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Nr. 401
Wiesbaden, Sonntag, SS. August IVOS.
87. Jahrgang-
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Erfolge unserer Landwirt schuft.
Wo etwas anzuerkennen ist, wird wan uns gern dazu bereit finden- Wir bekämpfen denAgrarkonservativis- iinus als politische Pariei, aber was hat das mit der objektiven Feststellung der Ergebnisse zu tun, zu denen die deutsche Landwirtschaft durch ihre unzweifelhafte Tüchtigkeit gelangt ist? Indem wir uns darüber freuen, denn Fleth und Intelligenz wichtige Erfolge erzielen, haben wir nur den einen Wunsch, daß von jener Seite ebenso willig die Leistungen anerkannt werden, mit denen der deutsche Gewerbefleitz iu Handel und Industrie die nationalen Güter mehr, dem einzelnen wie der Gesamtheit zum Vorteil und zur Ehre. Nur geschieht das leider nicht. Hämisch und verdrossen wird !tm Bannkreise der agrarisch-konservativen Welt auf das gewaltige Ringen geblickt, mit dem die Männer der Technik, die Kräfte der grotzindustriellen Betätigung, die kühnen Pfadfinder auf dem Gebiete des Welthandels den Kreis der deutschen Wirtschaftsinteressen stetig zu erweitern bestrebt sind. Aber wir wollen uns, wie gesagt, nicht revanchieren, wir wollen^gerecht sein und loben, was Lob verdient. In diesem Stnne seien einige flüchtige Streiflichter auf die Lage der deutschen Landwirtschaft geworfen. . .. __
Erstaunlich ist die Regelmaßtgrett und dte «chnelltg- keit, mit der es gelingen konnte, den Ertrag an Körnerfrüchten zu steigern. Hier ein paar Zahlen: Vom Hektar wurden geerntet (Doppelzentner):
. Roggen. .
Weizen . . .
Winkorspelz - Sommergerste Kartoffeln .
Hafer . .
Wiesenheu . . ----- - t _ .
Nun pflegen die Wortführer des Bundes der Land wirte M behaupten, daß erst die Erhöhung der Getreide- zölle diese Intensität des Anbaus ermögltcht habe. Aber man braucht sich die Tabelle nur anzusehen, um eine Widerlegung dieser Behauptung zu erzielen. Die geringsten Erträge fallen in die Zeit der unverminderten Herrschaft der sehr hohen Zölle des Bismarckschen Zolltarifs vom Ende der 70er Jahre. , Die außerordent- lich hohe Steigerung des Ertrages im Zeitraum von 1894 bis 1896 gehört dagegen der Periode der Caprivi- schen Handelsverträge an, von der uns die Agrarier fo gern erzählen, datz sie der Landwirtschaft die Flügel aelähmt hätte. Der wettere Aufschwung, den das Jahr 1906 gebracht hat. muß also nicht notwendtger-
1881/83
1894/86
1906
. 9,87
11,67
15,78
. 12,60
16,10
20,35
. 11,93
11,10
14,31
. 12,90
14,33
18,92
. 81,00
98,37
130,03
. 10,63
12,97
19,79
. 29,20
- 33,77
48,28
weise der inzwischen stattgehabten neuen Zollcrhohung Zugeschrieben werden, und es liegt viel näher, anzunehmen, datz eine auswärts führende Entwickelung auch ohne den Bülowschen Zolltarif eingesetzt hätte. Wie es damit aber auch stehen mag, fo bleibt die Tatsache m Kraft, datz der deutsche Boöeit heute bei einzelnen Getreidearten beinahe 100 Prozent mehr ergtbt als vor 25 Jahren, während sich die Bevölkerung in demselben Zeitraum nur um 38 Prozent vermehrt hat. Dte Ziffern von 1906 sind nämlich durch die der Jahre 1907 bis 1909 noch beträchtlich übertroffen worden. Im Jahre 1908 belief sich der Ertrag bei Roggen auf 18 Doppelzentner pro Hektar, und für das laufende Jahr wird ein kaum geringerer Ertrag angenommen. Was den Weizen betrifft, so dürfte der Ertrag _ von 20,35 Doppelzentnern im Jahre 1906 diesmal (bei Sommerweizen) sogar aus rund 23,3 Doppelzentner gesteigert
werden. _ ...
