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Nr. »77.

Wiesbaden, Freitag, 18. Juni LVVS.

87. Jahrgang.

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Reich und SmlüsMMt.

Mietet ein eigenartiges Bild, daß inan in den Einzeistaatcn überaus empfindlich ist, wenn einmal im Reichstag Angelegenheiten behandelt werden, die einen Einzelstaat betreffen, während man umgekehrt sich in keiner Weise geniert, in den Einzellandsiigen Reichsfragen sehr eingehend zu erörtern, ohne daß dieses Verhalten irgendwie Anstoß erregt. Am Diens­tag bei Wiederzusammentritt des Reichstags sind auf dem Wege einer Interpellation die verfassungsge- rcchtlichen Verhältnisse von Mecklenburg zur Erörte­rung gelangt, und hierbei geschah das merkwürdige, daß die Rechte eifersüchtiger für die cinzelstaatlichen Befugnisse eintrat, als Reichsregierung und Bundes­rat selber. Während die Redner der Konservativen und der Reichspartei erklärten, daß es sich um eine Frage handle, die nicht zur Kompetenz des Reichstags gehöre, griff sowohl Staatssekretär v. Bethmaun-Hollweg in die Debatte ein, wie auch der mecklenburgische Bundes- ratsbevollmächtiqte v. Brandenstein. Es zeigte sich da­bei, daß die Reichsregierung auf Grund der Verfassung durchaus in derLage ist, auf reichsgesetzlichemWege ein­zuschreiten, eine Maßnahme, von der man aber be­greiflicherweise Abstand nimmt, um einmal den be- treffendenBundesstaat nicht zu verletzen, dann aber auch im Hinblick darauf, daß ja eben der Großherzog von Mecklenburg bemüht ist, eine Verfassung in Meckwn-

laasux

FemlleLorr.

(Nachdruck verboten.)

Berliner ZMzaek.

Von Hermann Kienzl.

Berlin, 16. Juni.

Der Fremdenzustrom nach Berlin ist im Sommer am heftigsten. Die Berliner sind im Gebirge, an der See, rn den Sommerfrischen und Bädern. Die Fremden kommen und sehen sich die Stadt an, wo die Berliner gewohnt haben. Die wenigen Stammsässigen, die des Schicksals Ratschluß an das steinerne Meer kettet, schütteln dazu die Köpfe.

Die wenigen? Wie viele sind es denn eigentlich, dre entfliehen können? Hoch gerechnet, hat Berlin, die Drei- Millionett-Stadt, in den fünf Wochen der großen Rers- läuferei, während der Schulferien, um zehn Prozent weniger Einwohner. Hoch gerechnet. Die Abwesenden werden — der Zahl nach — durch das sommerliche Plus an Fremden großenteils ersetzt. Wer im Hochsommer um 2 Uhr morgens zur Kranzler-Ecke (Unter den Linden) kommt, benrerli kerne Abschwächung des Nachtlebens. Schwerlich pustet um eure einzige Automobil-Droschke weniger. Rur in gewissen Straßen des Westens schlafen lange Kolonnen von Häusern mit hcrabgelassenen Jalousien. . .

Aber — was nutzt die Statistik?! Diese 300000, dreier casch ersetzte Tropfen im Meer, das ist doch Berlin . . -So­wie die Zeit kommt (sie ist jetzt da), in der erst ein Terl der Sommerflügler die Nester verläßt, erlahmt auch schon das gesellschaftliche und künstlerische Leben der Hauptstadt. Die großen Theater sperren zu oder wandern aus. (Reinhardt girrg in die „Sommerfrische" München). Was sich jetzt auf Unseren Brettern müht, ist Fremden-Surrogat. Die Konzerte schweigen, die Empfänge, five o’clocks, Vortragsabende, Diners und Soupers, kurz alle guten und bösen Geister des grand mondo haben sich verflüchtigt.

