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Nr. 48*.
Wiesbaden, Mittwoch, 20. Oktober 1909.
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57. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt. _
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Die internationale Lage.
Zwei Ereignisse stehen augenblicklich im Vordergründe des politischen Interesses, einmal die Affäre Ferrer, dann die italienische Zarenreise, und beide Ereignisse sind vielleicht nicht ohne Einfluß aus die Gestaltung der internationalen Konstellation, Aus Anlaß der standrechtlichen Erschießung Ferrers machen sich fast in ganz Europa Kundgebungen bemerkbar, welche auf das deutlichste zeigen, von welcher Gesinnung man gegenüber der jetzigen spanischen Regierung beseelt ist. Am schärfsten kommt dies in Frankreich zum Ausdruck, wo die Straßendemonstrationen in Paris und anderen Orten einen enormen Umfang angenommen haben und eine tiefgehende Erbitterung als Folgeerscheinung zu verzeichnen ist. Daß diese Erregung gerade jenseits der Vogesen einen so hohen Grad angenommen hat, ist begreiflich, wenn man die engen Beziehungen beider Länder auf politischem und namentlich wirtschaftlichem Gebiete beachtet, da kein Land mit Spanien so eng liiert ist wie Frankreich. Man war beinahe gewohnt, Spanien als ein Appendix Frankreichs resp. des Zweibundes zu betrachten und namentlich in Marokko sah man die beiden bisher stets brüderlich Hand in Hand zusannnen- gehen. Es liegt auf der Hand, daß die französische Volksstimmung nicht ohne Einfluß auf die Beziehungen zuSpanien bleiben wird, denn es würde dem französischen Kabinett auf die Dauer schwerlich möglich sein, gegen die Volksstimmung eine Politik einzurichten, es würde einen derartigen Versuch schließlich mit seinem Rücktritt büßen müssen. Es läßt sich daher denken, wie wenig erbaut das Kabinett von den Demonstrationen ist, die es aber zu verhindern nicht in der Lage ist.
Auch in England ist man augenblicklich gegen Spanien ergrimmt, trotzdem man bisher gern dieses Land zum Vorspann für die englischen Pläne genommen hatte; und man wird vielleicht doch mit der Tatsache rechnen müssen, daß Frankreich und England sich von Spanien abkehren, einmal wegen dessen,augenblicklicher Marokkopolitik, die man sowieso schon seit längerer Zeit mit scheelen Augen betrachtet, dann auch wegen der im
Innern zu erwartenden Verhältnisse, da fraglos setzt eine noch schärfere revolutionäre Bewegung etnsetzen
dürfte. . Ä _,
In gewisser Hinsicht haben die Drnge rn Spanren große Ähnlichkeit mit den Verhältnissen in Rußland, dessen Beherrscher sich dieser Tage aufmacht, um einen anderen romanischen Staat zu besuchen. Bezeichnend ,st es, daß über die Reiseroute, welche der Zar etn- schlagen wird, die verschiedensten Nachrichten lanciert werden, nur das eine steht fest, daß der Weg über Deutschland genommen wird, weil bekanntermaßen sich der Zar bei uns stets am sichersten fühlt. Nur mit Zittern und Zagen geht der Zar nach Italien und man ist mehr wie einmal daran gewesen, die Begegnung mit dem Könige Viktor Emanuel zu verschieben aus Furcht vor etwaigen anarchistischen Attentaten; schließlich scheint man sich aber doch bequemt zu, haben, weil das Verhalten des Zaren einer llnhöflichkeit nahegekommen wäre. Überdies liegt es im Interesse der russischen Politik, wegen des Balkans eine Verständigung herbeizuführen, und dies dürfte wohl der Hauptzweck der Reise sein, zumal I sw olski sich im Gefolge des Zaren befindet. Auch dürfte man sich russischersetts aus dem Grunde beeilen, weil man dort noch den Rahm von der Sahne abschöpfen möchte, bevor der neue deutsche Reichskanzler auf italienischem Boden seinen Antrittsbesuch gemacht und sich mit den dortigen leitenden Stellen verständigt hat. Man hofft, wahrscheinlich, Italien noch mehr ans die Seite des Zweibundes hin- nberzuziehen, ein Vorgehen, das den, lebhaftesten Beifall der russischen Presse finden würde, da man das vor einigen Monaten erfolgte Einschwenken in freundschaftlichere Bahnen gegenüber Deutschland sehr unwillig ausgenommen hat. Mußte doch der Zwischenfall von Charbin dazu dienen, mit einem wüsten Geheul über die frechen Deutschen herzufallen und ebenso ist man setzt an der Newa erbost darüber, daß der bayerische Landtag es wagt, die Kündigung des Auslieferungs- Vortrages mit Rußland zu verlangen, noch dazu angesichts der bevorstehenden Zarenreise! Mag auch die Begegnung zwischen Kaiser Nikolaus und König Viktor Emanuel an und für sich ein Höflichkeitsakt sein, so wird die Zusammenkunft vielleicht doch nicht ohne Folgen für die internationale Politik bleiben.
