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Nr. 421
Wiesbaden, Freitag, I®. September 1909.
57. Jahrgang.
1. greift.
Nsq Ein Pinta Wer ArbkllslMirl!.
Es wird in weiten Kreisen als ein Widerspruch empfunden, daß man auf der einen Seite von der wiru jchaftlichen Erholung, auf der anderen Seite aber wieder von starker Arbeitslosigkeit im kommenden Winter spricht. Aber, dieser Widerspruch ist doch nur scheinbar; er löst sich, sobald man sich den Verlauf des Arbeitsmarktes während der letzten Jahre vergegenwärtigt. Es ist vor allem zu beachten, daß im Jahre 1906 der gewerbliche Beschäftigungsgrad sehr schwach war; die Beschäftigupgsziffer nahm nicht zu, sondern sie nahm sogar gegen 1907 ab. _ Wenn nun die Beschäftigungsziffer nicht normal zunimmt, so resultiert dies daraus, daß das jährliche Neuangebot am gewerblichen Arbeitsmarkt von der Nachfrage nicht aufgesogen wurde, sondern zu einem sehr großen Teil ohne Beschäftiauna blieb. Daraus erklärte sich der ungewöhnliche Umfang der Arbeitslosigkeit im letzten Winter. Im lausenden Jahre nimmt nun der Beschäftigungsgrad und damit auch die Beschäftigungszisfer wieder recht erfreulich zu, wie aus nachstehendem Vergleiche, in dem die Beschafft gungsziffer am 1. Januar jeden Jahres immer gleich 100 gesetzt ist, deutlich hervorgeht. Es bewegte sich die Beschastrgungszisser tu den einzelnen Monaten, ' wie folgt:
1006 1907 1908 1909
Januar 100,6 100,7 99,6 99 7
Februar 100,9 101,8 106,6 99 8
März 102,4 103,2 101,4 102,1
April 104,7. 106,4 103,0 105 6
Mar 108,2 106,8 103,9 10X3:8
Jum 105,8 106,4 103,3 106 6
Juli 105,8 106,6 102,9 106,8
Die Bewegung vom 1. Januar ab gemessen ist also in diesem Jahre sehr befriedigend und beweist eine erfreuliche Hebung des Beschäftigungsgrades. Aber diese Hebung genügt etwa gerade, um dem N e u a n - gebot des laufenden Jahres Arbeitsgelegenheit zu schassen. Sie ist dagegen nicht groß genug, um auch die aus dem Jahre 1998 noch vorhandenen freien Arbeitskräfte in Stellung zu bringen. Die Besserung der gewerblichen Beschäftigung müßte etwa doppelt so stark sein, wie sie ist, um die Schäden als 1908 schon im laufenden Jahre wieder gut zu machen. Da dies aber nicht der Fall ist, so muß trotz der wirtschaftlichen Erholung in den Wintermonaten die Arbeitslosigkeit noch einmal sehr stark, bis auf die Höhe eines Krisenjahres ansteigen.
So war es auch während der letzten Periode des gewerblichen Niederganges und so wird es höchster Wahr
scheinlichkeit nach auch im kommenden Winter sein. Schon aus der jetzigen Höhe des Andrangs kann man auf den wahrscheinlichen Andrang in den Wintermonaten schließen. Dieser wird nicht viel hinter dem Andrang im Winter 1908/09 zurückbleiben. Selbst wenn die Belebung im Herbste auch den Arbeitsmarkt günstig beeinflußt und eine Besserung gegen 1908 bringen sollte, wird der unerfreuliche Verlaus der Wintermonate nicht zu verhindern und nur wenig abzuschwächen sein. Gerade aber weil man fast mit Gewißheit ein nochmaliges starkes Anwachsen der Arbeitslosigkeit für den kommenden Winter Voraussagen kann, ist es von großer Wichtigkeit, daß man bei Zeiten Vorsorge gegen die h e r a n k o m m e n d e Flut trifft. Es kann ja erfreulicherweise konstatiert werden, daß manche Kommunalverwaltungen aus eigenem Antrieb schon jetzt ihr Augenmerk auf die winterliche Arbeitslosigkeit gerichtet haben. Das war in früheren Perioden einer Krise nicht der Fall. Aber dem guten Beispiele einzelner Kommunalverwaltungen, so auch Wiesbadens, sollte allgemein nachgeeisert werden,.
