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Nr. 405,

Wiesbaden, Mittwoch, 1. September 1905.

57. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

I. SSCatt._

Politische Übersicht.

Warum die Zoppetinvegersternng?

Die Berliner Zeppelin-Tage boten das ungewohnte Schauspiel einer rauschenden und jubelnden, das ganze Volk ebenmäßig ergreifenden Begeisterung. Das er­neute Unglück des „Z. 3" wird ebenso wiederum Ge­fühle der allgemeinsten Trauer und Anteilnahme er­wecken. Wie eilt Sieger, ein Triumphator fuhr Zeppe­lin neben deni Kaiser durch die Straßen Berlins, und stürmische Ovationen wurden ihm und seinem Luftschiff dargebracht. Seine Popularität ist ungeheuer.

. Was ist die eigentliche Ursache dieser gewaltigen Zeppelin-Begeisterung? Seine geniale Erfindung öffnet dem Menschengeist neue erhebende Perspektiven: aber auch Groß, Parseval, Orwille Wright haben zu gleicher Zeit ähnliche technische Großtaten vollendet, ohne daß ihnen die Dolkspsyche in dieser imposanten Weise zugetan ist. Die Erfindung Zeppelins stellt obendrein — das darf aus aller Hochstimmung heraus offen gesagt sein — noch längst keine Vollendung, nur erst einen bahnbrechenden Anfang dar. Und trotzdem dieser Volksjubel, diese einheitliche Bewunderung, dieses feste Vertrauen zu Zeppelin trotz aller seiner Miß­geschicke!

Es ist die Persönlichkeit Zeppelins, die diese Hochgefühle ausgelöst hat. In ihr verkörpert sich nach langer Zeit wieder einmal und mitten in einer Periode der personellen Mi t t e/l m ä ß i g k e i t, des Mangels an Individualitäten, an Kraft und schöpferi­scher Fähigkeit der deutsche Genius, der sonnenvolle O p t i m i s nr u s, der grandiose Wille, die germani­sche Zähigkeit und Energie. Die Massen empfinden mit dein feinen Instinkt, der ihnen eigen ist, daß dieser Mann in seiner Person alle guten Eigenschaften der deutschen Natur kumuliert, daß sie in ihm eine strah­lende, Vaterland und Welt erwärmende Verkörperung gefunden haben. _ Eine Zeit, der im öffentlichen Leben die kraftvollen, hinreißenden Persönlichkeiten fehlen, be­durfte eines Mannes wie Zeppelin, in dem sich der ge­sunde Autoritätssinn eines ganzen Volkes — fast ohne Unterschied der Parteistellung — spiegeln kann. In Zeppelin sind wir wieder stolz und stark geworden als Deutsche. Und es ist der sehnlichste Wunsch wohl Hunderttausender, daß dem Zeppelin der Technik in Deutschland auch bald ein Z e p p e l r n d e r Staats-

kunst folgen möge, ein Mann, der das Reichsschiff leicht und glanzvoll durch Wolken und Hindernisse hin­durchlenken möge. Nach diesem „Zeppelin" spähen wir aber zurzeit vergebens!

Klerus und Zentrum.

Man schreibt uns:

