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Nr. 42».

Wiesbaden, Samstag, 11, September 1909.

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57. Jahrgang

Morgen - Kusgabe.

1. Matt._

Politische Übersicht.

Kadrsches.

Aus Baden wird uns geschrieben: Die Landtags­wahlbewegung hat fast keinen anderen Inhalt mehr als die Reichsfinanzreform und die Steuerbewilligun­gen des Zentrums. Die Führer dieser Partei, die vor­dem so zuversichtlich gestimmt waren, sind jetzt ziemlich gedrückt, und derLöwe von Zähringen", Geistlicher Rat Wacker, sprach es dieser Tage in einer Versamm­lung in Freiburg offen ans: es sei schwieriger als vor einigen Monaten, über die Wahlaussichten etwas zu sagen, da man nicht wisse, wie viele Bürger durch die Steuerhetze", die nur den Zweck habe, die Wahlchancen des Zentrums zu verschlechtern, . irre gemacht worden seien. Das sind keine Worte, die d:e Parteianhänger ermutigen und ihre Kampflust erhöhen. In Freiburg ist übrigens in dem Kampf zwischen Liberalen und Zentrum ein eigenartiges Moment dadurch hineinge­kommen, daß in die Redaktion der nationalliberalen Breisgauer Zeitung" ein katholischer Geistlicher cin- getreten ist, Dr. A. Brarmeier, der auch als Verant­wortlicher zeichnet. Das Zentrum ist dadurch äußerst gereizt, es erhöht ober nur seinen Schaden, wenn es sich vom Zorn beraten läßt. Der Bund des Zentrums mit den Konservativen wird durch die Vorgänge in: Reich natürlich gefördert. Das ist der Punkt, von dem aus den Liberalen in manchen Wahlkreisen Schwierigkeiten erwachsen, die auch den Verlust des einen oder anderen Mandats herbeiführen können. Ta ist z. B. der Wahl­kreis Adelsheim-Voxberg. Er ist seit den sechziger Zähren liberal vertreten. Bei der letzten Wahl hatte der liberale eine Mehrheit von nur siebzig Stimmen über das Zentrum. Die Konservativen zählten ganze Z22 Stimmen. Diesmal über hat das Zentrum, in der Gewißheit, daß eine eigene Kandidatur aussichtslos ist, von vornherein den Konservativen Wahlhilse zngesagt. Der Unwille des Arbeiter- uiid Mittelstandes über die neuen Steuerlasten kehrt sich zwar ebenso wie aegen das Zentrum selbst, auch stiegen feine konservativen Ver­bündeten. Gleichwohl hält dasHeidelb. Tagebl." das Mandat für bedroht, besonders weil zu wenia oder fast gar nichts" von liberaler Seite geschehen sei. So etwas klingt in unserer Zeit, der die lebhaften Wahl­kämpfe die Signatur geben, etwas merkwürdig. Wohl um die Aufmerksamkeit von fernen . eigenen Sünden etwas abzulenken, hat das Zentrum jetzt eineKama­rilla" am badischen Hose entdeckt.^ Die alten Herren der StudentenverbindungRupertra , der auch der Groß­herzog angehörte, würden sehr protegrert, z. B. säßen im Ministerium des Innern fünf Ruperte als Räte. Still und vorsichtig übten die Ruperteerne unkontrol-

Fe mllet on.

Drachen und Drachenspiele.