Das ist die ungeschriebene Verfassung, die einem ver­hältnismäßig kleinen Bruchteil der Bevölkerung die Allein­herrschaft über die „Sociote" einräumt. Mit aller Wacht der sozialen Argumente ist gegen die brutale Tatsache nichts auszurichten. Eine kleine Lücke hat dennoch der Beweis; sozusagen eine psychologische. Tausende unter denen, dw rmückbleibew wären immerhin imstande, das große

bürg einzuführen. In der Reichsregierung soll eben ein inniger Konnex herrschen, und die Zentralstelle muß taktvoll alles peinlich vermeiden, was irgendwie anstoßen könnte, und es ist bekannt, daß in dieser Hin­sicht mehr wie einmal gefehlt worden ist. Im Bundes- rat mögen allerdings die Meinungen oft genug aus­einandergehen und es ivtrd nicht immer leicht sein, eine Einigung herbeizuführen, das hat aber auch sein Gutes, denn es wäre nicht immer wünschenswert, wenn die oft durch preußische Stellen ausgearbeiteten Enr- würfe schlankweg Annahme finden wurden, weil man sich scheute, dem führenden Staate zu widersprechen. Der alte Reichskanzler Bismarck hat gerade diese Opposition im Bundes rat als sehr wertvoll be­zeichnet, in dem er in ihr den gärenden Most sah, aus dem dann etwas Besseres und Zweckmäßigeres hecvor- gehe. Mehrfach haben denn aua) in wichtigen Fragen die Bundesstaaten hineingestimmt, sei es, daß es sich um allgemeine Angelegenheiten handelte, oder um Fragen, bei denen wichtige Erwerbszweige des be­treffenden Landes schweren Schaden erleiden können; es sei beispielsweise nur an die Weinsteuer oder an den Widerstand erinnert, den mau in Süddeutschland der Frage der Flußschiffahrtsabgaben entgegenbringt. Nicht selten kann man ja auch beobachten, wie Einzel­landtage ihre Regierung gegen Pläne der Reichsregierung scharf machen wollen, lote beispielsweise erst kürzlich in Bayern, wo die Mehrheit scharfe Angriffe gegen die Regierung richtete. weil diese in der Frage der Erbschaftssteuer . nicht den Wünschen des Zentrums entgegenkommen will. Gerade in der Frage der Finanzreform mögen die Meinungen zum Teil recht differiert haben, wenn auch über die hauptsächlichsten Grundfragen Einmütigkeit geherrscht haben dürfte, aber im Laufe der ganzen verwickelten Angelegenheit hat sich schon vielfach nicht nur außen- hin ein fester Zusammenhalt der Bundesstaaten ge­zeigt, und wenn an den leitende u Verantwort­lichen Stellen in dieser Frage keine genügende F e ft i fl f e i t gezeigt worden ist, so lag das keines­wegs an den Bundesstaaten, welche in dieser Ange­legenheit unmöglich die Initiative ergreifen konnten. Meinungsverschiedenheiten mögen also im Bundesrate keine Seltenheit sein, ist aber einmal im Bundesrat ein Beschluß gefaßt, so gilt dieser eben als Entschei­dung der Reichsregierung in ihrer Gesamtheit, alle Bundesstaaten? haben sich damit zu identifizieren, und es geht dann nicht an, daß der eine oder andere absentiert, denn dies müßte der Autorität des Reiches und des Reichsgedankens nach innen wie nach außen ungemein Abbruch tun.

Karussell im Gange zu halten und sogar ein anständiges Premitzrensieber zu erzeugen. Aber sie wollen nicht. Sie nehmen sich von der Alpen- und Seeluft der glücklicheren Mit­bürger wenigstens das Recht auf den Vorwand.

