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Nr. 369.

Wiesbaden, Mittwoch, äl. August 1909.

57. Jahrgang.

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Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt. __

Der Generülstreik Ln Schweden.

Am Mittwoch, den 4. August, setzte in Schweden ein terter sozialer Kampf ein, der zwischen der orgcmi- n Arbeiterschaft und den wohlgerüsteten Arbeit- orgcmisationen schon lange auszubrechen, drohte, einer Bevölkerung von etwas mehr als 5 Millionen en streiken ungefähr 300 000 Arbeiter. Die Arbeit­er haben den Generalstreik proklamiert, weil sie Lohnreduzierungen wegen der schlechten unktur nicht gefallen lassen wollten. Die Aus- serklärung war ihre Antwort auf die Aussperrun- welche die Arbeitgeber in einzelnen Jndustrie- ,n zur Lohnreduzierung vorgenommen hatten, einem Generalstreik im eigentlichen Sinne des s kann man zur Stunde noch nicht sprechen, weil iicht alle Arbeiter feiern. Tie Post- und Tele- ,^-Funktionäre haben sich bisher dem Streik nicht ch (offen- Auch ist es fraglich, ob die Landarbeiter an dem Ausstand, beteiligen werden. Allerdings n sich mehrere Organisationen landwirtschaftlicher zum Streik bereit erklärt, der ausbrechen soll, r Ro g g e n zur Ernte reis ist. Der Streik der tzer ist Montagabend eingetreten: er erfolgt ledig- Qu = Solidaritätsgefühl. Die jetzigen Lohnverhält- der Setzer sind nämlich durchaus günstig, die r haben also durch ihre Teilnahme am Streik m gewinnen. Viele Arbeitgeber werden sogar olegcnbeit benutzen, um überflüssige Arbeiter zu j,- en . Soweit bekannt geworden ist, haben die ständigen sich bisher ruhig verhalten, die Sym- ien der Bevölkerung sollen deshalb noch auf ihrer ,- e in. Tie Streikleitung ist bemüht, zu verhindern. Arbeiter sich in den Straßen ansammeln In Ländern, wie beispielsweise in Frankreich und tclien, verscherzten sich Streikende die Sympathien, f; e ftch sehr bald zu Ausschreitungen hin­ten ließen. Infolgedessen waren dort die Negierun- J g-znurngen, in die soziale Bewegung einzugreifen baldige Beilegung der Ausstände hinzuarbciten. O'hii hem republikanischen Frankreich mit seinen ülistischen Ministern haben die Postbeamte beim letz- ?:öeik sich derart die Sympathien durch ihre G e - ~'t ätigkeiten verscherzt, daß sie nicht nur nichts ~'V haben, sondern auch zum Teil gemaßregclt wor- ^nd. Das französische Vorbild wird denn auch der Grund sein, weshalb in Schweden die Post- Ei'enbahnbeamten und -arbeiter ^vorläufig noch 7^' den Ausstand getreten sind. Sie werden sich

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1900. Gedenktage der Schlacht im Teutoburger Walde.

753-7 - m Hochsommer dieses Jahres vollendet sich das 20.

E st wandert seit jenen Tagen ans Deutschlands frühester 'Ächte, da zum erstenmal Germanen im Kampf für Hei­sts und Herd fremde eindringende Eroberer besiegten und

- - mieten. Diese Erinnerung an die Herrmannsschlacht,

- j, cn Annalen unserer Geschichte und Lluftur mit ruhnr- lLettern verzeichnet ist, wird in den nächsten Tagen

ü Festlichkeiten in Detmold und am Grotenburger Herr- (Ä- .-dentmat finden vom 14. bis 22. d. M. statt. Siehe ) «rgenbl. vom 10. d. M.) in feierlicher Weise erneut und ==== ** > .-rufen werden. So verlohnt es sich, wie zum Vor- iterM ^ der eigentlichen Feste die leuchtenden Spuren auszu- kn, die dieser Befreiungskampf in der nschen Dichtung zurückgelassen hat. Strahlte doch Gedanke an diese frühste Heldentat des Germanentums Zeiten nationaler Dumpfheit und Unfreiheit wie eine Gott entztindcte Flamniensäule den Sängern voran, eins bessere Zukunft verkünden wollten!

