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Seite 4. Sonntag, 10. Oktober 1909.

deutung, die ihr vielleicht absichtlich von gewissen Publi­zisten und Politikern beigemessen wird. Diejenigen, welche an die Gründung eines europäischen Kolonialreiches in irgend einem brasilianischen Gebiet mit Hilfe der Einwan­derungsbevölkerung glauben, beweisen nur, daß sie über die wirkliche Lage in völliger Unkenntnis sind und von den An­schauungen der Koloniebevölkerung keine Ahnung haben.

Luftschiffe und Aeroylmie.

Bau von Militärluftschiffen in Italien.

Nachdem sich der italienische MilitärballonGracciano" Sei den letzten Flügen gut bewährte, hat das italieniscke Kriegsministerium die Schaffung einer kleinen Luftflotte sowie den Bau mehrerer Luftschiffhallcn beschlossen. Die Luftschiffe sollen sämtlich nach dem Typ des Ballons Gracciano" nach dem Halbstarren System gebaut werden.

Aus SLadt und Land»

Wiesbadener Nachrichten.

Wiesbaden, 10. Oktober.

Die Woche.

Wir hatten Zeit und Gelegenheit genug gehabt, uns an schwarze Gesichter zu gewöhnen, so daß sie uns kaum noch auffallen, jedenfalls aber kein neugieriges Stau­nen mehr abgewinnen. Wir wohnen ja in Wiesbaden, wo Leute aus allen Zonen Zusammenkommen, wo sich die selt­samsten Erscheinungen unter bekannte und unbekannte Be­wohner unseres Vaterlandes mischen. Die Schwärze schreckt .uns nicht mehr, fletschende Zähne, Lippen, auf denen man Polla tanzen kann, und zottige Mähnen erregen in uns keine Abscheu mehr, nur wenn ein Schwarzer im weißen Kaftan über die Straße marschiert mit einem roten Fez auf dem Pudelkopf und mit nackten Fußgelenken, dann bleibt auch dieser und jener von uns noch stehen und schaut dem exotischen Gewächs nach. Und sind ihrer sogar eine ganze Truppe beisammen, dann kann es, wie es in dieser Woche verschiedene Mal der Fall war, zu größeren Menschenan­sammlungen und Verkehrsstockungen kommen. Gestern mor­gen begegnete uns ein Senegalese; es war aus dem Michelsberg, auf dem bekanntlich immer ein reger Verkehr herrscht. Der Schwarze beschäftigte sich im Senegalesen­dorf der Ausstellung mit dem Verkauf von Postkarten, auf die er, wenn's verlangt und bezahlt ivurdc, noch so etwas wie einen Namen schrieb. Alles in allem ein intelligenter Bursche, dessen blitzende Augen schließlich auch von einem anspruchsvollen Bleichgesicht für schön gehalten werden können. Er schlenkerte die Arme, rauchte Zigaretten, an seinen Fingern blitzten echte oder unechte Steine, und den Weißen Kaftan schützte ein europäischer Überzieher vor der Nässe des weinerlichen deutschen Herbsthimmels. Zweifel­los eine interessante, vielleicht sogar anziehende Erschei­nung in der Straße, in der vor nicht allzulanger Zeit noch ein Mühlrad klapperte und die Virrechen so ziemlich unter sich waren. Dieser selbe Schwarze war es, der in der Aus­stellung ganz besonders umschwärmt wurde, nicht etwa von wissensdurstigen Ethnologen, sondern von deutschen Frauen und Mädchen. Daß nicht alle Frauen und Mädchen än der bedauerlichen Geschmacksverirrung leiden, die in einem trotz einiger Vorzüge doch recht unappetitlichen Neger ein Objekt für ungesunde Schwärmerei erblickt, braucht nicht erst betont zu werden, eine Blamage aber ist es doch, daß es überhaupt deutsche Frauen gibt, die sich in Schwarze vergaffen können. Eine Blamage ist es auch, daß es notwendig geworden ist, durch eine auf amtlichen Mittei­lungen beruhende Zeitungsnotiz deutsche Mädchen vor dem Briefwechsel mit schwarzen Burschen und Übersendung ihrer Photographien an die Negerjünglinge zu warnen.Einige Briefschreiberinnen haben bei der Abfassung der Briefe in bedenklicher Weise das Bewußtsein ihrer Stellung ver­loren", heißt es in der betreffenden Notiz, und weiter wird gesagt, daß es sich um den besseren Ständen angehörendc Mädchen handele. Das letztere ist nicht erstaunlich eine Kuhmagd findet keine Gelegenheit, mit Schwarzen anzu- bändeln, sie würde sich auch ans instinktivem, gesundem Widerwillen von denWilden" abwendcn. Um seine Natur zu verleugnen, muß man immer erst eine gewisse Bildung haben. Das Dienstmädchen aus Biebrich, das einem Senega­lesen seine Adresse ausschrieb und dem dunkelhäutigen Galan allerlei Hoffnungen machte, fand wenigstens seine wahre Natur wieder, als der Bursche vor seiner Tür erschien.