In letzter Zeit hat man sich viel um eine Äußerung des Zentrumsabgeordneten Dt. Bitter gestritten, die dahin lautet, daß das Zentrum am Ende sei, wenn der katholische Klerus nicht mehr für es werbe. Jeder, der in katholischen Gegenden gelebt hat . und dem Volke nahe getreten ist, wird dem Dt. Bitter unbedingt recht geben müssen. Wir erinnern uns der Aufstellung eines einwandfreien Katholiken als Gegenkandidat gegen den seitherigen Zentrumsabgeordneten. Der Gegenkandidat wollte nicht einmal einer mit dem Zentrum im Kampf stehenden liberalen oder konservativen Parteien bei­treten, sondern nur als „Wilder" für die damalige Re­gierungsvorlage ei.»treten. Er wäre sicher gewählt wor­den, wenn der K uns sich nicht um die Wahlen ge­kümmert hätte; da osicselbe aber den seitherigen.Abge­ordneten unterstützte, konnte der Gegenkandidat nicht einmal eine Versammlung mit Erfolg abhalten. In einem katholischen Dorfe standen eine Anzahl Bauern vor dem Versamjulungslokal und wollten der Rede des Gegenkandidaten lauschen. Als zufällig der Herr Pfarrer vorbeikam und mit den Leuten einige Worte gewechselt hatte, konnte der Gegenkandidat seine Rede den zwei mitgebrachten Freunden halten. Ein katho­lischer Lehrer, der über den seitherigen Abgeordneten erbittert war, weil dieser einmal den Ausspruch von den unersättlichen Schulmeistern getan hatte, und nun für den Gegenkandidaten arbeiten wollte, hätte beinahe das Fell verhauen bekommen. Der Lehrer hat in katholi­schen Gegenden nur politischen Einfluß, wenn er für das Zentrum arbeitet; im anderen Falle bedeutet er eine Null. Wir möchten den katholischen Lehrer sehen, der gegen das Zentrum arbeitet, solange der Pfarrer dafür arbeitet. Nun ist in letzter Zeit unter dem niede­ren Klerus eiire große Mißstimmung gegen das Zen- trum eingetreten, weil es bei der Gehaltsreform mehr den'Wünschen der hohen Kivchenfürsten gefolgt ist, als die Interessen der Geistlichen vertreten hat. Die Geist­lichen empfinden es bitter, daß sie die einzigen Akade­miker sind, die im Gehalt vielfach hinter den Subaltern­beamten und den Lehrern zurückstehen. So hat z. B. der Gerichtssekretär 600 M. Gehalt jährlich mehr als der akademisch vorgebildete katholische Pfarrer und der Hauptlehrer überragt ebenfalls seinen Pfarrer am Ein­kommen. . Nun ist ja nicht zu erwarten, daß viele katho­lische Geistliche gegen das Zentrum bei einer Wahl eintreten werden, oder wenn augenblicklich Neuwahlen

stattfänden, würde zweifellos sich mancher Pfarrer nicht um die Politik kümmern und es würde manchem Zentrumskandidaten recht schlecht «gehen, x.

Ueofegov GrrmAlomicr über das europäische

Gleichgewicht.

Der jüngst auf so tragische Weife aus deni Leben ge­schiedene Professor Gumplowicz hat noch kurz vor seinem Tode einen Artikel für den „Matin" geschrieben, der aus mehr als einem Grunde interessant ist. Er befaßt sich darin zunächst mit deni Rückgang der Geburrs- r a t e in Frankreich und gibt der Ansicht Ausdruck, daß diese Bewegung fortdauern werde. Staaten, als natür­liche soziale Gebilde, unterlägen eben auch.den unab­wendbaren Gesetzen der Entwicklung und des Sterbens. „Ich behaupte nicht etwa", fährt Gumplowicz dann fort, „daß ein Staat ein Organismus sei wie etwa eine Pflanze, ein Tier oder wie der Mensch selbst, aber nichts­destoweniger ist er ein Gebilde, das nach den allgemei­nen Naturgesetzen ins Leben tritt, sich entwickelt, wächst, eine Kultur schafft, welkt und abstirbt. Die Europäer meinen ja gern, daß ihren Staaten ewige Dauer bc- schieden sei, aber das ist außerordentlich naiv. Auch diese Staaten werden verschwinden gleich denen früherer Epochen. Die Dekadenzzeichen bei Staaten sind eine hohe Kultur (Zivilisation) und die Senkung der Geburten ziffer. Je höher die erstere, um so mehr,sinkt die letztere und um so näher ist das Ver­schwinden des Organismus; je niedriger die Kultur, um so höher ist die GeburtSzisfer und um so größer ist die Zukunft oder, wie wir uns ausdrücken, die Lebenserwartung des Staates. Das ist eben Naturgesetz! Sie ftagen mich aber auch, wie das ge­ändert werden kann. Soziologen stellen nur die Natur­gesetze, soweit sie in ihr Gebiet fallen, fest; das Suchen nach Mitteln, sie zu ändern, überlassen sie Politikern und Humanitären Philosophen." Gumplowicz entschull digt sich dann, wenn er etwa das patriotische Gefühl der Franzosen verletzen müsse, aber die erste Pflicht der Wissenschaft sei die Erkenntnis der Wahrheit und er schließt. wie folgt: „Was fürchten die Franzose» denn eigentlich? . Die Suprematie der G e r m a n e n als Ergebnis ihrer höheren Gcburtsziffer. Darüber mögen sie ganz beruhigt sein. Die Slave» Osteuro­pas haben eine noch viel höhe r c Geburtsziffer als die Deutschen und es war ein getreuer und sicherer» natürlicher Instinkt, der dieses Land mit der niedrigsten Geburtenziffer in Europa (ö. h. Frankreich) mit jenem zusammenführte, das die höchste in diesem Erdteil be­sitzt. Tiefe Allianz (so meint G. etwas malitiös) ent­spricht ja nicht gerade dem Geiste moderner Kultur, aber sie ist von einem sehr gesunden Sinne der Selbst, erhaltung diktiert. Frankreich kann jetzt jahrhunderte-

