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Verlag Sairggafft 35/27.

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Nr. 457.

Wiesbaden. Freitag, 1

Morgen - Ausgabe.

1. Malt.

Nttorm ürr Fiirlorgrerprhung.

Recht unliebsame Erfahrungen, dre in lungster Zeit mit einzelnen Fürsorgeanstalten *? ir bwuneru nur an die Vorgänge in der Besserungsanstalt Mrelezyn und in der sogenannten Blohmffschen Ivribnrs ge­macht wurden, haben erneut die Aufmerriamkeit auf die Frage unserer Fürsorgeerziehung gelentr, deren Re- formbeüürftigkert eigentlich nahezu allgemein aner­kannt wird, ohne daß diese theoretische Erkenntnis sich bisher in praktische Taten umgesetzt hat. Bekannt­lich ist die Fürsorgeerziehung der uns nicht reichsgesetz- lich geregelt, sondern das Bürgerliche Gesetzbuch schreibt nur vor, daß vernachlässigte -sturer zum Zweck der Er- xiefmna in einer geeigneten Famrtie oder in einer Besserungsanstalt nntergebracht werden können Im übrigen hat das Einführungsgesetz zum Bürgerlichen Gesetzbuch der Landesgefetzgebung die Ermächtigung zum Ausbau der Zwaug^erziebung erteilt, eine Er- mächtiguna von der in den deutschen Bundesstaaten frnt fMirifitiK'Cf Gebrauch gemacht wurde, so in Preußen durch das Gesetz über die Fürsorgeerziehung Minder-

jähriger vom

2. Juli 1900.

Es wird aber heute schon nahezu allgemein emp- sunden daß die gesetzlichen Bestimmungen iiber die Fürsorgeerziehung sowohl in Preußen wie in den anderen Bundesstaaten wesentliche Lücken imb Mängel Ausweisen, und es ist deshalb schon seit längerer Zeit der Ruf einmal nach eiiier Reform dieser Fürsorge­erziehung und des weileren nach einer reichsgesetz­lichen Regelung der gesamten Materie erhoben worden, um so einheitliche Bestimmungen zu schassen. Gewiß find die Mißstände, die in einzelnen dieser Für­sorgeanstalten aufgedeckt wurden, zum Teil den be­treffenden Persönlichkeiten, in deren Auswahl noch viel gefehlt wird, zuzuschreiben, aber wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß der Kardinalfehler im S y st e m selbst liegt, das dringend einer Reform an Haupt und Gliedern bedarf.

Dies -erat sich schon darin, daß die erste Unterbrin- Fürsorgebedürftigen gewöhnlich gan?. schematisch aus Grund der Akten ohne eingehende Prüfung 'dös Einzelfalles .erfolgt, wahrend doch der-

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lL Beschaffenheit, sondern auch aus ferne seelischen Eigenschaften hin untersucht Wird. Ermalen^von

untergebracht werden, damit sie nicht einen ungünstigen Einfluß auf die geistig Gesunden ausiiben. Eine Weitere Abzweigung ist dann für die direkt geistes- kranken Zöglinge geboten, die in die Irrenanstalten unter die Leitung deS Psychiaters gehören, während bei den geistesschwachen oder sittlich minderwertigen Zöglingen die erziehliche und pädagogische Behandlung die Hauptsache bleibt. Tiefe Forderungen erscheinen vielleicht als seWstverständlich, aber sie sind heute tat­sächlich in keiner Weise erfüllt, und gerade die jüngsten Vorgänge in Mielczyn haben gezeigt, welche schlimmen Folgen entstehen müssen, wenn nicht von vornherein eine Sonderung der Zöglinge erfolgt, auch nach der Richtung hin, daß die nur Gefährdeten von den völlig Verwahrlosten getrennt werden. Was die letztere Kate­gorie betrifft, so geht heute eine vielfach erhobene For­derung dahin, das; diese überhaupt aus der Anstalts­erziehung ausscheiden sollen, insbesondere wenn sie etwa das 16. Lebensjahr erreicht haben, also dann wohl als unverbesserlich gelten können. In dieser Beziehung wird die Zulässigkeit einer Aufhebung der Fürsorge­erziehung wegen Unerziehbarkeit und die Einführung einer Aufsicht nach Art der Tätigkeit des Vereins zur Besserung entlassener Strafgefangener in Vorschlag ge­bracht- Jedenfalls kann kein Zweifel darüber sein, daß die Mühe und das Geld, das jetzt für die fruchtlose Er­ziehung der Unverbesserlichen ausgegeben wird, weit nützlicher für die gefährdeten, aber voraussichtlich besse­rungsfähigen Kinder verwendet würde.

