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Verlag Lang gaff« 35/27

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Nr. 4sr>.

Wiesvadc», Samstag, 2 . Oktober 1909,

57. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1 . D; tritt. _

Die SelbstverwllltunZ.

In den ersten Monaten dieses Jahres war es, als oer Kaiser gelegentlich der 100-Jahr-Feier der Stein- Hardenbergschen Staatsreform im Berliner Rathause eine Ansprache hielt, welche in hohen Worten das Lob des Bürgertums sang und den Wert der Selbstver. waltung betonte. Tie Rede fand damals grossen Ver­fall, um so mehr, als sie rn Gegenwart sämtlicher Minister gehalten war und der Kaiser im Anschluß an die Feier im Gespräch mit den Vertretern des Magi- strars sich über manchen bureaukratischen Zopf erzählen liest. Allzuviel Eindruck auf die in Frage konmu'nöen Stellen scheinen aber die larferlicheirAusführnngen kaum gemacht zu haben, es ist ja zur .. Genüge bekannt, daß die preußische Bureautrat re allmächtig ist. denn immer lvieder zeigt es sich^daß man in RegierungSkreisen von der kommunalen Selbstverwaltung nicht allzusehr er­baut ist und sie nwglichst einzuschränken sucht. Dian mag über den Fall Schücking denken, wie man ivill, und e^° gleichfalls tadeln, daß er in seinen Broschüren über das Mast der Kritik hinausgegangen ist/ immerhin aber hätte man nicht außer acht lassen sollen, daß es üch lediglich um einen mittelbaren Beamten handelt, und man wird es daher wenig verständlich finden, wenn gegen diesen Mann, der im ersten Verfahren einen Verweis erhalten hatte und damals gänzlich auch aus dem indirekten Staatsdienst ausgeschieden war, noch ein hochnotpeinliches Verfahren beim Öberverwaltungs- gericht eingeleitet wird. Herr Schücking hatte seine Kouseguenzen gezogen und damit hatte es nach dem Bolksempfinden sein Bewenden haben können, nicht daß man ihm nachträglich noch das Recht auf einen Tirel entzieht, dessen sich der Genannte bereits selber entäußert hat.

Nunmehr kommt aus Schleswig-Holstein abermals die Kunde vom Verhalten eines Regierungsbeamten gegenüber einer Gemeinde, welche seltsame Einblicke ge­währt In der betressendeii Gemeinde wünscht man den Anschluß an Altona, der Herr Landrat und eine Keine Minderheit der Gemeindevertretung ist gegen dieses Projekt, und um seinen Standpunkt durchzu­drücken ordnet der Landrat Maßnahmen an, die. merk­würdig anmuten: nach Blättermitteilungen^ ist der Gemeindevorsteher, dem noch lM von gen ^ahr der Landrat selbst das beste Zeugnrs eine» tüchtigen Ver­waltungsbeamten ausstellte, unter dem mchngen Vor» wand, datz er in einer Gemeinderatsfchun^ die Leitung nicht unparteiisch geführt habe, einfach vom Auite

suspendiert worden, und die bisherigen Proteste der Gemeinde gegen dieses Verfahren sind durch die Vor­gesetzte Behörde keiner Antwort gewürdigt worden. Ein solches Verhalten muß ungenietii böses Blut machen, wenn man sieht, wie ehrenhafte Kommunal­beamte wegen angeblicher Vergehen ihres Postens ent­hoben werden, als wären sie gemeine Verbrecher.

Auch das Verhalten der Potsdamer Regierung in der Frage der Lchrerbesoldung beweist erneut, welche Schrauben man kommunalen Verwaltungen seitens der Behörden anzulegen vermag. Es handelt sich da um Orte, bei denen von Staats Wegen keinerlei Zuschuß zu leisten ist. allenthalben sind die betreffenden Gehalts­stufen von den städtischen Vertretungen einstimmig als den Verhältnissen entsprechend angenommen worden, aber die Regierung sagt bei den Gehältern der Volks- schullehrer nein, indem sie sich daraus stützt, daß Berlin seine Lehrergehälter niedriger normiert hat und Berlin und die Vororte ein einheitliches wirtschaftliches Gebiet bildeten. Das trifft aber keineswegs zu, denu der Lebensunterhalt ist in den westlichen Vororten teurer und das Verhalten der Regierung ist um so weniger verständlich, als dieselbe Behörde eine höhere Normie­rung der Gehälter anderer Lehrerkategorien genehmigt hat, die über die Berliner Sätze hinausgeht. Erklärt mir ....

