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Nr. 395.

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SchifführtsabZaben.

Bon Generaldirektor Albert Ballin-Hamburg.

Die Notwendigkeit, in unablässig wachsendem Matze flb s atz für unsere Erzeugnisse, also Arbeit für unsere Bevölkerung am Weltmärkte zu finden, macht cs uns zur Pflicht, alle Verkehrsfragen, auch die innerdeutsche n, unter dem Gesichtspunkte zu betrachten, wie wir sie der Lösung jener Aufgabe dienstbar machen können. Daraus ergibt sich für die deutschen Leestädte die Notwendigkeit, sich in tatkräf­tiger Weise auch mit einer so wichtigen Verkehrssrage, Die es die Einführung von Schiffahrtsabgaben auf den deutschen Strömen ist, zu beschäftigen. Um so mehr, da in unserer Verkehrs feindlichen Zeit unleugbar die Gefahr besteht, daß auch diese Frage nicht so "ent­schieden wird, tote es den Interessen von I n d u st r i e, Handel und S ch i f f a h r t entspricht.

Ich will gleich vorausschicken, daß ich die Art und Weise, in der der jüngst veröffentlichte Gesetzentwurf über die Erhebung von Schiffahrtsabgaben den Verkehr auf unseren natürlichen Wasserstraßenfördern" will, für die denkbar unglücklichste halte, und ich finde die Ansicht der großen Mehrheit der zunächst beteiligten Kreise der Binnenschiffahrt, daß den Vätern jenes Entwurfes die Verkehrsförderung nicht in erster Linie or>r Augen geschwebt habe, nur zu gerechtfertigt. Ich tin aber der Meinung, daß man sich darüber auch gar nicht wundern darf, und das; es Unrecht wäre,, wenn man dem preußischen Eisenbahnministerium, dem be­kanntlich auch die Wasserstraßenfürsorge obliegt, daraus einen Vorwurf machen würde. Denn es ist infolge jener ministeriellen Personalunion nur natür­lich, daß die Behandlung von Wasserstraßenangelegen­heiten in Preußen durch das Eisenbahn- in t e resse beeinflußt wird, wenigstens, soweit es sich lim die natürlichen Wasserstraßen handelt, Don einer Behörde, welche aus ihrem Eisenbahnnetz eine hohe, die allgemeinen Staatsausgaben zum großen Teile »eckende Rente Herauswirtschaften soll, hieße es zu viel verlangen, wenn man von ihr fordern wollte, daß sie den größten Konkurrenten der Eisenbahn- denn das sind ja die privaten Verkehrsunternehmungen mf den abgabefreien Wasserstraßen Vorteile, ver­schafft. Industrie, Handel und Seeschiffahrt, für die billige Jnlandsfrachten die größte Lebens-

Wiesbaden, Donnerstag, 8G. August LAOS.

frage sind, haben infolge dieser unglücklichen Kon­stellation ganz besonders eifersüchtig darüber zu wachen, daß die Wasserstraßenfragen nach vernünftigen wirtschaftlichen Gesichtspunkten behandelt werden.