Politische Merstcht.
Dir den Mahlen rn Kaden.
Die badischen Landtagswahlen, die in wenigen Tagen anstehen, sind für die politische' Entwickelung des Landes von erheblichster Bedeutung. Von dem Ausfall dieser Wahlen hängt es ab. ob in Baden ein Shstemwechsel, eine grundsätzliche Schwenkung des ganzen Kurses erfolgen soll. Darauf geht eingestandenermaßen der Angriff und die ganze Taktik der
unter Führung des Zentrums mlsmarschierenden, reaktionären Kräfte aus. Werden sie ihr Ziel erreichend Prophezeien ist müßig. Aber der Eindruck darf bei aller vorsichtigen Zurückhaltung sestgestellt werden, daß die Lage unter dem Gewicht der Ereignisse tm Reichstag und der Wirkungen der Reichsfinanzreforni sich wesentlich z u u n g u n st e n der reaktionären Phalanx verändert.hat. Das Zentrum tragt schwer an der Last seiner Reichsfinanzreform, und aus dein frisch-fröhlichen Angriff ist es zu einer wenig ange. nehmen Defensive llbergegangen. Wenn die K o n s e r- v a t i v e n und die B ü n d I e r irgendwie reüssieren sollten, so ist es nicht dank der Zugkraft ihrer Sache, die durch die Sünden ihrer Brüder im Reichstag ebenfalls ein großes Loch bekommen hat, sondern dank der folgsamen Herde, die ihnen vom Zentrum zugetrieben wird. Trotzdem tun die Liberalen sehr wohl daran, sich von Illusionen frei zu halten. Tie Nachwahlen zum Reichstag, die seit dem Triumph des schwarz-blauen Blocks vollzogen wurden, zeigen, daß die Erbitterung des Volkes vor allem der S o z i a l d e m o- kratie zugute kommt. Auch in Baden dürfte ein starkes Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen zu verzeichnen sein. Wie weit das zu einer Vermehrung der sozialdemokratischen Mandate reicht, ist eine andere Frage. Für den Liberalismus hätte die Gunst der Situation wesentlich besser ausgenützt werden können, wenn er mit der Einigkeit von 1905 in den Kampf gezogen wäre. Es muß tief bedauert werden, daß das Blockabkommen nur teilweise zustande gekommen ist, daß in einer Anzahl von Bezirken Liberale gegeneln- anderstehen. Auch gegenüber der Sozialdemokratie wäre die Position der Liberalen wesentlich vorteilhafter, wenn die Linie des G r o ß b l o ck s, die vor vier Jahren znni Siege führte, sofort und unzweideutig auf der ganzen Front eingenommen worden wäre. Im übrigen wird die eigentliche Entscheidung vermutlich erst wieder beim
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Stimmungsbild aus der spanischen Kammee.
6 . Madrid, 17 . Oktober.