Im Mittelalter war freilich fast jede Vorstellung diesem glorreichen Nationalkampf verloren. Die gsten römischen Schriftsteller, denen wir die Kunde - Ereignisses verdanken, waren verschollen; erst die issance hat sie und mit ihnen die stolzeste Episode ger- scher Kämpfe wieder entdeckt. 1470 wurde die Ger- a des Tacitus, das getreuste Spiegelbild des jungen en Wesens, zum erstenmal, gerettet aus dem Grabe Jahrhunderte, unserem Volke dargeboten; 1515 folgten ersten sechs Bücher der Annalen und 1520 die wichtige -nellung des Vellejns Paterculus. Nun begann man mit Bewunderung auf diese Frühzeit der Vorfahren blicken, und begeisterte Humanisten, wie Celtcs und mpheling, feierten das alte Germania cls ein Land der achheit, Tugend und Freiheit. Der erste dichterische ;-druck dies-r Stimmung ist Ulrich von Huttens nachge- '-ner DialogArminius". in. dem der Cherusker-

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sagen, daß ihre Forderungen am wenigsten Aussicht auf Erfolg haben, wenn sie den Verkehr innerhalb des Reiches und dem Ausland unterbinden. Natürlich wird kräftig agitiert, um auch diese Kategorie zu be­wegen, sich dem Generalstreik anzuschließen. Der König bat deshalb die Führer der beiderseitigen Organisatio­nen zu sich berufen, um ihnen anheimzugeben, eine Ver­gleichsvermittlung seitens des Staates anzunehmen, die Vermittlung wurde aber mit der Motivierung ab­gelehnt, daß die Streikenden den Kampf s e l b st ä n» dig auskämpfen würden. Daraufhin erließ die Regie- rung eine Proklamation, in der eindringlich davor ge­warnt wird, Wirksamkeitsgebiete in den Generalstreik mit hereinzuziehen, die von den streitigen Fragen nicht berührt werden. Es dürften keinesfalls solche Gebiete beeinträchtigt werden, deren Aufrechterhaltung unum- gängig notwendig sei, damit die Bevölkerung ihre zum Leben erforderlichen Bedürfnisse erhalte. Es läßt sich heute noch nicht übersehen, welchen Ausgang der Streik in Schweden nehmen wird, weil man noch nicht weiß, ob es tatsächlich zum Generalstreik in sämtlichen Betrieben kommen wird. Allerdings beginnen schon die Lebensmittel rar zu werden, worunter natürlich am meisten die ärmere Bevölkerung zu leiden hat. Es mutz sich also zeigen, ob die Arbeiter es mit ihren weni­gen Mitteln länger aushalten können al§. die Arbeit­geber, denen sehr großes Kapital zur Verfügung stehen soll. Jedenfalls ist die Frage, wie der Streit enden wird, von enormer Bedeutung.

Die Kosten des Streiks.

DasSvenska Dagbladet" bringt eine Übersicht über die V er m ö g en s s ch äd en, die durch den Generalstreik verursacht werden. Die Frage nach der Höhe der Verluste lasse sich, so wird ausgeführt, nicht ganz genau beantworten, weil die Verluste eines Teils in vielen Fällen einen Gewinn für den anderen Teil bedeuten können. In erster Reihe müsse man bei der Berechnung von der Zahl verloren gegange­ner Arbeitstage ansgehen. Ta ini allgemeinen anzunehmen sei, daß die Arbeitslöhne dem Wert der Arbeit entsprechen, bedeute das Aufhören der Arbeit für die Nation einen reinen Verlust von wenigstens 900 000 M. für jeden Arbeitstag. Darin ist aber der nationalökonomische Verlust durch den Generalstreik nicht völlig ausgedrückt. Jeder verloren gegangene Arbeitstag bedeutet gleichzeitig auch dje Einbuße der Summe, die unter normalen Verhältnissen dem betref. senden Betriebe zur Verzinsung und Amortisierung zu- geflossen wäre. Die Jahresproduktion der schwedischen Industrie beträgt etwa 1500 Millionen Kronen (zirka 1700 Millionen Mark). Es werden etwa zwei Dritteile dieser Produktion im Werte von etwa 1 Milliarde Kro­nen vom Generalstreik berührt werden. Auf dessen

