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Verlag Sanggafs« 25/27.
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Nr. 4S7.
Wiesbaden, Svuutag, IS. September lAvv.
S7. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Wkcrtt.
Minister a. D. — Politiker n. D.
Fürst Bülow hat bekanntlich die ihm zugedachis Kandidatur für den Eisenacher Wahlkreis von vornherein abgelehnt; er will überhaupt kern Mandat annehmen und der Politik fern bleiben. Durch diese Erklärung Hai er bewiesen, daß er sich über dre Lage eines aus dem Amte geschiedenen Reichskanzlers völlig klar ist. Die Politik ist sür diesen zu Ende, brs er viel- leicht wieder einmal Reichskanzler wird.
Es aibt für ihn kerne Möglrchkert erner seiner wurmigen posttischen Tätigkeit. Den Mißvergnügten spielen, seinen Nachfolgern Steine in den Weg werfen, gelegentlichen Besuchern politische Weisheit zrr predigen, zrenri ernenr im Ruhestand befindlichen hohen Staatsmann nicht In den Reichstag oder das Abgeordnetenhaus Antretens Dü gibt eS reine angemessene Position sür ihn Welcher Partei soll er sich anschließen? Diese Wahl schon ist schwer, da doch auf eine, zu keiner Parterpolrtik recht passende vorhergegangene Amtstätigkeit Rücksicht zu nehmen ist. In jeder Partei ist er aber zunächst ern- facher Abgeordneter, nicht Parteiführer; er ist in einer für ihn unerquicklichen, untergeordneten Position und vurch allerlei Rücksichten in. seinem öffentlichen Auftreten gehemmt. Ihm fehlt auch die Kenntnis des Partcige- triebes; er ist an eine ganz andere Art des Auftretens gewöhnt, und stets wird man von ihm ganz Besonderes erwarten, das er nicht immer leisten kann, — und dann ist man enttäuscht.
Bisher Hai in Deutschland noch kern abgegangener Minister irgendwie rm Parlament eine Rolle spielen können. Zwei Leute, die im Amte wirklich bedeutende Persönlichkeiten waren, Delbrück und Falk, haben als Abgeordnete völlig versagt. Sie waren zu alt und durch ihre bisherige Stellung zu verwöhnt, um noch lernen zu können; parlamentarische Lehrlinge wollten sie nicht sein, und Meister waren sie nicht. , .
Aber in England, wird man erwidern, tritt doch ei» abgegangencr Minister in das Parlament und sp-ett
^Das ftt^ein Irrtum. Er tritt nicht etwa, nachdem ormt niedcrgelegt hat, in das Parlament, sondern Er ra pt b t im Parlament, dem er als Minister ange- bört bat und schon, e b e er Minister wurde, angehorte. ~ «nuvtamt ist nicht Minister, sondern P a r l a - C e " fs in itglied. Als solches ist er . Mmftter ge- C 11 weil er sich parlamentarisch bewahrt parlamentarischer Führer war. Seine Parier
bat ibn mit gleichacfmnten Parieigrößen in den Paria- mentarischen Ausschuß, das Llabinett. gewählt, durck^das sie die Regierung führt. Verliert die Parier ihre Stellung im Parlamente, dann Hort ihre Regierung deZ Staates auf; die Minister berlterett ihr «toabant. aber sie bleiben die Regierung der P a r t e r. Baftour der Premierminister der konservative Regierung, ist Führer der Partei geblieben, ferne Münster ko lle gen sind
England hat so stets »wer RLgrerungen: die der Mehrheitspartei, die zur Zeit dre Geschäfte fuhrt, und die demnächsitge Regierung, nanrlrch dre der derzeitigen
Der Austritt aus dem Amt vollzieht sich ohne jeden Verlust aii politischer und persönlicher Bedeutung der Beteiligten. Fn England kann darum nicht nur ern abgegangener Minister wieder in das Amt kommen er hat sogar die beste Aussicht daraus, sobald seine Partei wieder siegreich ist. , r , . t ri ,,.