Unser Korrespondet sendet uns das folgende Stimmungsbild über die Eröffnung der Kammer: Es war zu erwarten, daß die Erregung, welche Spanien seit Wochen — auch unabhängig von den Vorgängen auf dem Montjuich — durchzittert, sich in dem Moment Lust machen würde, wo die Volksvertretung wieder zusammentrat. Daß durch die Erschießung Ferrers die Spannung noch gesteigert wurde, ist selbstverständlich, und so sah man denn der Eröffnungszeremonie mit einem aus Neugier und Unbehagen, gemischten Gefühle entgegen. Tie Erwartung wurde nicht getäuscht: Kaum hatten M a u r a und seine Kollegen in goldstrotzenden Uniformen den Saal betreten und der erster?, sich bereit gemacht, das königliche Eröffnungsdekret zu verlesen, da begann.der Lärm. In der übervollen Kammer erhebt sich Äzzatti, der republikanische Vertreter von
Feuilleton.
Engländer vor hundert Jahren.
Von Wilhelm Poeck.
Immer wieder beherrscht die Frage, wie sich die Beziehungen zwischen den Engländern und den Deutschen gestalten werden, die öffentlichen Erörterungen. Aber es fehlt uns die Pythia, die uns die Frage löst. Die Zukunft des Engländers kennen wir ebenso wenig wie die des Deutschen. Seinen Charakter kennen wir jedoch. Seine wirtschaftliche Entwicklung, seine heutige Leistungsfähigkeit auf industriellem Gebiet kennen wir. Und da ist's interessant, den Engländer von heute mit dem Engländer vor hundert Jahren zu vergleichen, als er sich gegen die damals größte Nation, die Franzosen, behauptet hatte.
Darüber haben wir mm sehr zuverlässige Zeugnisse eines ausgezeichneten Beobachters. Das war der Magister Friedrich Lebrccht Crusius, Hosineister beim königlich sächsischen Gesandten General v. Watzmcmn in Wien, von dem er an den sächsischen Tuchsabrikanten Brückner empfohlen wurde. Seine Berichte sind unlängst unter dem Titel „Reise eines jungen Deutschen in Frankreich und England im Jahre 1815" von Georg Brand bei Wigand in Leipzig herausgegeben worden. Als Reisebegleiter des jungen Brückner kam der Magister Crusius im Jahre 1815 auch nach England, und seine ausführlichen Reiseberichte von dort über Charakter, Bildung, Lebensweise, politische Ansichten, industrielle Leistungsfähigkeit der damaligen Engländer sind auch heute noch von hohem Werte, besonders deswegen weil sie uns den Konservativismus der englischen Rasse in eigentümlichen Lichte zeigen.
Magister Crusius kam von den höstichen Sachsen und io ist's kein Wunder, wenn er an den Menschen jenseits des Kanals bemängelt, daß er dort mehr harte und egoistische Äs „englische" Charaktere anaetroffen habe. Küble über-
genhcit, Stetigkeit, ungestörte Ordnung sind ihre vor- chmsten Züge — genau wie heute. Dabei stellte er, aus rankreich kommend, zugleich eine gewisse Borniertheit, oder enn man will, nationalen Hochmut des englischen llrt.ils st, die auch in unserer Zeit noch zu beobachten sind, jcden- lls soweit sie sich aus fremde Nationen beziehen. Der ngländcr vor hundert Jahren sagte z. B. dem damaligen rcmzoscn nach, er wisse nicht zu arbeiten; wer aber die ranzosen kennt, weiß, daß sie von jeher zu dcn fleißigsten nd dabei anspruchslosesten Arbeitern gehört haben. Daß iese nationale überhcbung der Engländer auch heute noch icht gelitten hat, kann ich übrigens aus mehrfachen Persönchen Erlebnissen bestätigen. Hier nur eins. Eine Enginderin stand einmal vor meinem Protokoll, ich ermahnte e wie üblich, die Wahrheit zu sagen, worauf sie stolz er- Aderte' Sir I am an English vornan." Und war eine öiewardetz" Auch in ihrer Erwerbssucht k-nd Überschätzung es Geldes rmterscheiden sich die damaligen Albionssöhne aum von den heutige!!. Hübsch bemerkt Crusius, wie sich lese Eiacnschafttn in der englischen Sprache abspiegeln. Ä Ehrfurcht vor dem Gelde prägt sich barm aus, wenn « Engländer von dem achtungswürdlgstcn Manne sagt: er ist nichts wert" (he is worth nothmg), b. h. er hat tet.t igenes Vermögen.
