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ilifstociur Ulatt.

Berla«, Langgasse 27. ^ ,,

«b£& 26,000 Womcntcn. _ §&*. 2 Tazesausgabco.

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ftör hie Ansn abme water ein gereichter Anzeigen in die nächsterscheiuende Ausgabe

Nr. 275.

Wiesbaden, Donnerstag, 17. Juni 1SOS.

Morgen - Kusgabe.

_1. Matt.

Die neuen SLeuerMringen.

Aus parlamentarischen Kreisen schreibt man uns zu dem von uns schon behandelten Thema der neuen Steuern weiter: Die Regierung hat nunmehr die Ge­setze eingebracht, die sie zur Ergänzung der früheren Vorlagen für nötig hält. Wie zu erwarten war, hat sie nicht den Entschluß fassen können, an der Nachlaß- steuer festzuhalten, sondern hat eine Steuer aus Erb­schaften von Kindern und Ehegatten an die Stelle gesetzt, die dem Reiche nur einen Betrag von 55 Millionen bringen soll und die so zugeschnitten ist, daß von dem ländlichen Grundbesitz nur außer­ordentlich wenig zu zahlen ist. Es ist nämlich die Bestimmung in das Gesetz ausgenommen, daß die Steuer für Grundstücke, die dauernd land- oder forstwirtschaftlich benutzt werden, in 2 0 Jahren getilgt werden kann. Zur Sicherheit soll eine Grundschuld dienen, die hinter der bisherigen Belastung stehen wird und die vielleicht kerne aus­reichende Sicherheit für die Zahlung der Abträge bietet. Jedenfalls wird auf lange Zeit hinaus von land- und forstwirtschaftlichen Grundstücken sehr wenig Erbschaftssteuer für Kinder und Ehegatten bezahlt werden.

. Den aller unverständlichsten Forderungen der Agrarier ist die Regierung nicht durch neue Vorlagen entgegen gekommen. Sie hat sich begnügt, den Effekten- stempel zu erhöhen, eine neue Steuer auf den Scheck zu legen, einen Wertstempel für Eigentums- Übertragungen und einen Stempel für Feuer- Versicherungsprämien einzuführen. Alle diese neuen Steuern sind Steuern, die den Verkehr belasten, aber nicht den Besitz. Trotzdem laufen sie unter dem Namen Besitzsteuern. ° Wieweit die Regierung densenigen Wünschen der Agrarier entgegenkommen wird, die in den Beschlüssen der Finanzkommission enthalten sind, wieweit sie standhaften wird, wenn von deren Seite noch neue Forderungen kommen, ist nicht abzusehen. Tie Vorlagen sind bereits eine Kapitulation vor dem Bunde der Landwirte, und es ist nicht aus- Mschlossen, daß noch weitere Zugeständnisse gemacht werden.

Das Resultat dieser sogenannten Finanzreform ist dann also, daß von den 500 Millionen ein Ä/Hntel aufgebracht wird in der Form der Erbanfallsteuer sur

Feuilleton

Ein Massiker der üeuischen Mrik. _

Zu Martin Greifs 70. Geburtstag. 18. Juni.)

Tief verborgen im Walde der Dichtung wächst und sticht die Blume des deutschen Liedes; es ist ein bescher- >enes Blümlein, aufgesproßt aus würziger Waldeserde, das ern von den ziervollsten Schwestern in Garien und Sivro- saus sein stilles Leben führt, einherziges Veilchen,ge- )üctt in sich und unbekannt", wie es bei Goethe hergt. uoer :s haucht im Blühen einen seltsam bezaubernden Dust au^ md erschließt dem sehenden Auge eine besonders ans Herz zreisende Schönheit. Zwei Wunderdinge sind es, die me deutsche Kunst, sonst in manchem arm und gering geachier reden den südlichen Nachbarn, ganz allein ihr eigen nenm. reutsche Musik und demsche Lyrik. Wo hätte ein ander -.and -twas wie Bachs Passionen und Beethovens Srnfomen, nie Mozarts Opern und Schuberts Lieder? Wo konnte em mder Land etwas zur Seite stellen unseren Volksliedern ind Walthers Spruchreden, Goethes Gesängen und Mocruws Gedichten? Und auch hier ist das spezifisch Deut,che »was Zchlicht-Ratürliches, Einfach-Inniges, ein Rerz, dem oer Kindlein verwandt, dereii das Reich Gottes ist. , Auch hier üchelt's mit gemütvoller Einfalt, schlägt mit rein unschul­digem Blick große blaue Augen auf ...