Jedenfalls ist man augenblicklich daran, die pren- ßische Verwaltung zu reformieren, und es Ware bei dieser Gelegenheit zu wünschen, daß auch der Stand­punkt der Regierungsbehörden gegenüber den Kom­munen eine Revision erfahren möchte.

Uolitrschr Werstcht.

gUltt JurMendorrrsch mcljt".

L. Berlin, 30. tgicplttn&tt.

Der Entwurf der neuen Strafprozeßordnung mag seinem Inhalt nach Bedenken genug rechtfertigen, aber seiner Form nach verdient er Anerkennung. Der Stil des Entwurfs ist allen, die um die Reinhaltung unserer Sprache von einem gewundenen, verschrobenen, ge­dankenlos und weitschweifig ineinandergeschachtelten Papierdeutsch bemüht sind, sogleich angenehm ausge­fallen. Man erfährt setzt, daß dies glückliche Ergebnis nicht einem freundlichen Ungefähr zu danken ist, son­dern daß es mit Fleiß und Einsicht gewollt und herbei­geführt worden ist. Und zwar war cs der Bundesrat, der an deramtlichen Ausgabe" sachlich zwar sehr wenig geändert, dagegen an der äußeren Form, der Anord­nung, und der Ausdrucksweise sorgfältig gebessert und ziemlich alles umgestaltet hat. In seiner jetzigen Ge­

stalt entspricht also der Entwurf viel mehr als früher den Anforderungen, die man an die Schönheit und Richtigkeit von Form und Sprache stellen darf. Ein Aufsatz in derDeutschen Juristenzeitung" vom Ober- landesgerichtsrat Teinhardt in Jena gibt darüber er- frauliche Ausschlüsse. Schon der Entwurf des Reichs­justizamts besserte an einigen Stellen. Die Stelzen des Papierdeutschs, die Fürwörter derselbe, dieselbe, das- selbe, derjenige, welcher, nahm er weg: die Wendungen: in Gemäßheit, nach Maßgabe beseitigte er größtenteils; statt: in Ansehung deren Gefahr im Verzüge obwaltet, setzte er einfach und schlicht: bei Gefahr im Verzüge; statt deS gezierten Ausdrucks: wegen Besorgnis der Befangenheit sagte er: wegen Befangenheit: statt: bis zum Beginn der Berichterstattung, nur und besser: bis zur Berichterstattung. Der Allgemeine deutsche Sprach­verein ließ den Entwurf durcharbeiten und überreichte eine Niederschrift der Verbesserungen dem Staats­sekretär im Reichsjustizamt. Daraus wurde der Justiz­ausschuß des Bundesrats mit der endgültigen Fassung betraut, und das Ergebnis entspricht der aufgewende- ten Mühe. Wir können aus Einzelheiten, wie sie Ober­landesgerichtsrat Deinhardt in Fülle beibringt, hier leider nicht eingehen, möchten aber doch einiges Grund- sätzliche betonen. Die geltende >strafprozehordnung ist beinahe ganz im Passivum geschrieben (W a r der An­trag von dem Verletzten gestellt" oderi st die Revision eingelegt usw.). Diese Vorliebe für das Passivum steht aber in einem Gegensatz zu der Sprache des Gesetzes, Wie sie sein soll, die Tat und Bewegung fordert. Dc.in- hardt bemerkt gut, das Passivum als die Form des Tuldens, des Nbcrsichergehenlasscns eigne sich für Richter, die nur schreiben, aber nicht zur Tat kommen. Mit dieser Herrschaft des Passivums bricht denn also der neue Entwurf. Ferner liebt er die Befehlsform, wo- init es zusammenhängt, daß es- beispielsweise heißt: Der Vorsitzende bestellt den Verteidiger", statt:Die Bestellung steht zu". Noch deutlicher mag die folgende Gegenüberstellung sprechen. Jnr^ ersten Entwurf hieß es:Soweit die Zuziehung von sachverständigen gesetz­lich vorgeschrieben ist oder vom Richter für erforderlich erachtet wird, steht die Auswahl der Sachverständigen und die Bestimmung ihrer Zahl dem Richter zu." Jetzt aber lautet der Satz klar, schön, deutlich und kurz chso: Der Richter entscheidet darüber, ob Gutachten Sach- verständiger erforderlich sind. Er wählt die Sachver- ständigen und bestimmt ihre Zahl." Teinhardt erklärt es mit Recht für dankenstvert, daß die Reichsbehörden gerade diesen Entwurf so gründlich gereinigt haben. Jir der Tat ist die Darstellung nichts Nebensächliches. Sie ist das getreue Abbild des inneren Wesens. Sie formt nicht weniger das innere Wesen, als sie von ihm geformt wird. So wird sie ein wichtiges Mittel, das die Rechtspflege an die Gesamtheit des Volkes bindet.