frühzeitiger die Vorkehrungen gegen die Arbeitslosigkeit getroffen und vorbereitet werden können, oesto sicherer kann man dem sozialen und wirtschaftlichen Übel entgegenwirken. Zweifellos können die Gemeinden ihre Tief-, und Hochbauarbeiten so legen und schieben, daß für die Wintermonate reichliche Arbeitsgelegenheit vorhanden ist. Nur starker Frost würde die Ausführung der Arbeiten gefährden können. Wenn sich dann im weiteren Verlaufe des Jahres 1910 die kommunale Bautätigkeit ahschwächt, so dürste dies bei der voraussichtlichen Belebung der sonstigen Bautätigkeit kaum einen ungünstigen Einfluß aus die Baukcm- lunktur des Jahres 1910 ausüben. Aber neben den Kommunen kommen auch die st a a t I i ch e n V e r waltu n g e n bei_ dei/ Vergebung von Arbeiten für die Wintermonate in Frage. Auch sie können durch frühzeitige Dispositionen Vorsorge treffen, daß von den ^ahresausträgeu ein großer Teil in den Wintermonaten erledigt werden kann; wir denken an die Ar- beiten, die die Eisenbabnverwaltung zu vergehen hat wir denken an die Beschäftigung aus den Werften, an dre Bauarbeiten uiid an die Arbeiten in den Forsten Kurz und gut: dre kommunalen und staatlichen Behörden können durch ein systematisches und
! V“? i'L 1 * 10 e . § Er n greifen dahin wirken, den hohen, l.mfang der Arbeitslosigkeit wesentlich e i n z u-
! n ‘ cn ""d weite Schichten der Arbeiter- bevolkerung vor den Folgen sozialer Not zu schütze n.
gelingt, das nochmalige Hochfluten der Arbeitslosigkeit rm kommenden Winter ganz zu ver- hindern, so wäre es doch schon ein starker Erfolg wenn ri> Ul wl u 6 ^rsposttionen der kommunalen und staatlichen Verwaltungen ein wesentlicher Teil der sonst Arbeits könnte" Wintermonaten Arbeitsgelegenheit finden
(Nachdruck verboten.)
Was klsibi am Nordpol noch zu tun?
Von H. Singer.
Die Ansichten darüber, ob Cook in der Tat den Nordpol bezwungen hat oder nicht, dürsten noch einige Zeit auseinandergehen. Dagegen wird der ein Jahr später errungene Erfolg Pearys Zweifeln nicht begegnen. Jedenfalls dürfen wir sicher sein, daß das mit heißem Bemühen umworbene Ziel erreicht ist und für sich allein niemand mehr reizen wird. Die Frage liegt min nahe, welche Entdeckungs- und Forschungsarbeit dort „oben" noch der Erledigung harrt.
Nordpolarforschung und Bezwingung des Nordpols sind nicht dasselbe. Das geht schon aus dem Umstande hervor, daß der Nordpol durchaus nicht das Ziel aller Nord- polarrersenden gewesen ist. Ja, es hat lange Zeiträume gegeben, in denen er auf urllernehmungslustige morscher kaum irgendwelche Anziehungskraft ausgeübt hat; wir brauchen da nur an die etwa dreißigjährige Periode zu erinnern die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die moderne Nordpolarforschung eingeleitet und nahezu ausschließlich der Nordwestdurchfahrt gegolten hat. Und in jüngster Zeit sind es eigentlich nur die Amerikaner — Peary, Baldwin Mala, WellMan, Cook — gewesen, die dem Nordpol nachjagten, während Schweden, Norweger, Dänen, Engländer und auch Russen ganz andere Probleme bei ihren Forschungsfahrtcn im Auge hatten. Man hat sich sogar vielfach zu der Anschauung bekannt, daß die Eroberung des Nordpols allein, ohne Nebenergebnis ein für die Wissen- fchast recht zweckloser und unnützer Erfolg wäre der in keinem richtigen Verhältnis zu den dafür aufaewaiidten Mitteln an Kraft und Geld stände.