Will man einen Maßstab dafür haben, welche Letstun- gen sich aus unserem doch keineswegs besonders fruchtbaren Boden erzielen lassen, so gewinnt man ihn durch eine Vergleichung mit den Ergebnissen der österreichischen Landwirtschaft, über die uns eine soeben vom Ackerbauministerium zu Wien veröffentlichte Statistik unterrichtet. Auch dort hat die Ernte des Jahres 1908, verglichen mit den Erträgnissen des Vorjahres und des zehnjährigen Durchschnitts, ein sehr beachtenswertes Plus erbracht, aber die Erträgnisse sind wesentlich geringer als bei uns. Wir können hier nicht die Zahlen vom selben Jahre vergleichen, wir müssen für Deutschland das Jahr 1906, für das Nachbarreich das Jahr 1908 einsetzen. Das schadet jedoch nichts, denn unsere Ernte von 1906 war geringer als unsere Ernte von 1908, und insofern kommt die Vergleichung der österreichischen Landwirtschaft zugute. Mit diesen Einschränkungen also stellt sich dys Bild folgendermaßen dar: Es wurden vom Hektar erzielt: Weizen: in Deutschland 20,36 Doppelzenter, in Österreich 14,1 Doppelzentner; Roggen: in Deutschland 15,78 Doppelzentner, in Österreich 13,8 Doppelzentner; Gerste: in Deutschland 18,92 Doppelzentner, in Österreich 13,6 Doppelzentner: Hafer: in Deutschland 19,97 Doppelzentner, in Österreich 11,5 Doppelzentner; Mais: in Deutschland 14,31 Doppelzentner, in Österreich 11,3 Doppelzentner.
Der „Reichsanzeiger", der über die österreichische Getreideernte Angaben macht, laßt uns leider in bezug auf Kartoffeln und Heu im Stich, so daß wir die entsprechenden Vergleichsziffern hier _ nicht mitteilen können. Es ist jedoch kaum zu bezweifeln, daß auch dabei Deutschland gut abschneiden würde. Noch einmal: wir verzeichnen diese Beweise für den Aufschwung der deutschen Landwirtschaft mit größter Befriedigung. Kommt doch der nationalen Gesamtheit zugute, was unsere Landwirte auf diese Weise in ihre Scheuern bringen.
Fe uilleto n.
(Nachdruck verboten.)
Der Dameneingang.
Von Erwin Rosen.
Der geschäftsführende Direktor des Palasthotels i (Palace Hotel, St. Louis, Missouri, U. St. A.) sprach ! siebzehn verschiedene Arten von Englisch. Augenblicklich bediente er sich der siebzehnten.
„Jimmy", sagte er, „du hölzerner Sohn einer Glie- oerpuppe, du leidlicher Bruder eines ausgestopften Affen, du Enkel einer völlig tauben und gänzlich erblindeten Großmutter — kannst du nicht hören? Heh? meinst du, deine langen Ohren seien nur zu dekorativen Zwecken da? Wie?"
Ter kleine Junge machte ein scheinheilig betrübtes Gesicht und zupfte an den blanken Knöpfen seiner Hotelnnisorm, als ob er sehr verlegen sei. In Wirklichkeit aber patzte er haarscharf aut, um sa keinen der unschätzbaren Ausdrücke des Herrn Direktors zu überhören. Er gedachte, diese Wortperlen für seine Privaten Zwecke wieder zu verwenden. Im freundschaftlichen Verkehr mit den anderen Boys des Hotels.
„Dreimal habe ich geklingelt! Wie oft soll ich denn noch klingeln, bis Mister Jimmy zu hören geruht? Bin ich vielleicht ein schellenrasselnder Hanswurst?"
„Sehr richtig!" dachte Jimmy.