Konto ist deshalb täglich eine Prodnktionsverringerung von 3 bis 4 Millionen Kronen zu schreiben! Wenn nun auch nicht diese ganze Summe einen direkten Verlust be­deutet, so muß man andererseits bedenken, daß durch die Verminderung der Produktion indirekte Verluste verursacht werden, z. B. durch verringerte Frachten, verminderten Handelsgewinn nsw.; dies mutz als ein bedeutendes Plus im Verlustkonto des Generalstreiks gelten. So viel ist sicher, daß Schweden täglich durch den Generalstreik mehrere Millionen Kronen ein» chüßt! ! Und wahrscheinlich ist es auch, daß der Ver­lust mit jedem neuen Tag des Generalstreiks wachsen wird.

Ans dieser rein objektiven nationalökonomischen Be- trachtung ergibt sich mit unheimlicher Klarheit der Ernst der Lage in Schweden.

Politische Übersicht.

Telephonische Mitteilmtgen Kerne Depeschen

Das Reichsgericht hat kürzlich entschieden, telephoni­sche Mitteilungen seien keine Depeschen. Ein Post- und Telegraphenbeamter war angeklagt, weil er den Inhalt eines von ihm angehörten telephonischen Ge­spräches einem Dritten mitgeteilt hatte. Die innin kicke« war offenbar. Aber das höchste Gericht fand, daß der objektivere Tatbestand nicht erfüllt sei, den der hier in Betracht kommende § 355 des Reichsstrasgesetz- buchs verlangt. Es heißt dort:Telephonbeamte oder andere mit der Beaufsichtigung und Bedienung einer zu öfseulicheu Zwecken .dienenden Telegraphenanstalt betraute Personen, welche die einer Telegraphenanstalt anvertrauten Depeschen verfälschen oder von ihrem Inhalt Dritte rechtswidrig benachrichtigen, werden mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft." . Alle Merkmale trafen zu, nur (nach Ansicht des Reichsge­richts) nicht die Depesche. Uns ist diese Ansicht wenig verständlich. Das Reichsgericht sieht anscheinend nur telegraphische Mitteilungen alsDepeschen" an, nicht telephonische.Depesche" heißt eilige Mitteilung, Eil­nachricht. Früher wurden allerdings Depeschen, abge­sehen von Kurieren, gewöhnlich durch den Telegraphen vermittelt. Aber zum Begriff derDepesche" gehört das Merkmal der telegraphischen Übermittlung keines­wegs, weder nach der Etymologie (ckckpLellsr, italienisch dispacciare, beschleunigen) noch nach dem Sprachge­brauch, denn sonst wäre der Ausdrucktelegraphische Depesche" eine fehlerhafte Tautologie: er rst aber me beanstandet worden. Also nicht nur Telegramme, son­dern auch Telephongespräche sind Depeschen. Die Handelskammer in Metz hat an das Reichspostamt die Bitte gerichtet, es mögeMaßnahmen treffen, die bewrr-

füfft vor dem Totenrichter den ersten Platz unter allen Feld­herrn fordert, zum Kronzeugen den Tacitus aufruft und nach einer lebendigen Schilderung seiner Tat auch für den Freiesten, Unüberwindlichsten und Deutschesten" unter den Helden, erklärt wird. Die Wut über römischen Hochmut und römische Gewalt, die Sehnsucht nach Befreiung von geistiger und politischer Knechtschaft tönen aus Huttens lateinischem Gespräch: Armin und die-Teutoburger Schlacht sind ihm das große Symbol für einen neuen Vernichtungs­kampf gegen die Bedrücker, den er herbeisehnt. Als stolzes Urbild einer besseren mannhaften Zeit erscheint nun Her­mann, der Cherusker, wie ihn der bayerische Geschichts­schreiber Aventin wohl zuerst nennt und wie er in Dichtung und Leben volkstümlich geworden ist, öfters im Gedicht.

