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Nr. SV«.
Wiesbaden, Donnerstag, 6. Mai LS VS.
57. Jahrgang.
Morgen- Ausgabe.
_ 1. Mcrtt.
Dis Sackgasse.
L. Berlin, 4. Mai.
Man muß methodisch Vorgehen. Man muß mit wissenschaftlicher Gründlichkeit untersuchen, wieviele Möglichkeiten vorhanden sind, aus dem Wirrsal der inneren Lage herauszukommen, und welche von ihnen die wahrscheinlichste ist. Im allgemeinen wird immer nur mit zwei Möglichkeiten gerechnet, mit der Reichstagsauflösung oder mit dem Rücktritt des Fürsten Bulow. Uns dünkt diese Beschränkung auf nur zwei Eventualitäten dürftig und nüchtern. Die Sache ist doch um so vieles interessanter, daß nicht etnzusehen ist, weshalb man den Humor, der sich so ungesucht einstellig Pedantischerweise davonsagen soll. Und dann: Was ist damit gesagt, wenn man das Schlagwort eines Kanzlerwechsels oder das andere Schlagwort von der Auflösung in die Debatte wirft? Solche Begriffe können doch erst lebendig werden, wenn genauer nach- geforscht wird; wie sich die Dinge zu vollziehen hätten und welches ihr . vermutliches Ergebnis wäre, wenn entweder das eine oder das andere geschähe Überdies gibt es ja noch andere Möglichkeiten, so z. B., daß es der Diplomatie des Fürsten Bülow doch noch gelingen könnte, die Konservativen für eine Erbanfallsteuer zu gewinnen, die den Grundsatz in weilgeuen- dem Maße schonte, und das Minus durch eine Wertzuwachssteuer für Immobilien zu decken, wie sie von der Rechten doch verlangt wird. Oder es wäre eine fernere Möglichkeit, daß sich die Verbündeten Regierungen mit einem Teil der neuen Steuern begnügen, sich diese sogar mit Hilfe des Zentrums bewilligen lassen und die Teilzahlung nur mit lautem Protest annehmen, also beteuern, im nächsten Winter müsse der Rest nachgeholt werden. Wer Lust hat, kann sich an der Ausmalung weiterer Zickzackwege zur Überwindung der grenzenlosen Misere ergötzen. Wir bekennen indessen sogleich mit aller Resignation, daß uns kein einziger Weg betretbar Vorkommen will, auch nicht der der Neuwahlen.
Denn wie soll man sich den Wahlkampf und seinen wahrscheinlichen Ausgang vorstellen? Es __ ist ganz richtig, wenn gesagt wird, daß die Schwächung der Sozialdemokratie bei den Wahlen vom Januar und Februar 1907 nur durch das Zusammengehen von Konservativen und Liberalen erzielt werden konnte. Heute würden sich beide Parteien bis aufs Messer bekämpfen, und den Nutzen hätte gerade die Sozialdemokratie. Aber selbst wenn diese Partei keine Erfolge hätte, und selbst wenn die Konservativen bis sogar zu zwanzig Mandaten verlören, wäre immer noch keine Mehrheit für eine ausreichende Besteuerung des Besitzes gewährleistet, und die ausschlaggebende Stellung ds Zentrums wäre dann erst recht befestigt. Kann man einer Negierung, die nach Tradition und Wesensart mit dem Konservatismus eins ist, auch wenn sie sich gelegentlich im Widerspruch mit ihm befindet, die nachhaltige Kraft zu einer Niedeckämpfung dieser
FemlleLom.
(Nachdruck verboten,)
Internationale photographische stellimz Dresden 1909.
Dresden, 3. Mai.
Mil den üblichen Feierlichkeiten ist in Dresden im Ausstellungsgebäude am Großen Garten die erste Internationale Photographische Ausstellung eröffnet worden. Es ist damit ein systematischer überblick über ein Gebiet ermöglicht, dessen Vielseitigkeit dem großen Publikum, das zumeist nur die Kunst des persönlichen Konterfeis in der Photographie erblickt, hier in überraschender Weise zu bequemer Belehrung vorgeführt wird. Auch der Fachmann wird reichen Gewinn davontragen beim Einblick in die Mannigfaltigkeit der photographischen Kunst, er wird mit Stolz auf das in wenig mehr als 70 Jahren Errungene schauen und deutlicher als sonst die Lücken und Mängel, das Fehlende und zukünftig zu Schaffende wahrnehmen.