Wenn nun die Freunde der Schiffahrtsabgaben be­haupten, daß auch sie mit ihren Projekten eine Förde­rung des Verkehrs beabsichtigen, so ist demgegenüber darauf hinzuweisen, daß die Schiffahrt, die Loch unbestritten das b e sie Urteil in der Sache hat, sich auf das heftigste gegen diese Art der Verkehrsförderung zur Wehr setzt. Sie tut das mit vollem Recht, denn es ist eine mehr als harte Zumutung, daß die Schiffahrt das Prinzip der Abgaüenfreiheit, auf dem unser ganzer Flußschiffahrtsverkehr aufgebaut ist, opfern soll, um Stromverbesserungen zu erhalten, die sie für ein Experi­ment ansieht, dessen Erfolg unsicher ist. Ob sie das mit Recht oder Unrecht tut, und ob die Oberelbe-Korrektion mit Erfolg durchführbar ist oder nicht, will ich gar nicht untersuchen, denn die Fragen der Wasserbautechnik liegen mir fern. Ich finde es aber vom Standpunkte der Binnenschiffahrt und besonders der Elbeschiffahrt aus durchaus gerechtfertigt, daß sie sich gegen die vor­geschlagenen Korrektionen im Zusammenhang mit den Abgaben ^ablehnend verhält, denn die Binnenschiff­fahrt ist kein hoch rentierendes Gewerbe, und gerade gegenwärtig befindet sie sich in einer sehr kritischen Periode. Einem derart situierten Gewerbe kann man nach meiner Ansicht nicht zumuten, daß es einer Maß­nahme zustimmt, deren Erfolg nach seiner Ansicht dahin steht, die aber die Grundlage der ganzen Entwicklung Umstürzen kann. Ist der Staat trotzdem, im Gegensatz zur Binnenschiffahrt, der Überzeugung, daß die ge­plante Oberelbe-Korrektion im Interesse der Berkehrs­förderung, die das Interesse der A l l g e m einheit ist, wünschenswert erscheint, so gehört es nach meiner Ansicht zu seinen Aufgaben, diese Korrektion aus Mitteln der A l l g e m e t n I) e i t auszuführen. Bewährt sie sich, bringt sie der Schiffahrt wirklich einen ins Gewicht fallenden Nutzen und verbilligt sie die Frachten derart, daß die Binnenschiffahrt die projektier­ten Abgaben auf die Verlader abwälzen könnte, so könnte man dann aber auch erst dann eventuell der Frage nähertreten, wie der Verkehr in einem, dem für ihn geschaffenen Nutzen entsprechenden Maße zu der Tilgung der aufgewendeten Kosten herangezogen werden kann.

Dem jetzt vorliegenden Projekte der Abgabenerhe- bung würde ich dagegen niemals, auch nicht unter irgendwelchen Vorbehalten, zu­stimmen.

Außer den oben angeführten Gründen bestimmt mich dazu der Inhalt des vorliegenden Gesetzentwurfes selbst, weil er

1. die g e s a m t e n Kosten der Strombauverwal­tung und auch solche Flußregulierungen durch Abgaben decken will, die der Schiffahrt keinen Nutzen bringen.

2. keine Sicherheit gegen eine übermäßige Steige­rung der Abgaben und ihre Bemessung nach anderen als verkehrstechnischen Gesichtspunkten bietet, und

3- keine maßgebende Mitwirkung der In­teressen bei der Durchführung des Gesetzes vorsieht.

87. Jahrgang.

Dieser letzte Punkt erscheint mir besonders wichtig und besonders charakteristisch auch für die Tendenz des Gesetzentwurfes, der in der Art, wie er die Verkehrs­interessen zur Verwaltung und Verwendung der auf­kommenden Gelder mit heranziehen will, ganz und gar unbefriedigend ist, denn die vorgesehene Mitwirkung der Interessenten mit beratender Stimme kann man nicht als Gewährung irgend welchen Einflusses bezeich­nen. Was der Entwurf in dieser Beziehung in Aussicht stellt, ist eine Kopie der Bezirkseisenbahn- r ü t e, denen leider nach dem übereinstimmenden Urteil der gesamten Handelswelt irgend welcher ausschlag­gebende Einfluß nicht beizumessen ist. Man sollte doch annehmen, daß der deutsche Kaufmann den Be- fähigungsnachweis dafür erbracht hat, daß ihm in Verkehrsfragen ein größerer Einfluß als bisher gewährt werden sollte.

Ich möchte nicht unterlassen, auch darauf hinzu­weisen, daß der neue Entwurf völlig ohne Ursache, ledig­lich um die bisher üblichen Grundsätze der Abgaben- erhebung in der Seeschiffahrt mit den neuen Grund­sätzen des Entwurfs in Übereinstimmung zu bringen, auch an den geltenden Grundsätzen für die Abgaben­erhebung in der Seeschiffahrt Änderungen herbeizu­führen versucht. Während es heute nach der Reichsver­fassung nur zulässig ist, von den Seeschiffen in den Seehäfen Abgaben zu erheben, will der Entwurf in Zu­kunft die Erhebung von Abgabenauf allen natürlichen Wasserstraßen" zulassen, zu denen er auch die SLo­sch iffahrts st r aßen zählt. Der von dem Entwurf angestrebte Zustand würde also dazu führen, daß auch von passierenden Seeschiffen seitens der be­teiligten Bundesstaaten Abgaben gefordert werden dürfen, womit wir uns glücklich wieder Zu­stände nähern würden, wie sie vor Gründung des Deutschen Reiches zur Zeit, als man auf der Unterelbe Len -Stader Elbzoll erhob, bestanden.

