologischen und kriminalistischen Lehren erzählen können, me das Werk meines Vaters bilden; ich will mich begnügen, die Stadien und Etappen seiner Entivicktung auszudeckm, die er in seiner wissenschaftlichen Denkarbeit durchlaufen. Eme solche Darstellung ist mir als interessant erschienen, nrcht nur weil sie völlig unbekannte Tatsachen enthält, sondern noch mehr, weil sie den logischen und ununterbrochenen ^aden aufweist, der sein ganzes Leben und Wirken verbindet, so daß cs unmöglich ist, das eine von dem andern zu trennen.
Niemand wird so leicht erraten, was für ein Lieblings- studlum der spätere Jünger der Kriminalistik sich als ganz junger Mensch erwählte: Mein Vater wollte Philologe werden. Als Kind schon hatte er sich für Griechisch und Lateinisch begeistert, hatte sich vertieft in. Tacitus, Sallust, Livius und hatte mit 12 Jahren einen „Essay über die Größe und den Verfall Roms" veröffentlicht, der in einem so beredt rhetorischen Stil geschrieben war, daß man diese Arbeit eher einem alten Professor von 60, als einem Jungen von 12 Jahren hätte zuschreiben mögen. Für seine philologischen Studien fand er glücklicherweise einen würdigen Führer in einem wenig bekannt gewordenen genialen Forscher Paolo Marzolo, der im Rcvolutionsjahr 1848 den Anfang einer über den aufgeregten Verhältnissen nicht beachteten Arbeit „Die historischen Denkmäler, ergründet durch
*) Die Tochter und Mitavbeiterirb des berühmten, nun dalhingeschiedenen Begründers der KriminaGshchologie hat Gran Vater zu seinem 70. Geburtstage m der Variier „Revue" ein ßeffchndeS LelbensbAd gewidmet, >in dem sie mit
auta toMexaefeu
D. Red.
die Analyse des Worts" veröffentlicht hatte. Mein Vater wurde durch dieses Wert tics ergriffen und widmete ihm in einem kleinen Veroneser Blatte einen Artikel, der die Neu- aier Marzolos erregte. Da er eine solch kompetente Beurteilung keines Forschens noch nicht erhalten hatte, schrieb er an den Verfasser und gab dem Wunsche Ausdruck, ihn persönlich kennen zu lerne,i. Mein Vater begab sich also nach Previso, und das Hcrz klopfte ihm wie mit Hamnierschlägen, als er vor Marzolo erschien. Man kann sich das Erstaunen des Gelehrten bei dem Anblick des jungen Burschen von 14 Jahren vorstellen, der nicht älter als 12 erschien; er flößte ihm sogleich das lebhafteste Interesse ein.
Mein Vater verließ nun die Schule, itm sich als eifriger Fünwr seinem Meister anzuschlietzen. Er studierte mit ihm Ebaldäiich Koptisch Chinesisch, Hebräisch und wollte sich aus- icklicklich der Philologie widmen. Aber Marzolo, der {?* t jungen Genossen sorgte stellte
!L L?daß dw Linguistik ihm uw geringe AnMhten für die Gründung «ncr Exchen^bow, Wissenschaft nur
Gedanken zu erweck., „nachte eine gesicherte Grund-
n den Tatsachen der Ratnrgeschm)^ ^ ^ Studium
tage getoiunen - • . }t P-icr war bald ebenso eifrig
n-^Studium der Geisteskrankheit^ und der Psychiatrie wie be? seinen Sprachforschungen. Der seine Mechanismus des Denkens, den er sich in der menschlichen Sprache der Vergangenheit zu erfassen vvrgmommen hatte, beschastigt- ihn jetzt unter einem neuen Gesichtswinkel in jedem ~ c ,. Phänomen der Geisteskrankheiten, in jenen Phänomenen, die mit ihren vereinfachten Assoziationen und in den primitiven Elementarformen des Denkens die Hauptgrundlagen und vre Entstehung des Denkprozesses erhellen.
(Sein erstes Werk über „den weißen und den farbigen Menschen", das er Marzolo widmete, muß als das n.tur- liche Bindeglied zwischen seinen linguistischen und semcn psychiatrischen Studien angesehen werden. Der Gegenstand seiner eindringlichen Forschung war die Frage über den Ursprung der menschlichen Rassen und der Versuch, zwischen
den primitiven Menschen und der ganzen Reihe lebender Wesen eine Verbindung herznstcllen. Mit einer damals 1869 — ganz eigenartigen Kühnheit stellte er die Plhcholog > des Vierhändcrs, des Schimpansen, auf und stellte die Ähnlichkeiten una Verschiedenheiten mit denen der Wilden geg über. Indem er seine mannigfachen Sprachkenntmsse g schickt benutzte, suchte er dann zu bewerfen, daß wrr in ver Bildung und Entwicklung der Sprache dieselben Stadien der Koordinierung, Agglutinierung und Ver>nl chu g durch^ gemacht haben, die hellte noch die .tdiorne der AustrMer und Rothäute charakterisieren. Er bediente sich der ver schiedenen Formen der Kunst, der Überlieferungen des Ab«- glaubens u.rd der Riten, dre noch ber modernen Volkem erbalten sind um in kühnen Schlußfolgerungen die Gleichheit des Ursprungs der verschiedenen Menschenrassen glaub-
I,a?t ds^Buch meinem Vater das liebste unter allen, blieb „, t8 Iwei Gründen fast unbekannt: Erstens war mein Vater bei der Veröffentlichung höchst unprattisch und sagte mit Miner Naivität zu bcm Verleger: „Ich gebe Jhnm mein Buw aber ich will nicht einen Pfennig haben, bevor Sie das letzte'Exemplar der Auflage verkauft haben," Das Resultat war, daß der Verleger, nachdem er ein gut Teil seiner Exemplare abgesctzt hatte, dafür Sorge trug, daß die Auslage nicht erschöpft wurde. Außerdem zog sich der Druck so lange hin, daß meill Vater noch Korrekturen las, als das Buch Darwins über den Ursprtmg der Arten erschien, das dasselbe Problem behandelte. Aber Darwin trat nach 20jäh- rigcr Arbeit mit dem ganzen Rüstzeug des Naturwissenschaftlers aus dm Plan, während mein Vater z,t demselben Endergebnis nur durch Intuition, durch abstrakte philosophische und philologische Studien gekommm war. Sv wurde seine winzige Stimme begraben in dem Lärm, den das große Darwinsche Werk herborrief.
Während so die Linguistik meinen Vater zur Psychiatrie führte gelangte er zur Kriminalanthropologie erst nach langen vorbereitenden anthropologischen Studien. Im Jahre 1859, als mein Vater 23 Jahre alt spar, faßte er einen