Nach diesemschwarzen Bild", das nicht erfreulich wirkt, eine kleine zeitgemäße Schilderung, die erfrischt.Pars e- v a l" hat im Verlauf der letzten Woche Coblenz besucht, da­bei ist er über denEinrich' geflogen, jene abgelegene Gegend zwischen Rhein, Lahn und Dörsbach, in der die Dorschen noch im stillen Frieden liegen. Die Sensation, die das Luftschiff dort hervorgerufcn hat, schildert einer unse­rer Mitarbeiter in folgender Zuschrift:

Ein großer Tag war heute. Um die Mittags­stunde Mensch und Vieh machten eine kurze Ruhepause, nur oben in derBrechkaut" ratterte es beim Flachsbrechen, wie wenn Steine geklopft würden war der denkwürdige Augenblick. Durchs Dorf urplötzlich von Anfang big 3U Ende zweifelnd und staunend der Ruf:Zeppelin". Ein Blick in die klare Mittagsluft, da war's gegenüber in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit, gelblichweiß schimmernd im Sonnenglanz, in ruhiger, siegesstolzer Fahrt, zum Greifen nahe. Rein, ihr Leutchen, kein Zeppelin,Parscval" ist das! Und schnell belehrt, erschallt der Jubelrnf:Passewall!" Und das stille, weltferne Dörslein schaute. Hierbei stürzte in eilen­der Hast, wem nur Augen gegeben. Mancher Melkeimer flog UM, und das Zwetschenkrant brannte an im Kessel ob des Wunders. Still, fast ehrfürchtig sahen die Leute im ent­legenen Hinterland den Flügelschlag einer neuen Zeitz die ihnen auch, hier in der Einsamkeit, den ersten Gruß bot. Manch altes Mütterlein hat noch nie eine Eisenbahn gesehen, eine Telegraphcnstange erst, als es vor Jahren eine Stunde hinüber zur Landstraße wandelte. Ein Auto, das sich ins Dörfchen verirrt, wird als Weltwunder angestaunt, eine [

ÖL'flgiiiütt# Morgen-Ausgabe, 1. Blatt. Vit-, -.1 7

gottverlassene Ecke" nennt man die Gegend draußen im Lanw Seit heute sind wir stolz geworden, die Beherrschei der Lüste konnte nichts abhaltcn und hindern, sie grüßten auch uns! Lange konnte man schauen, wie das stolze Fahr zeug, vom Lahntal hcrkommend, hinaufzog zur Kemelei Heide. Bis die letzte Spur am Horizont verschwand, wich keiner vom Posten. Für lange, stille Winterstundcn werden diese denkwürdigen Minuten in der Erinnerung den breite­sten Platz behaupten.

Beachtet uns auch sonst nie der Weltverkehr, hat noch keine Errungenschaft der Neuzeit das Hinterland gefunden: Seit heute sind wir stolz geworden, das Luftschiss grüßte uns, die Leute in dergottverlassenen Ecke"."

In solchengottverlassenen Ecken" aber wächst unseres Volkes Zukunft. ... **

Berufswahl, Schule und städtisches Arbeitsamt.