Die Ausstellungsleitung und die Tausende von rührigen Köpfen und Händen, die an dem großen Werke .nitgear^eitet haben, taten alles, um die Fülle der Erscheinungen durch übersichtliche Gruppierung und Gliederung zu ordnen und jede Seite des umfassenden Gebietes zu voller Wirkung kommen zu lassen. Der bereits erschienene Katalog gibt in trefflichster Weise Zeugnis von der geleisteten Arbeit. Zu jeder Gruppe hat ihr Leiter einen kurzen, gehaltvollen Bericht über die Entwickelung, das Erreichte und das Anzu- strebende vorausgeschickt, so daß der Katalog fast ein Wissen-
Partei Zutrauen? Kann inan erwarten, daß die preußischen Landräte und ihre Vorgesetzten in den Regie- rungspräsidien und in den Oberpräsidien, sowie ihre subalternen Hilfskräfte, die sämtlich auf Konservatismus, Agrariertum und nebenbei auch Orthodoxie ein- geschworen sind, mit Feuereifer für den Sieg liberaler Gedanken fechten werden? Es ist wahr, die Notwendigkeit, die Reichssinanzreformfrage zu lösen, wird von Millionen im Volke anerkannt, und es ist eine ent- schiedene Opserwtlligkeit vorhanden, aber in der Praxis mögen sich die Verhältnisse doch anders ausnehinen, und jedenfalls wäre eine Reichstagsauflösung ein Wagnis, von dem Fürst Bülow selber schwerlich erwarten wird, daß es die Besitzsteuerfrage lösen helfen könnte.
Wohin man sieht, überall erheben sich die Bedenken. Wohin führte seinerzeit der Kampf gegen die „Kanalrebellen"? Doch nur zu einer erneuten Be- festigung der konservativen Macht. Solche Spuren würden' den Fürsten Bülow kaum zur Nachfolge ermuntern. Nimmt man alles in allem, so wird mit einem Kanzlerwechsel, der ja nicht heute oder morgen einzutreten braucht, noch am ersten gerechnet werden müssen. Was würde das schließlich bedeuten? Wie die Dinge liegen, würde es die Etablierung einer konser- vativ-klerikalenMehrheit mit einem konservativ-agrarischen, dem Zentrum gewissermaßen tributpflichtigen Kanzler zu bedeuten haben. Jedoch braucht auch hier die Logik der Verhältnisse keineswegs schon die Verwirklichung solcher Möglichkeiten zu bedingen. Tenn man kann sich nicht gut vorstellen, daß der Kaiser geneigt wäre, sich einem Afterkonstirutionalismus zu fügen, wie er in Kraft treten würde, wenn jene beiden Parteien fortan die Richtung der inneren Politik so bestimmen wollten, daß der erste Mann im Reich einfach genötigt würde, seine Zustimmung auch gegen seine Überzeugung zu geben.
In den letzten Tagen konnte man in zahlreichen Blättern aller Parteien Artikel mit stets derselben, durch die Umstände nahegelegten Überschrift: „Was
nun?" finden. In der Tat braucht sich niemand des Eingeständnisses der Ratlosigkeit angesichts der wahrhaft verzweifelten Lage zu schämen. Auch die Regierung ist ersichtlich ratlos. Sie findet nicht den Mut und'die Kraft, mit den Konservativen zu brechen; sie wird es auch nicht tun. Zwar der Tag wird kommen, an dem gerade die Regierung im Namen aller zukunftsstarken bürgerlichen Schichten den Kamps aus Leben und Tod mit dem gemeinschädlichen Agrarkonservatismus wird aufnehmen müssen, aber die Regierung, wie sie heute ist, gibt uns nicht die Gewähr, daß sie hierzu tauglich wäre, selbst wenn sie den Entschluß zu einer Kriegserklärung an die Rechte fände. Vielleicht muß es erst noch schlimmer kommen, damit es besser werden kann. Wir haben eine so schwere Krise wie die jetzige noch nie erlebt, alle früheren Kämpfe waren ein Kinderspiel dagegen. Wenigstens dies ist erreicht, daß die Gefahr, mit der die Überspannung des agrarischen Bogens Reich und Nation bedroht, überall außerhalb des Agrariertums beider Konfessionen in ihrer ganzen Größe erkannt wird. Wenigstens Vertuschung und Schwächlichkeiten, wie sie unser politisches Leben jahrzehntelang gehemmt und oft korrumpiert haben, werden von jetzt an ausgeschlossen sein.