Eine bemerkenswerte Ausnahme von den sommerlich müden Hippokrenen bilden die Kunstaustellungen. Sie, die ihre Hallen mit Beginn der warmen Jahreszeit öffnen und in frühen Herbsttagen schließen; die „Große Berliner" und die „Sezession". Vernünftigen Leuten fehlt nicht der zureichende Grund. Er ist auch hier gegeben, ob­wohl er vielleicht nur dunkel empfunden und noch nicht klar ausgesprochen ist: Der Berliner kauft leine Bilder! Natür­lich, er kauft schon! Er kaust Liebermann, Leistikow und andere berühmte Namen. Er kauft den Ruhm, nicht das Bild. Die Maler wissen es am besten, welch' eine Parvemr- stadt dieses großartiae Berlin im innersten Wesen doch ist! Die noch nicht auf den Wogenlämmen der Mode schwimmen, müßten in Berlin verhungern, waren sie auf die Berliner angewiesen. Trotzdem'zieht es sie in immer größerer Zahl aus den einstigen Kunstresidenzen nach dem märkischen Sand. Berlin ist eben der Hauptstapelplatz der Kunst -- und neben München die größte Fremdenstadt. Darum sind hier die Kunstausstellungen gerade im Sommer. .

Aber Berlin ist die Stadt der Naturfreunde. Ist eine Gartenstadt. Ich spreche nicht von dem Urwald im Zenirnnr, dem unvergleichlichen Tiergarten. Nicht von der Eroberung jedes Plätzchens und Räumchens für dre lrebevoll gehegte Natur. Viele hundert öffentliche und private Gartenanlagen blühen und grünen zwischen den vierstöckigen Burgen. Das Rührendste jedoch sind die Fenster und Ballone. Da ist kein Haus so ärmlich, kein Wirtschaftsgeld so knapp - das Geranium, der wilde Wein und andere hier mülronenfach ge­züchtete Pflanzen zaubern einen Schein von Erdenlust und Schönheit und Freiheit . - - , _.

ttnb Berlin ist die Stadt der Sonntagswanderer. Die Menschen ziehen auch anderswo an freien Tagen aus den Toren. Doch die Selbstverständlichkeit des Berliner Sowst tagsausfluges, die ungeheuren Massen der Ausflügler sin» ohne Beispiel. Wunderbare Kommunikationen und billige Fahrpreise begünstigen die Völkerwanderung. Es fließt ein riesiges Nationalvermögen an jedem Festtag in die Kassen der Eisenbahnen, der Spree- und Havel-Dampfer, der zahl­losen Monster-Etablissements. Der sparsame Pariser Bürger würde sich schaudernd bekreuzen, wevn ihm nach dem Vor-

Furus und Sparsamkeit.

Das Thema vom Luxus und der Sparsamkeit ist in der letzten Zeit in Verbindung mit der Ftnanz- reform vielfach behandelt worden. Zuerst zog Fürst Bülow dieses Register, als er bei der Ankündigung der Finanzreform Ersparnisse in allen möglichen Zweigen der Reichsverwaltung in Aussicht stellte und im An­schluß daran gegen den Luxus zu Felde, zog und zur Sparsamkeit ermahnte. Von allzugroßer Tiefe und Gründlichkeit wurden seine Ausführungen nicht ge­tragen, die sich in der Hauptsache darauf beschränkten, daß ein verderblicher Hang zmn Luxus in allen Kreisen in Erscheinung trete, der bekämpft werden müsse.

Es ist nicht ohne Interesse, wenn dieses. Thema kürzlich von einem Manne behandelt worden ist, dem reiches Wissen und reiche praktische Erfahrung auf dem Gebiet der Sozialpolitik zur Seite stehen und der auch bei seinen Gegnern stets achtungsvolle Anerkennung gefunden hat. Auf dem evangelisch-sozialen Kongreß hat, wie wir eingehend berichtet haben, Graf v. Posa- dowsky in diesen Tagen seiner Auffassung von Luxus und Sparsamkeit Ausdruck gegeben und auf den engen Zusammenhang mit dem Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung hingewiesen. Es verdient festgehalten und nachdrücklich hervorgehoben zu werden, wenn Graf v. Posadowsky betont, daß es als ein völlig falscher Standpunkt zu betrachten sei, wenn es Kreise gäbe, die der Ansicht wären, cs sei auf dem Gebiet der sozial­politischen Gesetzgebung in Deutschland genug ge­tan worden.