Ich habe vorhin schon erwähnt, daß die Seeschiffahrt an billigen Inlandsfrachten das größte Interesse hat, und sie hat es heute mehr denn je. Es ist nicht zu verkennen, daß wir in der Entwicklung unserer deut­schen Seeschiffahrt in einem Stadium angelangt sind, in dein es für uns kaum noch irgendwelches Neuland zu erobern gibt. Im Gegenteil, wir werden mehr und mehr in eine Verteidigungsstellung gedrängt, denn überall um uns, wohin wir auch blicken, tut sich der Wettbewerb auf, nur zu häufig bedauerlicherweise mit Staatshilfe, durch offene oder versteckte Sub­ventionen künstlich gezüchtet.

Daß ein solcher Wettbewerb vielfach unnatürlich und in sich ungesund ist, ändert nichts an der Tatsache, daß er allenthalben in unser Geschäft einzubrechen versucht. Das durch steigende Löhne, zunehmende Unterhaltungs­kosten, wachsende Anforderungen des Staates und immer neue Aufwendungen für soziale Fürsorge unab­lässig sich erhöhende Niveau unserer Betriebskosten setzt gleichzeitig unsere Wettbewerbs s ä h i g k e i t gegen­über anderen, in ihren Lasten und Pflichten zurück gebliebenen Nationen herab. Dafür muß ein Ausgleich gesucht werden. Wollen wir unsere Schiff­fahrt, von deren Nützlichkeit und Notwendigkeit fiir unsere Volkswirtschaft wir alle überzeugt sind, auf

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Feuilleton.

Goethe auf öer Baöemfe.

Zum 16 0. Male jährt sich am 28. August der große Tag, au dem Goethe seinem Volke und der Welt geschenkt wurde; die Kraft seines Einflusses, feine Bedeutung für unser Geistesleben, sie nehmen noch stetig zu, haben noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht. Kaum ist es uns schon möglich, die Größe dieser ganzen ungeheueren Gcistcs- macht. dieser unendlich reichen Existenz zu erfassen; wo wir «ns darein versenken, blühen uns Wunder eines praktisch­idealen Strebens, Vorbilder einer geistig sittlichen Wclt- betrachtung entgegen. Wie sich noch im einzelnen Strahl der Sonne Bild buntfarbig spiegelt, so vermag auch ein bescheiden umgrenzter Teil von Goethes Lebensführung die reise Weisheit, den besonnenen Tiefsinn seiner Lebenskunst, seines durch reiche Erfahrungen gefestigten Erdenwandels, seine stolze Überwindung aller Hindernisse und Unzulänglich­keiten anschaulich erkemren zu lassen. Ja, vielleicht nirgends sonst kann uns Epigonen Goethe ein so segensreicher Rat­geber sein, als in den alltäglichen Dingen des Lebens, denen er einen steten Bezug aus das Geistige, seelisch Fördernde zu verleihen wußte, die er stets aus dem Individuellen ;um Typischen erhoben und dem großen Gesetz innerlicher Bildung und Klärung untertänig gemacht hat, das des größten Deutschen Entwickeluugsgaug durchwaltet. Be­gleiten wir darum Goethe einmal au seinen Badereisen hören wir, was er von diesen uns heute so notwendigen Unterbrechungen des Wcrkeltages hielt und wie er sie sich gestaltete.

