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Nr. 271 .
Wiesbaden, Dienstag, 15. Juni 1909.
57 * Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
_ 1. jSCotf.
Der Degjm Ui prlüientariftHen WMjm.
Heute, Dienstag, beginnt nunmehr die Nachsaison des Reichstags. Es ist diesmal keine Nachlese, sondern der Höhepunkt. Das Resultat der ganzen langen Saison soll gezogen werden. Kein Mensch kann sagen, wie das Ende sein wird, trotzdem das Hohe Haus mit der Regierung schon über ein halbes Jahr an der Finanzreform herumtüftelt. Die Art, wie in Deutschland regiert wird, ohne parlamentarische Regierungsformen, mit bloßen Beamtenmimstern, hat manche guten Seiten. Für die Regelung der Finanzen ist sie sehr ungeeignet. Denn da die Parteien die Regierung nicht steilen und auf die Besetzung der Ministerien und die Leitung der ganzen Politik nicht den genügenden Einfluß haben, so genießen die Minister nicht das Matz von Vertrauen, das nötig ist, wenn die Parteien tief, sehr tief in die Lasche greifen sollen. Sie knausern und suchen die Minister in einer gewissen Abhängigkeit zu erhalten dadurch, daß sie ihnen den Brotkorb oder den Geldbeutel ziemlich hoch hängen. ,,,<*■
Fürst Bülow ließ gestern so spät wie möglich noch eine neue Reihe von Steuervorlagen verteilen. ' Die Erbschaftssteuer in etwas abgeänderter Form, nämlich statt der Nachlaßsteuer die E r b a n f a I t st e u e r. Tie Steuer soll nicht mehr vom gesamten Nachlaß, vor der Teilung, erhoben werden, sondern von den Erbberechtigten, die dcktz Erbe empfangen. Es kann hier mehr die Zahl der Kinder berücksichtigt werden, denn ein Nachlaß von 100 000 Mark ist an sich eine schöne Sache. Teilen sich aber 5 oder 6 Kinder darin, so kommt auf den einzelnen nicht viel.
Es ist eigentlich un parlamentarisch im höchsten Grade, daß ein Minister eine von der Kommission abgelehnte Vorlage in etwas abgeänderter Form noch einmal bringt. Was hat sich geändert, daß diese nicht noch einmal in die Wolfsschlircht geschleudert wird? Man weiß zurzeit noch nicht, ob etwas brauchbarer Wein in die alten Schläuche gefüllt ist Aber die G e h e i m n i s k r ä m e r e i der Re" grerung verrät nichts Gutes. Es heißt das daß wieder die Agrarier sehr begünstigt werden sollen- Viel- leicht verlangt die Regierung nur von dem mobilen Kapital die Erbschaftssteuer. Wenigstens der Hauptsache nach. Dann sind die Agrarier natürlich dafür. Aber die Liberalen müssen dann selbstverständlich nut den Sozialdemokraten auf Abänderungen dringen. Ev wäre das überhaupt eine Brüskierung der Linten, die sehr leicht dazu führen könnte, daß diese auch bei den indirekten Steuern ihre Mitwirkung von vornherein versagen, was ihnen vielleicht gar nicht so schwer fällt. . ,
Die Regierung verlangt sodann eine Erhöhung oe„>
KenillstsN.
(Nachdruck verboten.)
Schlaraffia unü Schlaraffen.
Zum 50jähr. Stiftungsfest der Schlaraffia am 17. Juni 1909.