Der Herbst naht und die fröhliche Zeit kommt wieder, wo unsere Knaben die bunten Drachen rn die Luft steigen lassen, um sich an ihren kühnen Flügen zu ergötzen. Dabei kommt ihnen nicht in den Simr, daß dieser Drache eine uralte Geschichte hat, daß die Wissenschaft ihm manche Er­rungenschaften verdankt und daß ganze Volker sich durch Jahrhunderte init diesen lustigen Luftslicgern ,n Ernst und Scherz beschäftigt haben. Der erste, der emen Drachen ver­fertigt haben soll, war der antike Gelehrte Archytas von Tarent, der ums Jahr 400 v. Ehr. lebte. Er erregte das größte Aufsehen, als er ein merkwürdiges (Gebilde in die Luft steigen ließ, dessen Fläche ein sogenanntes Deltoid bildete und aus zwei gekreuzten mit Leinwand über­spannten Holzstäben bestand. Dieser Drache, dessen Form in unserem Kinderspielzeug noch fortlebt, flatterte hoch empor in die Lüfte. Auch sonst hat der Drachen in der Wissenschaft wiederholt eine Rolle gespielt; so führte Franklin mit Hilfe eines Drachens den Beweis, daß die Wolken elektrisch geladen seien, ja fetn Versuchsdrache war der erste Blitzableiter. Meteorologische Registrierapparate und sogar photographische Kameras mit automatischer Be­lichtung werden noch heute den leichten Drachen anvertraut, wenn man nicht Ballons vorzieht. Doch das eigentliche Heimatland und die Hauptblütestätte der Drachen ist von alters her China gewesen. Sie sollen schon im dritten Jahr­hundert vor unserer Zeitrechnung dort bekannt gewesen sein und wurden anfänglich zu militärischen Signalen benutzt. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurden sie dann mit der allgemeinen Mode derChinoiserie" nach Europa ein­geführt, wo man die klassischen Versuche des Archytas, im alltäglichen Leben wenigstens, ganz vergessen hatte. Im Lande der Miste aber hat der Papierdrachen bis auf die

lierbare und unverantwortliche Beeinflussung des Herrschers" aus. DasNupertenglück" müsse Staunen und Unwillen Hervorrufen. Wir glauben nicht, daß die Verbreiter dieser Angaben selbst an das Vorhanden­sein einer ungesunden Protektionswirtschaft glauben. Sie wünschen nur. die Öffentlichkeit mit anderen Din­gen als den Anklagen gegen das Zentrum zu beschäf­tigen. Die Partei könnte dann ans der Defensive, in die sie geraten ist, wieder ein wenig in die Offensive ge­langen. Aber dafür ist die Erregung im Volke zu groß.

Die Koeds imd das Budget. Jamesou.

n. L o n b o n, 9. September.

Daß wir hier einer konstitutionellen Krise zutreiben, ist keine Frage, wenn sich auch natürlich der Zeitpunkt ihres Ausbruches nicht genau vorher bestimmen läßt. In der allerletzten Zeit nun hat die Opposition eine tak­tische Schwenkung vollzogen, die aus mehr als einem Grunde bedeutsam und interessant ist. Bislang hatte sich (begreiflicherweise: das Portemonnaie der besten

Stützen der Partei war davon bedroht!) der Haupt­kampf gegen die Wertzuwachssteuern und Landabgaben gerichtet, welche im neuen Budget vorgesehen sind. Aber man hat anscheinend gemerkt, daß dieser Kampf im Lande herzlich wenig Widerhall findet, und so wenden sich die hohen Herren jetzt gegen das Budget als Gsnzesj das dieTimes" als sozialistisch, als revolutionär usw. bezeichnen. Einzelne Punkte anzugreifen, wird nach Möglichkeit vermieden. Aber die Position der Libe­ralen hat durch diese Winkelzüge ihrer Gegner eher ge­wonnen und kommt es zum Kämpfe, so sind ihre Chancen heute ganz beträchtlich besser, als sie es noch vor wenigen Monaten waren. Als Hämeson, der be­kannte südafrikanische Politiker und Freund von Cecil Rhodes, vor einiger Zeit das Land als kranker Mann verließ, da glaubte man allgemein, das Ende seiner politischen Karriere, die ihn bis auf den Sessel des Ministerpräsidenten der Kapkolonie geführt, sei ge­kommen, um so mehr, als er eine Wiederwahl in das Parlament abgelehnt hatte. Jetzt findet er es für nötig, durch ein Interview zu verkünden, daß er hoffe, bald wieder aktiv tätig zu sein. Das kann bei dem Uberwiegen des Jameson-feindlichen burischcn Ele­ments in den Vereinigten Staaten von Südafrika ja recht interessant werden!

Kismet.

!. Konstantinopel, 8. September.