Diese so unsäglich teure Kunst eines gottbegnadeten Vorsichbinsingens, dem Lied des Vogels gleich, die da an­hebt mit dem Beginn unserer Sprache, mit demich bin vem, vu bist mein" und fortklingt in allem Herrlichsten unserer nvrik lebt auch noch in unserer schwer grübelnden, schwer üngenden, kunstreichen und verkünstelten Zeit fort. Die stille Waldcsblnme blüht, herrlich noch wie ehedem! Diese tto t- liche Gewißheit bietet das Dichten und Singen Martin Greifs, des greisen Liedermeisters, dem zu seinem 70. Ge­burtstag Deutschland, das er so warm und zart gefe,er., s-üien Dank und seine Liebe darbrüigt. In der ganzen, reich entwickelten lyrischen Dichtung unserer Tage, dre ,o farbenreiche, üppig glühende, stolze, vielgestaltige Mu.cn getrieben, ist er der einzige, der mrt der gleichen Sicherheit, Natürlichkeit und Feinheit schaffen konnte wie stene unbe­kannten Sänger des Mittelalters, denen wir die schönsten

Kinder und Ehegatten, im wesentlichen den mobilen Besitz ilnd den städtischen Grundbesitz belastend, alles übrige belastet den Konsum der breiten Massen und den Verkehr. Diese Stellung nimmt die Regierung in einer Situation ein, in der ihr die Unterstützung nicht bloß aus den .Kreisen der Handel- und Gewerbetreibenden, sondern auch aus weiten anderen bürgerlichen Kreisen sicher war, wenn sie selbst nur einigermaßen kräftig aufzutreten gewillt war. Wie sich die liberalen Parteien zu diesen neuen Vorschlägen stellen, wie sie sich gegenüber den Beschlüssen der Finanzkommission verhalten werden, darüber werden sie sich schlüssig zu machen haben. Aber eins dürfen sie nicht aus den Augen lassen:

Auch durch die Verhandlungen in der Kommission ist das eine klar gestellt, daß auf irgend wesentliche E r- s p a r n i s s e im Reichshaushalt nicht zu rechnen ist, daß vielmehr weitere Erhöhungen in den beiden Ausgabeposten in sicherer Aussicht stehen, die last ausschließlich für das Reich in Betracht kommen, Heer und Marine. Die Finanznot wird durch diese Finanzreform nicht beseitigt: sie wird erschwert, da Erwerb und Verkehr mehr noch als bisher belastet werden. Es ist nur eine sehr geringe Aussicht vorhan­den, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse Deutschlands in näher Zeit besser werden. Das Jahr 1908 hat kür das Reich ein ungeheueres Defizit ge­bracht. Die Einnahmen aus Zöllen, Steuern und. Ge­bühren sind um 138 Millionen, die Einnahmen der Post- und Telegraphenverwaltung um 30 Millionen und die der Eisenbahnverwaltung um 9 Millionen hinter dem Etat zurückgeblieben. Das Jahr hat also einen Gssamtfehlbetrag von 178 Millionen, und wahrscheinlich wird bei Eisenbahn und Post noch eine Erhöhung der Ausgaben kommen, so daß der Ausfall ein noch größerer werden wird.

Das sind für den Ertrag neuer Steuern sowohl, als auch für den Ertrag aus den alten Einnahme­quellen traurige Aussichten, und es ist mit Sicher­heit anzunehmen, daß längst nicht der bewilligte Er­trag aus den Steuern kommen wird, während s e d e s Jahr höhere Ausgaben bringt. Tie einzige Steuer, die eine einigermaßen sichere Einnahme haben würde, die Erbschaftssteuer, ist auf einen weit geringe­ren Betrag heruntergedrückt, und alle übrigen Steuern hängen in ihrem Ertrage vollständig ab von unserer wirtschaftlichen Lage.