Die geeignete Berufswahl der schulentlassenen Jugend, die ja für das Wohlergehen und das gesamte fernere Leben des einzelnen Individuums bestimmend und von der größ­ten Wichtigkeit ist, bildet eine der akutesten Fragen der Gegenwart. Im allgemeinen wird der Schwerpunkt des Einflusses bei der Berufswahl der ins Leben iretendeu Jugend bei den Eltern und Vormündern der Kinder liegen. Die ungesunden sozialen Verhältnisse in einem großen Teil der Familien führen oft dazu, daß die schulentlassene Jugend durch die Eltern vor allen Dingen solchen Berufen zugeführt wird, in denen sie in der Lage ist, sofort Geld zu verdienen ohne die späteren Aussichten und die Stabilität der Verhält nisse in diesem Beschäftigungszweig, sowie die persönlichen Neigungen, und besonders die Fähigkeiten der Jugend in geeignetem Maß zu berücksichtigen. Wieder in anderen Fällen wird der Jugend bei der Berufswahl von den Ellern ebenfalls ohne Berücksichtigung der oben angeführten wich tigen Momente der Fähigkeiten und der Verrissaussichten zu großer Spielraum gelassen, der bei der Empfänglichkeit der Jugend für alles Reue leicht zu einer so großen übersülluno in einzelnen Berufszweigen führt, wie sie heutzutage z. 23. unter densogenannten Elektrotechnikern" zu finden ist. Wie bei allen Dingen dürfte die goldene Mittelstraßc der richtige Weg sein, daß nämlich bei der Wichtigkeit der Berufswahl für die Zukunft der Jugend Eltern und Vormünder, und zwar nachdem sie sich über die persönlichen Momente der Neigungen und Fähigkeiten der Kinder und über die beruf lichen Faktoren der Berussanforderungen und Aussichten r den von der Jugend erwünschten oder verwandten Berufs zweigen informiert haben, durch Anführung von Vernunsts- gründen einerseits einen gewissen Einfluß und Zwang aus die Entschlüsse der Jugend ausüben, andererseits aber einen absoluten Terrorismus vermeiden. Es wird also von Eltern und Vormündern, die auf das Wohl der schulentlassenen Jugend ernstlich bedacht sind, die Berücksichtigung einer Un menge von Gesichtspunkten gefordert, die zu beurteilen sic oft selbst nicht in der Lage sind, wozu sich ihnen aber bei tun genügendem Zutrauen vorzügliche Hilfsmittel bieten. Zu nächst ist bei der Bestimmung der Berufswahl eine genaue Kenntnis der Anforderungen der Bcrnfe und der geistigen sowie körperlichen Fähigkeiten der Jugend zur Erfüllung der Berufspflichten notwendig. Die besten Auskünfte hier­über wird die Schule erteilen können. Der Lehrer wird im allgemeinen richtig darüber unterrichtet sein, welche Anfor­derungen die verschiedenen Berufe an die Persönlichkeit des einzelnen sowohl in geistiger wie körperlicher Beziehung stellen. Durch die Erfahrungen im Unterricht kann er über die Begabung und geistige Fähigkeit der Kinder sich ein U> teil bilden, die Beobachtungen im Turnunterricht insbeson­dere können wohl zu einer richtigen Beurteilung der körper­lichen Kräfte und Gesundheit führen. Die allgemeine Ein­führung des bisher ziemlich vernachlässigten Handfertigkeits­unterrichts dürfte weiterhin die Schule zu einem Urteil über die berufliche Geschicklichkeit der Schüler und Schülerinnen befähigen. Die Berufsaussichten, den Andrang und die Nachfrage in den verschiedenen Berufen aber sachgemäß zu beurteilen, dürften vor allen Dingen die städtischen Arbeits­ämter in der Lage sein, überdies ist es der Zweck der Ar­beitsämter und ihres Arbeitsnachweises, Arbeitsstellen zu vermitteln, und zu einer besonderen Aufgabe von weit­gehender Bedeutung dürste sich in Zukunft die Vermittlung von Arbeitsstellen für die schulentlassene Jugend gestalten. Die schulentlassene Jugend wird um so eher ans die Ini­tiative und die Wünsche der Eltern bei der Berufswahl ein gehen, wenn nicht nur sie allein, sondern auch die Schule und die Arbeitsämter, die beide der Jugend eine gewaltige Ach tung und das Gefühl der Unparteilichkeit und der persön­lichen Interesselosigkeit einflößen müssen, mit Rat und War­nung zur Seite stehen und so bei der Bestimmung der Be­rufswahl wohlwollend Mitwirken. Ein gemeinsames Zu­sammenwirken von Haus, Schule und amtlichem Arbeits- nachweis wird somit allein geeignet sein, die wichtige Frage der Berufswahl für die schulentlassene Jugend in gesündere Bahnen zu lenken und auch den allgemeinen Bestrebungen zur Hintanhaltung der sozialen Rot zu schützen. So sind denn bereits zahlreiche Bestrebungen im Gange, die Mitwir­kung der Schule und der Arbeitsämter den Eltern und Vor­mündern bei der Berufswahl für die schulentlassene Jugend zu sichern, und es ist den Eltern in ihrem eigenen und ihrer Kinder Interesse eine ausgedehnte Benutzung der getroffe­nen Einrichtungen nur zu empfehlen. So hat das städtische Arbeitsamt in Pforzheim in gemeinsamer Zusammenarbeit mit Eltern, Vormündern und der Schule zu Ostern etwa die Hälfte aller von Lehrlingen und Lehrmädchen besetzten Lehr­stellen vermittelt. Die Frage der Berufswahl läßt sich aller­dings nicht in den letzten Tagen vor der Schulentlassung mit Sorgfalt lösen, und so pflegt bereits am Beginn des letzten Halbjahres vor der Schulentlassung die Tätigkeit der Schule und der Arbeitsämter zur Erleichterung einer geeigneten Berufswahl einzusetzcn. Es ist daher zurzeit durchaus an­gebracht, auf die Bestrebungen und Einrichtungen der Schule und Arbeitsämter, die auf die Mitwirkung bei der Berufs Wahl der schulentlassenen Jugend hinzielen, aufmerksam zu machen. _ A. C.