, T" der Tat hat diese Auffassung zum mindesten für solche Reffen polwärts eine Berechtigung, tue in Schlittcn- fabrtM über das Packeis des Polarmeeres bestehen. Für
' derartige Fahrten ist größtmögliche Eile geboten Im Winter während der ununterbrochenen Polarnacht kann man sie nicht durchfuhren; im Sommer auch nicht, weil dann das Ers m Bewegung ist. Es bleiben nur die wenigen Wochen übrig, die zwischen dem ersten Erscheinen der Sonne etwa im März, und dem Beginn der Eisbewegung etwa im Mai wenn nicht schon im April, liegen. So müssen denn stell' Kunst und Nahrung in vollem Umfange für das Vorwärtskommen genutzt ivcrden. Nebenher können noch einige meteorologische Beobachtungen gemacht, die magnetische Rißweisung abgelcsen werden; auch über die Beschaffenheit und die Treibrichtung des Eises kann man Aufzeichnungen machen. Seine Dicke wird man aber schon seltener zu ermitteln vermögen, und Ticfenlotungen mit Wasser- und Bodenproben, die für die Geographie von höchstem Wert sind, lassen sich gar nicht ausführen. Weder Cook noch Peary haben solche Arbeiten vorgenommen. So gleicht denn der Weg des kühnen Pioniers zum Pol der Straße, die ein Schiff durch das offene Meer zieht: jener wird vom treibenden Eise wie diese durch die Wellen verwischt.
Von Wichtigkeit im geographischen Sinne ist, daß wir über di-- Verteilung von Land und Wasser in dem Polar- aebiet Kunde erhalten. Cook Hai Land gesehen es ist wohl ein Teil desselben Landes, das Peary 1906 etwas Weller südlich gesichtet und Crockcrland benannt hat. Beider Entdeckung ist sehr interessant, aber beide haben es für nebensächlich gehalten, ihr nachzugehen; nebensächlich mußte ihnen ja alles sein, was nicht mit der Erledigung ihrer Hauptaufgabe zusammenhing. Das ist bedauerlich, wenn auch erklärlich. Es scheint aber nun scstzustehen, daß es im unbekannten Teil des Polarbeckens große Inseln gibt, die sich mindestens bis zum 85. Breitengrad nordwärts vorschieben. über ihre Ausdehnung und Natur Aufschluß zu bringen, wäre eme recht dankbare Aufgabe, die schon durch eine Schlittenreise von der Nordwcstecke des Ellesmere- landes aus ohne außergewöhnliche Schwierigkeiten zu bewältigen sein würde. Daß Amundscn auf seiner aevlanten Drift durch das Polarvecken in diese Gegenoen kommt, ist
Tust aus Keilen.
st. New Jork, 7. September. Auch die Stellung des Präsidenten der Vereinigten Staatep von Amerika zählt in mehr als einer Hinsicht zu jenen, von denen ein alles -Sprichwort behauptet, daß es zwar eine Ehre sein möge, aber sicherlich kein Ver g n ü g e n, sie zu bekleiden. Die Unsitte, bei passenden und unpassenden Gelegenheiten in das Weiße Haus einzudringen, um dem Präsidenten die Hand zu schütteln, ist ja schon oft genug geschildert worden,^ aber sie ist nicht die einzige, nicht einmal die schlimmste Bürde, welche das Amt mit sich bringt. Das wird Mr. Taft in der nächsten Zeit nur zu genau erfahren, denn wenn auch dem Unionspräsidenten die vielen Grundsteinlegungen, Denkmalsenthüllungen, Stiftungserösfnungen usw. erspart bleiben, die in ,,tba old country“ gar so viel fürstliche und prinzliche Zert und Kraft in Anspruch nehmen, so hat er dafür dre ungeschriebene Verpflichtung, dem Wunsche des souveränen Volkes, das „seinen" Präsidenten sehen und rhn reden hören will, nach Möglichkeit nachzukommen. Und da auch hier, wenn der Berg nicht zu Mohammed kommen kann, Mohammeb oben ZumBevge kommen inuB, so bleibt auch Billy Taft nichts anderes übrig als sich auf die Wanderschaft zu begeben. Am 16. Sevtember