So wird man diese Finanzreform, wenn sie be­schlossen werden sollte, nur als die Einleitung zu neuen Steuererhöhungen betrachten können.

unserer Volkslieder verdanken, der einzige echte poetische Nachfahr unserer klassischen Künstler im Lied. Gegen seine, wie die Natur selbst unbewußt, mühelos, harmonisch ge­staltende Art wirkt unter den Modernen selbst die Kunst Liliencrons leicht burschikos und forciert; wie gequält, schwer, mit sich in der Form ringend erscheint etwa neben dem leichten, klaren Fluß seines Liedes die Dichtung des Größten der Modernen, Richard Dehmels. Darum ist aber Greif nicht etwa ein archaisierender Butzenscheibenpoet, der nur die alten Töne nachpfeist, sondern er hat Seele und Empfinden der Gegenwart in einer köstlichen Läuterung und Verfeinerung in seine Rhythmen und Bilder ausgenommen.

Martin Greif, der mit seinem eigentlichen Namen Friedrich Hermann Frey heißt, hat ein äußerlich an Wechsel­illen armes, dafür innerlich desto reicher sich entfaltendes 'eben durchlebt. Als Sohn eines hohen Regierungsbeamten * der denkwürdigen alten Kaiscrstadt Speyer am 18. Juni 839 geboren, ausgewachsen in der sangessrohen Pfalz, trat r 1857 ins bayerische Heer ein und verbrachte zehn Jahre ls Leutnant in verschiedenen Garnisonen, ^;mmer starker egte sich in ihm der Dichterberuf, der den Menschen ganz cei von jeder anderen Fessel, imderre. Nachdem ihm Gero» -n Rat gegeben hatte, seine Verse in den Ofen zu stecken, md er an Moericke und dessen Freund Klmb r verstandms- olle Förderer und in Cotta einen Verleger. 1868 erschienen ie Gedichte" von Martin Greis - vorher hatte er schon uter seinem Vatersnamen Fr H Frey 1860 und 1864 zw» inbedeutende Sammlungen veröffentlicht - und zeigten ie Reife einer hohen Begabung, sicherten dem Manne und

,,' «»»ttiKUratu tm w >» s-mj» Lichtung. Nun begannen seine Brldungs- urw Wander- ahre- als aufmerksamer Beobachter durchzog er dre Alpen mb Italien, machte als Berichterstatter den deusich-sranzo- ischen Krieg mit und war vielfach journalistisch tätig, »der uch dichterische Schätze sammelte er aus seinen Reisen, me n der 1881 erschienenen zweiten Auflage semerGedichte md denNeuen Liedern und Mären" von 1902 em reiche.cs Rld seines Wesens und Dichtens boten. Daneben hau n >ie Wanderungen seinem dramatischen Schassen Anregung gegeben. 1875 war am Wiener Vurgtheater durch Laube ein DramaKorfiz Uhlscldt" ausgeführt worden, 1878 folgte einNero". Eine ganze Reihe Dramen hat der Dichter weh "veröffentlicht, ohne jedoch mit ihnen die allgemeine

27. Jahrgang.

Politische Übersicht.