Personal-Nachrichten. Die Wahl des besoldeten Bei­geordneten Dr. jur. Ernst^**1 in Wiesbaden als be­soldeter Beigeordneter -er Stadt Düsseldorf ist für die gesetz­liche Amtsdauer von 12 F>aihren bestätigt worden. . Katasteriniveltor a. D. Steuerrat Bruno Migula zu Wies­baden, bisher in Äiegnitz, erhielt den Königlichen Kronen-

wden dritter Klasse, Hegemeister a. D. Ottomar Ti kiel i« Ems, bisher in Arzbach >kn llnierw esterwaldkreise, den Königlichen Kranenorden vierter Waffe.

Wiesbadener Kurleben. Die vorliegende Ausgabe desWiesbadener Tagblatts" bringt die 2. Nummer der neuen BeilageWiesbadener Kurleben". Wie die erste Nummer am vorigen Sonntag, so enthält auch diese Ausgabe neben einem leitenden Artikel diesmal eine aus Kurkreisen kommende Entgegnung auf den Leitartikel der vorigen Nummer, der sich mit dem künstlerischen Ergebnis der Sommersaison besaßt hatte die Wochenbetrachtung und verschiedene interessante' kleinere Mitteilungen aus dem Kurleben und den damit zusammenhängenden Interessen­gebieten unserer Stadt. In der neuen BeilageWiesbadener Kurleben" werden fortan alle Angelegenheiten behandelt werden, die mit dem Kurwesen Wiesbadens Zusammen­hängen; Wünsche des Publikums, Anregungen und Mei­nungen über das weite Gebiet der Kursragen werden hier zum Abdruck kommen oder in irgend einer Form ihre Ver­wertung finden, womit natürlich keine Verpflichtung für die Veröffentlichung jeder Einsendung übernommen wird.

Musical at home. Vor einigen Tagen ver­sammelte sich wiederum in den vornehmen Räumen des Kaiserhofs" eine zwar nicht sehr große, dafür aber um so elegantere Gesellschaft aus unseren ersten Kreisen gelegent- lich des diesmonatlichenLlnsioal at home" der im Verlage der L. Schcllenbergschen Hofbuchdruckerei erscheinen­den englischenäVieshacienäVeehly Ilevien-". Mrs. Herbert Elton, die Schriftleiterin dieser interessanten und um d:c^ gesellschaftliche Annäherung der hier weilenden englischen Gäste mit den Einheimischen erfolgreich bemühten Wochen­schrift hatte es sich angelegen sein lassen, ein äußerst künst-l lerisches Unterhaltungsprogramm anfzustellen, in dem einige der hervorragendsten Kräfte unserer einheimischen Künstlerschar mitwirtten. So erfreute der bekannte Flötist Dannenberg vom König!. Orchester durch den Weichen, melodischen Sang seines Instrumentes, das er meisterlich beherrscht, indessen sich Frl. Schilkowski am Klavier als verständnisinnige, diskrete Begleiterin erwies, deren ausgezeichnetes Kunstvermögen auch als Solistin wieder­holt schon anerkannt worden ist. Herr Rehkopf vom Königl. Theater und seine liebenswürdige Gattin bestritten den gesanglichen Teil des reichen Programms. Herr Reh­kopf sang einige sehr humoristische Chansons, die er mit hin­reißender Komik vortrug, um sich dann mit seiner Gattin, Frau Rehkopf-Westendorf, als Duettist zu be­tätigen. Das Künstlerpaar sang unter anderem das reizende Hildachsche DuettUnterm Schirm" und erntete da­mit reichen Beifall. Den anderen Künstlern wurden von dem begeisterten Publikum ebenfalls reiche Ehrenbezeigun­gen zuteil und das gut gelaunte Auditorium, unter dem die englische Kolonie Wiesbadens und viele Offiziere vertreten waren, blieb lange über die übliche Stunde hinaus bei-. lammen. Man schied in der Hoffnung, bei dem nächsten Wiesbaden Weeldy-Tteview"-At home einander wieder zn begegnen und versäumte nicht, der liebenswürdigen Reprä­sentantin des Blattes. Mrs. Herbert Elton, diese Erwartung mit Dankesworten für die angcncf, m unb aenu r t[c irfi ver­lebten Stunden auszusprcchen. D senntzrerey rer-,