Direkt an Huttens patriotische Verherrlichung der alten Deutschen knüpft Frischlin an in seiner lateinischen Komödie Julius redivivus", die Jakob Ayrer dann deutsch bear­beitete. Hermannus erscheint ebenfalls als das Ideal ger­manischen Heldentums und erklärt Cäsar die Wunder der neuen Zeit, Pulver und Buchdruckerlunst. Tritt er hier als Lobredner der Gegenwart aus, so hält er in Moscherochs Philandcr von Sittenwald" den entarteten Nachkommen eine kräftige Strafpredigt über ihre närrische Nachäffung der Ausländer, über ihre Anbetung des Wortsst la mode". Doch dm verzärtelten, in der Verehrung des Fremden be­fangenen Söhnen des 17. Jahrhunderts die urtümliche Größe alten Heldensinns in aller Breite nnd 'Anschaulichkeit vorzuführen, das unternahm erst Lohenstern.

Dem Vaterlandc zu Liebe, dem deutschen Adel aber zu Ehren und zu rühmlicher Nachfolge" ist seinesinnreiche Staats-, Liebes- und Heldmgeschichte", seinGroß­mütiger Feldherr Ar minius oder Hermann" verfaßt. Es war etwas Großes und noch heute Be­wundernswertes, das der Breslauer Ober-Syndikus da unternahm. Eine Dankes- und Ehrenschuld seines Vater­landes wollte er an den Erretter und Erhalterdes großen dcuffchcn Cederbaumes, daran sich manch Staat sicher ge- lebnct", nach so vielen hundert Jahren abtragen und des Helden Armin Gedächtnis für alle Zeiten erhalten, wie Homer den Namen des Achill. Daß er dies große Beginnen mx in der ungeschlachten, galant verschnörkelten und über­

laden schwerfälligen Form seiner Zeit zustande brachte, darf man ihm nicht verargen. Es steüff viel leidenschaft­liche Liebe zu seinem Volk, unendlich mühseliger Fleiß, eine tiefe Welt- und Menschenkenntnis, Kraft des Stils und Anschaulichkeit der Phantasie in den vier dicken Wälzern seines Romans, und diese barock aus den wideffprcchcndstcn Elementen gcfornrte Erzählung ist mit einer Hingebung und Spannung gelesen ivordm wie kein moderner Roman. Durch Lohenstein sind Armin und die Teutoburger Schlacht bei uns erst wirklich populär geworden; nun wird Name und Gestalt des Helden in dem deutschen Schrifttum hei­misch; noch I. E. Schlegel und Klopstock haben durch Loheu- stein Anregung empfangen.

Die künstlerisch beste Schilderung in diesem labyrinthisch verzweigten und in Vorzügen wie Fehlern gleich gran­diosen Buche ist wohl sogleich die Einleitung des Ganzen, der erste Teil, der tu brcttausgemalten, reich belebten Bil­dern die Schlacht in demdeutschburgischen Heyne" (Teuto­burger Waid) darstellt. Mit geschickter Ausnützung einer reichen, wenn auch stark Phantastischen Gelehrsamkeit, die aus Cäsar, Tacitus, Vellejius ebenso schöpft wie aus den wirren Werken eines Sleidan, Cellarius, Athanasius Kircher, zeigt er das Wachsen der Wut unter den Germanen, das Reisen des Planes, den Angriff auf die Römer und das ehrwürdige Sieges- und Opferfest, das ein Gesang der Barden und Jungfrauen wunderlich verherrlicht. Beson­ders die unheinlliche Stimmung dieses Kampfes im Waldcsdunkel. in Sumpf und Regen ist meisterhaft in klarer, eindrucksvoller Sprache heraufbeschworcu, und hell heben sich davon ab Hermanns Einzug in Dcutschburg, seine Verlobung mit Thusnelda und die allgemeine Freude. Solche Szenen voll patriotischer Begeisterung gruben sich tief in die Phantasie ein; sie haben noch nachgewirkt, als Lohensteins Ruhm längst verblaßt war. Da§ große natio­nale Thema behielt seine Wirkung; es entflammte 1740 Johann Elias Schlegel zu seinem leidenschaftlich pathe­tischen Drama Ar minius, dessen kräftige Charakteristik aber die Fesseln der französischen Klassizistik nicht zu sprengen vermochte. Die Erzählung der Teutoburger Schlacht, in einen gezwungenen Botenbericht cingesvcmnt, komnst vollends nicht zur Entfaltung, bleibt iu der ffnto-