Es gibt immer noch Vereine und Gesellschaften, über deren Wesen beim Publikum entweder dichte Schleier ausgebreitet oder aber irrige Anschauungen verbreitet sind. So war auch mir der Schlaraffen Tun und Lassen unbekannt, bis mich im Januar dieses Jahres eines Freundes Hand in die Schlarafsenburg, in Heidelbergs „Reckarburg , geleitete, wo ich seitdem mehrmals als „Pilger" (d. h. als Gast) in gemütlichen „Sippungen" (das sind Sitzungen) Erholung genoß. Weil ich selbst bisher unwillkürlich an daa> von Hans Sachs besungene Faulenzerparadies „Schlaraffenland"" dachte, wenn ich die Schlaraffia erwähnen hörte, und weil ich in der Schlarafsenburg eine ausgelassene Karncval»- gesellschast anzutreffen glaubte, weil überall in profanen Kreisen solche irrtümlichen Ansichten sich eingenistet haben — eben deshalb halte ich es für eine Pflicht, zum 50jährigen Jubiläum der Allschlaraffia in der Öffentlichkeit aufklarend zu wirken. In der Tat, das emsige Schalten und Walten in der Schlaraffenburg, wo Witz und Humor sprudeln, gleicht eher dem geschäftigen Treiben im Ameiscnstaate als dem untätigen Warten, bis „die gebratenen Tauben in den geöffneten Mund geflogen kommen", als der Trägheit der Bewohner des symbolischen Schlaraffenlandes. Auch in allen anderen Punkten des Schlaraffenlandes einerseits und der Schlaraffia andererseits ist nicht eine einzige Parallele wahrzunehmen. Vielmehr ist der köstliche Humor, die kindliche Fröhlichkeit, die künstlerisch inspirierte Unterhaltung der im profanen Leben ernsthaften Männer, die sich 'm Schlaraffenbunde vereinigt haben, so echt und so lauter, vay selbst das schärffte kritische Auge eine schadhafte Stelle nicht entdecken kann.
Effekten st empels und des Wechselstempels. Es ist das nicht etwa ohne weiteres eine Besteuerung des Börsenkapitals, für die in Deutschland immer bei den Halbgebildeten eine starke Stimmung vorhanden ist. Die Börse wälzt vielmehr solche Lasten ohne weiteres auf das Publikum, das Effekten kauft und Wechsel diskontiert, ab.
Im übrigen beabsichtigt die Regierung anscheinend eine ganze Menge der Initiative des Hauses zu überlassen. Bezüglich der Steuern aus Kaffee, Tee, Streichhölzer, Beleuchtungskörper und Parfümerien wartet die Regierung Beschlüsse des Hauses ab. Es ist das auch ein Unikum, das außerhalb Deutschlands nicht mehr Vorkommen möchte, daß das Parlament Steuern ausarbeitet und nicht die Regierung. Das Parlament hat ja eigentlich das er- forderliche Material nicht zu Hand. Die Regierung scheint aber die V e r a n t wo r t u n g sür gewisse Steuern nicht recht tragen zu wollen und ruft deshalb dem Reichstag zu: Hannemann, geh du voran, du hast die größten Stiefeln an. Tie Steuern auf Toilettenseifen und Mundwasser sind freilich auch solche Wunderlichkeiten, daß man schließlich mit viel mehr Recht auch Perücken und falsche Zöpfe, goldene Uhren und bessere Hüte versteuern könnte. Da Deutschland vorläufig noch keine parlamentarische Regierung hat, wird die Mehrheit, die die Steuern bewilligt, wer es auch sei, in jedem Falle die Verantwortung auf die Regierung, also auf den Fürsten Bülow, abschieben, der schließlich seine Unterschrift geben muß, wenn er nicht a^ gehen will.
Wie schließlich derHase läuft, kann man, wie schon bemerkt, nicht sagen. Zentrum und Konservative haben zwar die Absicht, mit ihrer Mehrheit die Sache zu machen. Ihre Mehrheit, zu der sie allerdings die Frei- konservativen nötig haben, ist aber noch nicht gerade fest. Viele von diesem Anhängsel sind z. B. für die Erbschaftssteuer. Aber wenn die Sache hart auf hart kommt, fallen sie natürlich nach rechts.
