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Nr. 201,
Wiesbaden, Samstag, I. Mai ISO®.
57, Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
_ . 1. Matt.
Pie Abrüstung - zur Maifeier.
■Stoet Jahrzehnte sind vergangen, seit auf dem ^^Nlatronalen sozialistischen Kongreß in Poris 1889 oer Beschluß gefaßt wurde, als imposante Demon- pratlon der internationalen Sozialdemokratie die all. gemeine Arbeitsuche eintreten zu lassen. Zwanzig Tvp ist seitdem der Mai gekoinmen und die Bäume Ichmgen.aus, aber die hochtönende Parole „Alle Räder Men still, wenn dein starker Arm es will" ist trotz aller ^nprengungen, trotz aller Agitationen, trotz aller Zei- ^bartrkel der sozialdemokratischen Presse und trotz Reden der sozialdemokratischen Führer nichr rer- ss'worden. Der Agitation der Sozialdemokratie dbllenuber, die ohne Rücksicht auf den Arbeitsvertrag r “7 , au f die Interessen der Arbeitgeber, die doch mit o f) I verstandenen Interessen der Arbeitnehmer öMammenfallen, die allgemeine Arbeitsruhe zu et> Swingen suchten, schlossen sich auch die Arbeitgeber um diesen Eingriff in das Arbeitsver- njp't a ^ er Entschiedenheit abzuwehren. Und so
bs bei dieser Gelegenheit zwischen Arbeitgebern uno Arbeitnehmern zu Konflikten gekommen ist. sind >re wir erinnern nur an den erbittertsten dieser Kampfe, an den Berliner Bierkrieg — fast durchweg zuungunsten der Arbeiter ausgegangen, die schwer an den Kriegskosten dieser leichtfertig und unüberlegt heraiifbeschworenen Kämpfe zu tragen hatlen.
Die hierbei gemachten bitteren Erfahrungen haben ^nu^ternö auf die Sozialdemokratie gewirkt, ^ £ W ctt Jahren haben die Versuche. Die Ar- oettsruhe am 1. Mai zu erzwingen, immer mehr abgenommen. Bei den Debatten über die Maifeier aiU ^ artet ^ ö 0cn sind sogar mehrfach ganz ketzerische ^oerungen gefallen, die ein vollkommenes Fiasko 7 er -ll^atfeier mehr oder weniger rückhaltstos einräun!- wn. Dazu hat vielleicht nicht zuletzt der Umstand beigetragen, daß der Versuch einer Durchführung dieser zu Kämpfen im eigenen Hause geführt ^ erinnern nur an den amüsairten Streit zwilchen dem Hamburger Sozialistenblatt und oen sozialdemokratischen Kolporteuren, die sich wgycherweise weigerten, das Blatt am 1. Mai aus- zutragen. während die Leitung des Blattes von dieser Masterer nichts wissen wollte. Ist cs doch auch dies, mat wieder zu lebhaften Streitigkeiten in einigen
lozlaldemokratischen Konsumvereinen gekom-
Ulen, da hier die sozialdemokratischen Arbeit g e b e r anüers denken als die sozialdemokratischen Arbeit- ".Jl * 1' ^enn das am grünen Holz geschieht — kann
lp - stch da wundern, daß die vor einigen Jahren non oem sozraldemokratischen Zentralorgan ausgegebene Parole, derzufolge sich kein Sozialdemokrat um 1. Mai
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Ummrlsrrschemnnzrn iw Mm 1909.
Am l. Mai beträgt die nördliche Abweichung der Sonne ^ Äquator 14 ° 57' 18."3, am 31. Mai ist sie bereits aus ol' 41."4 angewachsen; ihre tägliche Zunahme, die im -maxirnum am 19. März 23' 43."3 betrug, verringert stch im von 18' 7."3 auf 8' 3O."4, um am 22. Juni 0 zu werden, dadurch vergrößert sich die Mittagshöhe der Sonne für das mittlere Deutschland von 53 0 aus 60 °, also auch der Tagdogen, der wieder das Maß der Tageslänge ist. Diese verehrt sich m Norddeutschland von 15 auf lösch, in Mitteldeutschland von 14% auf 16sch und in Süddeutschland, der Schweiz und Österreich von W/j auf 15% Stunden. Die durch den flachen Bogen der Sonne unter dem Horizont be- rurAten langen Dämmerungen dehnen die Tageshelligkcit noch wesentlich mehr aus, und zwar beträgt der Zuwachs «m Norden am 1. Mai morgens und abends je % Stunden, E 31. Mai morgens und abends je fast 1 Stunde, im Süden am 1. Mai je 53 Minuten, am 31. Mai je 1 Stunde reichlich. Die Zeit der Hellen Nächte nimmt im Mai bereits ihren Anfang, und zwar im nördlichsten Deutschland schon m den ersten Tagen, im mittleren Deutschland jedoch erst im letzten Drittel des Monats.