Femlleton.

(Nachdruck verboten.)

MmmelserschelmmgenimKepteuckerlWO.

Am 23. September, um 6 Uhr nachmittags, erreicht die Sonne den Punkt ihrer scheinbaren Jahresbahn, an dem sie den Äquator von Norden nach Süden durchschneidet, sie befindet sich dabei im Tierkreisstcrnbilde der „Jungfrau" und tritt kalendermäßig aus dem Zeichen der „Jungfrau" in das der „Wage". Der 23. September ist daher auf der Erde überall von gleicher Dauer, wir haben Tagund­nachtgleiche (Äquinoktium), und der Herbst nimmt auf der Nördlichen, der Frühling auf der südlichen Halb­kugel seinen Anfang.

Im H e r b st m o n a t vermindert sich die nördliche Abweichung der Sonne vom Äquator von 8" 26' 39."4 am 1. bis auf 0" am 23., und ihre südliche Abwei­chung wächst wieder bis auf 2° 38' 12."5 am 30. Daraus ergibt sich die Abnahme ihrer Mittagshöhe für das mittlere Deutschland von 46 auf 35 Grad. Die Tagcsdauer verringert sich infolgedessen in Nord- und Mitteldeutschland von 13% auf 11% und in Süddcntschlcmd, Nordösterrcich und der Schweiz von 13% auf 11% Stunden.

. In den frühen Morgenstunden des September hat man wieder Gelegenheit, das am Osthorizont in Gestalt einer matt leuchtenden, nach Westen zu geneigten stumpfen Pyra­mide ericheinende Ticrkreislicht zu beobachten. Es ist aber in unseren Breiten deutlich nur an klaren mond­scheinlosen Tagen zu erkennen. Da sein Schimmer von kleinen festen Körpern herrührt, die das Sonnenlicht zurück­strahlen, _ und seine Achse mit dem Sonnenäquator zu­sammenfällt, hat man es als eine linsenförmige oder ring­förmige Ansammlung von Meteoren zu betrachten, die die Sonne umkreisen. Beobachtungszeit des Zodiakallicktes ist , Anfang September 3 bis 4% Uhr und Ende September 4 b:s 5% Uhr. Wesentlich bequemer liegt die Sichtbarkeits- zKt NN Februar, da die Lichtpyramide dann abends er­scheint. In den Tropen, wo das Tierkreislicht ungleich

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Der Mond zeigt im September folgenden Gestalt­wechsel: Letztes Viertel am 6. um 8 Uhr 44 Min. nach­mittags, Neumond am 14. um 4 Uhr 9 Min. nachmittags, Erstes Viertel am 22. um 7 Uhr 31 Min. nachmittags und Vollmond am 29. um 2 Uhr 5 Min. nachmittags. Er be­findet sich in Erdnähe am 1. um 8 Uhr vormittags (Abstand gleich 56.3 Erdhalbmesser a 6378 Kilometer), in Erdferne am 16. um 10 Uhr vormittags (Abstand 63.7 Erdhalb messer) und wieder in Erdnähe am 29. um 6 Uhr nach­mittags (Abstand 55.9 Erdhalbmesser).