Und hier kommen wir auf den Hauptpunkt, nämlich daraus, daß die Fürsorgeerziehung heute vielfach zu spät und eben deshalb mit weit geringerem Erfolge einsetzi. Die Schuld hieran liegt einmal an der allzu- bureaukratischen Handhabung der gesetzlichen Bestim- mungen, zum anderen aber auch an der mangelhaften Organisation, ein Fehler, dem die an einzelnen Orten bereits ins Leben gerufenen Kinderschutzvereiue und Fürforgegesellschaften zu begegnen suchen. Tie Statistik hat ergeben, daß in rund 40 Prozent aller Fälle die Eltern der Fürsorgezöglinge vorbestraft und iu über 30 Prozent dem Trunk oder der Unzucht ergeben waren. Hier gilt es eben, die Kinder möglichst frühzeitig den schädlichen Einflüssen ihrer Umgebung zu entziehen und sie der Fürsorgeerziehung zuzuführen, bevor sie allzu- stark infiziert sind. Gerade die heutige Zeit, die durch Einführung der Jugendgerichte den. Grundsatz:Nicht strafen, sondern bessern", zu verwirklichen sucht, hat auch die Verpflichtung zu einer gründlichen Reform der Fürsorgeerziehung eine Reform, die sich selbstver­ständlich auch auf das dabei beschäftigte Personal er­strecken muß, wobei der erfahrene Pädagoge mehr als bisher zu Wort komme, sei es nun, daß diese Reform auf dem Wege der Landesgesetzgebung, sei es, daß sie, was jedenfalls das Wünschenswertere .. wäre, durch ein Reichsgesetz behufs Regelung der Fürsorge­erziehung erfolgt.

Mne königliche Simnltnnschnle:

Bekanntlich sehen gewisse politische und konfessionelle Kreise unsere nassauische Simultanschule. als eine ge­fährliche Einrichtung an, der man möglichst bald ein Ende bereiten müsse. Die wahren Gründe aller An­griffe gegen unsere beliebte Schüleinrichtung sind ja allgemein bekannt, so daß es sich erübrigt, auf sie näher einzugehen. Aber auch die Regierung hat bei ihren gesetzgeberischen Maßnahmen in den letzten 30 Jahren niemals der Simultanschule gleiches Recht zuteil wer­den lassen wie der Konfessionsschule. Um so mehr mutz es die Freunde der Simultanschule freuen, daß mit dem 1. Oktober dieses Jahres auf dem königlichen Privatgute zu Kadinen (Westpreußen) eine richtige Simultanfchule eingerichtet wird. Dort bestand bisher eine einklassige Schule mit einem katholischen Lehrer, die von etwa 75 Kindern besucht wurde. Ta der Äaifer Die Arbeit in der Schule bei dieser Kinderzahl als Menschenquälerei bezeichnete, so wird die Schule mit 1. Oktober in eine zweiklassige umgewandelt und er­hält einen katholischen und einen evangelischen Lehrer. Also auf Anordnung Sr. Majestät eine leibhaftige Simultanschute! Ist das nicht schrecklich! Ist doch nun Gelegenheit geboten, sich anderwärts darauf be­rufen zu können, und wie leicht kann ein solches Bei­spiel Nachahmung finden! Wir sind neugierig, ob die ,blau-schwarzen" Waffenbrüder den Kultusminister ob dieses furchtbaren Faktums bei den nächsten Etats­beratungen nicht interpellieren werden. Hoffentlich machen sie keine Kabinettsfrage daraus, damit der neue Kultusminister nicht vor ihnen Kotau machen muß. äs.

Delbrück über -re Pneterko»steUa1io«e»t.