Femlleton.

Zn Hans Thomas 70. Geliuristng.

(1639 2. Oktober IM.)

Von Thomas religiösen Bildern hat Naumann einmal gesagt, das; sieeine Kunst für Glaubende sind und glau­bende Künstler voraussetzen". Dieses Wort laßt sich aus­dehnen auf sein ganzes Wert und aus die W senheit semes Genies. Nur dem Gläubigen, der mit remen unbersÄschten Sinnen hineintritt in sein Reich, erschließen pch dessen Nefe Schönheiten, dessen hohe Wunder, d'.im cm gläubiger frommer Künstler hat sie geschaffen, dessen Weisheit hoher ist denn aller Verstand, dessen Schauen weiter drmgt als das schärfste Sehen des Meuschenauges. Uch mast einen Abglanz seines Kindcrgemütes bewahrt hat, der wird auch nicht in das Himmelreich seiner Kunst kommen. Es gib; Superkluge, die nur den jungen Thoma gelten lasten, den nnbeirrten Realisten, der. die feinsten und zartesten ftarben- töne in der Natur zu finden wußte. Es wvt andere, die sich für den Symbolisten begeistern und eine wundersame Weltanschauung in ihm ansspüren. Sie alle haoen den einig-einzigen Ursprung der Lebensguelle nicht gefunden, aus der all sein Schaffen genährt und befruchtet ist. Ja der schlichtesten Landschaft waltet und webt me gleiche Seele wie in den grandiosen Phantasiegebilden, die dem innersten der Naturgewalten, Meer und Welten und Erde, Gestalt verleihen. Es ist der alte gute deutsche Gott, derleise, nach feiner Weise" durch diese weite Welt wandelt, ein freundlicher lieber Geist, wie ihn der Meister selbst genannt, der vom Himmel und aus den Tannenwäldern^lächelt und es gern sieht, wcnn seine Kinder sröhlich^smd". So wie Thoma haben schon vor mehr als tausend Jahren die Deut- scheu nach den Sternen zu ihm emporgeblickt Mid in der Natur sich heimisch gesuhlt. Das geheime Leben und Lieben, Sichsehnen und Träumen, das in den alten Märchen- und Voltssagen, in den Gebeten und in den Liedern singt und sagt, es ist von ihm aus der gleichen Urkraft eines jungen und naiven Erlebens heraus, von den unbewußten Mächte« des Volkstunis getragen, gemalt und gezeichnet worden.

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Wahrend den Romantikern eine vollkommene Be­herrschung der rein technischen Mittel versagt war, während sie für ihre schönen Ideen leine harmonisch künstlerische Aus­führung fanden, gelangte Thoma früh zu einer außerordent­lichen malerischen Meisterschaft. Die zeichnerische 5mrtc, die ihm von der Kunstschule hcr^ anhafttte, wußte er durch die liebevollste Versenkung in die Farbencinheit eines kleinen Naturausschnittes zu überwinden. wette Landschaft

zerfiel ihm in unzählige Stückchen, jedes ein harmonisches Stillcben. An einem Weidenbusch über einem braunen Bach konnte er wochenlang arbeiten, ptZ Grashalm zwischen den Steinen am Ufa* genau zu sehen war. Dieser hingebende Realismus fand dann während seiner Pariser Reise 1868 seine Betätigung und Beträftigung in Courbet, der ebenso wie er aus der s-ykichten, bis ins kleinste genauen Wiedergabe der Natur eine hohe Tonschönheit für seti^e Bilder aewonnen Das krasse Wiesengrün, das harte Erden- schwarz das man dom Karlsruher.Kunstschüür so verübelt hatte und noch Jahrzehnte weiter verübeln sollte, sie waren bei Courbet zu einer völlig n Einheit gefaßt. Roch mehr als der große Franzoie viÄt° dann Lei bl auf Thomas Farbenanffassung. Auch hwr suhlte er mw fern c-g.nes Streben bestärkt das er m fernen frühesten großen PortroitS