schaftlicher Führer durch die Leistungen der Photographie geworden ist. Man erkennt mit Staunen, daß es fast kein Gebiet des Lebens gibt, auf dem nicht die Kunst Daguerres förderlich gewesen ist und zu neuen Erkenntnissen geführt hat. Fast wäre man versucht, einen Hymnus auf die Sonnenbildkunst als Förderin des Wahren, Schönen und Nützlichen anzustimmen, denn wie kaum eine andere Erfindung hat sie der Wissenschaft, der Kunst und der Industrie zugleich neue Wege gebahnt und neue Welten eröffnet.
In einer der Geschichte der Photographie gewidmeten Ausstellungsgruppe überschaut man zunächst ihren Entwickelungsgang von den silbrig glänzenden, nicht zu vervielfältigenden Daguerrcotypien an durch die Erfindungen des Talbotschen Negativ-Positiv-Prozesses, des Kollodium- Prozesses und des Trockenplattenprozesses bis zu den Pigmentdrucken und photomechanischen Repro'ouktionsver- fahrcn unserer Tage, die durch die Photographie in natürlichen Farben vorläufig gekrönt sind. Professor Mi et he in Charlottcnburg ist der Leiter dieser historischen Abteilu'g. Einer Einführung des Publikums in die wffsenschaftliche Theorie soll eine Sammlung von Demonstrationsapparaten dienen, die nach dem Muster des Britischen Museums, des Deutschen Museums in München und der Urania in Berlin hergeftellt und aufgestellt sind. Selbsttätig soll man hier die Lehre vom Lichtsinn und den Farben als Grundlage der Photographie studieren und die Erscheinungen der Farbenmischungen, Lichtbrechung. Beugung, Interferenz, Absorption usw. beobachten. Daneben werden allerlei photographisch-wissenschaftliche Untersuchungen und Experimente gezeigt, Studien über das latente photographische Bild, Spektralphotogramme, das stereoskopische Sehen und dergleichen theoretische Voraussetzungen mehr.
UoLMsche Merficht.
Die joUrViderge Verwendung *r<w Geeste.
Man schreibt uns aus parlamentarischeu Kreisen: Der Reichstag hat ersichtlich zu wenig zu tun. Deshalb werden ihm Gesetzentwürfe vorgelegt, für die nach Ansicht der Verbündeten Regierung ein Bedürfnis rricht besteht- Weil von agrarischer Seite behauptet wird, daß die zum Zollsatz von 1,30 M. eingeführte Futtergerste („andere Gerste") auch als Malzgerste firc Braugerste Verwendung finde, wofür sich irgend ein Anhalt bisher nicht hat ermitteln lassen, wird von der Regierung flugs ein Gesetzentwurf eingebracht, wonach derjenige sich strafbar macht, der als „andere Gerste" gekennzeichnete Gerste für Brausreizwecke verwendet oder schon zu verwenden sich verdächtig macht. Wenn z. B. jemand, der neben seiner Brauerei noch eine Brennerei hat, „andere Gerste", die er zu Brennzwecken zu verwenden gedenkt, vorrätig hält, so wird er bestraft. Wenn er als Brauer solche Futtergerste für seinen Geflügelhof hält, so ist er auch verdächtig und wird bestraft!