„Deine Faulheit steht im umgekehrten Verhältnis zu deiner Intelligenz,— mißratener Sprößling eines , lahmen Esels. Für einen kleinen Jungen bist du das ! ausgewachsenste Faultier, das mir in meiner Praxis : vorgekommen ist. Ich will dich befaultieren! Ich will dich beklingeln, du zigarettenrauchendes Kulturhinder, nis."
Der Boy lächelte, selig über dieses funMttagelnate 1 Schintpftyort
„Du lachst? Tu lachst auch noch, Nachkomme einer Generation von Frechdachsen! Ich werde dir helfen, Sohn eines bedauernswerten Vaters! Ich werde das Hauptvestibül von Heiner nutzlosen Anwesenheit reinigen. Schandfleck Amerikas, faul bist du, unverschämt, nichtsnutzig, wertlos — von jetzt ab bist du zur
Strafe am Tameueingang stationiert!"
*
Der Dameneingang war ein Schreckgespenst für all die kleinen Jungens, die als Hotelboys mehr oder weniger eifrig am Getriebe des Palasthotels mitarbeiteten. „Dameneingang" stand in goldenen Lettern über der Tür. Nach amerikanischer Sitte sollten die weiblichen Hotelgäste kommen und gehen, ohne durch die rauchende Männerschar des Hauptvestibüls schreiten zu müssen. Eine galante, liebenswürdige Ein- richtung, die mt und für sich nichts Schreckliches hatte. Die Hotelboys dachten jedoch anders. Sie fürchteten den Dameneingang wie — wie nur ein kleiner Junge sich fürchten kann, sie fürchteten ihn weit mehr als den allgewaltigen Oberkellner, der im Rufe stand, ein äußerst lockeres Handgelenk zu besitzen. Ter Boy, am Dameneingang war ein Paria ini Kreise seiner kleinen Kollegen, ein Obsckt des Mitleids und der Verachtung, demÖseit Boysgedenken war es nicht vorgekommen, datz es am Dameneingang so etwas gegeben hätte wie ein Trinkgeld. Nie!
Tiefbekümmert, sorgenvollen Gemüts, in dem nteder- schmetternden Gefühl, finanziell ruiniert zu sein, versah Jimmy die Pflichten seines neuen Postens, in ehrlicher Arbeitsteilung mit Fred, dem anderen Damen- boy. Vormittags war Jimmy Türhüter am Tamen- eingang, nachmittags Fred. Solange Jimmy den Dienst an der Tür hatte, mußte Fred parat sein, wenn ein Gast der Damenabteilung klingelte und umgekehrt. Nach vier Tagen hatte der arme Jimmy noch kein einziges Trinkgeld bekommen und in seine Seele schlich - sich die .entsetzliche. Gewißheit, daß die Zage äa. 3iga-
KoMische Übersicht.
Mecklenburg.
Die mecklenburgische Verfassungsfrage fängt an, dramatisch zu werden. In diesem Lande des schwer, fälligen Beharrens regen sich Kräfte ungeahnter Willeitsenergie. In den Städten bereitet sich der Ent» Muß vor. die Steuern zu verweigern, wenn die Regierung nicht endgültig an die Durchsetzung der Ver- fassungsänderung geht. . Die Regierung hat, nun ja ganz gute Absichten, aber vor dem trotzigen Widerstande der Ritterschaft ist sie bisher doch stets zurückgewichen. Weniastens gilt dies für Mecklenburg-Schwerin, wäh- rend die Verhältnisse in Mecklenburg?StreIitz in mancher Beziehung anders liegen. Und gerade dieser Unter- schied ist das Interessante an Zuständen und Vorgängen. Während am lebten Mittwoch die von der Ritterschaft und der Landschaft beschickte Kommission von je neun Vertretern in engere Verhandlungen mit den beiden mecklenburgischen Regierungen eintrat, hat der Großherzog Adolf Friedrich von Mecklenburg. Strelitz eine sehr bemerkenswerte und vielleicht folgen-, reiche Handlung vollzogen. Wie sie zu, würdigen ist, darüber erfahren wir Genaueres aus Mitteilungen, die der „Neuen Hamburger