Die Liberalen haben bisher das Liebeswerben, das sich verschiedentlich auch in konservativen Blättern sin­

oet

energisch abgcwiesen. Wie recht sie daran tun.

zeigen die Äußerungen., die Professor Delbrück im Ok- ioberheft derPreußischen Jahrbücher" gemacht hat. Er sagt, selbst wenn man den Versuch machen wollte, alle bürgerlichen Parteien wieder zu einem gemeinsamen Abwehrkarree zusammenzufassen, es würde nicht ge­lingen. Ein großer Teil der Wähler würde sicher ver­sagen. Hinsichtlich der Methode, in der Delbrück den Kampf gegen die Konservativen geführt wissen will, wird man allerdings vielleicht nicht ganz der selben Meinung sein. Delbrück nimmt keine Rücksicht auf die parlamentarische Konstellation, wie sie die Durchführung der Finanzresorm ergeben hat. Nach allgemein gelten­den parlamentarischen Grundsätzen muß ein Minister­präsident mit den Parteien regieren, die die Macht an sich gerissen haben. Das ist in diesem Falle das konser­vativ-klerikale Kartell. Nach Delbrücks Ansicht soll sich Herr b. Bethmann-Hollweg aber als Kampfminister

FerrlÜetorr.

- (Nachdruck UerMen.)

MmmelSerschrmunZM rm Oktober 1809.

die Mittagshöhe der Sonne rm Oktober wr as nnnwre Deutschlanv von'ZPch auf 23% Grade. - e-ag an ge erfährt cur nördlichen und Mittlern D E^d eme Ab­nahme von 11% aus Bch Stunden, ® S7uMn

Österreich und der Schweiz emc Mw von 11/3 au; 10

""'ilcher Mond wechselt im Ottober feine Phasen in nachstehender Weise: Letztes Vierte 6. um ? Uhr 44 Min. vormittags, Reumond am 14.Qt Mm.

vormittags, Erstes Viertel am 22. Oktober . _

vormittags und Vollmond am 28. Oktober »m schwankt nachmittags. Seine Entfernung von- der E . M°antt zwischen 63.76 Erdhalbmcsiern ä 6373 ^E?.er arn i^ (Erdferne! und 56.10 Erdhalbmcssern am 28^^ t^r (Erd­nähe). - Von den sich im Oktober erergnenden funs S t ern - bedeck ringen durch deu Mond fuhren fK+J &ei ^ en

bemerkenswertesten an: am 5,/G. Oktober tCTn 3- 1 -

Größe EpsvlonZwillinge", Erntrck " h -5 Mm. abends, Austritt 12 Uhr 4,5 Min. nachts, und am 7. Oktober der Stern 3.4 Größe KappaZwillmge, Emtrrti 12 Uhr 53.7 Min. vormittags (nachts), Austritt 1 l y 4~,3 Mm. vormittags für Berlin.

Die Planetenbeobachtung gestaltet sich. im Offobrr recht vorteilhaft, da die meisten der großen Körper sichtbar und die Nächte schon recht lang sind. Merkur, der am 12. um 4 Uhr nachmittags in untere Somwnkoniunmon gelangt, dann also zwischen Sonne und Erde steht, erretcht bereits am 28. um 8 Uhr vormittags wieder ferne größte westliche Ausweichung von 18° 31': er wird daher, da icme Dekli­

nation nur tveuige Grade südlich ist, gegen Monatsende bis zu dreiviertel Stunden vor Sonnenaufgang im Osten sicht­bar. Venus ist Abcndstern und als solcher zuerst eine

halbe, zuletzt reichlich eine ganze Stunde über dem 'lieft izont zu sehen. Sie nähert sich uns von 1.12 bis auf

Horizont zu sehen.

0.91 Erdbahnhalbinesser <a 149.48 Mrllronen Kilometer). Am 18. unr 6 Uhr früh hat Venus Zusammenknst mit dein jungen Monde, der sich ihr am Abend zuvor schon nähert, und a>n 19 unt 9 Uhr früh kommt sie in Konjunttion mit dem Sterne 1 Größe Alpha rmStvrpion", dem sie sich nördlich bis auf ^ 26' nähert. Selbstverständlich erblickt man den Planeten schon am Vorabend, ebenso ant Abend des­selben in Ziemlich demselben Abstande von dem t?rx-

ttrm -Tars ttn Sternbilde derFische" noch immer in hrMitirt-m rötlichen Lichte glänzend, weilt anfänglich fast

m prachttgvn rotttch n ^ ^ ^ ' m m iiber bem

&xc gan^e Rächt, sp 18 _ September in Gegenschein

Horizmu. Nachdeur er an^ 18^ Septembir^ ^ ^ unö gestanden, entfernt er nw

w ** 1 v. üon Millionen Kilometer

km 1."bis auf'^3 MUlionen Mlometer E 31. Oktober.