Bei uns ist ein abgcgangencr Minister em politisch toter Mann, in England wird er als Führer der Opposition erst recht lebendig. England hat stets zwei vollbesetzte Ministerien, und die Parteien sorgen stets dafür, daß beide bereite Hilfskräfte haben. Für Eitgland ist cs ein leichtes, Ministerpostcn zu besetzen, die Leute sind da, kennen das Geschäft, wissen, was sie wollen, und verlangen keine Schonzeit, um sich einzu- arbcilen.
Unser bureaukratisches System erzieht seine Minister und schiebt diejenigen aus immer bei Seite, die aus einem politischen Grunde aiis dein Amte scheiden müssen. Darum suchen wir, meist sogar vergeblich, irach Ministern, wenn Posten erledigt sind, und diejenigen, die man findet, verstehen oft ihr Amt nicht und sind vielfach sehr mäßige Politiker.
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worden, hat, ein
Die Polrlik der Woche.
Die Leipziger Schlacht ist geschlagen worden, und die sozialdemokratische Parteileitung wird diesinal mit inehr Recht als bet den früheren Parteitagen behaupten können, daß e§ dort weder Sieger noch Besiegte gegeberi habe, denn noch niemals hat inan mit so heißem Benillhen wie diesmal versucht, die heikelsten Fragen und die stärksten Meinungsverschiedenheiten aus dem Wege des Kompromisses zil begraben oder doch zu vertuschen. So konnte trotz der heftigsten Zu- sammcnstöße, die au Schärfe der Tonart dem C o o k - P e a r y scheu Nordpolduell nichts nachgaben, zwar nicht das Auseinanderplatzcn, aber doch das Aus- einanderplahen ^ der Geister verhrnderi werden. Wie scharf diese Differenzen waren, zeigte sich am deutlich
sten bei dem Streit um die Erbschaftsftcucrfragc, der die beiden Parteihäuptliuge Bebel und Lmger m zwei verschiedenen Lagern fand. Eben dre,em Grunde war eS verständlich, daß man von der Austragung dieses Streites, der die tiefgehenden Gegensätze inner- halb der Partei osfenbaric, Abstand nahm, und in der also vorbereiteten Versöhnungsstinimung wurde auch den württembergischen Hofgängern knadigstch verzinn, iiückideiu sie feierlich gelobt hatten, daß sie nie wieder
bei einem Fürsten ein Gabelfrühstück, einnchmen wuw
den, wenn darin eine moiiarchistische ^cmonstiation gesehen werden könnte. Grug man rn, allen diesen Fragen der Entscheidung sorgsam aus denc ü-egc, so zechte der Parteitag um so mehr Entschlossenheit als er in der Mittwochsitzung die zugleich gegen dw^ Revi sioiiisten gerichtete Erklärung annahni, worin feves Zusammengehen mit den liberalen Parteien m t ci ■ lichen Krastausdrücken zurückgewiesen lliurüe^ Aber auch diese Entschlußkraft hielt nicht gwiz 2^ stunden vor, denn in der Donnerstagsilzung wurde feitgesiellr» daß bei der Abstimmung ein Versehen oorgekommen sei, und die erneute Beschlußfassung ergab Wre Ao- lehnuna der Resolution, also einen zweiten -Lieg der Revisionisten. Freilich dürften die vorangcgangeven Verhandlungen genügen, um denjenigen libcraten Politikern, die von dem „Block von Bassermann dis Bebel" träumen, doch vor Augen zu führen, daß das trotzdem Wohl noch ein Traum ferner Zukunft tft. _ Wickelte sich so in der Pleißestadt ein Stück Frieden im Kriege ab, so verfolgte man diesmal mit besonderem Interesse den „Krieg rm Frieden" in Württemberg, denn die K a i s e r m a n ö v e r haben durch die ausgiebige Verwendiiiig der M i l i t ä r l n s t s ch i s f e auch sür die Allgemeinheit ein aktuelles Interesse erhalten. Dem Ausfall dieser Probe ans dre prakmche Brauchbarkeit deS Luftschiffs ini Kriegsfälle wrrd in den Jachkreison init um so mehr Jntcresie entgegen- gesehen, da man diesmal auch bei den ; r a n z o I > - scheu Manövern in ausgedehnieni Maße, und soweit sich bisher erkennen läßt, ebenfalls mit Erfolg, den Lenkballon „Räpubligne" verwendet hat. Aber auch in die hohe Politik spielen die diesmaligen Kaisermanöver hiiicin durch die Teilnahme des österreichischen Thron- folaers Erzherzog Franz Ferdinand, der damit den Besuch deZ deutschen Kaisers bei den österreichischen Kaisermanövern erwidert Hai. Hieran wird sich in Bälde eine dritte Visite schließen, da der Reichs- kanzlcr v. Bethmann-Hollweg auf seiner bevorstehenden Rundreise vor allciii auch der Kaiser- stadi Wien seinen Besuch abstattcn wird.