DerrLschland, Grsterrerch rmd die Kreta-Frage,

** Berlin, 15. Juni.

Von zuständiger Seite wird uns geschrieben: Die Aufrollung der Kreta-Frage ist den sogenannten Schutzmächten" recht unangenehm gekommen. Nach dem Entgegenkommen, das sie ehedem den Kretern und Griechen gezeigt haben, wäre es für sie recht schwer, sich jetzt auf den Standpunkt zu stellen, daß die Oberhoheit der Türkei unangetastet bleiben müsse und von einerVereinigung der Insel mitGriechenland nicht die Rede sein dürfe; andererseits wollen und könnest sie es mit derneuen Türkei" nicht verderben und diese rst gerade im Ehrenpunkte recht empfindlich! Es ist gar nicht uninteressant, die Wendungen und Windun-, gen zu beobachten, welche Diplomatie und Presse der! vier Länder machen, um beiden Teilen nicht wehe zu tun. Da ist man nun, da man sich gar nicht anders zu helfen wußte, auf ein vorzügliches Mittel verfallen, mit dem man die Affäre allerdings wohl eher zu kom­plizieren als zu lösen beabsichtigt. Man möchte näm­lich Deutschland und Österreich, die vor rund einem Jahrzehnt in der Kreta-Fragedie Flöte hinlegten", wieder in die Sache verwickeln. Und so kann man denn zurzeit keine Verlautbarung aus England, Frankreich, Italien und Rußland zur Hand nehmen, in welchen einem der Name Deutschlands nicht irgendwo aufstieße. Wird heute behauptet, Deutschland stehe auf seiten der Türkei, so erklärt morgen eine andere ganz ebensozuverlässige" Quelle, daß es die Griechen zu unterstützen gedenke. Besagte doch sogar eine Mel­dung aus Rom, daß in dortigen diplomatischen Zirkeln (berechtigterweise) geglaubt werde, die Mächte würdest es nicht" zu einem griechisch-türkischen Kriege kommen lassen, und zwar mit der merkwürdigen Begründung, daß 1837 zwar Deutschland die Türkei zum Kriege ge­drängt habe, daß dieses Land aber jetzt Griechenland um vieles freundlicher gesinnt sei. Läßt sich schon die Berechtigung der Behauptung, daß Deutschland vop 12 Jahrendie Türkei zum Kriege gedrängt habe", mit vollem Rechte bestreiten, so ist das noch viel mehr mit dem zweiten Teile des Satzes der Fall. Tie Zen­tralmächte haben nicht das geringste Interesse daran, sich in der Kretafrage aufs neue zu engagieren und überlassen es mit Freuden den vier Schutzstaaten, sich mit ihren Schützlingen und der Türkei auseinanderzu­setzen. Die Aufgabe ist ja allerdings nicht gerade an­genehm, denn die braven Kreter, die es zurzeit dem Prinzen Georg tatsächlich unmöglich gemacht haben.

Anerkennung zu erlangen, die dem Lyriker allmählich immer begeisterter und schließlich in uneingeschränktem Matze als einemKlassiker" gespendet ivurde.

Der erste, der die Bedeutung von Martin Greifs Lyrit erkannte, war der seine Ästhetiker und geniale Kunstkenner Adols Bayersdorser, der 1872 in einer tiefsinnigen Studie den noch gar nicht beachteten Dichter alselementaren Lyriker" feierte. Mit dieser vieldeutigen, seitdem stets wiederholten Bezeichnung sie ist ein Lieblingswort Bayersdorfers, der z B auch Giorgioneelementar" nannte sollte Greifs Eigenart als die eines Künstlers ergründet werden, der wie eine elementare Macht, notwendig und Voraussetzungslos, wirkt und hervorbringt, der ohne jede stoffliche oder äutzere Rücksicht nach einer rein dichterisch-schöpferischen Anschauung gestaltet und fornst. Dem durch das Studium der bildenden Kunst geklärten Geschmack dieses Kritikers erschien eins solche Anwendung der natürlichsten und einfachsten Mittel, eine solche Abwendung von allem Vcrstandesmäßigen und Rhetorischen als ein aller echten Kunst eigenes Merkmal, während damals gerade wieder die Poeten der Münchener Schule eine Lyrik der schönen untadeligen Form und des reflektierenden Pathos als Muster ausstellten. Zu ihnen stand Greis im denkbar größten Gegensatz, und es war nur natürlich, daß ihr Führer Geibel seine Gedichteganz nett" und künstlerisch wertlos fand. Der klangvoll tönenden, deko­rativen Wort- und Reimkunst stellte sich hier eine innerlich beseelte, leise sprechende Lautkunst entgegen, die aus den Tiefen des Unbewußten empordrang und wie die aus dem Meeresgrund in der Muschel still geformte Perle nur von dem Urgrund der Dichterseele gelöst und so der Welt dar­geboten war. Bayersdorser und der Philosoph du Prel, ein anderer Freund und Herold der Grcrsschen Kunst, betomen so stark das Unbewußte in seinem Dichtem well damals diese notwendige Grundlage aller schassenden Phantasie kaum be­achtet wurde.

Natürlich ist das Schaffen Greifs nichtunbewußter^, als das jeden echten Künstlers; aber das rein Dichterische, wie es im Lyrischen am unmittelbarsten sich ausdrückt, tritt bei ihm sehr "lar in die Erscheinung. Es liegt in seinem Talente eine gewisse Beschränkung auf kleinere Formen, die nur unter selten glücklichen Bedingungen aufgehoben wird, eine Zusammendrängung und Sublimierung des Poetischen in die knappste Gestalt, eine Steigerung von Gefühl und