Und daß die Gegensätze aufeinander platzen und eine reinliche Scheidung der Rechten von der Linken eintritt, ist sehr leicht möglich, ja wahrscheinlich. Die Heiligen und die Ritter sind sich einig, daß sie die Herrschaft im Reiche durch Bewilligung der Finanzreform antreten wollen. Beide aus sehr verschiedenen Gründen. Die Konservativen, weil im alten Block die Freisinnigen auch zuweilen eine Forderung, namentlich die preußische Wahlrechtsreform, durchdrücken wollten. Das Zentrum will unter allen Umständen wieder Einfluß haben. Deshalb wollen die beiden auch mit der ganzen Reform kurzen P r o z eß machem . In 14 Tagen soll das Ganze unter Dach und Fach sein. Und das wenigstens entspricht der Volksstimmung im ganzen, daß schnell gearbeitet wird. ~
Fürst Bülow möchte natürlich die Steuern nicht nur von den Konservativen und Klerikalen entgegennehmen, denn das wäre vielleicht sein Ende, wenn
er wohl auch versuchen wird, trotzdem weiter zu regieren. Er wird sich vielleicht bemühen, die verschiedenen Steuern mit wechselnden Mehrheiten zu erledigen. Das aber ist schwer durchzusühren. Denn natürlich sind die Liberalen, wenn sie mit der einen Steuer verärgert werden, nicht leicht gesonnen, bei der anderen sehr opferwillig zu sein. Es ist ja überhaupt ein Unding, Steuern mit wechselnder Mehrheit zu erledigen, denn da könnte man ja die tollsten Dinge erzielen.
Dshalb wird der Reichskanzler große Versuche machen, die Nationalliberalen für sich zu ge- Winnen, daß sie wenigstens teilweise mit Dr. Spahn zusammenarbeiten. Auch das ist aber sehr schwierig. Fürst Bülow unterhält zwar sehr freundliche Beziehungen zu Herrn Bassermann. Sogar seine Tochter ist öfters im Reichskanzlerpalast zu schauen. Aber in de? Kommission haben sich trotzdem die Nationalliberalen mit den Junkern gehörig verkracht. Und im Plenum sind die Verärgerungsmöglichkeiten noch größer.
Jedenfalls ist der Ausgang unter Umständen von großer Bedeutung sür die innerpolitische Entwickelung. Namentlich dann, wenn es zu klaren Entscheidungen zwischen rechts und links kommt und ein Zweig- parteiensystem sich anbahnt.
Wie lange die Session dauern wird, läßt sich absolut nicht Vorhersagen. Am Dienstag ist noch Erholungstag. Da wird über die Verfassung für Mecklenburg verhandelt. Aber am Mittwoch beginnt die Schlacht. Da hat der Herr Reichskanzler das Wort.
Der Kmys« die KeiWmflesom.
Einen Appell in letzter Stunde richtet die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" in Sachen der Finanzresorm an den Deutschen Reichstag. Zu dem Programm der Regierung gehörte vor allem eine Reform des Schuldenwesens, gehörte die Losung: „Keine Ausgabe ohne Deckung". Wie hat nun die Finanzkommission sich dieser Aufgabe gegenüber verhalten?
„Dieses nächste Ziel der Finanzreform war nach den Beschlüssen der Budget- und Fmanzkomunssion nur zu einem kleinen Teil erreicht. Die Finanzkommission hat zwar die Bestimmungen über die Schuldentilgung bewilligt, sie hat aber die Vorschriften über die Begrenzung der Matrikularbeiträge gestrichen. Die Budgetkommission andererseits ist durch das Heraufsetzen der Beamten- gehälter um 26 Millionen über die Vorschläge der Regierung hinaus in sehr empfindlicher Weise von dem Grundsatz: Keine Ausgaben ohne Deckung, abgewichen."
Das zweite Ziel der Reform war, das Mißverhältnis zwischen, Bedarf und Deckung durch die Bewilligung neuer Einnahmen auszugleichen. Und zwar sollten nur die entbehrlichen Genußmittel des ganzen Volkes und sodann der Besitz nach Maßgabe seiner Leistungssähigkeit herangezogen werden. Es sollte aber weder der Verkehr belastet werden, noch sollte und durfte die Belastung des
August Langbein sagt in seinen „Sämtl. Gedichten" (1838):
„Ein Kerker ist die Erde für den, der sich nie freut, zum Paradiese werde sie uns durch Fröhlichkeit!"
Wer dieses von Langbein besungene, durch Fröhlichkeit geschaffene Paradies auf Erden mit der Schlaraffenburg vergleichen will, wird in mir keinen Gegner finden.