Fürst Bülow erklärte vor einigen Jahren nn Reichstag den Ausbau der sozialpolitischen Gesetz­gebung als die Aufgabe des 20. Jahrhunderts. Graf v. Posadowsky stellte sich rückhaltlos auf den Boden dieses Bekenntnisses und bezeichnete es als eine Ver­kennung unserer wirtschaftlichen Entwicklung, wenn Neigung vorhanden sei, von diesem Standpunkt abzu­gehen. Der Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung habe auf Wirt sch; a f t l i ch e m Gebiete seine Früchte getragen. Wenn Deutschlands wirtschaftliche Leistungs­fähigkeit in den letzten Jahrzehnten so außerordentlich gewachsen sei, so habe hieran die sozialpolitische Gesetz- gebung einen Hauptanteil, die den Intellekt und die Fähigkeiten des deutschen Arbeiters auf eine höhere Stufe gehoben haben.

Zwischen dieser Entwickelung und dem Thema von Luxus und Sparsamkeit besteht ein Zusammenhang. Während Fürst Bülow gegen den zunehmenden Luxus geeifert hatte, sieht Gras v. Posadowsky werter und

bild der Berliner kleinen und kleinsten Leute zugemutet würde, allsonntäglich mit Kind und Kegel stundenweite Reisefahrten zu unternehmen. Der Berliner ist fleißiger als der Pariser. Er kennt an Werktagen kein Ausblicken von der Arbeit. Sehr viele Arbeitsmenschen, auch der aka­demischen Stände, verschieben die Tagesmahlzeit bis zum Abend und begnügen sich mit Stulle und Happen, die sie, sozusagen mit der einen Hand weiter schaffend, im unge­störten Betrieb verzehren. Und diese äußerste Anspannung der Kräfte, die ganze Woche lang, ja Schmalhansens Küchen­rezepte scheinen nur den einen Sinn und Zweck zu haben, die Mittel für den Sonntag im Freien zu schaffen ... So galt es schon in der guten alten Zeit, als die Massensahr- zeuge noch spärlich waren urid sich Frau Wilhelmine Buch­holz mit den Ihren im „Kremser", dem heute fast aus­gestorbenen Berliner Vehikel, mit Vergnügen grausam quetschte.

Die Berge fehlen. Doch da sind die hundert Seen, die breiten Ströme, die User mit Waldlabyrinthen. Wer die Umgebung Berlins nur gnädig gelten läßt, war höchstens zum Modebad Wannsee, ist gewiß nie die Spree aufwärts gefahren — nach Grünau oder Treptow. Treptow! Stunden­lang wandert man unter uralten Laubbäumen, zwischen blühenden Büschen und über schimmernde Waldwicsen. Und durch die Baumstämme blinkt der Fluß, breit und fast un­beweglich wie ein See. Aus dem Wasser, welch tolles Leben! Ruder- und Segelsport, Dampfschiffe, Motorboote, Gesang und Musik. Und auch im Wasser. ES ist em köstlicher Spaß, mit dem Schiff vorbeizusahren an einem Jugend- Freibad nach dem andern. Da wimmelt's, da surrt, quietscht und lacht es. Da tummeln sich Hunderte von Büb­chen und Mädchen im plätschernden Verein, oft so unschuldig nackt, wie sie eben ohne Kleider nur sein können, oder bloß mit einem nassen Hemdchen angetan. Auf dem User wetthin liegen die Höschen und Röckchen.

Aber wieder zeigt sich's, daß die Kinder ihre Eltern er­ziehen. Die Kleinen haben Schule gemacht. „Freibäder gemischten Geschlechtes" — für die reifere und ganz reife Jugend — entstehen da und dort. Sie stammen vom so­genannten „Familienbad", da§ man an der Nord- und Ost­see längst kannte. Das waren Badeprivilegien, die die Familie für sich und ihre Freunde und Freundinnen er­worben. Im Wasser und am Strande, im Naturzustände, wollen die Berliner nun gcni eine einzige Familie sein.