Hotfcnilich hat die politische Lage in Österreich, die zurzeit ebenso trostlos ist wie die in U n g a t u, sich psI dahin einigermaßen geklärt. L.it?her hat daS
Fenilletorr.
<Nack>drnck ntiblUin-)
Ein lieber LchMdner.
Don SM'NUNd Szllllösi.
„Ich bitt' dich. Bau, ob uns der Mensch nachgehil" „Ich seh' ihn nicht mehr."
„Bist du sicher, daß er uns nicht bemerkt hat?
„Er hat gar nicht hergeschaut.
Mein Freund preßte die Hand aufs Herz und sagte mit glücklicher Erleichterung: „Gott sei u,ant.
Ich blickte ihn verdutzt an und einen gcwisicn Verdacht schöpfend, bemerkte ich: ^ „Wärest du nicht io freundlich, mir zu sagen, was die Ursache dieser sonderbaren Szene war? ES ist gerade iiicht nieine Gewöhn- heit, inich unter Toreinfahrten oder in Nebengassen zu flüchten, wenn inir jemand in den Weg kommt!"
„Es ist auch nicht meine Gewohnheit. Aber was nur zugestoßen ist, halte mich dir und anderen anständigen Menschen zuftohen können, wenn man seniand dreißig Gulden geliehen hat."
„Er ist dein Gläubiger?"
«Nein, er ist mein Schuldner."
„Uiid du weichst deinem Schuldner aus?"
„Ja."
„Das verstehe ich schon gar nicht!"
„Ich will es dir erklären. Ich glaube annchmcn zu dürfeii. daß du dir den guten Mann genau ange- schaut hast?"
„Ja.^ Ich nahm nichts Sonderbares an ihm wahr. Er ist ein untersetzter, blonder Mann mit einem kurzen Ziegenbart.
• ^ cr ^ n ' e er ein Muttermal. Es
ssM lchliden, wenn du dir auch das merkst. Er
vergessen darfstchO^'u^ Gidoka, was du wohl auch nicht
m-imm BLLSVUM. »«m. M i« tarn
-ES dürste für deine etn ^ rD0en? , ^ „
ue Seelenruhe von großem Nutzen
sein. Ich niache dich aufinerksam, daß du Gidoka, menn dich das Verhängnis mit ihm zusammenbringcn sollte, niemals ein Darlehn bewilligst."
„Ist er denn ein schlechter Zahler?"
„Im Gegenteil. Einen ehrlicheren, rechischaffenercn, gewissenhafteren Schuldner gibt eZ in ganz Europa nicht."
„Rede doch ..." . . . . .