wrrd er seinen ruhigen Sommersitz Beverley verlassen, um eme „kleine Reise" anzutreten, die etwa 2 Monate dauern und bei der er rund 13 000 Meilen sengt) zuruckzulegen hat. In dieser Zeit soll der längste Aufenthalt an einem Orte (aus seines Bruders Farm in Ter.as) vier Tage dauern, zwei Tage und eine Nacht wird Taft aus der Ausstellung in Seattle und vier Tage auf einem Mississippi-Dampfer verbringen. Das sind aber auch die einzigen Ruhepausen und in der Zwischenzeit dürfte er kaum in der Lage sein, seinen Salonwagen auf mehr als Stunden zu verlassen. Roosevelt hatte es auch darin besser, denn während Taft sich (wie gesagt) mit einem Salonwagen begnügen und Liesen aus den dafür vom Kongreß bewilligten Summen bezahlen muß machten sich zu Roosevelts Zeiten :die Bachnen noch eme Ehre daraus, den Präsidenten gratis und franko per Sonderzug zu befördern, wobei er und ganzes Gefolge noch von den Verwaltungen be- kostrgt wurden.. Riesige Vorsichtsmaßregeln, beinahe wre bei den Reisen des Zaren, sorgten dafür, daß der -sonderzng nirgends ausgehalten wurde und daß ihm nichts passierte. Damals war also — abgesehen von ften Strapazen des Reifens an sich — eine solche Tour mr den Prapdenten noch relativ angenehm Aber die Zeiten haben sich geändert, seit der Kongreß das neue Frachtratöngesetz erlassen hat, das es den Bahnen untersagt, irgend jemand zu befördern, der nicht den regulären Satz für seine Reise bezahlt; auch der betreffende Reisende selbst macht sich strafbar, wenn er irgend welche Vergünstigungen annimmt. — Nebenbei
picht mit Sicherheit anzunehmen; er dürfte sie zu seiner ...Rechten lassen.
Überhaupt steht man hier, im Nordwestcn des arktischen Amerika, an der Schwelle des umfangreichsten „Weißen Flecks" unserer Nordpolarkartcn. Er umfaßt die Gegenden nordwestlich und westlich vom Parryarchipel und dem Reisc- gebiet Sverdrups, nördlich voir Alaska und der Beringstraßc bis zu den Routen der „Jeannette"-Expedition von 1880/81 und der Nansenschcn „Fram"-Expcdition von 1893/L6 Milkelscn ist 1807 von Alaska her über den Rand jener terra incoimita nicht wesentlich hinausgekommen; eine größere Bresche in sie ist nur zwischen dem 50. und 100. westlichen Längegrade gelegt worden; 1906 und 1909 von Peary 1909 von Cook nach dessen auptung. Aber noch unaeiäbr die achtfache Fläche des Deutschen Reiches bedeckt icina Eine nicht unbegründet erscheinende Annahme geht dahm, daß hier eme Jnselbrücke aus der Nähe er Neupblrffchen Gruppe bis gegen den Parrvarrkm»r sie stützt sich auf Erscheinungen in der Bcweauno
an den Rändern des Beausortmeeres und * W
Neferuugen der PolarvöL. Jed n^ °uf f C°oks die Theorie Nausens von eMem wÄ ' % ^is Land von ueunenswerter Ausdvv,.,., ,!e . m ^omcmeer r erfahren. Hier ist also nock. kom ewe Befestigung r
Entdeckungszüge varbandoi, , Elger Raum für sehr wette
Harrison und R. Anmndlln / toC * ^arfahrer, H. A.
nehmen. -mundsen, wollen ;a auch solche unter-
nammllick°s.w?^" ift freilich mehr als kühn und erscheint
Landsleuten als höchst aben- Kunden hn , * wtt zahlreichen Eskimos, Schlitten und
bis nackig.JJ ct Mackenziemündung über das Polarmeer Air w; vorzudringen versuchen und dabei so-
” Winternacht zum Reisen benutzen, rechnet aber mll einem sehr langsamen Vorrücken, besonders für den Anfang und bennßt die Expedllionsdauer auf 2% Jahre. Während ^ sich indessen hier um ein noch ungesichertes Projekt handelt, steht Amundsens Ausreise für das Jahr 1910 bereits .fest. Der norwegisch? Forscher hat eine Driftreffe' mit dem