Über die Planetenerscheinnngen ist nachstehendes mitzu­teilen: Merkur, der am 17. September um 11 Uhr vor­mittags seine größte östliche Ausweichung von der Sonne (26° 34') erreicht, bewegt sich stark südwärts, bleibt deshalb für die Beobachtung in ungünstiger Stellung. Seine am 20. stattfindende Annäherung an den Fixstern 1. Größe Spica in der „Jungfrau", von dem er 1° 13' südlich steht, kann nur mit dem Fernrohr gesehen werden. Der Planet nähert sich der Erde. — Venus ist Abendstern und ver­weilt im Bilde der „Jungfrau" stetig etwas länger über^ dem Horizont und ist zuletzt mehr als eine halbe Stunde lang sichtbar. Am 10. September, um 3 Uhr früh, hat sie ebenfalls mit Spica Konjunktion, bei der sie sich dem Fix­sterne nördlich bis aus 2° 15' nähert; sic ist deshalb schon am Abend vorher und auch noch am folgenden Abend in fast demselben Abstande von Spica zu crb.rcken, doch empfiehlt es sich, zur Beobachtung ein Opernglas zu ver­wenden. Nicht weit davon steht auch einige Tage später der Merkur der sich durch seinen stechenden Glanz aus- zeicknet Am 16 September, um 8 Uhr abends, zieht die schmale' zunehmende Silbersichel des Mondes nördlich von, Merkur und am 17. September, um 10 Uhr abends, nördlich von Venus, zugleich auch nahe an dica vorüber, diese allgemeine Konjunktion verdient also wohl Beachtung, ihre günstigste Beobachtungszcit fällt in die Zeit von % bis 1 Stunde nach Sonnenuntergang. Venus befindet sich in Annäherung. — M a r s , aus der Grenze der „Fische" und des „Walfisches", nimmt im September das Hauptinteresse in Anspruch, weil er seit Juli 1907 wieder der Erde am nächsten kommt, aus diesem Grunde also sehr viel beobachtet wird. Da er am 24. September in Opposition gelangt,

durchschreitet er um diese Zeit zu Mitternacht den südlichen Meridian, und zwar in viel bedeutenderer Höhe als bei der letzten Opposition. Er strahlt infolgedessen als hellstes Gestirn in rötlichem Licht die ganze Nacht hindurch am Him­mel. Zweimal, am 2. September, um 5 Uhr morgens, und am 29. September, um 4 tlhr morgens, nähert sich der im Abnehmen begriffene Mond außergewöhnlich stark dem schönen Planeten. — Jupiter, der am 18. September, um 2 Uhr nachmittags, in Sonnenkonjunktion kommt, bleibt unsichtbar. — Saturn, im Sternbild der „Fische", unweit östlich (links) vom Mars als Stern der 2. Größe scheinend, bleibt auch während der ganzen Nacht sichtbar, denn er kommt am 13. Oktober in Opposition. Seine Entfernung von der Erde nimmt ab. Am 3. September, um 5 Uhr vor­mittags, und am 30. September, um 1 Uhr nachmittags, er­eignen sich sehr nahe Konjunktionen zwischen dem Saturn und dem abnehmenden Mond. — Uranus, in sehr süd-, licher Stellung im „Schützen", bietet jetzt noch schlechte Be-' obachtungsverhältnisse; er kulminiert anfänglich gegen zuletzt gegen 6% Uhr abends. — Neptun, im Geaensatz zu seinem inneren Nachbar in stark nördlicher Position weilt nabe südöstlich vom Stern Delta der „Zwillinge". Er kul­miniert zuerst gegen 8%, zuletzt gegen 6% Uhr morgens.

K ° c E e ''wurden im gegenwärtigen Jahre bisher ” ut ^'entdeckt: der Komet 1909a am 14./15. Juni von Borrelly-^amel und neuerdings der Komet 1909b am 13. August von A. Kopfs auf dem Königstuhl bei Heidelberg. Beide Gestirne gehören zu den tcleskopischen Gebilden, der letzte von ihnen wird am 31. Oktober seine Sonnennähe durchlaufen; er ist ein bereits bekannter Schweisstern und wurde im Jahre 1896 als 7. Komet jenes Jahres von Perrine ausgefunden. Da er äußerst lichtschwach ist, kann er nur in großen Instrumenten gesehen werden; er steht in der „Andromeda".

Richten wir unser Augenmerk an schönen Abenden aus den Fixsternhimmel, wozu sich besonders die weniger durch das Mondlicht erhellten Rächte vom 6. bis zum 22. September eignen, so sehen wir die Milchstraße vom Nord< osthorizont durch den Zenith zum Südwesthorizont einen größten Kreis beschreiben. Im Nordosten breitet sich tief unten der „Stier" an der reckten Seite der Milchstraße aus,