„Gerade deshalb möge Men friedlich gesinnten Menschen Gott davor behüten, daß er Schuldner dieses Schlages habe. Tenn es gibt Menschen
Ungeduldig warf ich ein: „Es gibt freilich Menschen. Aber du biegst mit deinen Erklärungen immer iii Rebengasseli ein. e^age iiiir lieber die Lösnng
deiner Rätsel." ... ^ _ v
htift recht. Du weißt, datz ich vor vier Jahren in L^aenfeld tätig war. Dort machte ich Gidokns Be- kcmnEcbaft der als Rechnungsoffizial ein bescheidenes, ob r w nvatisi chä Micglied der Intelligenz war. Mein
Lebenslang begegnete ich keinem solch untertamgen und ^rven wng eegeu war. Alltäglich er-
anspruchslosen Mema , )t)ie citt Kind, daß
f^icn er tffl ftof«« “ n t T ’ iu fönntc . Er gönnte sich er in guter GesellU t >. ma& Bier zu trinken,
höchstens einmal Woche H - teg Mitglied, das die
aber das Kasino> ) ac t, a lilt hätte wie er. n,,A Gebühren w pustktllw gewann ^
das
er nie von semw der
Und auch
ihren io p^"^uhme'hervorgehoben werden, daß Ar iSS eine Gefälligkeit verlangte
arme, bescheidene Mann sehr stzm-
Mir
naibisch Ich behandelte' ihn sehr freundschaftlich und
pathisch. <;cii i[)r 1otoctt c5 man ver-
Sloffeitc?' Naturell gestattete. Ich verdankte cs wahr- cheinlich diesem Umstande, daß Herr Gidoka von nur eine Gefälligkeit angenommen hat.
Es war ein warmer «ommertag. Er saß allein m einem entlegenen Teile des Gartens. Ich, bemerkte, daß er zerstreut uiid trarrrig war, und da ging ich zu ihnl und fragte ihn: „Wie befinden Sie sich, Herr Gidoka?"
Er sprang verlegen vom bestens .... Nur so . . .
suhle auf. „Ich danke
Wie ich sehe nicht an, besteii. Fehlt Ihnen etwas?" „Immer gibsts was . . . -atf) bin nt Verlegen-
^Er'wischte sick den Schweiß von der Stirn. Ich ließ ibn aber nicht tu Ruhe und er klagte mir sein oeih Er hätte für seinen Sohn das «chulgeld bezahlen g |, aber sein Schwager ein Bruder seiner Frau, .n cki > liicktt seinem Versprechen ge,naß das versprochene Geld Er weile in- Auslande und sie wüßten nicht tvo fei. Und er müßte morgen unbedingt semer Pflicht
Wie groß ist der Betrag? ■< r i
'>nsaesamt sechsunddrelhlg Gulden. Aber ich habe z^hn Gulden, folglich fehlen mir noch fechsund-
^ftch^'cninahm meiner Börse dreißig Gulden. „Ge- statien Sie. Herr Gidoka, daß ich Ihnen diesen Betrag zur Verfügung stelle." ...
Gidoka wurde feuerrot und stammelte mit zittern- der Stimme: „Aber iä bitte . . ."
„Sie werden mir doch keinen Korb geben? Heute mir” morgen dir! Sie können es mir fa zurückzahlen, wenn Ihr Schwager Jhncii das Geld schickt."
Gidoka Niachic einen tiefen Bückling, legte die Hand aufs Herz und sagte tief gerührt: „Ich werde Ihnen das Geld pünktlich zurückerstatten. Sonntag wird das Geld von meinem Schwager unbedingt hier fetn, aber um ganz sicher gehen $u können, sagen wir. im Laufe der nächsten Wocke lrierde ich Ihnen die Summe mit meinenr herzlichsten Danke zurückerstatten."
Ein stürmischer Abschnitt incines Lebens, dem man den Titel geben könnte: Die Qualen eines armen, verfolgten Gläubigers, nahm seinen Anfang.
Am nächsten Dlorgeii meldete mir mein Stuben. Mädchen, Herr Gidoka habe mir etwas ^vichtige^ mtt- zuteilen. Ich war bereit, Herrn Gidoka zu empfangen.
Ich' wollte Ihnen nur nrelden, daß ich verhindert Lin," ins Kasino zu kommen. Ick ,b't.e ^tc daher,
fatl £* wnbEnich^ob^ich^ihn° umarmen oder hinaitS- ! werden Me. Ich gab ibn: die Versicherung, rch