Vor einiger Zeit berichtete ich Ihnen über die get planten Massen-Entlassungen von Beamten in den Zentralbehörden. >inzwischen ist man dabei zu einem gewissen Abschlüsse gekommen. und zwar sind es nach authentischen Nachrichten rund 1600 Beamte, welche kür überflüssig erachtet werden. Allerdings beabsichtigt das Ministerium nicht die Leute einfach aufs Pflaster zu setzen, sondern Talart-Bey, der Minister des Innern hat den aus seiner Verwaltung ausscheidenden (zirka

Gegenwart in Krieg und Frieden und Sport und Spiel die größte Beliebtheit genossen, und hier ist auch die grüßte Vollendung in der Herstellung dieser locker leichten, bald phantastisch reich, bald grotesk gespenstisch sich darbietenden Dinge erreicht worden. Von solch chinesischen Drachen, die jetzt in großer Zahl der höchsten Mannigfaltigkeit eine Ausstellung des New Norker naturwissenschaftlichen Museums uns nahe bringt, erzählt 2. Peregrinus inlrber Land und Meer". . _ ,

Das Steigenlassen von Drachen ist in China ein ur­altes Nationalvcrgnügcn, an dem sich hoch und niedrig, jung und alt mit gleicher Leidenschaft beteiligen. An gewissen Festtagen schwirrt ein unendliches Heer bunter Ungeheuer am Himmelszelt herum; der größte unter ihnen das Test des hohen Fluges", das aus den neunten Tag des neunten Monats fällt. Dann bedecken sich die Höhen- mk das freie Land mit einer buntwimmelnden Menge, v« (Sofien von Fuchow sind an diesem Drachenfeste ?us V' * et fon e n auf den umliegenden Anhöhen vor­über 80 0(X er Drachen steigen lassen oder als Zn-

L7r"dem wundersamen Leben in den Lustregionen ihre schauer dem £ Die Drachen werden durch eine

?LÄt^Schnur regiert, die sich von einem Haspel ab- festgeW h - Chinesen haben eine meisterliche Beherrschung nw Technik im Führen und Leiten der Drachen erlangt:

geschickt bewegen sich die vielen Tausende von vwlaestaltigen Fornicn, die da hoch im Äther versammelt Und' Solch allgemeine Begeisterung und Festfreude kann natürlich kein bloßer Sport Hervorbringen, sondern seit ur­alter Tradition wird in diese Drachenspiele ein Symbol ge­legt das mit den Sagen und Mythen der chinesischen Religionsübung in enger Verbindung sieht. Den Drachen werden die Züge irgend eines berühmten Gottes oder Hel­den beigelegt; mythologische Wesen aller Art, schöne Frauen, mächtige Zauberer sind in den hoch emporstrebenden Papier­drachen gebannt; das unzählige Gewimmel von Tieren und Insekten, denen man günstige oder üble Vorbedeutung zu-

250) Beamten erklärt, daß der Staat bis zu einer ge­wissen Grenze für sie sorgen, vor allem versuchen werde, an anderer Stelle für sie Verwendung zu finden. Er sagte ihnen u. a., daß sie mit allen Ehren aus dem Amte schieden, daß ihre Entlassung zwar bedauerlich, aber notwendig sei und daß er sie für zu gute Patrioten halte, um sich dieser Notwendigkeit nicht zu fügen. Nun darf man aber nicht verkennen, daß auch hier ein weiter Weg zwischen Wunsch und Erfüllung liegt und darüber dürften sich die abgehalfterten Beamten ebenfalls klar sein; um so merkwürdiger ist die Ruhe, mit der sie sich in ihr Schicksal fügen. Anderswo hätte eine der­artige Dezimierung des Tschin sicher zu einer Revolte geführt; hier scheint die alte türkische Anschauung vom Kismet auch in dieser Hinsicht noch vorzuwalten. Für die Staatenlenker ist dies jedenfalls recht bequem.

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Deutsches Deich.