Die Regierung 'hofft, daß cs ihr gelingen wird, durch Eosin- Färbung einen Teil der denaturierten Gerste so schön und echt rot zu färben, daß sie als „andere Gerste" jederzeit erkennbar ist. Natürlich wird niemand eosinrotes Bier trinken wollen. Aber da die „andere Gerste" zur Malzwarenfabrikation (Kaffeesurrogate, Malzextrakt usw.) verwendet werden darf, so wird die Eosinfärbung auch auf solchen Kaffee komisch wirken. Bestraft soll aber werden ein Brauer oder Fabrikant von Malz zu Brauzwecken, auch wenn er von einem Händler „anders Gerste", die gefärbt war, erhalten hat, nachdem dieser die gefärbten Körner ausgelesen hat. Die Zollbehörde wird nickst verpflichtet, die eingesührte „andere Gerste" zu deuaturieren, d. h. zu färben. Sie kann wie bisher sagen: Diese Gerste ist zu Brauzwecken nicht verwendbar, ich lasse sie einfach zum niedrigen Zollsatz ein. Und wenn sie nicht gefärbt ist, so steht nichts im Wege, sie auch fernerhin zu Brauzwecken zu verwenden- Erst wenn der Brauer gefärbte Gerste an seine Hühner verfüttert, macht er sich strafbar?
Natürlich wird auch in Zukunft in den seltensten Fällen Gerste von der Zollbehörde gefärbt werden. Wenn ein Dampfer mit 20 000 Tonnen gelöscht werden muß, so hat ja die Zollbehörde gar keine Zeit dazu, die Färbung vorzunehmen. Sie läßt einfach die Proben durch ihre Sachverständigen nehmen, die vereidigt sind. Aber sie hat ein Mittel in der Hand zu schikanieren. Das hat sie zwar schon jetzt, denn wenn einmal die Gerste verzollt war, so kann bis jetzt jeder mit ihr machen, was ihm beliebt. Nun aber soll ein vollständi- aes Novum in unsere ganze Zolltarifgesetzgebung hineingebracht werden. Wenn eine Ware verzollt ist, io geht sie in den freien Verkehr über. Dieser Grundsatz unserer Zollgesetzgebung wird mit diesem überflüssigen Gesetzentwurf durchbrochen. Es findet ein Polizeispitzeln über die spätere Verwendung statt für eipe Ware, die sich im übrigen im freien Verkehr befindet. lind diesen Einbruch in einem der wichtigsten
Die exakten und die Geisteswissenschaften haben die reichste Förderung durch die Photographie erfahren. Die Botanik bedient sich der Kamera zur Festhaltung von Bildern der Pflanzen an ihrem natürlichen Ort, zum Einblick in ihre Morphologie und Biologie, und durch Mikroaufnahmen von physiologischen und pathologischen Erscheinungen stellt sie das innerste Leben der Pflanzen dar. So zeigt eine Sammlung von Photographien den Lebenslauf einer Buche. Auch die Reblausbekämpfung ist lichtbildlich dargestellt. Die Zoologie ist jetzt mehr als vordem zur Benutzung der Photographie für Abbildungen übergegangen; ihr großer Triumph sind die Blitzlichtaufnahmen lebender Tiere an ihrem Aufenthaltsort. Ganz prächtige Proben dieser „Nainrurkunden" sind hier zu schauen. Großen Gewinn hat die Physik und die Chemie für ihre Forschungen aus der Photographie gezogen, indem hier wichtige Erscheinungen im Bilde für nachfolgendes und nachprüfendes Studium sestgehalten sind, die sich sonst dem optischen Nachweis entziehen. Die Spektralanalyse hat dadurch ungeahnte Verfeinerungen erfahren, zumal die photographische Platte die dem Auge nicht wahrnehmbaren ultravioletten Strahlen sesthält. Besonders sind hier auch die Photographien elektrischer Entladungen interessant. In einer kleinen Sternwarte werden Proben der unschätzbaren Mitarbeit der Platts an der Ergründung des Himmels gezeigt.
Auf dem Gebiete der Astronomie liegen ja die Fort- schritte, durch die sich die Photographie als- ein dem Fernrohr ebenbürtiger, vielmehr überlegener Forschungsgehilfe des Menschen erwiesen hat. Ausnahmen von Mond und Sonne, Planeten und Kometen, Sternenhanscn und Rebeln fesseln den Beschauer. Dem nahe stehen die Dienste, welche die Kamera der Meteorologie leistet, die dnrw Wolkenbilder