“ nt etwas regere Fleckentätigkeit gezeigt: e'ne größere gruppe passierte in der süolichen Fleckenzone am 3. April »du mittleren Meridian, und auch gegen Mitte April machte I'ch ein .rneutcs Aufleben des Vulkanismus geltend. Im Allgemeinen aber hat die Fleckenbildung seit dem Maxinmm
rasieren lassen solle, wirkungslos verhallt ist und auch die überzeugtesten Parteigänger sich nicht zu diesem Kampf bis aufs Messer verstehen wollten? Und auch das Biertrinken haben sich die sozialdemokratischen Arbeiter noch immer nicht für den 1- Mai abgewöhm, obwohl sie dadurch gerade bei der Feier der Arbetts- ruhe ein Heer von K e l l n e r n zur Arbeit zwingen.
So ist aus der Fa n s a r e zur Maifeier allgemach eine S ch a m a d e geworden. Diesnral fällt die Feier auf den Samstag. Der Versuch, zwei Tage hintereinander alle Räder still stehen zu lassen, wird schwerlich in umfassenderen Maße unternommen werden, und die sozialdemokratische Arbeiterschaft dürfte sich ganz überwiegend mit abendlichen Feiern begnügen, an die sich ja der arbeitsfreie Sonntag anschlietzen wird. Die wirtschaftliche Konjunktur ist wahrlich nicht dazu angetan, leichtfertig Kämpfe her- beizusühren. Das erkennt auch die Leitung der Sozialdemokratie, und so veröffentlicht das sozialdemokratische Zentralorgan einen Artikel über die Maifeier in dem rundweg zugegeben wird: „Seit Jahren befindet sich die deutsche Arbeiterklasse in einer so schweren Wirtschaftskrise, daß jetzt erst recht an die Ausgabe der Parole der allgemeinen Arbeits- ruhe nicht gedacht werden kann. . . . Eine Zeit der Krisen kann es ratsam erscheinen lassen, keinerlei Kraftproben zu provozieren. ... Dabei ist es keine Feigheit, aussichtslosen Kämpfen auszuweichen und sich für den unausweichlichen Kampf nach Kräften zu rüsten. ... Es genüge, wenn der 1. Mai gefeiert wird, wo es angängig ist." In einem weiteren Artikel, der mit der Spitzmarke'„Rüstet zur Maifeier!" versehen ist und sich an die Genossinnen richtet, wird dann zu einer eigenartigen Maifeier aufgefordert. „Wo ein Wille ist, findet man auch den Weg zum Ziele. Für unsere Genossinnen muß etz Grundsatz sein: am 1. Mai wird — nichts eingeholt I"
Das ist kein verspäteter Aprilscherz, sondern diese Parole wird vom „Vorwärts" allen Ernstes ansgegeben. Ob sie befolgt werden wird, ist eine zweite Frage, denn die saure Milch vom Freitag wird auch dem überzeugtesten Anhänger der Sozialdemokratie am Samstag zu seinem Kaffee nicht schmecken, und die Hausfrau könnte stärker als das Lob der Parteileitung den Tadel des Hausherrn empfinden. Im übrigen sind das interne Angelegenheiten der Sozialdemokratie, und die bürgerliche Gesellschaft hat alle Ursache, es mit Befriedigung zu begrüßen, daß die von dem sozialdemokratischen Zentralorgan ausgegcbene Parole, die eigentlich nicht „Rüstet zur Maifeier!", sondern „Rüstet ab zur Maifeier!" überschrieben werden sollte, von dem sehr vernünftigen Entschluß und Beschluß der sozialdemokratischen Arbeiterschaft Kunde gibt, diesmal und hoffentlich auch in der Folge auf den Kampf um die Maifeier zu verzichten, den die Sozialdemokratie endgültig verloren har, wenn st> ,tu auch noch scheut, diese Niederlage rückhaltslos einzugestehen.