Die andere oben erwähnte vielverbreitete irrige Meinung^ die Schlaraffia befasse sich mit allerhand Faschingsscherzen und grobem Karnevalsulk. tft ebenso hinfällig und unzutreffend. Peter Rosegger sagt in seinem Feuilleton „Das Reich des Uhu"*): „Ich h«"e diese Gesellsa-ast lange für nichts als sür eine Ulkgesclllwast gehalten und bin erst allmählich eines besseren belehrt worden nenne nur die Heiliaen der Schlaraffia", deren Jahrestage festlich be- ganam werdm Funte (Schiller). Faust (Goethe). Adolar ?Weber). Florestan (Beethoven) Paulus (Mendelssohn), (Srlfönm Don Juan (Mozart), Nathan (LEssi.ng),
Parzival tWaaner) Gaudeamus (Scheffel). Torquato (Liszt). Mese L2 mÄen den Geist der „Schlaraffia" wohl er-
Xate uÄemt die Gründer des Schlarassenbundes die Be- zeichnuna Schlaraffia" wählten und damit einem Vergleich n t dem Sch mchf ulnid Raum boten, so mag ihnen eben nur Ls Zwl ihres geselligen Zusammenseins. em Schlaraffenland, d. h. ein Dorado auf Erden, em Ciland eine Burg zu schaffen, wacher geplagte Mensch gestcheA und geborgen ist vor den Stürmen und Sorgen W lebens, ein Paradies am Erden, wo nur Freude und Heiterkeit herrschen bei Jnnglmg. Mann und Greis, und gerade beim Greis ist ungezwungene ©exicrlett emt Sg«*» denn jung zu sein imAtter ,st bekanntlich d e schwerste, aber eine bei Schlaraffen heimische Lebenskunst.
' *) «S'er Schlaraffia Zehttungen", Iahrg. 34, Nr. 310,
S. 3076." ~
Das allschlaräffische Mutterreich wurde im Jahre 1859 in Prag als gesellschaftliche Vereinigung von Künstlern und Kunstfreunden gegründet. Der hervorragendste Urheber des schlarafsischen Gedankens, der Urschlaraffe, der Schöpfer des weitaus größten Teils der ersten schlarassischen Satzungen und des Zeremonials, ist der frühere Prager Opernsänger Albert Etters, der bei Lebzeiten den Schlarassen-Namen „Graf Gleichen der Lindenmüller" führte. Eilcrs Gebeine ruhen in Darmstadt, über ihn schreibt *) der uhubegeistcrte wackere Recke „Drafal": „Er war es, der in den Schlaraffen die Erkenntnis geweckt, daß nur das Streben nach dem Ideal den Menschen über das Niveau des Alltäglichen erheben kann: er war es, der gelehrt hat, daß die Hochhaltung treuer, selbstloser Freundschaft, daß die Pflege der Kunst die Quellen reinster Freude sind, und daß der Frohsinn, der nie und niemand verletzende schlarasfische Humor der beste Sorgenbrecher ist, der uns nach den Mühen des profanen Lebens wieder stählt zu neuer Schaffensfreude, der uns entschädigt für so manche Unbill, die wir außerhalb unseres Reiches ertragen und erdulden müssen." Diese Worte, die ich dem offiziellen Protokoll der dem Urschlarafsen Albert Eilers geltenden Trauersippung der Allmutter Praga entnommen habe, sind znaleich ein schlarafsisches Glaubensbekenntnis; schöner und" treffender können Bedeutung und Ausgaben des Schlarassenbundes nicht charakterisiert und gewürdigt werden.
Somit ist der Zweck des anfangs nur sehr kleinen Klubs die Pflege von Humor und aller Künste gewesen; und als Grundsatz galt das Hochhalten der Freundschaft. Und noch heute — nach 50 Jahren — steht die Devise: „Kunst, Humor und Freundschaft", diese den Inbegriff aller Glückseligkeit kennzeichnenden Worte — vielleicht deutlicher denn je — auf Schlarassias Banner. An der Hand der Phantasie flieht der Schlarafse aus dem Kerker der harten Pflichterfüllung, der unerbittlichen Notwendigkeit in ein
*) Drasal der Glockentnrm": „Chronica Mschlavattiä" S. 24. "Prag. Verlag der SRl-rrama.