Des neuen Reichskanzlers Vorstellungsreise. Herr v. Bethmann-Hollweg wird sich in seiner neuen Eigenschaft als Reichskanzler im Laufe dieses Monats dem Prinzregenten von Bayern und dem Kaiser von Ö st e r r e i chvorstelle n". Später, in den ersten Tagen des November wird er das gleiche bei dem Könige von Italien tun, und zwar in Rom selbst. Sehr mit Recht bemerkt, zu dieser Nachricht die freisinnigeKönigsberger Hartungsche Zeitung":Ein wenig verwundert wird hier mancher fragen: Ist es

denn notwendig, daß der erste Beamte des Deut­schen Reiches herumreist, um sich an so und so vielen Höfenvorzustellen"? Haben die österreichischen, dre ungarischen und die italienischen Ministerpräsidenten gleiche Verpflichtungen? Tie Frage ist zu v e r n e i - n e n, aber nur aus dem Grunde, weil die Stellung des deutschen Reichskanzlers eine ganz eigenartige ist. Zu den Monarchen der beiden Verbündeten Staaten begibt sich der Reichskanzler, weil er, wenn nicht der eigentliche Leiter, so doch der Verantwortliche Vertreter der auswärtigen Politik des deutschen Reiches ist. In dieser Beziehung fehlt es auch nicht an Gegen­leistung. Der Minister des Auswärtigen Österreich- Ungarns hat bei den verbündeten Monarchen ähnliche Besuche gemacht und der jeweilige Minister des Aus­wärtigen in Italien das Amt wechselt dort rascher seinen Inhaber als in Wien und Berlin pflegt ebenfalls eine Gelegenheit herbeizuführen, um dem deutschen und dem österreichischen Kaiser vorgestellt zu werden. Fehlt es an dieser Gelegenheit, so bleibt doch eine persönliche Begegnung des italienischen Ministers des Auswärtigen mit seinem Amtsgenossen in Deutsch­land und Österreich-Ungarn lischt aus. Trotzdeni hat die Wendung: der Reichskanzler werde sich dahin oder dorthin begeben, um sichvorzustellen", einen nicht gerade erhebenden Beigeschmack. Einge­bürgert hat sich das Sichvorftellen seit der Verabschie­dung Bisinarcks. Wie jetzt Herr v. Bethmann-Hollweg,

legt, Frösche, Fische, Feuerfliegen, Schmetterlinge, Fleder­mäuse, riesige Hundertfüße, sie alle leben in der bunten Drachenwelt wieder auf und werden von der Erde, wo sie Unheil stiften, in die Luft verwiesen oder durch den Flug zum Himmel geehrt.

Besonders beliebt sind heutzutage die musikalischen Drachen, die an einem Bambusbogen eine seidene Schnur tragen, worauf der Wind durch die ausgespannte Saite einen starken und wohllautenden Ton hervorbringt. In uralter Zeit bereits soll ein chinesischer General solch einen musikali­schen Drachen haben aufsteigen lassen, an dem angezündete Laternen befestigt waren. Das Tier nahm seinen Flug über das Lager der Feinde; das sonderbare Getön dieses leuch­tenden Luftungeheuers flößte den Feinden Schrecken ein so daß sie alle ihre Pfeile nach dem unheimlichen nächtlichen Flieger verschossen, woraus der kluge General am nächten Tage die waffenlosen Feinde leicht überwand Gern ver

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Märchen

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vom Kopf bis zum l i l bem Hundertfuß, der

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Gestalten aus alten Legenden und vbantastil^o»' cm» zur Anschauung zu bringen , wirschen Märchen

in riesiger Größe flebUbet. fo - ^etben die Drachen

ein

einer Harmonika ® , 1 NW mißt und nach

Riesendrache ist ieEr"a?^^legt werden kann. Solch zeug, das c ba§ Idn0fte unb originellste Spiel-

^^steigen m die Lust hergestellt worden i werden mit den sogenannten Kampf-

ftanL n,?^ 3C U )rt ' bie etwa 5 Fuß lang, kreuzförmig ge­ll v," imb ötn ^udc mit scharfen Spitzen versehen sind. Sie o erden an seidenen Stricken oder Schnüren emporgelassen, me ihrer Länge nach in Fischleim getaucht und mit einem praparat aus Glas oder pulverisiertem Porzellan umdreht sind. Kreuzen sich die Schnüre, dann sind binnen kurzer Zeit fünf oder sechs Drachen miteinander im Kampfe, und mit leidenschaftlicher Spannung erwartet man mm den Aus­gang, wobei hohe Geldwetten abgeschlossen werden. Nach dem alten Volksglauben tragen Drachen auch den Göttern Wünsche zu, die aus das Papier geschrieben werden, und