Zeitung" zugegangen sind. Nachdem der Großherzog schon vor Jahresfrist zwei Millionen aus seinem Privatvermögen für Landes- angelegcnheiten zur Verfügung gesiellÖhafte unter dem Vorbehalt, die Verfassungsreform im Lirme der beiden Landesherren zu erledigen, hat er soeben die Ritterschaft des Stargardschen Kreises wissen lassen, daß ev weitere zehn Millionen aus seiner Privatschatulle zugunsten der Landesverwaltung bereitstellen werde, falls die V e r s a s s u n g nunmehr zustande komme. Diese, Willensmeinung muß naturgemäß Folgen itach sich ziehen, die den Verfassungsgegnern, namentlich dev schwerinischen Ritterschaft, recht ungelegen sein werden. Zunächst ist durch diesen Entschluß des Strelitzev Landesherrn der Ritterschaft Stargardschen Kreises», also seiner eigenen Ritterschaft, der Wind aus den Segeln genommen: alle ihre früheren, Gegengründg
wider die Verfassungsreform sind hinfällig. Sie steht, darum in einer recht prekären Lage und kann ihre alte Opposition mit den alten Gründen iticht mehr aufrecht halten. Sie würde sich, da die städtische Bevölkerung des Landes diesen Schritt ihres Fürsten in seiner gan-. zen Bedeutung sofort erfaßt hat, ein dauerndes Odium, aufladen. So muß sie also versuchen, sich den veränder-' ten Verhältnissen anzupassen: es bleibt ihr nur dev
Trost, da sie im Kreise erleuchteter Gesinnungsgenossen; aller vier mecklenburgischeit Rifterkreise nur die Mino-, rität besitzt, daß die Ritterschaften der drei Mecklenburg. Schweriner Kreise ihren alten Kurs aufrecht erhalten unö allen hochherzigen Handlungen des Landesherrn nach wie vor die alten Schwierigkeiten entgegensetzen
retten und die Tage des Taschengeldes ein jähes Ende genommen hatten. Als eine ganze Woche ntit völlig ngativem Trinkgeldergebnisse verflossen war, beschäftigte Jimmy sich in seiner freien Zeit damit, teuflisch« Martergualen zu ersinnen — für den Fall, daß ep jemals Indianerhäuptling würde und der geschäfts. führende Herr Direktor sein Gefangener.
Nach weiteren drei Tagen wurde er desperat und, beschloß, so unendlich höflich, so bodenlos liebenswürdig, so phantastisch dienstbereit zu sein, daß selbst weibliche Trinkgelderherzen solch einem Juwel von Boy sich nicht mehr verschließen konnten. Er beobachtete die Damen» wie die Spinne eine Mücke beobachtet, damit ihm ja auch nicht der geringste Anlaß zu einer Gefälligkeit entginge; er gab sein Bestes an Dienstwilligkeit. Das Resultat war betrüblich.
„Nix!" sagte Jimmy verzweifelt zu seinem Kollegen; Fred.
„Gar nix!" bestätigte dieser Mitdulder, „rein gay nix!"
„Hast du vielleicht ein ganz kleines Ende von einem Zigelchen?"
„Ich? Jimmy, ich will gleich umfaßen, wenn es nicht wahr ist: ich habe schon seit zwei Tagen keine Zigarette mehr geraucht ... Ich Hab' keinen roten Cent!"
„Ich auch nicht! Heiliger Nooscvelt, ich weiß schon gar nicht mehr, wie ein Vierteldollar ausschaut." t
„Aex — wie sind die Damen schlecht!"
„Niederträchtig sind sie, miserabel behandeln tun sü uns Jüngers", schimpfte Jimmy. „Denk' ich mir, ich werd' mal ganz schlau sein, und nun tu ich aufpassen, ob so 'ne Dame was braucht. Tie eine von Nr. 17 will gerade ausgehen, da sehe ich, daß sie so ein ganz Weißes Gesicht hat. Ich laufe schnell, hole, ein Handtuch und sag' zu Nr. 17: „Entschuldigen Sie, Sie haben sich' weiß gemacht im Gesicht. Ich Hab' ein Handtuch ge-s bracht, daß Sie's abwischen können!/' Das war, doch