Das Adlerbad. Nun wird es wirklich ernst mit dem - zukünftigen städtischen Badhaus Nachdem die Stadtver-1 ordneten die Kosten für die Abfuhr und Unterbringung der Erdmasscn, die bei der Ausschachtung der Fundamente des ; Adlerbades gewonnen werden, im Walkmühltal am Freitag bewilligt haben, wird in der kommenden Woche mit den Erdarbeiten begonnen werden. Schon am Montag wird der erste Spatenstich und damit der erste praktische Handgriff zur Bauausführung der großen Anlage getan weiden.

Die Rennbahn. Der Rennplatz und sein Ausbau wird in der nächsten Zeit unsere städtischen Körperschaften insofern beschäftigen, als sie sich mit der Hergabe eines dar­lehenmäßigen Zuschusses zu befassen haben werden. Bei der Bedeutung, die eine Rennbahn für die Entwicklung des Fremdenverkehrs und der Kurinteressen für Wiesbaden haben kann, hätte diese Angelegenheit eigentlich schon längst erledigt sein sollen. Am kommenden Montag wird indessen ein technischer Sachverständiger des Unionklubs den Renn ­platz begehen. Bekanntlich müssen die Rennbahnen von diesem Klub abgenommcn sein, ehe öffentliche Rennen zu­gelassen werden.

Heimarbeit. Die hiesige Gruppe des Gewerkvereins der Heimarbeiterinnen Deutschlands hat ihre nächste Ver­sammlung am Montag, den 11 . Oktober. Zu dieser sind alle Heimarbeiterinnen herzlich eingeladcn. Wer i st Heimarbeiterin? so fragt vielleicht mancher. Heinr- arbeiterin ist jede Frau und jedes Mädchen, welches zu Hause für Geschäfte oder Meister tätig ist. Sie ist bis jetzt noch immer ein schlecht versorgtes Stiefkind geblieben, denn unter allen in der Industrie beschäftigten Frauen muß die Heimarbeiterin nach jeder Richtung hin zurückstehen: sie ist z. B. nicht in die staatliche Kranken-, Jnvaliditäts- und Unfallversicherung einbezogen, wie jetzt jede Fabrik- oder Werkstattarbeiterin. Die Heimarbeiterin hat cs wahrlich schwer genug, denn außer ihren Leistungen für die Familie, hat sic noch die Berufsarbeit zu besorgen. Obwohl die Löhne so gering sind, muß die Heimarbeiterin im Gegensatz zu der Fabrikarbeiterin für Heizung, Licht und Arbeits­raum sorgen, ja, die in der Bekleidungsindustrie Tätige muß sogar nicht nur Nähgarn, Seide ufw. stellen, sondern auch die Nähmaschine. Die meisten Heimarbeiterinnen sind verheiratet und müssen, da der Lohn des Mannes oft nicht ausreicht, mitverdienen helfen; viele sind Witwen oder Ehe- verlassene und müssen dann nicht nur sich, sondern ihre Familie ernähren, und bte_ Unverheirateten haben oft alte oder kranke Eltern zu unterstützen. Ter Gewerkvcrein macht cs sich zur Aufgabe, die wirtschaftlicke Lage dieser Bcruss- gruppe zn heben und zu bessern, ihnen Vorteile zu ver­schaffen, die dem einzelnen nie erreichbar sind. So gewährt der Verein seinen Mitgliedern nach einer festgesetzten Warte­zeit u. a. Krankengeldzuschuß, Wöchnerinnenbeihilfe, ver­billigten Einkauf von Nähmaschinen usw. Nicht zuletzt durch die Heimarbeiterinncnbewegung ist es erreicht worden, daß in vielen Orten die Krankenversicherung aus die Hausge­werbetreibenden ausgedehnt oder wirklich durchgesührt wor­den ist. Wir streben die Ausdehnung der Versicherung durch Rcichsgesetz aus das ganze Deutsche Reich an, ferner Aus-

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