Goethe hat seit 1785 Badereisen unternommen, seit 1806 fast alljährlich. Am häufigsten, dreizehnmal, ist er in Karlsbad gewesen und hat dort vier Wochen bis drei Monate zur Kur geweilt; wohl neun- oder zehnmal,.aber meist nicht lange, hat er Franzensbad besucht; dreimal, 1821, 1822 und 1823, war er in Marienbad; Teplitz suchte er mehrere Male zur Nachkur auf; 1814 und. 1815 war er in Wiesbaden, 1801 in Pyrmont. Am stärksten zogen ihn jedenfalls die böhmischen Bäder an und unter diesen war ihm wieder Karlsbad am liebsten, über die Gründe, aus denen er Karlsbad Wiesbaden vorzog, hat er sich zu dem Kanzler Müller geäußert.Er fand, daß in Wiesbaden das Leben zu leicht, zu heiter fei, als daß man nicht verwöhnt würde fürs übrige Leben. Er möge daher nicht zu oft Hinreisen; Karlsbad störe das innere Gleichgewicht schon weit weniger." Karlsbad ward ihm überhaupt beim öfteren Besuch immer lieber; er rühmte dem Badeortetwas wirklich Individuelles, das frappiert, und eine gewisse Kultur" nach; das mondäne und doch be­hagliche Leben, die eigentümlichen Gestcinsformationen interessierten ihn lebhaft, und von den Quellen gestand er, daß er ihnen eine ganz andere Existenz schuldig sei." Die Leiden, die Goethe in späteren Jahren zwangen, die Bäder aufzusuchen, waren Nierensteinkoliken, die sich bisweilen ln harten Anfällen äußerten. Brachte er von seinen geologischen Ausflügen blitzende Glimmersteinchen mit, dann sagte er wohl scherzend:Diese Steinchen, glänzend wie Silber,

sind aber doch ganz unbedeutend, was leider jene Steinchcn nicht sind, woran soviele Kurgäste leiden, zu denen auch ich gehöre." Doch im allgemeinen strebte er, auch während der Kur den Gedanken an eigene und fremde Krankheit zurück Hiorangen. Nur selten zog er Mczre zu Rare; seine Kux

bestand zumeist im Baden und reichlichen Brunnentrinken; vom Sprudel ging er in Karlsbad 1806 zu milderen Quellen über, zum Schloß- und dann zum Therestenbrunnen. Der Kur wegen reise ich nicht in die Badeörter", sagte er in Marienbad zu seinem geologischen Freunde, dem Polizel- rat Grüner. Die Abwechslung und Veränderung in seinen Lebensgewohnheiten, die Anregungen durch die neue Um­gebung, der Verkehr mit bedeutenden Persönlichkeiten und die ungezwungene Heiterkeit flüchtiger Bekannisckaften, reine Luft und schöne Gegend das waren hauptsächlich die Elemente, die ihn anzogen, erfreuten und erfrischten. So faßt er den Ertrag seines Karlsbader Aufenthaltes von 1808 str die Worte zusammen:Alle Zustände von der größten Einsamkeit bis zum größten Lärm und Drängen und jetzt wieder bis zur Einsamkeit habe ich erlebt. So ein Badcsommer ist wirklich ein Gleichnis eines Menschen­lebens. Mit der Witterung war es ebenso. Die schönsten Maitage, Regen, Hitze und wieder Rasse, herbstverkündende Nebelabende mit den schönsten Mondnächten; das alles geht zwar überall uns über dem Haupt weg, allein in diesen Gebirgen und Felsklüften empfindet man doch jedes be­deutender, weil es sich an solchen Gegenständen charak­teristischer aussprrcht."

In den Junitagen, ja häufig schon im Mar, begann Goethe seine Voxbereitungen für die Badereise zu treffen. Da ward vonSerenissimus" die stets freundlich und gern erteilte Erlaubnis eingeholt; das nötige Geld vom Bankier Elkan oder auch durch Vermittelung Cottas erhoben, der autorisierte Paß" wird bestellt, der Reisewagen in Stand gesetzt und mancherlei anderes. War dann unter dem feierlichenAnblasen" einer Trompeienfanfare, womit man damals die ookommeWW Kurgäste ehrdie AalM^Lm«