Hiermit hängt auch die mangelhafte Bildung unseres lamaligen angelsächsischen Vetters zusammen, mit der es illerdings heute besser aus sicht. Universitäten, wie man sie mtzcr sin Oxford und Cambridge jetzt in vielen größeren stäbten hat, gab's damals nicht; somit wird Crusius recht sahen, wenn er sagt: „Daher denn die Einseitigkeit des Engländers, seine geringe Penetration in allem, was nicht geradezu sein Fach ist, und eine Menge von Schwachheiten and Blößen, die er dem unterrichteten Ausländer gibt." Die Langweiligkeit der Tafelgespräche, Wettrrunier- haltungen, die Auftischung kräftige Zoten nach Dinerschlutz im Herrenkreise (die beiden letzteren Sorten von geistiger Gymnastik sollen allerdings auch bei uns Vorkommens sind
daher für den Engländer vor hundert Jahren charakteristisch — für dcn heutigen wohl auch noch. Auch die Unbeweglichkeit der englischen Aufnahmefähigkeit für fremdartig oder falsch ausgesprochene englische Wörter, die Crrl,ms aufpcl, ist Heute noch dieselbe. Ob s mit den Wohnsitzen der englischen Granden zurzeit noch ebenso aussieht, kann ich mch> sagen; vor hundert Jahren aber hatten die Lords m rhren Landhäusern Türen, von denen das Stück durchschnittlich ‘-'00 Pfund Sterling kostete, während es mit guten Büchern und Gemälden ziemlich schlecht aussah. So kann Crusius von der damaligen Tonart und Höflichkeit im Verkehr nicht viel Rühmenswertes berichten, ausgenommen von Liverpool, wo schnell wachsende Handelsbeziehungen eine solche Gefälligkeit des Entgegenkommens erzeugt hatten, daß er glaubte,'wieder in Deutschland zu seiri.
' Natürlich hängt mit dem einseitigen Bildungsschatz auch die Besonderheit und Gleichförmigkeit des Lebens zusammen. „My houae is ny castlo", das galt damals und gilt noch heute. Die Woi nungsabgeschlossenheit der besseren Stände schildert der sächsische Meister sehr anschaulich, und was er über die Klopsergepflogenheiten berichtet, ist so amüsant und für den Kastengeist des „freien" britischen Volkes so bezeichnend, daß es hier folgen mag. „Der Besuchende meldet sich durch einen besonderen Klopfer an der Haustür; und der Talt, in welchem man klopft, bezeichnet zugleich den Stand des Eintretenden. Ein armer Mann darf nur einmal llopfeu, ein Bedienter zweimal, ein Mann von Stand vier- und nach Befinden mehrere Male, bis zum Lord, dcsseu Bedienten einen gewaltigen Lärm machen. Und noch diesem Verhältnisse beschleunigt auch we Magd, welche öffnet, ihre Schritte oder läßt den armen demütigen Klopfer so lange warten, bis sie eben Zeit findet, ihm auf- ! zutun" Dabei sind die Zimmer sauber, zierlich und solide ein o errettet das Tabakrauchen ist verpönt, und wer gar im Hause des Engländers ausspucken wollte, brachte sich snr eine geraume Zeit um Ehre und Rcputatron. Beim Zu- trunk wird jemand von der Gesellschaft aufacsordert oder