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grauen Schürze, einem dunklen Rock liegt, die in der um­hüllenden Helligkeit des Lichts "glanzt und mit den an­dern Tönen zusamnrenflietzt, brcrtete sich über feine Bilder zu einer stillen, Hellen "«d dabei .gedampften Harmonie. In dieser ßeft war jener deutschmhstMw Zug vor allem m Cnrn,Ser 3««* BSme d», M ,, J it einem sonnenbeglänztm Zinnteller Zu schauen. Aus der Hingebung ans Kleine, die 'hn zum großen Maler gemacht hatte, wuchs er heraus zur Verehrung des Großen und Ewigen. Dabei Hai ihm nächst seinem eigenen Trieb und Sehnen der Müllerssohn vom Rhijn geholfen, das größte germanische Malergenie, Rembrandt, dessen begeisterter Ver­ehrer Thoma ist.

Was unseren Meister in der Entwickelungsgeschichte der Malerei über die Romantik hinaus hebt, das ist also zunächst fein malerisches Können, das von den beiden größten

Modemen, von Courbet und Letbl. befruchtet wurde. Auch

Manets seelisch zarte Kunst hat aus Thoma gewirkt, wie z. B. die Dame zwischen Bäumen in silbrig duftigem Sonnenschein von 1863 beweist. Man hat ihm mm vor­geworfen, daß er sich auf dieser um 1870 errcichren Höhe nicht behauptet habe, daß er etwa durch Böcklin und Maries beeinflußt eine buntere, dekorativ vereinfachte Form gewähii habe, die nicht zu seinem Wesen paßte. Aber neue Inhalte, wie sie seine Kunst erhielt, drängten not­wendig zu einer anderen Gestaltung. Die mächtig in ihm ans Licht rinzcnvcn Visionen wollten eine gewaltigere, traumhafte, überirdische Stimmung; sic konnten nicht zum Leben geweckt iverden mit der zarten Lichtführung, den fein aufgesetzten Laftnen der Blumenstücke. Ganz unbetvußt, in einer stetigen Entwickelung vollzog sich daS bei Thonm. Er ist kein grübelnder, den letzten Formeln der Kunst nach- sinnender Dercker, wie es Marües war, den er mit einer kopfschüttelnden Verwunderung betrachtete und, wo er ihn nachahmte, sogleich völlig nach seinem eigenen Enchsinden umwandelte. Thomas harmomsche, in sich selbst sichere und überreiche NaMr wird beständig durch ein inneres Gebot gedrängt, ihre Bilder und Erscheinungen ausströmcn zu lassen in Schönheit. Er, derinwendig voller Figur ist' wie es Dürer vom Künstler verlangt, hat unter seinen tau­send Gemälden und mindestens ebenso viel Aauarell«. Radierungeil, Lithographien usw. auch ,uanch m£l S tungenes, Verfehltes, kraftlos Leeres gegeben Es -ft eben

jf nie versiege/d/n, un-rLL ww

MC ?T bUn3 ' sie ihren Werken mit

e J net Kritiklosigkeit gegenübersteht und sich über

rv lt ^'N sEchen Bewußtsein tröstet, rasch SB ^ wcä klaffen zu können. So hat die Welt, , cul ' em halbhundertjährigen Schaffen ans sich herausgesleltt hat, guch ihre Nnvollkommcnhetten, ihre Grenzen und Schatten, aber in dieser Beschränktheit, in dieser Enge netzt auch ihre innerste, rührendste Schönheft.

e neu Augenblick Thoma mit dem höchsten Meister, den er selbjt >ennt, mit Rembrandt, vergleicht, wird sogleich diese Begrcnziheft seiner Kunst empfinden. Auch Rembrandt ging aus einer Bauernfamilie hervor, aber er hat dieses Bäuerliche Völlig pon sich abgesireift, ja eine Zeftlang in absichtlich aristokratifchem, eleaantem Auftreten mft Wßen