Politische Übersicht.
Zur Absetzung des Suttaus.
**. Wiesbaden, 30. April.
Der Beherrscher aller Gläubigen, der Kalif, ein Kaiser von Allahs Gnaden, ist klanglos inS Nichts hinabgestiegen, ist gewissermaßen schmerzlos beseitigt worden, ohne daß der Himmel darum eingestürzt wäre, ohne daß die anderen Mächte auch nur den Versuch gemacht hätten, diesen Eingriff des Volkes in die „angestammten Herrscherrechte" irgendwie zu verhindern. Selbst ein weniger milder Richterspruch als die glatte Absetzung mit einem „Ruhegehalt" von lumpigen 600 000 Frank würde von auswärts kaum eine andere Intervention als persönliche Vorstellung seitens der Gesandten bewirkt haben. Den „Freund des deutschen Kaisers" hätte man durch die seidene Schnur, durch das Henkerbeil oder eine Füsilade beseitigen können, und es wäre interne Angelegenheit der Türkei geblieben. Daß dem Sultan dies Schicksal erspart blieb, das er —■ sein Flehen um sein bißchen Leben bewies es — befürchtete, ist ein Beweis der Mäßigung der herrschenden Partei. Er hat den Schwur auf die Ver- fassnng, den ec geleistet, mehrfach gebrochen; jeder „Staatsstreich" von oben ist ordinärster Meineid. Er hat durch dies Verhalten, hat durch seine Intrigen zu schwerem Blutvergießen, zu einem Stückchen Bürgerkrieg Veranlassung gegeben, Ursache genug, auch in „zivilisierteren Staaten" einen Herrscher dem Richter zu übergeben und sein vermeintliches Gottesgnaden, tum auf gründlichste ad absurdum zu führen. Nicht mehr der Wille des Herrschers, sondern der Wille der Nation ist beute in den meisten Staaten das Entscheidende. Und wo es noch nicht so ist, wie etwa in Rußland, da liegen die Verhältnisse so, daß der Absolutismus jeden Tag in die Luft gesprengt werden kann. Die Sclbstregicrung der Völker unter einem die Nation vertretenden Repräsentanten, sei er Präsident, sei ek König, das ist heute das von der Zeit geforderte, naturnotwendige Prinzip in jeder staatlichen Gemeinschaft. Wo ihm widerstritten wird, dort gibt's über kurz oder lang Brocken. Und Brocken hat es auch in der Türkei gegeben, obgleich sich die Entwickelung dieses Staates, der vor kurzem noch ein Tyrannenstaat war, zum moderne'.: Staat im allgemeinen in Muster» gültigen Formen zu vollziehen scheint. Die Jungtürken, die Vertreter moderner Anschauungen,' haben Klugheit und Stärke bewiesen. Sie haben ihr jahrelanges, vorbereitetes Werk durch weise Mäßigung gekrönt. Jahrzehntelang hat sie der Autokratismus gehaßt, verfolgt, gemaßregelt, hat viele von ihnen nach dem „türkischen Sibirien", nach Tripolitanien, verbannst Schreiber dieses hatte dort Gelegenheit, ihr Wirken zu sehen. Er sah geordnete Zustände, Musteranstalten, fand in diesen Jungtürken ernste, aufrechte, zielbewnßte Männer, vorzügliche Offiziere und einen gastfreien, unermüdlichen Gouverneur, für den wie
uuer yai me Meaenou 1904--07 schon stark angenommen.
Der Mond durchläuft Kine Phasen in folgender Weise: ^"lmond ar 5. Mai, 1 Uhr 8 Min. nachmittags, Letztes
Viertel am 12. Mai, 10 Uhr 45 Min. nachmittags, Neumond am 19. Mai, 2 Uhr 42 Min. nachmittags und Erstes Viettel am 27. Mai, 2 Uhr 23 Min. vormittags. In der Entfernung des Mondes vollzieht sich der Wechsel derart, daß der Mond am 1. April, 1 Uhr vormittags in Erdferne (63.5 Erdhalbmesser), am 16. Mai, 9 Uhr nachmittags, in Erdnahe (57.2 Erdhalbmesser) und am 28. Mai, 6 Uhr nachmittags, abermals in Erdferne (63.4 Erdhalbmeffer ä 6378 Kilometer) steht.