... 1 , Durchmesser seiner Scheibe von Dabei vernngert sich °er - .Ml. "....

^aver verrurgerr Beobachtung, die bisher schon

23".3 bis auf 18 .0. Zur d« « « bildet er vorläuiia

ms am w> w zeitigt hat, bildet er vorläufig viele wichtige Ergebmlle ge ^m 26. Ottober, 7 Uhr noch ein recht lohnendes - ' ;

ww cm ccd T » ^ 0 » untergegangen ist) tritt der

vormittags (nachdem " ' ,

säst volle^Mond nahe südlich «n chn heran, doch auch schon

S d r Rachtt und frühen Morgenstunden gestaltet stch

rSf rf ifll;cTt Gestirnpaares recht auffallend. - der Anblick des

« 11blter der itn Siernbilde derJungfrau" steht, taucht

im* und nach wieder ans den Strahlen der Morgen­dämmerung im OM hervor Da er sich uns nähert ver- a-öb--tt sicb seine Scherbe von 31 .1 bis ans 32 .0. @ a t ,t t n gleich Mars im Sternbilde derFische", bietet wie dieser'die beste Gelegenheit zur Beobachtung; denn am 13"Oktober um 7 Uhr abends, steht er der Sonne gerade gegenüber in Opposition. Ungefähr gleichzeitig ist er uns auch am nächsten, 8. Erdbahnhalbmcsser, und seine Scheibe erscheint unter einem Winkel von 13" .5, während die große

Achse seiner Ningellipse 44".9 und die kleine Achse 9".0 mißt. Ani 27. Oktober um 9 Uhr abends tritt der beinahe volle Mond außerordenttich nahe an ihn heran, nachdem er am vorangehenden Morgen dem Mars schon einen Giriß ent­boten hat. Uranus, noch fortgesetzt in stark südlicher Stellung ( 22% Grade) imSchützen", kulminiert anfäng­lich gegen 6 l /z zuletzt gegen 4%, Uhr abends; am 11. Oktober, 8 Uhr vormittags, ist er in Quadrarnr zur Sonne. Neptun, als sehr lichstchwaches Gestirn in den'Zwtt- lingcn", besitzt noch weiter eine bedeutende nördliche Dekli­nation (ch- 21% Grade). Seine Kulmination findet am Monatsanfang um 6% Uhr, am Monatsende um 4% Uhr vormittags statt. Dieser fernste der Planeten gelanjft am 13. Oktober, um 8 Uhr vormittags, in Quadratttr zur Sonne.

Von Kometen, die im ersten Teil des laufenden Jahres ganz ausgeblieben waren, kreuzen gegenwärtig drei am nördlichen Himmel umher. Am I4./1S. Juni emdeckien Borelly-Daniel den nach ihnen benannten unschein­baren teleskopischen Kometen 1909a, am 13. August fand Kopoff den ebenfalls teleskopischen Perrineschen Kometen 1896 VII, 1909b, wieder, und am IQ September entdeckte Ehristic am Royal Obscrvatorv in' Greenwich und am 12. September Bi. Wolf öm berübmt^ Hallehschen Komeien, der vorläufig ebenfalls noch für längere Zett wlettoppch bleiben wird, und der die 3)2 er^lten hat. Von allen drei Schweifsteinen

in die größte Beachtung, da

cc sich dEussichtlrch rm Frühjahr 1910 zu einer hervor- ragendm Erschernung entwickeln wird. K o n, et Hallen, sen 240 vor Ehr. beobachtet, besitzt 75V 2 Jahre Umlaufszett und bewegr rückläufig. Gegenwärtig steht er als äußerst schwacher Redet von der Helligkeit der Sterne 16. Größe zwischenZwillinge" undOrion"; er wird sich durch die Sternbilder desOrion",Stier" undWidder" in die Fische" bewegen, um hier im 3lprtl 1910 seine Sonnennähe zu durchlaufen und daraus in sehr eiligem Tempo wieder zumStier" zurückzukehren. Seine Sichtbarkeit wird seden- salls bis in den Juni 1910 währen.

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