Von den großen Planeten kann Merkur in der zweiten Hälfte des Monats etwa dreiviertel Stunden laug nach Sonnenuntergang am nordwestlichen Himmel nahe den: Horizont gesehen werden. Am 20. Mai, um 5 Uhr nachmittags, erreicht er seine größte östliche Ausweichung von der Sonne, 22» 22'. — Venns, die erst am 28. April in oberer Sonnenkonjunttion gewesen ist, kann nicht beobachtet werden. — Mars, der aus dem Sterubildc des „Stembccks" in das des „Wassermannes" Übertritt, ist am frühen Morgen etwa % Stunden lang am Osthimmel zu sehen. Am 13. Mai, um 4 Uhr nachmittags, gelangt er in Quadraturstellung zur Sonne; seine Entfernung von der Erde vermindert sich irn Mai von 166 auf 133 Millionen Kilometer — seine Erdnähe während der Opposition erreicht er am 18. September d I. bei einem Abstande von 58 Millionen Kilometer. Dann wird sein scheinbarer Durchmesser gerade dreimal so groß sein wie Ende April, nämlich 24 ", auch wird seine Stellung ungleich günstiger sein als bei der vorigen Opposition im Juli 1907, so daß sich der Marsforschung wieder ein weites Feld zu eröffnen verspricht. — Jupiter, im Steinbilde des „Löwen", mit dessen charakteristischen Hellen Sternen er fortgesetzt schöne Konstellationen bildet, strahlt als auffälligstes Gestirn in gelbem Glanze abends hoch im Süden und Südwestcn; sein Untergang erfolgt anfänglich um 2 Uhr, zuletzt schon um 1 Uhr. Am 27. Mai, um 12 Uhr mittags, befindet er sich in Quadratnrstellung; am 26./27. Mai, um Mitternacht, kommt der Mond mit ihm in Konjunktion, bei
der das Erste Viertel 4» 12' südlich an dem Planeten vorüberzieht. Jupiter entfernt sich von der Erde, sein scheinbarer Durchmesser nimmt deshalb ab von 40,"5 aus 3^."0. — Saturn, im Sternbilde der „Fische", tritt im Lause des Monats aus der Morgendämmerung im Osten hervor. Sein Abstand von der Erde verkleinert sich. — Uranus, im „Schützen", nimmt infolge seiner sehr südlichen Deklination für die Beobachtung eine ungünstige Stellung ein. — Neptun, in den „Zwillingen" nahe dem Sternchen Zeta, befindet sich abends noch zicnüich hoch im Westen und geht etwa um Mitternacht unter; er ist nur in großen Jnstrn- menten als Scheibchen zu erkennen.
An Sternschnuppen ist der Mai sehr arm, nur in den ersten Tagen und um den.22. werden mehr Meteore sichtbar als in der übrigen Zeit. — Kometen sind nicht zu beobachten, wenn nicht ein neuer inzwischen entdeckt wird.
Rur wenige Stunden verbleiben dem Fachmanue und dem Freunde der Astronomie während der Hellen Monate Mai, Juni und Juli zu Beobachtungen am Fixsternhimmel, und diese wenigen Stunden werden im Mai durch störendes Mondlicht noch vermindert in der ersten Woche, sowie nach dem 20. Das schöne Bild des großen Jägers „Orion", das nur Jörn Uhl bisher im Mai gesehen hat, stutt schon vor Beginn der Dunkelheit unter den Horizont und bleibt bis zum Herbst verborgen. Als letzter Nachzügler der sogenannten Wintersternbilder gewahren wir abends im Westen den „Kl. Hund" mit dem Hauptstern Prokyou, darüber die „Zwillinge" (Castor und Pollux) im Tierkreise, der mit dem „Stier" am Nordwesthorizont anhebi. Höher im Südwesten kennzeichnet der „Löwe" mit Regulus den Tierkreis, und hier bietet sich gegenwärtig für den Laien die beste Gelegenheit zur Orientierung; derm nicht "eit östlich (links) vom Regulus erblickt man den Jupirer. Im Süden gewahrt man nabe der Ekliptik den heüen Stern Spica. in der „Jungfrau", rechts darunter den trapez- sörrnigen „Raben". Hoch im Südosten faßt der funkelnde
